Jutta Koether Tour de Madame

Kaum eine andere Künstlerin hat unser heutiges Verständnis von Malerei und von der Kulturlandschaft seit den 1980er-Jahren so entscheidend geprägt wie Jutta Koether (geb. 1958). „Jutta Koether – Tour de Madame“ präsentiert auf zwei Etagen des Museums Brandhorst in einem ersten umfassenden Überblick die erstaunliche Bandbreite ihrer Arbeit. In vielerlei Hinsicht wird die Ausstellung eine Entdeckungsreise sein, führt sie doch die mehr als 150 Gemälde, Zeichnungen und Assemblagen auf eine völlig neue Art und Weise zusammen. Viele der Werke wurden nie öffentlich ausgestellt oder waren seit ihrer ersten Präsentation nicht mehr zu sehen.
Ein Höhepunkt der Schau wird ein neu geschaffener, 15-teiliger Gemäldezyklus sein, der – in Anspielung auf Cy Twomblys Lepanto-Raum aus der Dauerausstellung des Museums Brandhorst – Koethers eigene „Schlacht“ mit der Malerei- und Kunstgeschichte vor Augen führt.

Die Ausstellung bietet einen systematischen und chronologischen Überblick über das facettenreiche Oeuvre der Künstlerin. Sie führt zurück zu Koethers Anfängen im Kontext des Kölner Neo-Expressionismus Anfang und Mitte der 1980er-Jahre und ihrer anschließenden Auseinandersetzung mit der Farbe Rot als Ausdrucksmittel – eine Antwort auf das Klischee männlicher Maler. Nach ihrem Umzug nach New York Anfang der 1990er-Jahre begann Koether atemberaubend intensive und farbenprächtige, großformatige Gemälde zu schaffen, in denen Motive aus Popkultur, Literatur und Kunstgeschichte in dichten malerischen Gesten geschichtet sind. Anfang der 2000er-Jahre richtete sich Koether in ihrer Herangehensweise immer stärker auf Performance und Musik aus, was in tiefschwarzen Leinwänden und Assemblagen mit Devotionalien der Punk und Noise-Kultur gipfelte. Das letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich Koethers exzentrischer Hinwendung zur Historienmalerei und ihren jüngsten Aneignungen aus dem visuellen Gedächtnis der Kunstgeschichte.

Das Werk von Jutta Koether ist programmatisch das Werk einer Malerin, das den männlich dominierten Kanon der Kunstgeschichte in Frage stellt. Jutta Koether reflektiert diese Geschichte und greift Motive weiblicher Künstlerinnen wie Giorgia O’Keeffe, Eva Hesse oder Louise Bourgeois auf. Ein Beispiel ist Koethers Entscheidung, die Farbe Rot ins Zentrum ihrer Kunst zu stellen. Je nach Kontext steht die Farbe dann für Schmerz, Scham, Hysterie, Intensität, Aggression, Provokation, Schminke, Begehren, Weiblichkeit. Die Zusammenführung aller Werkgruppen erlaubt deshalb, Koethers Schaffen in seiner historischen Bedeutung zu erfassen: als groß angelegten Versuch, eine Gegen-Geschichte zum Kanon der modernen Malerei zu entwerfen. Konsequenz und Konsistenz ihres künstlerischen Schaffens lassen keinen Zweifel daran, dass Jutta Koether vor allem eines ist – eine der relevantesten deutschen Malerinnen der letzten Jahrzehnte.

Das Museum Brandhorst veranstaltet am 28. Juni um 19.00 Uhr ein Gespräch zwischen der Künstlerin und Kerstin Stakemeier.
Am letzten Wochenende der Ausstellung (19. und 20. Oktober) organisiert das Museum Brandhorst in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen und der Akademie der Bildenden Künste München eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen, Performances und Konzerten.

Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Ausstellungskatalog, der erstmals eine systematische Auseinandersetzung mit Koethers künstlerischer Praxis bietet und ihr gesamtes Oeuvre von 1982 bis hin zu ihren jüngsten Arbeiten, die für diese Ausstellung geschaffen wurden, in einer umfassenden Bilderreihe mit rund 230 Farbreproduktionen präsentiert. Der Katalog ist als maßgebliche Publikation zu Koethers Werk angelegt und dient der weiteren kritischen Auseinandersetzung mit ihrem Oeuvre. Er erscheint in einer deutschen und einer englischen Ausgabe. Die international bekannten Kunsthistoriker Manuela Ammer, Benjamin H.D. Buchloh, Julia Gelshorn, Achim Hochdörfer, Branden W. Joseph, Tonio Kröner, Michael Sanchez und Anne Wagner beleuchten jeweils eine von Koethers vielfältigen Werkgruppen und –phasen (372 S., ca. 270 Abb., Verlag Buchhandlung Walther König, deutsche Sprachfassung: ISBN 978-3-96098-359-0, englische Sprachfassung: 978-3-96098-360-6, Buchhandelspreis: 49,80€).

Das Museum Brandhorst organisiert die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, initiiert und kuratiert von Achim Hochdörfer und Tonio Kröner mit Unterstützung von Kirsten Storz. Sie wird vom 18. Mai bis 21. Oktober 2018 im Museum Brandhorst zu sehen sein. Die Werkschau im Mudam Luxembourg von 08. Februar bis 12. Mai 2019 wird von Suzanne Cotter kuratiert.

