abstrAKT/AKTfigurativ

05.05.2014 - 03.08.2014
Kunstmuseum Moritzburg
Friedemann-Bach-Platz 5, 06108 Halle (Saale)
http://www.kunstmuseum-moritzburg.de

abstrAKT – Figurenbilder von Rudolf Jahns (1896–1983)
23.05. – 03.08.2014

„Ich kugele mich im Grase den Hang hinunter, liege still und besehe ein Gänseblümchen“,

schreibt Rudolf Jahns 1921 in einem intimen Brief an einen Freund. „Das Wasser glitzert. Irgendwo singt eine Amsel. Es wird Frühling. (…) Die Frau, die mich liebt, wird kommen und mich küssen.“ Von Frauen träumend, sie liebend widmet der Künstler ihnen einen besonders charmanten Teil seines Œuvres: den Korpus seiner Akte. Mal figürlich, mal abstrakt sucht er sein Leben lang das als mythisch empfundene Weibliche zu ergründen. 1923 heiratet er seine große Liebe Renate. Über die Frauen schweigt er in seinen Briefen fortan. Das Feuer aber brennt weiter …
Auch das Hauptwerk „Akte im Raum (Komposition 24)“, 1924 in der legendären Sturm-Galerie ausgestellt, erweist der erotischen Kraft des Weiblichen seine Referenz. Hinter dem rationalen Antlitz der Bilder lodert die stille Leidenschaft eines empfindsamen, aber auch sehr gespaltenen Mannes. Als junger Künstler verehrt er Hans von Marées wie einen Heiligen (Marées ist als Auftakt zu Jahns Œuvre auch als Auftakt der Ausstellung zu finden). „Ich sehe, wie die Farbe wie Lava über die Fläche rinnt“, bemerkt Rudolf Jahns über eine der Bildschöpfungen seines Idols, „das ist Einmaliges, Schöpfung, Zustand. Das möchte ich auch.“ Jenseits dieser künstlerischen Inspiration ringt der Künstler mit den Fragen seiner Zeit: Wie nach dem Ersten Weltkrieg die Figur ins Bild bringen, wo doch andere die Freiheit eher in der Abstraktion suchen? Wie abstrakt muss ein Bild sein? Wie figurativ darf es sein? Die Bilder bezaubern in ihrer rätselhaften Noblesse. Durch ein streng rationales Vorgehen wie bei dem Exzellenzstück „Akte in Raum (Komposition 24)“ (1924) bringt Rudolf Jahns seine Bilder zum Schweben.
Die Ausstellung zeigt die Vorgehensweise des Künstlers in seinem ständigen Changieren zwischen Figuration und Abstraktion am Beispiel der Aktbilder quer durch das gesamte Œuvre. Die einzelnen Werkgruppen können sich auch überlagern. Während sich der Künstler in einem Bild ganz figürlich äußert, gestaltet er das andere bereits ganz abstrakt. Jahns Weg von der Figur zu deren Auflösung in allen Werkgruppen sowie die ständige Verhandlung dieser Gegensätze im Einzelexponat – all das zeigt abstrAKT.
Das Jahr 1933 stellt in dem Leben des Künstlers eine gravierende Zäsur dar. Sein Schicksal als Familienvater von zwei Kindern zwingt ihn dazu, unter dem nationalsozialistischem Regime weiter als Finanzinspektor zu arbeiten. Wegen der NS-Kunstdoktrin gelten seine abstrakten Bilder als „entartet“. Die naturalistischen Bilder dieser Phase zerstört der Künstler nach 1945. Doch auch nach dieser leidvollen Zeit mündet sein Leben und Werk wieder in einer optimistischen Perspektive. „Wir haben nicht nötig, uns (…) gründlich umzuorientieren“, schreibt er 1946 an einen Freund. „Bei uns ist nichts unterbrochen, es kann weitergehen.“ Es entsteht der „Rote Akt in Landschaft“. Eine schöne Unbekannte wendet dem Betrachter ihre glühende Rückseite zu und blickt in eine unbestimmte Ferne.
Weitere Informationen:
Anzahl der ausgestellten Werke: 70
Leihgeber: Sprengel-Museum Hannover, Germanisches Nationalmuseum, Galerie Stolz, diverse private Leihgeber
Katalog:130 Seiten, Preis19, 90 Euro

Beiträge im Katalog:
* Gisela Burkamp mit einem Aufsatz über den Künstler zwischen Beruf und Berufung
* Ulrike Müller-Heckmann mit einer Analyse des gesamten Korpus der Akte
* Albrecht Pohlman mit einem Aufsatz über die Farb- und Formkonzepte
* Lilli Weissweiler mit dem Aufsatz: Malen befreit von der Gegenwart. Der Pseudo-Naturalismus von Rudolf Jahns, Briefe 1933 bis 1945

AKTfigurativ

23.5. – 20.07.2014

Begleitend zur Sonderausstellung „abstrAKT. Figurenbilder von Rudolf Jahns (1896–1983)“ zeigt das Kunstmuseum Moritzburg aus allen Sammlungen eine Auswahl der schönsten Werke zum Thema Akt aus unterschiedlichen Epochen. Der weibliche wie auch der männliche Körper ist seit Jahrhunderten für Künstler eine ästhetische und thematische Herausforderung, Material und Vision ihrer Kunst. Die meisten dieser reizvollen Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Fotografien, Medaillen und Schmuckstücke waren lange nicht zu sehen – einige werden zum ersten Mal überhaupt ausgestellt – und sie versprechen nicht nur das Vergnügen an einem ewigen Thema der Kunst, sondern auch Neu- und Wiederentdeckungen aus den facettenreichen Beständen des Museums.
AKT – paradiesisch, mythologisch, erotisch, realistisch, klassisch und als Studie von der Renaissancemedaille bis zur modernen Fotografie, u. a. mit Arbeiten von Max Beckmann, Hermann Blumenthal, Josef Breitenbach, Albert Ebert, Wilhelm Lehmbruck, Matthias Leupold, Hans von Marées, Oskar Moll, Helmut Newton, Manfred Paul, Auguste Rodin, Einar Schleef, Karl Völker, Christoph Voll oder Heinrich Zille!