75 Jahre Paula Modersohn-Becker Museum

Am 2. Juni 1927 wurde in der Bremer Boettcherstrasse das sogenannte „Paula-Becker-Modersohn-Haus“ eroeffnet, ein expressionistisches Bauwerk mit – so wuerde man heute sagen – multifunktionaler Nutzung. Zunaechst im Dachgeschoss war der „Paula-Becker-Modersohn-Saal“ untergebracht, der in einer staendigen Praesentation die Werke der Kuenstlerin aufnahm, die Ludwig Roselius zusammengetragen hatte. Dieser Ausstellungsraum ist der Nukleus nicht nur des ersten Kuenstlermuseums der Moderne in Deutschland, sondern des ersten Museums weltweit, das dem Werk einer Kuenstlerin gewidmet worden
ist:

In diesem Jahr feiert das Paula Modersohn-Becker Museum seinen 75. Geburtstag. Bereits die Architektur des „Becker-Modersohn-Hauses“ machte das Museum seit seiner Eroeffnung unuebersehbar. Der Kaffee HAG-Unternehmer Ludwig Roselius hatte dem Bildhauer und Kunsthandwerker Bernhard Hoetger
(1874-1949) freie Hand gelassen, der Kuenstlerin mit seinem Bau die Ehre zu erweisen. „Hoetger hat mehr als den zweckmaessigen Bau – er hat ein Kunstwerk geschaffen, das fuer Paulas Kunst den rechten Rahmen gibt“, merkte der Maezen zur Einweihung des Hauses an und umschreibt damit die eigenwillige Gestaltung des Bauwerks, das die persoenliche Handschrift des Kuenstlers traegt. Hoetger hat mit der gebauten Hommage an Paula Modersohn-Becker zugleich eines der wenigen Bauwerke des Expressionismus geschaffen. Architekturgeschichtlich wird es heute zusammen mit Erich Mendelsohns Potsdamer Einstein-Turm und Fritz Hoegers Chile-Haus in Hamburg genannt. Dass Hoetgers subjektive Handschrift sich dennoch den kunstgeschichtlichen Zuschreibungen entzieht, machte schon die zeitgenoessische Diskussion ueber seine Bremer Bauten deutlich.

Waehrend Roselius in Hoetgers Schoepfung eine zeitgemaesse Fortsetzung „nordischer“ Formgebung sah, verglichen die „Monatshefte fuer Baukunst“ Hoetgers Backstein-Expressionismus mit suedtunesischen Ziegelbauten und kritisierten die „ungeheuerliche Verbindung von Ziegel, Beton und Eisen“ als „albern, verspielt und kitschig“. Der Kunsthistoriker Karl With – die Klarheit und Sachlichkeit des ,Neuen Bauens‘ vermissend – sah in Hoetgers Paula-Becker-Modersohn-Haus eine „Mischung von Heimatstil, Expressionismus und Filmzauber“: „Verzweifelt sucht das Auge nach einem Halt, nach einer messbaren Groesse, nach irgendeiner sinnvollen Ordnung.“ Fuer Walter Mueller-Wulckow hingegen, auch er Kunsthistoriker und Mentor des Neuen Bauens, war das „Paula-Becker-Modersohn-Haus“ gerade aufgrund seiner organischen Gestaltung und Durchbildung von programmatischer Bedeutung: „Das innere, beherrschte Leben des Bauorganismus tritt sozusagen in einem Zucken und Vibrieren der Muskulatur zutage (…). Daher elektrisiert dieses Bauwerk jeden damit in Beruehrung Gelangenden, die ungewoehnliche Erregung wird verstaendlich, die es ausloest.“

Sowohl der expressionistische Bau als auch die Werke Paula Modersohn-Beckers wurden – nach anfaenglichen Richtungskaempfen zu Beginn des Dritten Reiches – seit 1936 von den Nationalsozialisten verfemt. Auf dem Nuernberger Parteitag verurteilte Hitler die „Boettcherstrassen-Kultur“, und noch im selben Jahr wurde die staendige Ausstellung von Werken der Kuenstlerin offiziell geschlossen. Als Museum in privater Traegerschaft blieb die Praesentation der Werke dennoch bestehen, und auf Nachfrage erhielten Besucher weiterhin Zugang zur Kunstschau des „Becker-Modersohn-Hauses“. Waehrend in zahlreichen oeffentlichen Museen die Werke der Kuenstlerin als „entartet“ beschlagnahmt wurden, waren die Arbeiten im Privatbesitz von Ludwig Roselius vor staatlichem Zugriff sicher. Ganz anders war es dem – kurz nach der Eroeffnung der Bremer Sammlung gegruendeten – zweiten modernen Künstlermuseum in Deutschland ergangen: Das Christian Rohlfs-Museum im westfaelischen Hagen war Ende 1928, zum 80. Geburtstag des Kuenstlers, eroeffnet worden und das erste Museum in Deutschland, das einem lebenden Kuenstler, einem Expressionisten noch dazu, gewidmet war. 1936 wurde jedoch auch Rohlfs das Ausstellen verboten, und der Kuenstler musste miterleben, dass das ihm gewidmete Museum wieder in „Haus der Kunst“ umbenannt wurde. 400 seiner Werke wurden im folgenden Jahr als „entartet“ beschlagnahmt.

Eine Geschichte der Kuenstlermuseen ist noch nicht geschrieben worden. Den 75. Geburtstag des Paula Modersohn-Becker Museums nehmen die Kunstsammlungen Boettcherstrasse daher zum Anlass, auf ihre eigene Geschichte zurueck zu blicken.

Als Hommage an Hoetgers Programmbau in der Boettcherstrasse ist im Paula Modersohn-Becker Museum noch bis zum 21.4., verlaengert bis zum 5.5., der Zyklus der expressionistischen Architekturansichten Lyonel Feiningers zu sehen, die dieser 1929-31 in Halle schuf. Am 2. Juni, dem 75. Geburtstag des Museums, wird die Ausstellung „Marke und Maezen“ eroeffnet, die den Weg von der kuenstlerischen Gestaltung und den wirtschaftlichen Erfolg der Marke Kaffee HAG ueber die Neuerrichtung der Boettcherstrasse bis zu den Sammlungen des HAG-Unternehmers Roselius nachzeichnet. Zu diesem Datum erscheint ein Buch ueber die Geschichte der Boettcherstrasse im Verlag Aschenbeck & Holstein.

Kunstsammlungen Boettcherstrasse
Paula Modersohn-Becker Museum
Boettcherstrasse 6-10
28195 Bremen
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