UNFAVOURABLE TACTICAL POSITION ASMUS PETERSEN (Zum 90. Geburtstag)

Asmus Petersen ist in den vielen Jahren seiner Tätigkeit in Hannover stets ein künstlerischer Außenseiter gewesen, gleichzeitig aber auch zu einer festen Größe der städtischen Kultur geworden. 1970 hatte er sein Atelierquartier in den historischen Wasserwerken der Herrenhäuser Gärten bezogen – ein Ort wie er nicht besser hätte erfunden werden können für eine Figur wie Asmus Petersen. Er spürte und verkörperte den ebenso magischen wie kuriosen Geist dieses Ortes, mit dem er wie selbstverständlich verwurzelt schien. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler kam erst auf Umwegen Mitte der 1960er-Jahre zur Kunst. Stipendien führten ihn in die Villa Romana nach Florenz (1976) und nach Olevano zum Ableger der Villa Massimo (1982).
Sein malerisches Werk hat viel mit dem Wasser zu tun, über dem er stets gearbeitet hat. Markenzeichen des 1928 geborenen Künstlers sind Seeschlachten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. „Krieg heute überhaupt darzustellen, fordert Abstraktion“, lautet Petersens künstlerisches Credo. Mit diesem Ansatz manövrierte sich der überzeugte Kriegsgegner vor allem in der Zeit der Friedensbewegung ganz bewusst in eine Position zwischen allen Fronten, die einer der von ihm zitierten Marine-Protagonisten als „unfavourable tactical position“ bezeichnet hätte. Seine Seeschlachten-Darstellungen haben auf den ersten Blick so gar nichts damit zu tun, was man sich unter einer Seeschlacht vorstellt. Es sind vollkommen abstrakte Diagramme, bestehend aus Linien, Pfeilen und Vektoren, kombiniert mit zunächst eigenartig wirkenden Texten oder Textfragmenten sowie mit Datums-, Zeit- und Positionsangaben. Petersens Bildkonzept entlarvt die moderne Kriegsführung als kaltes, nüchternes, dabei aber auch vollkommen absurdes Strategiespiel, das sich zwischen mathematischer Präzision und Comic-Strip bewegt. Das gilt für die fast trunken wirkenden Bewegungsmuster der Schiffe ebenso wie für die Funksprüche, deren neutrale typografische Präsentation den subjektiven und emotionalen Ton ihrer Botschaften konterkariert.
Exemplarisch hat Petersen diese Widersprüchlichkeit in einer simplen Textarbeit auf den Punkt gebracht: Die Behauptung „Wir sind wieder wer“ wird der nüchternen Auflistung der Namen von 15 Konzentrationslagern von Auschwitz bis Treblinka gegenübergestellt (Wir sind wieder wer, 1967).
Asmus Petersen war nicht nur als bildender Künstler, sondern auch als Literat, Publizist, Satiriker und Dichter tätig. Die Ausstellung zeigt als Gegengewicht zu seinen Schlachtenbildern auch eine Auswahl seiner Gedichtbilder. So wie das Grauen des Krieges nicht figurativ zu fassen ist, so kann auch die Poesie nicht dargestellt werden – und analog zu den Schlachtenbildern wird in Petersens Bildkonzept die Poesie als Text zum abstrakten Bild.
Aus Anlass des 90. Geburtstages zeigt das Sprengel Museum Hannover eine Auswahl von knapp 30 Gemälden und Papierarbeiten, die über einen Zeitraum von fast 50 Jahren entstanden sind.
Kurator: Dr. Reinhard Spieler

 

Martha Rosler & Hito Steyerl War Games

Kurator: Søren Grammel

Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel | Gegenwart präsentiert Werke von Martha Rosler (Brooklyn, NY) und Hito Steyerl (Berlin). Sie setzt sowohl frühe als auch aktuelle Arbeiten in einen mit den Künstlerinnen gemeinsam konzipierten Dialog. Rosler und Steyerl stellen das erste Mal miteinander aus – für beide handelt es sich ausserdem um die erste umfassende Schau in der Schweiz. Neben zahlreichen Videoarbeiten, Fotos, Fotomontagen, Bannern und Objekten sind auf zwei Etagen des Hauses raumgreifende Multimedia-Installationen zu sehen, die die Besucher mit spektakulär inszeniertem Hightech-Bildmaterial konfrontieren.

Die Œuvres beider Künstlerinnen thematisieren Schnittstellen zwischen Politik und Massenmedien. Sowohl in ihrer künstlerischen als auch theoretischen Produktion reflektieren Rosler und Steyerl den Zusammenhang zwischen unserer Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität und den für ihre Vermittlung massgeblichen audiovisuellen Medien.

So bediente sich Rosler schon in den 1970er Jahren des Fernsehformats der Kochsendung, um feministische Anliegen zu transportieren. Heute beschäftigt sie sich mit den Effekten drohnengestützter Bildproduktion oder mit den Umwälzungen, die im Bereich der politischen Meinungsbildung durch soziale Medien ausgelöst werden.

Steyerl – deren frühe filmische Arbeiten ihre Auseinandersetzung mit dem Dokumentar- und Essayfilm spiegeln – vermischt in neueren Videoinstallationen zunehmend computeranimierte Bildwelten mit der Ästhetik selbstproduzierter Clips, wie man sie im Internet auf unzähligen Plattformen findet. Dabei problematisiert sie die ambivalente Funktion digitaler mobiler Kommunikations- und Bildapparaturen, bei deren Gebrauch Gegensätze wie Ermächtigung und Kontrolle oder gespielte und reale Kriege stets unauflösbar gekoppelt sind.

Ein wiederkehrendes Motiv der in War Games versammelten Werke ist die künstlerische Beschäftigung mit Formen sozialer, politischer, ökonomischer und militärischer Dominanz. In verschiedenen Arbeiten und anhand unterschiedlicher Konfliktfelder wie (Post-)Kolonialismus, Antisemitismus, Migration, Fremdenfeindlichkeit, Krieg, Stadtentwicklung, Konsum und Geschlecht werden sowohl harte wie auch weiche Mechanismen gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse thematisiert. In diesen Zusammenhang gehört auch die Rolle kultureller Institutionen – darunter das Museum – innerhalb existierender politisch-ökonomischer Hegemonien. Eine Vielzahl der gezeigten Werke widmet sich dabei der heute wieder zunehmend beobachtbaren Tendenz einer umfassenden Militarisierung des Alltags(-lebens), worauf auch der Titel der Ausstellung Bezug nimmt.
Die Ausstellung wird unterstützt durch:

Fonds für künstlerische Aktivitäten im Museum für Gegenwartskunst der Emanuel Hoffmann-Stiftung und der Christoph Merian Stiftung
CSR Swiss Center for Social Research AG
Stiftung für das Kunstmuseum Basel

