Alles Neue im Web 2.0 oder alles Quatsch?

Bookmarks im Browser speichern? Für den Internetsurfer von heute Schnee von gestern. Angesagt ist Social Bookmarking, etwa bei del.ico.us, wo auch andere sehen, was man sich merkt. Fotos auf der eigenen Homepage ausstellen? Erst recht überholt. Fotos vertraut man dem kostenlosen Bilderspeicherdienst flickr.com (im Eigentum Yahoos) an. Überhaupt hat man gar keine Homepage mehr, das war viel zu aufwändig, stattdessen führt man ein Weblog, kurz Blog, in dem alles in der Reihenfolge der Einträge untereinander steht. Diese Einträge werden übrigens durch das Zuweisen von Schlagwort, so genannten Tags, auffindbar gemacht, z.B. über einen Dienst namens Technorati. Man sieht schon: keiner bastelt mehr für sich allein und stellt es unter einer Adresse bereit, nein, alles ist mit allem verwoben und jeder trägt seinen Teil bei im großen Social Network. Und weil das wirklich ganz was anderes ist als das Homepaging, nennen es viele das Web 2.0.

 

Web 2.0 geistert schon eine ganze Weile durch das Internet und manche meinen, dass es das gar nicht gibt. Aber es hat sich in der Tat vieles geändert. Weniger die Möglichkeiten als mehr die Gepflogenheiten. Zum Beispiel das Webdesign braucht man nicht mehr im privaten Bereich, es ist ja alles von den verschiedenen Dienst bereits vorformatiert. Auch die Pflege des bestehenden Webauftritts hat sich erledigt. Man stellt tagesaktuell Neues dazu und das Alte bleibt, wie es ist. Und vor allem spielt die Anonymität keine große Rolle mehr, die früher vielen so wichtig war. Zwar wählt man sich noch immer lustige Fantasienamen, aber ansonsten sollen alle alles miteinander teilen. Man veröffentlicht nicht mehr, man ist öffentlich.

 

Auch strukturell unterscheidet sich das Web 2.0 von seinem Vorläufer. Deutlich wird dies an vielen Details. Ein Beispiel ist das schon erwähnte Verschlagworten, ein ähnliches der E-Mail-Service von Google: statt wie früher die Post in Ordner zu sortieren, schlägt Google vor, alles auf einen Haufen zu werfen und bei Bedarf die Volltextsuche zu benutzen. Was tatsächlich funktioniert. Es wird also weniger hierarchisiert. Einfacher. Am einfachsten ist das Podcasting: gar nichts mehr schreiben und gestalten, sondern einfach ins Mikrophon sprechen, aufzeichnen und zum Download für den Mp3-Player anbieten. Für Musik eignet sich das natürlich auch.

 

Einfacher, laientauglicher, vernetzter. Keine technische Umwälzung, aber eine des Gebrauchs. Angefangen hat das mit den Weblogs und den Wikis. Wikis kann man einfache Mehrbenutzer-Schreibumgebungen nennen. Sie sind wirklich sehr nützlich. Das bekannteste Wikibeispiel ist die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia. Ein bekanntes Weblog, kurz Blog, ist das Bild-Blog, das täglich die Berichterstattung der Bild-Zeitung kommentiert, und dabei sicher seriöser auftritt als Bild selbst. Aber auch die inzwischen aus Gründen des Urheberrechts bekämpften Tauschbörsen haben ihren Teil zu der Entwicklung beigetragen.

 

Unzutreffend ist hingegen die Rede vom Web 2.0, wenn man gleich nach dem nächsten Online-Boom Ausschau hält, neue Milliardäre und Arbeitsplätze mit Sportwagen als Jobincentive erwartet. Es ist eine eher vorsichtige, tastende Entwicklung. Überhaupt ist die Bedeutung dieses Wandels zu hinterfragen – er findet statt, ja, aber was heißt das?

 

Die neue Einfachheit ermöglicht auf jeden Fall noch mehr Menschen den aktiven Zugang zum Internet, dem zum eigenen Beitrag. Theoretisch folgt daraus auch eine Tendenz zu mehr Transparenz, mehr Austausch und zur Demokratisierung von gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Praktisch ist es damit deswegen nicht so weit her, weil im gleichen Zuge die Gegner des freien Austausches Fortschritte erzielten. So führte das massenhafte Verbreiten raubkopierter Spiele und Musik über die Tauschbörsen inzwischen zu einer massiven Verschärfung des Urheberrechts in vielen Staaten und zu erhöhter Aufmerksamkeit der Strafverfolgungsbehörden. Und die leichtere Durchsuchbarkeit des Webs führte zur automatisierten Serienabmahnung für jedwede Inanspruchnahme oder Verbreitung fremden geistigen Eigentums. Druckte früher eine Schülerzeitschrift einen Stadtplanausschnitt mit ihrer Schule drauf, so ging das durch, tut sie das heute auf ihrer Website, kostet es ein paar tausend Euro. Erwischt wird nahezu jeder.

