Annette Messager – Sammlerin, Künstlerin, Trickserin, Hausiererin, praktische Frau

Biographie

1943 geboren in Berck-sur-Mer, Frankreich
Studium an der Ecole des Arts Décoratifs, Paris
Teilnahme an der Documenta 6
Lebt und arbeitet in Paris
Verheiratet mit Boltanski

„Seit einigen Jahren gibt es mehrere Annette Messagers: Annette Messager, die Sammlerin, Annette Messager, die praktische Frau, Annette Messager, die Trickserin, Annette Messager, die Künstlerin. Da ich keine Titel hatte, habe ich mir selbst welche gegeben und bin eine,wichtige‘, gut definierte Persönlichkeit geworden. Diese multiplen Annette Messagers erlauben mir, gleichzeitig sehr unterschiedliche Arbeitsformen zu präsentieren, da man ja viele unterschiedliche und widersprüchliche Personen in sich vereint. Bewusst habe ich Bereiche angesprochen, die man bisher als uninteressant betrachtet hat: das Nähen; zu wissen, wie man gefällt; das Kochen etc. Alles rangiert auf der gleichen Ebene: Gefühle, Ereignisse, unterschiedlichste Sachen, alles ist gleichwertig, ohne Präferenz. Meine Daseinsbedingung verlangte von mir, zart zu sein, zurückhaltend, gelehrig, ich habe das Spiel respektiert, um deutlich zu machen, dass mir nichts anderes übrig blieb, als Charme vorzutäuschen.“

Annette Messnagers Äußerung aus dem Jahr 1976 bezeichnet den Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit als Ergebnis ihrer Suche nach Identität. Nicht sie selbst ist Thema ihrer frühen Arbeiten, sondern die üblichen Klischees von Weiblichkeit, mit denen sie sich auseinandersetzt.

Sie wuchs an der nördlichen französischen Atlantikküste auf, in einem Kurort mit vielen Krankenhäusern und Sanatorien. Dadurch wurde sie schon in der Kindheit mit schweren Krankheiten konfrontiert: “ Wie oft kam da zum Ausdruck, dass die zerfetzten Körperteile von diesem, von jedem nie wieder ein Gesamtes ergeben würde!“ Der Vater war Architekt, zeichnete viel, führte sie zur Kunst und öffnete ihr die Augen für die Pracht der Kirchen: „Das Brimborium des Katholizismus zog mich an, die Votivbilder, der Duft, die kleinen Nischen, das Kerzenlicht. Ich bin, ich kann es nicht leugnen, durch und durch französische Katholikin.“ Nie hat sie sich vor Klischees und Kitsch gefürchtet, sie wollte von Anfang an herausfinden, was es bedeutet, Frau und Künstlerin zu sein. In den 70er Jahren ein schwieriges Unterfangen. Während ihrer Ausbildung an der Ecole des Arts Décoratifs, Paris, die sie abgebrochen hat, erlebte die damals 25 jährige den Revolutionsmonat Mai 1968 als persönlichen Wendepunkt. Sie sagt dazu: “ Ich trat fortan gegen jeden Trend auf. Und gab mich zunächst mit Absicht der Lächerlichkeit preis, machte mich lustig über die Rolle der Frau, probierte verschiedenste Ausdrucksformen aus. Nicht einmal meine engsten Freunde verstanden meine Arbeit. Das hat mich nur beflügelt.“

1970 legte sie fest, von nun an in ihre Pariser Zweizimmerwohnung, das Schlafzimmer mit den darin aufbewahrten Zeichnungen, Zeitungsausschnitten, Tagebüchern und Alben als Sammlerin zu nutzen. Das Wohnzimmer hingegen betrachtete sie als das Atelier, um darin als Künstlerin zu arbeiten. Sie hat kein Problem mit ihren unterschiedlichen Rollen, will sie auch nicht als eine konzeptionelle künstlerische Strategie verstanden wissen. „Bin ich mehrere Personen zugleich? Habe ich ein Doppelleben? Nicht mehr als irgendjemand anderes auch. Jeder ist vielfältig, widersprüchlich und ungreifbar bis zu dem Augenblick, wo er aufhört zu leben. Ich möchte wohl immer gerade eine andere sein, anderswo und mich nicht vorzeitig in eine endgültige, widerspruchslose Form einsperren lassen.“

Messagers Spiele mit den Mustern weiblichen Verhaltens sind spitzfindig. Stereotype Frauentätigkeiten wie Nähen, Kochen, Schminken als alltägliche Übungen, betreibt sie als Sammlerin. Was sie dabei beobachtet, wird in „Sammel-Alben“ registriert und in tagebuchähnlichen Eintragungen festgehalten: „18 Uhr, ich blättere die Zeitungen der Woche durch. In den Zeitschriften erscheinen alle Frauen schön, unerreichbar und ohne Sorgen. Tausend Mittel werden mir vorgeschlagen, um auch so anziehend und begehrenswert zu sein wie sie. Eine richtige Sammlung aller nur möglichen und kostspieligen Foltern, die von den Frauen akzeptiert werden. Mich schaudert, wenn ich all diese Frauen sehe, die sich selbst martern.“