 

KÖNIGSKLASSE IV GEGENWARTSKUNST IN SCHLOSS HERRENCHIEMSEE

LAIB | WARHOL | FLAVIN | RAINER | BASQUIAT

Unter dem Titel „Königsklasse“ werden seit 2013 Hauptwerke der Gegenwartskunst in kontinuierlich wechselnden Präsentationen an einem besonderen Ort gezeigt: dem berühmten, im Auftrag von König Ludwig II. errichteten Schloss Herrenchiemsee, das versteckt auf einer bewaldeten Insel im Chiemsee liegt. Durch den frühen Tod des Königs wurde nur der Haupttrakt des Schlosses fertiggestellt. In den elf generös dimensionierten Räumen des unvollendeten Nordflügels, die über 135 Jahre weitgehend ungenutzt geblieben sind, werden auf zwei Stockwerken seit den 1960er-Jahren entstandene Hauptwerke der Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne, des Museums Brandhorst sowie aus ausgewählten Privatsammlungen in Künstlerräumen ausgestellt. Der Rundgang macht die Sammlungsarbeit der letzten Jahrzehnte erlebbar, zeigt zentrale Neuerwerbungen und stellt herausragende Einzelarbeiten vor, die für den weiteren Ausbau der Sammlung ein Desiderat darstellen.
Die „Königsklasse“ ist eine Kooperation der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit der Bayerischen Schlösserverwaltung.

KUNST AUF DER INSEL – EINE ALTERNATIVE ZUR MUSEUMSERFAHRUNG IN DER STADT
Die „Königsklasse“ auf der Herreninsel bietet eine Erweiterung sowie eine Alternative zur Kunsterfahrung im Museum in der Stadt. Die Werke gehen mit dem historischen Fragment wie auch mit der geschützten Natur auf der Insel eine bezwingende Allianz ein. Dort, wo Ludwig II. seine Hommage an den Palastbau des Barock nicht vollenden konnte, ist Raum für die Kunst der Gegenwart und Tradition trifft auf der Herreninsel nun auf Moderne.
DIE HERRENINSEL – EIN ORT FÜR INTERNATIONALEN AUSTAUSCH
Mit der „Königsklasse“, in der auch das innovative museumspädagogische Programm „Königskunde“ angeboten wird, werden die zahlreichen regionalen und internationalen Besucherinnen und Besucher von Insel und Schloss zu individueller Kunstbetrachtung und einem Diskurs über Kunst und Sammeltätigkeit eingeladen. Die Königsklasse nutzt das auf der Herreninsel gegebene, sonst nur in Metropolen verfügbare Potential für internationalen Gemeinsinn und Kommunikation.

KÖNIGSKLASSE IV – DIE KUNSTWERKE
„Königsklasse IV“ zeigt Hauptwerke von Wolfgang Laib, Arnulf Rainer, Jean-Michel Basquiat, Günther Förg, Dan Flavin, On Kawara, Kazuo Shiraga, Hans-Jörg Georgi, John Chamberlain und Andy Warhol. Jedem Künstler ist ein Raum gewidmet. In der Summe ergibt sich eine Folge von Setzungen, in denen jeweils ein Kernthema der Arbeit dieser Künstler zur Sprache kommt. Es geht um die zentralen schöpferischen Fragen von Zeit und Raum, Endlichkeit und Kontinuität, Expression und Stillstand, Individuum und Gesellschaft, Gegenwart und Überzeitlichkeit, die einen Resonanzraum für die Herausforderungen unserer Gegenwart bilden.
BLUE CHIP UND „IRRSALDSCHUNGEL“ – ANERKANNTE WERTE UND OUTSIDER ART
Die Liste der großen Künstlernamen geht mit einer merkwürdigen Brüchigkeit einher. Anerkannte Werte und Outsider Art stehen im international bewunderten und viel besuchten Schloss des wegen angeblicher Geisteskrankheit des Amtes enthobenen „Märchenkönigs“ in einer Reihe und lassen sich doch keiner der beiden Gruppen zweifelsfrei zuordnen. „Fast alles, was wir sind, ist geordnet aus dem Irrsaldschungel. Alle eure Antiquitäten wurden einstmals ertastet aus der Finsternis“, schrieb Arnulf Rainer (* 1929) in seinem Text „Schön und Wahn“ (1967). Ein ganzer Saal ist Rainers seit den sechziger Jahren entstandenen Kreuzen gewidmet. War zur Entstehungszeit die religiöse Bedeutung des Kreuzes nicht bereits für die Kunst erloschen? Was bewegt den Künstler bis heute zur variierenden Fortführung dieser Werkgruppe?
Und wie verhält es sich mit Andy Warhol (1928-1987), der den ideologischen Konflikt seiner vom Kalten Krieg geprägten Gegenwart in den Hammer und Sichel-Bildern als „Stillleben“ zur Ruhe zwingt, während er sich in einem Selbstportrait als gespenstischer Punk vor schwarzem Hintergrund zeigt? „Figment“, das englische Wort für „Hirngespinst“, ließ sich der Künstler auf seinen Grabstein meißeln und schien damit alle großen Visionen, seien sie nun künstlerischen, politischen oder etwa religiösen Ursprungs, in den Bereich der Utopie zu verweisen. Gleichwohl gehen die Künstler mit ihren Werken bis zum Äußersten.
Jean Michel Basquiat (1960-1988), Sohn von Einwanderern in die USA und heute ein Blue Chip auf dem Kunstmarkt, ist 1988 im Alter von 27 Jahren an einer Überdosis gestorben. Aus der Sammlung Brandhorst sind zwei seiner Gemälde zu sehen, die exemplarisch von Basquiats Verbundenheit mit den afrikanischen, mittelamerikanischen und abendländisch-christlichen Wurzeln seiner heterogenen Kultur zeugen. Wirkte der Künstler anfänglich im untergründigen Graffiti-Milieu, so verfolgte er mit seinen schließlich auf großformatigen Leinwänden ausgeführten Gemälden das Ziel, im Establishment anzukommen, denn wie der Hip-Hop Pionier Fab 5 Freddy es auf den Punkt brachte: „Graffiti had become another word for nigger.”