 

Das neue, das „soziale Netz“ ist auch eins der tätigen Beihilfe zur Überwachung. Exhibitionisten braucht man nicht zu bespitzeln. Aber das hebt den Wandel nicht auf, es bremst ihn bloß. Der Spott, etwa über die etwas hysterische Überschätzung der Blogs, geht letztlich ins Leere, weil er sich kaum an anderem stößt als daran, dass nicht alles sofort zu haben ist. Ein Beispiel dafür gibt der Hohn, mit der derzeit die W3B-Studie der Fittkau & Maaß GmbH zitiert wird, die zu dem wenig verblüffenden Ergebnis kam, dass es mehr Blogger gibt als Weblog-Leser. Das mag gut sein, nur – was folgt daraus? Es gibt auch deutlich mehr Leute, die Gedichte schreiben als solche, die sie lesen; daran stirbt das Gedicht nicht.

 

Die tatsächlichen Probleme, bzw. Entwicklungshemmnisse liegen woanders. Zum einen nämlich in den Risiken des allzu freizügigen und unorganisierten Kollaborierens, zum anderen in den erheblichen Anforderungen an die Kreativität derer, die sich einbringen. Zu beidem je ein aktuelles Beispiel.

 

Unter dem Namen „The BOBs“ vergab die Deutsche Welle auch 2005 ihren internationalen Weblog-Award. Mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde von der durchaus hochkarätigen Jury das Blog des Argentiniers Hernán Casciari. Unter dem Titel „Mehr Respekt, ich bin deine Mutter“ erzählt er darin täglich aus dem Leben einer tapferen Hausfrau – als Fiktion. Casciari ist kein Journalist, sondern Schriftsteller. Die Auszeichnung löste manche Verwunderung aus, weil sein Ansatz doch eher ungewöhnlich ist. Nur – muss er das ja nicht bleiben. Im Interview mit der Deutschen Welle macht Casciari deutlich, was ihm an der derzeitigen Blogosphäre missfällt:

 

„Die Technologie-Blogs kauen alles wieder, was Google erfindet. Es gibt hunderttausende von Weblogs, die am gleichen Tag darüber berichten, dass Google ein neues Statistik-Tool anbietet. Ich finde das absolut lächerlich, dass Leute mit solchen Banalitäten ihre Zeit verschwenden, einer Nachricht, die man genauso gut in Google News nachlesen kann. Etwas Neues erfinden heißt, sich eines Hilfsmittels zu bemächtigen und etwas Neues, etwas Anderes zu schaffen, etwas, was einen Wert hat und Sinn macht.“

 

Mit den neuen Werkzeugen etwas Neues schaffen – und nicht das Alte tausendfach wiederholen. Das ist ein Muss. Dass das Bewusstsein dafür vorhanden ist, merkt man immer wieder, etwa an der Reaktion vieler Blogger auf den Vorwurf der Wochenzeitung DIE ZEIT an die Blogger, die das „Du bist Deutschland“-Bild mit Adolf Hitler zeigten, ohne sich bei der Quelle, z.B. mal eben telefonisch, nach den Bildrechten und dem genauen Datum zu erkundigen. Ich bin Blogger, heißt es seitdem, nicht Journalist. Hier wird eine zugeschriebene alte Rolle vom Standpunkt des Neuen aus zurückgewiesen.

 

Das zweite Beispiel betrifft die Abwägung zwischen Freiheit und Kontrolle in der unorganisierten Kollaboration. Innerhalb des World Wide Web ist die Enzyklopädie Wikipedia eine Art kleines Web für sich. Versuche, sie zu drucken oder auf DVD zu brennen, zeigen, dass hier durchaus ein geschlossenes Werk am Ende stehen kann. Online ist die Wikipedia offen, d.h. jeder, der etwa einen Fehler findet, kann diesen sofort korrigieren, wer selbst etwas beitragen will, schreibt es einfach dazu, ganze Artikel lassen sich fast ohne Vorkenntnisse neu anlegen. Mit diesem Rezept trat die Wikipedia an, die beste Enzyklopädie überhaupt zu schaffen. Das stößt in der Praxis auf Probleme.

 

Gerade dieser Tage hat die englische Ausgabe der Wikipedia den freien Zugriff eingeschränkt. Neue Artikel können nur noch nach einer Anmeldung angelegt werden. Anlass dafür war ein bislang außergewöhnlicher Missbrauchsfall. Ein anonymer Beiträger hatte eine fiktive Biografie des amerikanischen Journalisten John Seigenthaler eingestellt, die diesen u.a. mit dem Mord an John F. Kennedy in Verbindung bringt. Das Lexikon als persönlicher Angriff.  Auch dieser Fall wurde von den klassischen Medien sofort aufgegriffen und sehr weit aufgebauscht – als zeige sich hier endlich die Überlegenheit des redaktionell erstellten kommerziellen Lexikons. Tatsächlich ist es eher beachtlich, das derlei zuvor noch nicht vorgekommen ist. Und bei der deutschen Wikipedia bleibt ohnehin vorerst alles beim Alten.

 

Risiken und Chancen – das so genannte Web 2.0 entwickelt sich langsam. Darum und nur darum ist der Begriff vielleicht zu hochtrabend. Tatsächlich aber nimmt die Vernetzung und das Bewusstsein davon zu. Weit über das hinaus, was uns seit Jahren die Netzkunst oder die Netzliteratur versprachen, die dann, abgesehen von der Verknüpfung lokaler Installationen und Events, doch bloß über das Internet abrufbare Einzelwerke lieferten, mühelos auf CD-ROM oder gar als Buch vermarktbar. Da kann man erst einmal darüber hinwegsehen, dass eine Industrie entsteht, die uns die Werkzeuge, zusammen etwas zu unternehmen, passgenau hinstellt und manchmal das Selbst-etwas-Tun wie Konsum aussehen lässt.