Atelierbesuch 1

Schon von weitem fällt der Atelierbau auf: steil ragt das spitze Dach des Ausstellungspavillons durch die Bäume der Vorgärten an der Spitzwegstraße in Ottobrunn.
Neben dem kubistisch schimmernden Gebäude mit seiner gewölbten Außenhaut aus transparenter Folie und dem sich anschließendem Atelier, einem durchscheinenden Kubus aus Stahlgestell und Plexiglasplatten kauert ein Häuschen am Waldrand, umgeben von einem Garten, der wild scheint, aber gut sortiert ist.



Vor fast zehn Jahren wurde das neue Ateliergebäude nach einem rauschenden Eröffnungsfest in Betrieb genommen. Zahllose Plastiken, große wie kleine, alleinstehende und gesellige, Menschen, Tiere und Märchengestalten sind seitdem hier entstanden. Das spricht sich so leicht „entstanden“! Auch wenn hier nicht das Klopfen des Hammers davon kündet, wie die Gestalt dem schweren Material entrungen wird, so sind doch auch die Gestalten, die die Bildhauerin hier schuf, Ergebnisse eines zähen Ringens mit dem Material und seinem Eigenleben. Gips wird nicht mit Hammer und Stößel bearbeitet, sondern vornehmlich mit den Händen: er wird glatt aufgestrichen, die Hände passen ihn der Form des Originals an. Ein eher stiller Arbeitsvorgang, vom Plätschern des Wassers in kleinen Bottichen, in den die Gipsbinden getaucht und feucht herausgezogen werden, dem Streichen der Hände über die feucht aufgelegten Gipsbinden und den Gesprächen, Schweigen oder Lachen der hier arbeitenden begleitet. Doch häufig füllt Musik den großen, lichten Atelierraum und gelegentlich ächzt der CD-Spieler unter der Last des Gipsstaubes, der den Leselaser trübt. Dann hustet die CD, als ob ein unsichtbarer DJ sie betätigt. Eine gipsweiße Hand kommt dann herbei und drückt NEXT oder OFF.


Und natürlich sind Gips und Gipsbinden nicht das einzige was in diesem Atelier verarbeitet wird. Und es geht auch nicht immer so samtig zu wie manchmal beim Eingipsen: da knirscht die Schere beim Ausgipsen, da kreischt die Elektrosäge oder Flex beim Zuschneiden der Einzelteile. Beate Schubert erschafft zwar realitätsgetreue Figuren, aber nicht auf einmal: der Körper einer Figur wird aus Unterkörper, Oberkörper, Armen, Händen, Füssen und Kopf zusammengesetzt. Denn schließlich müssen die Hohlformen aller Einzelteile noch ausgegossen werden. Das ist selbst mit kleinen Teilen noch eine langwierige und mühselige Arbeit. Es dauert eben lange bis eine Figur fertig montiert ist, bis die Gesichtszüge, die Haare, das Outfit stimmen und sie so realitätsnah wie der Nachbar von nebenan unter den anderen Figuren im Ausstellungspavillon des Atelier Mimesis steht.
Doch da stehen nur wenige der kleinen und großen Plastiken, die Beate Schubert in den zwanzig Jahren ihres Bildhauerinlebens geschaffen hat. Der überwiegende Teil ihrer Arbeiten waren Auftragsarbeiten: für Messestände, für Museen, für Foyers von Unternehmen und öffentlichen Gebäuden, für Schaufenster und Ausstellungen. Die Auftragsanforderungen sind manchmal sehr präzise, manchmal besteht nur eine vage Vorstellung, die sich erst in Gesprächen konzeptualisiert. Oft muß sich die Bildhauerin durch Kataloge wälzen, um das Ambiente, die Kleidung, die Haltung einer Figur in einem historischen oder sozial fremdartigen Kontext zu erarbeiten.
Wenn man die Fülle ihrer Arbeiten überblickt wird man trotzdem klar erkennen, dass in vielen Plastiken etwas steckt, was ganz deutlich an die Antike oder an Rodin erinnert. Das kommt nicht von ungefähr, dann das sind geachtete Lehrmeister der Bildhauerin. Aber davon allein, das heißt von der Klassik im klassischen Gewande könnte sie weder als Auftrags- noch als Kunstbildhauerin überleben und das im doppelten Sinn des Wortes. Auch Beate Schubert will deutlich mehr, als nur eine handwerklich perfekte Plastik möglichst unter Zeitdruck an den Auftraggeber abzuliefern: Auch ein zeitungslesender Mann von der Straße, ein Kellner oder die Büste eines Mädchens können in Proportion, Mimik und Gestik von antiker Statur sein, dem Ideal der klassischen Bildhauerei entsprechen und eine einmalige Individualität wiederspiegeln.
Der Realismus der ideologischen Bildhauerei, der versuchte den Kriterien der klassischen Ästhetik zu entsprechen und dabei das Ziel verfolgte, die einmalige Individualität durch die soziale Ikone zu ersetzen, hat die Entwicklung der realistischen Bildhauerei Europas in die Moderne um Jahrzehnte verzögert. In Amerika ging das alles rascher und vielfältiger von sich. Zu Beate Schuberts Vorbildern gehört deshalb auch Duane Hanson, der in den späten sechziger Jahren demonstrierte, wie es geht, die Herausforderung, die die Moderne an die klassische Bildhauerei in offenen, hochentwickelten Industriegesellschaften stellt, anzunehmen und positiv umzusetzen.