High and low, art culturel und art brut geben sich auch im Werk des Schweizer Musiker und Malers Louis Soutter (1871-1942) die Hand, von dem – als früheste Werke der Ausstellung – zwei um 1940 entstandene Zeichnungen zu sehen sind. Von seiner Familie wurde der Nonkonformist schon 1923 in ein Altenheim eingewiesen, wo er auf einfachen Papieren, ab 1937 oft unmittelbar mit den Fingern, Figuren malte, die im Lebenstanz hinüberzugleiten scheinen in eine gespenstische Vision ihrer selbst.
Erstmals sind in einer musealen Präsentation in Deutschland dank der hochkarätigen Leihgaben von Anna und Wolfgang Titze sowie der Sammlung der Written Art Foundation Gemälde von Kazuo Shiraga (1924-2008) zu sehen, jenem in Japan geborenen, von Kriegserfahrungen wie auch von Erfahrungen im Zen-Kloster gleichermaßen geprägten Künstler, der sich in den frühen 1950er-Jahren erstmals mit einem Seil an der Decke befestigte, um den ganzen Körper wie einen Pinsel zu benutzen. Die auf Papier oder Leinwand niedergeschlagenen Bewegungsspuren der Füße manifestieren das Eingebundensein des Menschen in Schwerkraft, Materie und die eigene Zeit: „I want to paint as though rushing around a battlefield, excerting myelf to collapse from exhaustion“, sagte der Künstler, der zugleich das Ziel verfolgte, der Erfahrung von Macht und Gewalt Schönheit gegenüberzustellen.
Sein Landsmann On Kawara (1932-2014) hat über fünf Jahrzehnte hinweg die „Today Series“ (1966-2013) geschaffen, von denen insgesamt acht Leihgaben aus sechs Jahrzehnten zu sehen sind. Es sind Tagwerke auf Leinwand, die von dem endlosen ungeordneten Stoff des Lebens nur das faktische Datum ihres jeweiligen Entstehungstags festhalten. Das Objektive und das Subjektive treffen in diesen Datumsbildern aufeinander.
Tag für Tag geht auch Hans-Jörg Georgi (* 1949) seinem Schaffen nach, nämlich der Produktion von Flugzeugskulpturen. Bis 2001 hat der durch eine Kinderlähmung behinderte Künstler aus Papierresten seine durchdachten Beförderungsmaschinen gebaut, abends wurden sie von seinen Pflegern weggeworfen. Seither arbeitet er in dem von Christiane Cuticchio in Frankfurt begründeten „Atelier Goldstein“ der Lebenshilfe Frankfurt, wo der Exzentriker wie andere außerordentlich begabte Behinderte seine Werke herstellt. Betitelte er die letzte große Installation seiner Flugobjekte „Das blöde Böse“ – auch hier erinnerte die Vielzahl der Teile an einen umtriebigen Bienenschwarm im Kopf – , so nennt er die für die „Königsklasse“ entwickelte Einrichtung „Das Gute“ und empfiehlt, sich mit den komfortabel ausgestatteten Maschinen Richtung Weltall abzusetzen.
Die Kraft großer Künstler liegt darin, Transformation und Kontinuität auf einmal zu erfassen. John Chamberlain (1927-2011) faltet für seine monumentalen Plastiken seinen Werkstoff – Metallblätter – immer wieder neu. Er presst den hoch aufragenden Chromkörpern Psyche ein, so dass sie sich wie Individuen einander zuwenden, unterstützen oder voreinander zusammenzubrechen scheinen.

2016 haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen von der Art Mentor Foundation Lucerne die spektakuläre Schenkung des raumgreifenden Werks „untitled (to you, Heiner, with admiration and affection)“ erhalten, einer 1973 geschaffenen „Barriere“ aus grünem Licht von Dan Flavin (1933-1996). Auf der Herreninsel wird die dort 16 Meter lange Installation erstmals gezeigt. Kaum einen alltäglicheren Werkstoff hätte Flavin für seine Kunst finden können, als die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt allgegenwärtigen fluoreszierenden Leuchtstoffröhren mit ihren nackten Halterungen. Der streng geometrische Aufbau des Werks, der sich bildlicher Erzählung widersetzt, kann in einer profanen Zeit als radikal sachliche Antwort auf viel ältere Kunstwerke, etwa Chorschranken im sakralen Raum, gelesen werden, entwickelt aber auch unabhängig von solchen Vergleichen eine verstörende Transzendenz.
Solche Erfahrungen will Günther Förg für sein Schaffen ausschließen, das in einem weiteren Raum mit Gemälden aus der Sammlung von Michael & Eleonore Stoffel gezeigt wird. So offenkundig er sich auf amerikanische Minimalisten ausgehend von Barnett Newman bezieht, so setzt er sich doch dem weihevollen Aspekt dieser Kunst entgegen und behauptet eine leichtfüßigere Haltung: „Es geht“, so Förg, „um das, was man sieht und nicht mehr“.
Der Rundgang der Königsklasse beginnt mit einem zweiteiligen Werk, das hier am Schluss genannt wird: „Ohne Anfang und ohne Ende“ von Wolfgang Laib, das im Rahmen der „Königsklasse“ von PIN. Freunde der Pinakothek und von den International Patrons of the Pinakothek erworben wird. Es sind jeweils aus Bienenwachs geformte, über vier Meter hohe und breite stufenförmige Bodenskulpturen. Sie mögen – nicht zuletzt, weil Laib diese Skulpturen als Zikkurate bezeichnet – Erinnerungen an himmelstürmerische Vorhaben des Menschen wachrufen, etwa den Fragment gebliebenen Turmbau zu Babel. Doch zeigen die beiden Werke hier jeweils ein Auf und Ab von entspannter Proportion und Vollendung, wodurch die Schönheit des Möglichen erfahrbar wird.

