Auf der Suche nach einem neuen Publikum

Hamburg (bkb) – Zur Not koenne man einen Kunstverein auch darueber als avantgardistisch profilieren, indem er kein Publikum haette – so das Abschiedsgestaendnis des scheidenden Hamburger Kunstvereinsleiters, Stephan Schmidt-Wulffen, in der staedtischen Tagespresse. Sein Nachfolger, Yilmaz Dziewior, nachweislich ebenso theorieinteressiert und Leser dekonstruktivistischer Lektueren wie Schmidt-Wulffen, nahm in seinem Auftakt exakt diesen Faden auf. Der Kunstverein solle sein bisheriges profiliertes Programm fortsetzen, betont inhaltlich, interdisziplinaer und interkulturell, sich jedoch gleichzeitig als ein Ort der Kommunikation und als attraktiver Treffpunkt ausweisen – Dziewiors erklaerte Absichten in seinem ersten Schreiben an die Mitglieder des neuuebernommenen Vereins.

Letzterem Anliegen kam er gleich gewaltig nach – so, als gelte es langjaehrige Fehler wiedergutzumachen: Ein doppelseitiger Fragebogen mit 35 Fragen, verschickt an alle Kunstvereinsmitglieder per Post, haette gewissenhaft Antwortenden gut ein bis zwei Stunden abverlangt: Fragen zur Mitgliedschaft im Kunstverein und anderen Institutionen, zu Informationsbezuegen, Kaufverhalten von Kunst, Rezeptions- und Besucherverhalten (Wie haeufig, wann, wie und mit wem besuchen Sie die Ausstellungen des Kunstvereins?) – und „zum Schluss noch ein paar Fragen zur Statistik“, was soviel heisst wie, Auskuenfte zu Geschlecht, Alter, Schulabschluss, Berufstaetigkeit und Nettoeinkommen zu erteilen. Die Gegenleistung des fragenden Absenders? Das System haelt sich geschlossen: die Teilnahme an der Verlosung einer Jahresmitgliedschaft im Hamburger Kunstverein…

Yilmaz Dziewior, 1964 in Bonn geboren, arbeitete zuvor als freier Kritiker u.a. fuer Isabelle Graws theorieschweren „Texte zur Kunst“ sowie als freier Kurator fuer den „Schnitt“ Ausstellungsraum und das Museum Ludwig in Koeln. Dziewior, dessen Name auf seine polnische Mutter und seinen tuerkischen Vater zurueckzufuehren ist, und ueber den man auf den Fluren der Hamburger Kulturbehoerde sagt, dass er „so’n Jungscher“ sei, hat in den 90ern einige ansehnliche Ausstellungen kuratiert. Fuer das etablierte Museum Ludwig Dinosaurier wie Jannis Kounellis und Cindy Sherman, fuer den miteigeninitiierten „Schnitt“ Ausstellungsraum eher juengere, noch unbekannte Positionen. Hier spannt sich der Bogen Dziewiors Arbeit, zwischen theoretischer Auseinandersetzung – er zitiert locker dekonstruktivistische Thesen von Homi K. Bhabha auf der Pressekonferenz (die Autorin musste jedoch anschliessend feststellen, dass jenes Zitat schon im Katalog durch Dziewior Verwendung fand) – und Vermittlungs- und Positionierungsinteresse von junger Kunst in der Oeffentlichkeit. Dabei liegt sein inhaltlicher Fokus weniger auf formalen, vielmehr auf sozialen Debatten. Eine, so scheint’s, logisch und eindeutig erzaehlte Biografie, die nun in einem der bedeutendsten deutschen Kunstvereine, in Hamburg, fortgefuehrt werden soll.

Die Auftaktausstellung der neuen Aera nach Schmidt-Wulffen (der im uebrigen trotz Zusage der Kultusministerin Schleswig-Holsteins noch immer nicht auf dem Direktorensessel der Kunsthalle zu Kiel Platz genommen hat) war jedenfalls schon mal in vielerlei Hinsicht ein geschickter Schachzug: Absichtserklaerungen der ersten Stunde angegangen, eigenen Schwerpunkten und Arbeitsverfahren nachgekommen, Abgrenzungen zum Vorgaenger gezogen, aktuelle Kunstbetriebsdikussionen aufgenommen, internationale Rueckendeckung praesentiert und regionales Vermittlungsbeduerfniss abgedeckt. Jedoch eins nach dem anderen.