Der Realismus von Beate Schubert kennt keine Lager oder Grenzen, ist aus sich heraus global. Er schlägt ohne Rücksicht auf nationale, religiöse oder soziale Sortierung eine Brücke zwischen dem individuellen und dem kollektiven Leid, zwischen dem lokalen und dem globalen Elend. Die große Figurengruppe „Talking Silence“ der im Elend trauernden Menschen um die zerbrochene Erde spielt nicht nur mit Trauer und Entsetzen, um krass zu verdeutlichen, wie dünn die schmale Schale ist, auf der wir tanzen. Trauer und Entsetzen sind persönlich nah und greifbar und wer in der Ferne krankt wird plötzlich unser Nächster.
Auf der anderen Seite entdeckt man in ihrem Werk eine mit den Mitteln des Surrealismus, der Pop-Art oder des Dadaismus überhöhte Realität, die ebenso ganz in der Tradition der Moderne steht. So steht etwa, betont ostentativ am Ateliereingang aufgestellt die Skulptur einer auf einer großen Kugel balancierenden abstrakten Figur im Stile des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer. Doch auch manch andrer Pate der Moderne hat seine Spuren hinterlassen: Die diversen Büsten, und Köpfe des bayerischen Märchenkönig Ludwig I. in tiefem Blau mit kleinen Glühlämpchen besetzt, mit einem rotierenden Schwanenkranz um die Stirn, längs in schmale Einzelscheiben zersägt oder mit knallebunten Farben psychedelisch bemalt, hätten Andy Warhol, dem sie auch gewidmet sind, sicher gefallen. Die fünf rätselhaften, schweigsam leeren Kanus ergäben durch sinnvolle Beigaben erweitert eine hübsche an Beuys erinnernde Installation. Die fröhlichen Hasen, der große himmelblaue Weihnachtsmann mit Reh oder die übergroße Erdbeere hätten auch Walt Disney gefallen und auch der gehört, mit Verlaub, inzwischen in den Kanon der Geschichte der Kunst in hochentwickelten, medial vernetzten Industriegesellschaften der dritten Generation.
Beate Schubert ist als Künstlerin ihrer Zeit trotz starker Bindung an das antike Ideal für jede Herausforderung zu haben. Delphine? Wie viele, welche Größe? Pinguine? Auch. Panda´s? Kann man auch nicht eingipsen, was gibt’s da an Fotos? Im Internet? Reicht alles nicht für maßstabs- und detailgetreue Nachbildung, da muß man nach Berlin fahren, um im Zoo selber Bilder zu machen. Realität denkt man sich da, Realität ist etwas, was uns umgibt, man muß sie nur finden und wer nicht sucht wird nicht gefunden.
So gefunden hat die Realität die Bildhauerin während eines Urlaubsaufenthaltes in Sri Lanka. Natürlich hat sie Urlaub gemacht, aber dann trat eines Tages etwas an sie heran, was sie nicht mehr losließ: die Gestalten alter Menschen in einem Altersheim. Zierliche Figuren mit einer Menge an gelebten Leben in den Körpern, Haltungen und Gesichtern. Und weil sie das nicht mehr losließ hat sie alles daran gesetzt um dieses ferne Stück Leben in Gips zu setzen und mit nach Deutschland zu bringen. Es gelang ihr ohne Sprachkenntnisse, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen und sie von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Auch Gipsbinden und Werkzeug konnte sie beschaffen. So gewann sie die Gestalten für die Figurengruppe Nirwana, die sie als Gipsformen in eine Holzkiste gepackt, auf dem Rückflug nach Deutschland begleiteten. Mehrfach zusammen mit einer kleinen hellen Buddha-Installation ausgestellt, hat diese tiefe Ruhe ausstrahlende Gruppe die Besucher magnetisch angezogen.



Das Wissen um das Nichts und seine Beziehung zum Sein gibt der Künstlerin die Kraft solche Gruppen zu schaffen, aber mit gleicher Vehemenz einen Zug Soldaten aus dem ersten Weltkrieg detailgetreu bis hin zu Koppel und Schnurrbart für das bayerische Armeemuseum Ingolstadt aufzustellen. Lebensgroß, versteht sich. Mit diesen Soldaten lebte sie dann einige Wochen und Monate im Atelier in sozusagen stummer täglicher Tuchfühlung. Und für so ein tägliches Leben inmitten der Gestalten von gestern und mitten in der Arbeit an neuen Gestalten, die man sich selten aussuchen kann, die die Auftragslage so hereinbringt, traurige, fröhliche, aufrechte, gebeugte, sitzende oder tanzende, schwarze, gelbe, nackte, weiße oder bekleidete Gestalten, na ja für so ein Leben braucht man tiefe Ruhe. Das ist die Ruhe, die aus der Figurengruppe Nirwana strahlt und die Besucher magnetisch anzieht und das muß die Ruhe sein, in der die Bildhauerin sich findet, wenn ein Werkstück abgeliefert, der Auftraggeber zufrieden ist und das Atelier für die nächste Arbeit gesäubert und vorbereitet werden muß.

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