Italienischer Meister der Farbfotografie Luigi Ghirri

Der italienische Fotograf Luigi Ghirri (1943–1992) zählt zu den Weg-bereitern der europäischen Farbfotografie. Die Ausstellung Karte und Gebiet im Museum Folkwang ist die erste museale Auseinandersetzung mit Ghirris Fotografien außerhalb seines Heimatlandes Italien. Die Ausstellung konzentriert sich auf Ghirris Schaffen in den 1970er Jahren und präsentiert rund 300 seiner ausdrucksstarken Farbfotografien. Die Essener Präsentation bildet den Auftakt eines Ausstellungsprojektes, das Ghirris Werk im Anschluss nach Madrid und Paris führt.
In den 1970er Jahren durchstreift der gelernte Vermessungstechniker Luigi Ghirri mit seiner Kamera die Straßen, Plätze und Vororte Modenas – immer auf der Suche nach Motiven und Themen. „Mich interessieren flüchtige Architekturen, die Welt der Provinzen, Objekte, die allgemein dem schlechten Geschmack zugeordnet werden, es für mich aber nie waren, Objekte, die erfüllt sind von Wünschen, Träumen, kollektiven Erinnerungen… Fenster, Spiegel, Sterne, Palmen, Atlanten, Globen, Bücher, Museen“, bemerkt Ghirri. Aufmerksam betrachtet er die Umgebung seiner Heimatstadt Reggio Emilia. Sein Blick richtet sich insbesondere auf die von Menschen geschaffenen Landschaften und Lebensräume. Präzise dokumentieren Ghirris Fotografien, wie sich die Welt durch neue Formen des Wohnens, der Freizeitgestaltung und der Werbung verändert. Er nimmt Tausende dieser Motive auf und entwickelt dabei nicht nur seine spezifische Farbigkeit, die sich durch eine von Pastelltönen dominierte Farbskala charakterisieren lässt, sondern auch seinen ausdrucksstarken Stil.
Karte und Gebiet greift die poetische Kartografie jener bedeutenden Ausstellung Vera Fotografia in Parma 1979 auf. Sie spiegelt Ghirris beständige Faszination für die verschiedenen Repräsentationen der Welt, wie sie sich in Reproduktionen, Bildern, Plakaten, Modellen und Karten offenbaren und als solche bisweilen zeichenhaft inmitten der Stadt oder der Landschaft eingebettet sind. Die Vermittlung jener Erfahrungswerte in Form von Fotografien in einem Italien, das zwischen dem Alten und dem Neuen balancierte, stellt für Ghirri ein unerschöpfliches Erkundungsgebiet dar.
Die Ausstellung wird kuratiert von James Lingwood; organisiert vom Museo Nacional Centro de
Arte Reina Sofía, Madrid, in Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang, Essen, und der Galerie nationale du Jeu de Paume, Paris. Gefördert von der Kunststiftung NRW
Es erscheint ein Katalog bei MACK Books.

RAQS Media Collective

Die Auseinandersetzung mit Zeit, Sprache und Geschichte ist das Zentrum der
künstlerischen Arbeit von Raqs Media Collective. In Neu Delhi 1992 gegründet, vereint
die Künstlergruppe in den verschiedensten Medien zeitgenössische Kunstpraxis mit
historischer und philosophischer Spekulation, mit Geschichtsforschung und Theorie. Die
drei Raqs-Mitglieder, die neben ihrer Haupttätigkeit als Künstler in unterschiedlichsten
Tätigkeiten wie Kuratoren, Buchautoren oder Filmemacher auftreten, nehmen soziale
und politische Bedingungen im globalen Kontext in den Blick. Mit Ausstellungen in den
USA, Europa und Asien sind Jeebesh Bagchi (*1966), Monica Narula (*1969) und
Shuddhabrata Sengupta (*1968) auf der internationalen Bühne aktiv. Nicht selten
arbeiten sie mit Experten anderer Disziplinen wie Architekten oder Programmierern
zusammen.
Ausgangspunkt der Ausstellung, die als erste Museumspräsentation von Raqs auf dem
europäischen Kontinent vom 21. April bis zum 12. August 2018 im K21 gezeigt wird, ist
die andauernde Faszination für das Phänomen Zeit, ein Thema, das die drei Künstler
bereits seit den Anfängen ihrer Zusammenarbeit intensiv beschäftigt.

 

Sankt Ottilien – das Benediktinerkloster und seine jüdische Geschichte 1945–48

Das Benediktinerkloster Sankt Ottilien wurde von 1945 bis 1948 ein unfreiwilliger Zwischenort für zahlreiche jüdische Überlebende aus Osteuropa. Es diente ihnen als Krankenhaus und Lager.
Angeregt von der Erzabtei wird 2018 in unterschiedlichen Projekten diese bisher wenig beachtete Facette der Klostergeschichte beleuchtet. Die jüdische Selbstverwaltung, die Vorbereitung auf die Ausreise nach Palästina, jiddische Kultur und das Camp-Orchester sowie die Entbindungsstation, in der über 400 jüdische Kinder geboren wurden, werden thematisiert. Ebenso das Zusammentreffen unterschiedlicher Akteur_innen wie jüdische Überlebende, deutsches Pflegepersonal und Ärzte, Mönche, Nonnen und amerikanische Militärs.
Zum Internationalen Museumstag, am 13. Mai 2018 mit dem Motto „Netzwerk Museum: neue Wege, neue Besucher“ eröffnet das Jüdische Museum München eine Installation, die Besucher_innen auf den Weg in das Benediktinerkloster schickt, um dieses aus einer jüdischen Perspektive zu betrachten.
Eine Installation in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur am Historischen Seminar der Ludwig Maximilians-Universität und der Erzabtei Sankt Ottilien
mit Arbeiten von Benyamin Reich, Berlin

Facing India

Obwohl die Frau vor dem Gesetz gleichgestellt ist, ist die indische Gesellschaft zutiefst vom Patriarchat geprägt. Zwar befindet sich Indien im gesellschaftlichen Umbruch, doch zerrissen zwischen den Polen Tradition und Fortschritt, sind Frauen in diesem Spannungsfeld immer noch stark benachteiligt. So steht die rasante Entwicklung des urbanen Indien im Gegensatz zu den Lebensbedingungen im ländlichen Raum. Unzählige Ethnien, Kasten, Sprachen, Kulturen, Religionen und Philosophien formen eine vermeintlich pluralistische Gesellschaft, in der sich Identität durch die Abgrenzung vom jeweils anderen definiert. In der Gesellschaftsstruktur Indiens bildet sich so unsere globale Gemeinschaft ab, die grundsätzlich mit denselben Problemen kämpft.