Mitte der 70er Jahre trat die Künstlerin in einer neuen Rolle auf. Sie entwickelt ein Werk, welches in den unterschiedlichsten Medien visuelle Ideen, festgelegte Klischees und dadurch ausgelöste Gefühle thematisierte.“Die schrecklichen Abenteuer der Trickserin Annette Messager“ ist eine Ansammlung von kleinen Skizzenblättern, die Gewaltdarstellungen an einer Frau zeigen, strangulierte, gefesselte, geknebelte, vergewaltigte Körper. „Die Kinder mit den ausgekritzelten Augen“, eine Reihe von Babyfotos, auf denen Messager die Augen mit heftigen Strichen überzeichnet hat. Sie selber blieb kinderlos.

Die Fotografie setzt sie gezielt als das Medium ein, bei dem der Gegenstand und die Repräsentation fast eins sind. Besonders bei emotional hoch aufgeladenen Themen, wie Kindern, kommt es leicht zur Verwirrung, da die Grenze zwischen Realität und Abbild oft von ihr verwischt werden. Die moderne Voodoo-Meisterin verwendet schöne Buntstifte wie durchbohrende Nadeln. Die Taxidermie interessiert sie, weil dabei das Leben eingefangen wird wie bei einer eingefrorenen Fotografie, versucht wird etwas Totem Leben einzuhauchen. Zeichnungen oder kurze Texte unterstützen oft die Aussage ihrer Arbeiten. Netze verwendet sie im Sinne von „Fischen in Erinnerungen“. Die Wollfäden aus aufgezogenen Pullovern sind Erinnerungen des Vergessens. In neuen Arbeiten arrangiert sie Kissenrollen zu Kunstwerken.

„Die Erholung der Internatsschüler“

„Die Spatzen“ ihre „Internatsschüler“, die mit der Künstlerin in ihrer Wohnung „leben“, sind kleine, aus Vorgelfedern hergestellte, Objekte, die als Modelle für Fotografien dienten. Sehr traditionelle Verhalten einer Mutter wie zärtliche Fürsorge und strenge Züchtigung wechseln sich in der Behandlung der Spatzen ab, die Kleinen erhalten selbstgestrickte Jäckchen übergezogen, um sie vor Kälte zu schützen, bald werden sie in Schraubstöcke gezwängt, um sie zur Ruhe zu bringen. Letztlich aber sind sie nichts anderes als ein Ersatz, mit dem sie spricht.
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„Deux clans, deux Familles“ 1997/98

Seit den späten 80er Jahren verwendet Annette Messager ganz normale Stofftiere in bunten Farben, um Gefühle zur reflektieren. „Die Stofftiere sind meine Musen. Ich empfinde sie keineswegs als Puppen, vielmehr als Wesen, die starke Gefühle auszulösen im Stande sind. Nicht nur bei Kindern. Ich unterziehe sie einer Vivisektion, um in ihr Innerstes zu sehen.“

Diese Wesen werden wie die Spatzen gehäutet, ausgenommen, manchmal ausgestopft und aufmontiert. In der Installation steht eine Gruppe von derart malträtierten Stofftieren einem Lager aus bunten Plastikbeutelgestalten gegenüber. Kreuzgerüste ersetzen jeweils die Wirbelsäule, Hüllen aus Plüsch oder Plastik formen den Körper und Schwarz/Weiß Fotografien von Kinder- und Elterngrimassen sind an Stelle der Köpfe. Alle Mitglieder beider Familien oder Clans sind hybride, individuelleWesen in menschenähnlicher Gestalt.

„Meine kleinen Effigien“ hat Annette Messager die Stofftiere auch genannt und damit auf Repräsentationsfiguren, wie sie im mittelalterlichen Reliquienkult oder in Prozessionsumzügen vorkommen, angespielt. Sie vergleicht ihre Plüschfiguren auch mit den afrikanischen Skulpturen, in die Menschen alles hinein projizieren, was sie sich erhoffen. Auch mit Todesritualen z.B. in Mexiko, hat sie sich auseinandergesetzt. Die Kreuze in dieser Arbeit sind für sie Darstellungen des Todes, wie eine Gräberstadt.

„Die mit Plüsch überzogene ist eine Plüschfamilie und die andere ist mit Hilfe von Plastiktüten dargestellt. Mit beiden Gruppen verhält es sich ein bisschen wie mit zwei feindlich gesinnten Clans. Die Plüschteile repräsentieren die Pelzmäntel, während die Plastiktüten die Armen symbolisieren, die zwar solche Plastiktüten tragen, dabei aber wegen der Farben viel fröhlicher wirken als der herunterhängende Plüsch. Dem Leben sind sie viel näher.“

Seit Monaten baut die Künstlerin in Kassel für die Documenta11 an einem bizarren

„Marionetten-Welttheater“.

Literatur

„Ich ist etwas anders“ Katalog, DuMont 2000
Annette Messager im Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks, DuMont 2001
Art Nr. 8, 1999

Johanna Maria Huck-Schade – Juli-2002