In Zusammenarbeit mit André Magnin, als Kenner afrikanischer Kunstproduktionen eingefuehrt, zeigt Dziewior den in Kinshasa (Kongo) lebenden Kuenstler Bodys Isek Kingelez (Jahrgang ’48). Kingelez fertigt seit den 80er Jahren Architekturmodelle aus farbigem Verpackungskarton und -papier, oftmals noch mit dem Hinweis auf die Quelle versehen. Diese farbenpraechtigen, spielerischen, imaginierenden und visionaeren Architekturangebote in Miniaturformat praesentieren sich als einzelne Gebaeude oder auch als ganze Staedte. Kingelez oeffnet die Stadt, die staedtische Architektur und Struktur als ein Experimentierfeld und produziert denk- und formbare Alternativentwuerfe. Seit 1989 werden Kingelez‘ Arbeiten im Kunstkontext gezeigt und rezipiert, bevorzugt als Anleihe an Disney Land oder Las Vegas. Diese beiden Gattungen textlich zu verwenden, erscheinen nur aus dem einen Grunde sinnvoll: um circa-Assoziationen beim Leser dieses Textes auszuloesen. Denn exakt hier zeigt sich der elementare Unterschied: Disney Land und Las Vegas arbeiten mit der Architektursymbolik der sog. „Ente“, d.h. mit Simulationen in Annahme und Akzeptanz bestehender Formen und Strukturen. Kingelez bietet jedoch circa-Enten an: circa-high heels, -Raketen, -Ufos, -Rampen, -Tannenbaeume, -50er Jahre-Kaffeemuehlen, -Tortenstuecke und -Lampions. Oder auf anderer sprachlicher Ebene: Er zeigt eine imaginaere Architektur als eine Sammlung aus verschiedenen Epochen, Kontinenten, politischen Systemen, funktionalen Zusammenhaengen, statischen Vereinbarungen, Kunstkontexten, Farb- und Musterbezuegen. Mit dem erklaerten Ziel, „eine neue Welt zu erschaffen“ und sich von Unmoeglichkeitsgrenzen nicht beeindrucken zu lassen. Fuer den schon erwaehnten Homi K. Bhabha waeren diese Angebote in den sog. Zwischenraeumen, in den Raeumen zwischen festgeschriebenen Bedeutungen und herrschenden Mustern verortbar. Okwui Enwezor bezeichnet in seinem Katalogtext zur Ausstellung die Modelle statt als Skulpturen als „architektonische Simulationen“, und hier erobert Dziewior den naechsten Kontext: Kingelez wird derzeit als potentieller Teilnehmer der documenta XI gehandelt – und diese leitet Herr Enwezor.

Enwezor ist derzeit in die erste Kritik geraten, da seine Ausstellung „The Short Century“ im Museum Villa Stuck in Muenchen nicht gerade europaeischen Praesentationsvorstellungen nachkommt: „…in den jeglichen Tageslichts beraubten Raeumen herscht drangvolle Enge, ein Neben-, ja Durcheinander von Gemaelden, Graphiken, skulpturalen Objekten, Video- und Diaprojektionen, Film- und Tondokumentationen… Politische Schluesseltexte … stehen gleichberechtigt und gleichbedeutend neben den Gemaelden eines Iba Ndiaye aus Senegal…“
Dieser Vorwurf wird Dziewior in Hamburg nicht gemacht werden koennen. Die sowohl fuer Kunstkenner als auch fuer Kunstbetrachter und Mitglieder gleichermassen (!) staunend, unterhaltsam und wunderbar anzuschauenden Modelle sind auf weissen Sockeln im lichtdurchfluteten Obergeschoss separat angeordnet, zudem mit einer Rekord-Attituede ausgestattet: „Es ist das erste Mal, dass fast alle Staedte von Kingelez in einer Ausstellung vereint sind.“

Den Gruppen-Auftakt zum Thema „architektonische Fragestellungen“ komplettieren im Erdgeschoss die Arbeiten des jungen und noch eher unbekannten Daenen Jakob Kolding (Jahrgang ’71), der ueber seine schwarz-weissen Text- und Bild-Collagen aus Motiven staedtischer Randgebiete und jugendlichen Kultursignets die Imaginationen und Visionen des fast 25 Jahre aelteren Bodys Isek Kingelez aus Kinshasa auf den Boden der europaeischen Tristessen und Fehlplanungen zurueckholt. Sowie der architektonische Umbau des Foyers durch das Architektenduo Internat, um die versprochene Besucher- und Verweil-Attraktivitaet einzuloesen…

Die Vernissage war sehr gut besucht, viele beantworteten den ausgelegten Fragebogen und beklagten das harte Licht im Eingangsbereich, die blaugrauen Waende und die unbequemen Mauersitzvorspruenge. Dennoch harrten die Besucher aus, vorrangig jene, die auch unter dem frueheren Leiter hartnaeckig Anwesenheit zeigten, die aber, wenn ich das Eingangszitat richtig verstanden habe, nicht als Publikum gelten…

Bis zum 6. Mai zeigt der Kunstverein in Hamburg „Bodys Isek Kingelez“ (Obergeschoss), „Jakob Kolding“ (Erdgeschoss), Internat (Umbau des Foyers).
opening hours: Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Donnerstag 11-21 Uhr.
Klosterwall 23 – Fon: +49 (40) 33 83 44

Link: http://www.kunstverein.de