„Facing India“ geht der Frage nach, wie sich die eigene Landesgeschichte, Gegenwart und Zukunft aus dem weiblichen Blickwinkel darstellen. Vibha Galhotra, Bharti Kher, Prajakta Potnis, Reena Saini Kallat, Mithu Sen und Tejal Shah lenken in ihren multimedialen Werken die Aufmerksamkeit auf historische und aktuelle Konflikte. Poetisch, metaphorisch und leise, aber auch radikal, direkt und laut hinterfragen sie Grenzen in jeglicher Hinsicht – seien es politische, territoriale, ökologische, religiöse, soziale, persönliche oder Geschlechtergrenzen. Die Geschichte dieser Grenzen, ihre Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit, ihre Legitimität und nicht selten ihre Auflösung sind das Thema der in „Facing India“ gezeigten Werke. Die Ausstellung konzentriert sich auf sechs Positionen, um diese umso eingehender vorzustellen. In einer zunehmend globalisierten Welt sozialisiert und ausgebildet, beschränken sich die Künstlerinnen in ihren „Grenzkontrollen“ nicht mehr allein auf Indien, sondern greifen auf andere Länder und Kontinente aus. Staat, Gesellschaft und Individuum, Identitäts- sowie Umweltfragen werden kritisch unter die Lupe genommen. Doch wie breit ihr Themenspektrum auch sein mag, explizite und implizite Verweise auf die Präsenz des Weiblichen und die Stellung der Frau sowie Solidarität und Empathie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. „Facing India“ ist im fortwährenden Dialog mit den Künstlerinnen entstanden und spiegelt eine Art kollektives Plädoyer für Kommunikation und die Einheit in der Vielfalt jenseits von Schubladen- und Kastendenken. Die Ausstellungsarchitektur nimmt diesen Gedanken auf.

Die Künstlerinnen bespielen sechs separate Ausstellungsbereiche, die in klarem Sichtbezug zueinander arrangiert sind. Im Zentrum der Ausstellung befindet sich ein offenes Kommunikationsforum, das dem Besucher den Blick in alle Richtungen ermöglicht – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

KATALOG

Der Katalog, herausgegeben von Ralf Beil und Uta Ruhkamp in deutscher und englischer Ausgabe, mit einem Vorwort von Ralf Beil und einer Einführung von Uta Ruhkamp, Essays von Urvashi Butalia, Leiterin des feministischen Verlages Zubaan, und Roobina Karode, Direktorin des Kiran Nadar Museum of Art in Neu-Delhi und Noida, sowie ausführlichen Interviews mit allen Künstlerinnen von Uta Ruhkamp. 240 Seiten mit 150 Abbildungen, 24 x 31 cm, Hardcover, 38 € im Museumshop.

 

Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta

Ana Mendieta (1948–1985) gehört zu den herausragenden künstlerischen Positionen der 1970er und 1980er Jahre. Ihr Werk bewegt sich frei zwischen Disziplinen wie Body-Art, Land-Art und Performance-Kunst, ohne sich einem bestimmten Medium oder einer Bewegung zu verpflichten. Verbindendes Element ist der immer wiederkehrende Einsatz der abstrahierten weiblichen Gestalt im Dialog mit der sie umgebenden Natur – nicht zuletzt um die Trennung zwischen Natur und Körper infrage zu stellen. Ihr Werk überschreitet viele Grenzen, einschließlich geografischer und politischer Räume und der Erforschung von Geschichte, Geschlecht und Kultur.

Film und Fotografie spielen für Ana Mendieta eine besondere Rolle. Seit 1973 manifestiert sich ihre künstlerische Praxis in zweierlei Hinsicht: Einerseits existieren ihre Arbeiten als in der Natur geschaffene Werke, die sich allmählich verändern und verschwinden, andererseits überdauern sie als von ihr konzipierte bewegte und unbewegte Bilder. Ana Mendieta spricht bei ihren frühen Arbeiten von Tableaus, später von Skulpturen, betont aber stets die Bildherstellung als grundlegenden Prozess ihres Schaffens. Das Film- und Fotomaterial geht dabei über die bloße Dokumentation hinaus und gewinnt eine eigenständige künstlerische Bedeutung.

Auch wenn Ana Mendietas Arbeiten von ihrer eigenen Biografie und Entstehungszeit in den 1970er und 1980er Jahren geprägt sind, weisen sie eine eigentümliche Aktualität auf. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Migrationsströme stellt ihr Werk eine Auseinandersetzung mit der fortdauernden Suche nach Verwurzelung und dem Gefühl von Zugehörigkeit dar. Ihre Werke zeigen die existentiellen Dilemmata der Moderne: die Erfahrung persönlicher, kultureller und politischer Vertreibung, den Verlust von Verbindung und Kontinuität mit der individuellen und kollektiven Vergangenheit, den Druck, als Migrantin in einem fremden Land eine neue Sprache zu erlernen und mit einem anderen System gesellschaftlicher Normen konfrontiert zu sein.

Ana Mendieta wurde am 18. November 1948 in Havanna, Kuba, geboren. Ihr Vater unterstützte aktiv konterrevolutionäre Aktivitäten, und aus Angst um die Sicherheit seiner Kinder wurden Ana Mendieta und ihre Schwester im Alter von zwölf Jahren in die Vereinigten Staaten geschickt. In Iowa wuchs Ana Mendieta in Waisenhäusern und Pflegeheimen auf, bis fünf Jahre später schließlich auch ihre Mutter in die USA immigrierte. Das Exil scheint sich mit ihrem künstlerischen Schaffen in einer vornehmlich weißen und männlich dominierten Kunstwelt fortzusetzen. Ana Mendieta besuchte das Intermedia-Programm an der University of Iowa, wobei schon hier ihre Arbeitsweise und Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper in starkem Kontrast zu dem Verständnis ihrer männlichen Kollegen hinsichtlich der Mittel und Möglichkeiten von Konzeptkunst stand. Ihre frühen Arbeiten Sweating Blood und Moffitt Building Piece, beide 1973, zeigen den für sie charakteristischen Gebrauch von Blut als ein Material, das sowohl Bilder von Traumata und Transformation heraufbeschwören als auch auf spirituelle Ekstase und physische Brutalität hinweisen kann. Während Ana Mendieta zu diesem Zeitpunkt noch oft ihren eigenen Körper inszenierte, wurde ihre Formsprache zunehmend abstrakter und entwickelte sich von den ihr nachempfunden Umrissen als Chiffre hin zur weiblichen Gestalt an sich.

In den 1970er Jahren reiste Ana Mendieta fast jeden Sommer nach Mexiko, wo viele ihrer bedeutendsten Werke entstehen. In den Filmen Creek, Silueta del Laberinto (Laberinth Blood Imprint) und Burial Pyramid aus dem Jahr 1974 etablierte sie ihre außergewöhnliche Earth-Body-Ästhetik, die ihr fortdauerndes Bestreben beschreibt, sich in die sie umgebende Natur zu vertiefen und sich mit der Erde zu verbinden. Spuren des weiblichen Körpers in Form von Silhouetten in der Natur werden zu einem festen Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens und versinnbildlichen ihren Zweifel an einer klar konturierten Identität. Für Esculturas Rupestres (Rupestrian Sculptures) kehrt Ana Mendieta 1981 nach Kuba zurück und verbindet mit ihren in Kalksteinwände gemeißelten „Siluetas“ die Mythen über die Jaruco-Höhlen aus frühesten Zeiten mit der Gegenwart. Auch Óchun, benannt nach einer Santería-Göttin, zeigt eine abstrahierte weibliche Gestalt am Strand der Insel Key Biscayne, Florida und gen Kuba gerichtet. Das Wasser, das diese „Silueta“ umspült, berührte die Küsten beider Länder und wirkt wie eine Allegorie für Exil und Rückkehr in dieser letzten realisierten Arbeit aus ihrem 104 Filme umfassenden Werk.

Ana Mendieta gehört zu einer Zeit historischer multidisziplinärer Verschiebungen in der Kunstpraxis. In ihrer kurzen Schaffensphase erarbeitete sie ein außergewöhnliches Werk, das erst Jahre später gebührende Beachtung fand. Ana Mendietas fortdauernde Auseinandersetzung mit dem Element der Zeit und den Themenkomplexen Vergangenheit und Vergänglichkeit tritt am deutlichsten in ihren Super 8-Filmen zutage, die neue Verständnisweisen hinsichtlich Performance, Skulptur, Film und Fotografie anregen. Die bisher umfangreichste Präsentation ihrer Filme, begleitet von drei fotografischen Serien, ist das Ergebnis einer dreijährigen gemeinsamen Forschungsarbeit der Estate of Ana Mendieta Collection, der Galerie Lelong & Co. und der University of Minnesota, in deren Rahmen das gesamte filmische Werk der Künstlerin digitalisiert und in einer Filmografie erfasst wurde.

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Katherine E. Nash Gallery an der University of Minnesota, kuratiert von Lynn Lukkas und Howard Oransky.

 

 

Stella Polaris* Ulloriarsuaq

Mit den Ausdrucksweisen des filmischen Portraits begleitet der Dokumentarfilm Stella Polaris* Ulloriarsuaq das Lichtkunstprojekt in Grönland.
Dort begegnen die Künstler nicht nur den Orten, sondern auch den Menschen, deren Leben sich gravierend durch das Schmelzen des Eises verändern und die über die Fotokunst ihre Lichtbotschaften in die Welt senden.

Auf höchstem technischen Niveau hält der Nachwuchsregisseur Yatri N. Niehaus in seiner ersten dokumentarischen Arbeit im Alleingang die Entstehungsmomente dieser einzigartigen Fotokunst fest. Neben faszinierenden Aufnahmen Grönlands einmaliger Gletscher und Eisberge, begleitet und interviewt er die Lichtbotschafter Grönlands, die der Welt noch Vieles über das verschwindende, ewige Eis zu sagen haben.

„Als ich das erste Mal die grönländischen Eiskappe betrat, die sich vor mir über mehrere tausend Kilometer erstreckte und unter mir mit lauten Krachen bewegte, wurde mir plötzlich klar, in welchem unbeschreiblichen Zusammenhang der Wandel, der sich dort vollzieht, mit allem und jedem auf der Welt zusammenhängt.
Wenn mehr Menschen diese Erfahrung machen würden, würde das möglicherweise das Verhältnis des Menschen zur Natur, die ihn umgibt, nachhaltig verändern. Doch es kann nicht jeder mit den eigenen Augen und Ohren dort sein. Ich glaube, dass die Kunst und insbesondere der Film die Möglichkeit hat, Menschen mit auf eine Reise und in eine Kontemplation über unsere Rolle in der Welt mitzunehmen.“ Yatri N. Niehaus

 

DAS – IST – DAS ? Ana Jotta

Ana Jotta (geboren 1946 in Lissabon) schafft seit über fünf Jahrzehnten ein künstlerisches Oeuvre, das extrem disparat ist. Sie verbindet Malerei mit Skulptur und Grafik, zeigt sich mal altmeisterlich, mal volkstümlich oder mit Anleihen aus der Populärkultur des 20. Jahrhunderts und experimentiert mit Techniken, die traditionell mit den ‚niederen Künsten’ verbunden sind: „In Jottas Arbeit ist Kunst ein Schlachtfeld zwischen Invention und Konvention“ (João Fernandes). Der Begriff der Urheberschaft wird aufgelöst (sie signiert ihre Werke beispielsweise mit einem (j) anstelle des (c) und spielt mit der homophonen Analogie zwischen dem Buchstaben „j“ (port.: jota) und ihrem Nachnamen). Jeder Versuch einer Einordnung nach Chronologie, Medium oder Material, Thema oder Genre ist nicht nur zwecklos sondern auch ungewollt. Alles wird verdaut, de- und re-kontextualisiert und fließt in die eigene Arbeit ein.

„DAS – IST – DAS ?“ ist Jottas erste Einzelausstellung in Deutschland. Sie bringt eine Auswahl von Arbeiten unterschiedlichen Entstehungsdatums zusammen und ergänzt diese mit einer ortspezifischen Wandmalerei aus ihrer Reihe sogenannter „Farbproben“. Zentrales Werk der Ausstellung ist die Stoffarbeit „fala-só“ (ein veralteter portugiesischer Ausdruck für ‚Selbstgespräch’), die zwischen 2014 und 2017 entstanden ist. Über vierzig Meter spannt sich der Stoff, erstmals in voller Länge zu sehen, durch die Ausstellungsräume und ermöglicht Schritt für Schritt entlang der Figurenreihe auf dem blauen Textil und der ausgestellten Arbeiten Einblicke in ihr Werk. Dargestellt ist die flüchtig umrissene Figur eines Arbeiters, der unter seinem Arm eine Glasscheibe trägt. Die Wiederholung des Motivs als Bewegungsabfolge mag – verstärkt durch die Projektionsleinwände in der Ausstellung (die Jotta wiederum als Leinwand ihrer Malereien verwendet) – Assoziationen an einen stark vergrößerten Filmstreifen hervorrufen und eine Anspielung an das immer wieder auf Film ausgerichtete Programm der Temporary Gallery sein. Der Ausstellungstitel „DAS – IST – DAS ?“ ist ein Wortspiel mit dem französischen Begriff „Vasistas“. So bezeichnet werden kleine Fenster über Hauseingängen, durch die im 18. Jahrhundert deutsche Bewohner den einmarschierenden französischen Soldaten auf der Straße: „Was ist das?“ zugerufen haben sollen und so den Fenstern ihren Namen gaben.

 

Kuratoren: Regina Barunke and Miguel Wandschneider

Programm
21.04. ADKV–ART COLOGNE Preis 2018 für die Temporary Gallery
21.04. Ana Jotta: DAS – IST – DAS ?, Eröffnung / Opening
03.05. Christine Moldrickx: A-C-F-G-H-I-J-M-R-S-T-U-V-W-Z
07.05. João César Monteiro: Silvestre
23./24.05. Internal Seminar: Slowness
07.06. Céline Berger: Ballade
11.06. Auf ein Gespräch mit Mi You: Slow Silk Road, Geophilosophy and Remapping Eurasia
21.06. Ana Jotta: Cadavre Exquis
05.07. Camiel van Winkel: The Myth of Artisthood

 

50 Jahre Avantgarde

Das Kabinett für aktuelle Kunst Bremerhaven

Kaum ein anderer Ort in der Region hat so kontinuierlich und ausdauernd zeitgenössische Kunst gezeigt wie das legendäre Kabinett für aktuelle Kunst in Bremerhaven. Auf nur 33qm stellte der Kurator Jürgen Wesseler seit 1967 Künstler wie Carl Andre, Wolfgang Laib und Gregor Schneider aus, die zu den zentralen Vertretern der Gegenwartskunst zählen. Die Ausstellung in der Kunsthalle Bremen nähert sich erstmals den Plakaten, die zwischen den 1960er und 1980er Jahren von den Künstlern für das Kabinett für aktuelle Kunst gestaltet wurden.
Ergänzt werden sie durch deren Entwürfe und Skizzen. Fotografien, Briefe und Notizen erzählen von der persönlichen Bindung zwischen den Künstlern und dem Kurator. Arbeiten von Blinky Palermo, Gerhard Richter, Franz Erhard Walther und Andreas Slominski aus der Sammlung der Kunsthalle Bremen ergänzen die Schau um zentrale Werke, die erstmals im Bremerhavener Kabinett ausgestellt wurden.

Gefördert durch den Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e.V. – AsKI aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

 

175 Jahre Staatsgalerie

Vor genau 175 Jahren – am 1. Mai 1843 – wurde die heutige Alte Staatsgalerie als »Museum der bildenden Künste« eröffnet. Das Jubiläum ist Anlass für das Museum, die wechselvolle Geschichte des Hauses und seiner Sammlung am Beispiel wichtiger Wegmarken zu erzählen. Mit rund 90 Gemälden, Graphiken, Fotografien und Archivalien stellt die Ausstellung dar, wie sich die Staatsgalerie als Haus der Moderne positionierte, für das sie heute international bekannt ist.

Die Ausstellung gliedert sich in fünf Zeitkapseln, die von den Gründungsjahren über den Aufbruch in die Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts in die Zeit des Nationalsozialismus und die Eröffnung der Neuen Staatsgalerie 1984 bis hin zu dem aktuellen Aufruf »#meinMuseum: Wir fragen Sie!« reichen. Die Besucherinnen und Besucher können über Facebook, Twitter und Instagram in einen Dialog über das Museum, seine Bestände und die Ausstellung treten. Beiträge werden über eine Social Media Wall im Museum projiziert. Wer möchte, kann seine Favoriten in der Sammlung digital ›liken‹ und über das Lieblingsstück der Woche abstimmen.

A.T. Schaefer. BilderEchos

Eine völlig neue Sicht auf die Staatsgalerie öffnet der Stuttgarter Fotograf A.T. Schaefer: Im Rahmen der Jubiläumsausstellung entdeckt er das Museum als Bühne. In seinen »BilderEchos« spielt er mit der Interaktion von Architektur, Bild und Betrachter und inszeniert mit einem Augenzwinkern Begegnungen zwischen diesen drei ›Akteuren‹. Einen Namen gemacht hat sich A.T. Schaefer mit Aufnahmen von Opern- und Theaterinszenierungen.