Raum & Fotografie

Den Veränderungen der Auffassung von Raum sowie dessen medialer Darstellung aus historischer und globaler Sicht geht das Museum der Moderne Salzburg in der Ausstellung Raum & Fotografie nach. Exemplarisch werden darin die veränderten fotografischen Sichtweisen auf und in den Raum internationalen Vergleichen unterzogen.
Räumliches Sehen und Vorstellungen von räumlichen Dimensionen, ihrer Ausdehnung und Veränderung entsprechen eigentlich nicht der Zweidimensionalität der technischen Aufnahme. Gerade aus diesem Grund setzen sich Fotograf_innen seit den Anfängen der Fotografie mit der Darstellung von Raum auseinander. In Raum & Fotografie präsentiert das Museum der Moderne Salzburg zu dieser Thematik erstmals Werke von 35 Künstler_innen aus vierzehn Ländern, mit Exponaten von 1860 bis heute. Das inhaltliche Spektrum der Ausstellung reicht von Arbeiten zu architektonischen und virtuellen Räumen, u. a. von Wolfgang Tillmans, bis hin zu Fotografien zu sozialen, ökonomischen und konzeptuellen Themen etwa von Santu Mofokeng. „Als Kompetenzzentrum für künstlerische Fotografie verknüpfen wir in dieser Ausstellung das Medium der Fotografie mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen zum Raum, insbesondere auch zu immer häufiger auftretenden Grenzen und Normierungen“, so Sabine Breitwieser, Direktorin am Museum der Moderne Salzburg. „Unser Anliegen ist es, Fotografie einerseits in formaler und technischer Hinsicht sowie andererseits in ihrer Entwicklung von Genres und Themen in unterschiedlichen geografischen und sozialpolitischen Zusammenhängen zu beleuchten.“ Die historische Tiefe und kulturelle Breite von Raum & Fotografie unterstreicht Christiane Kuhlmann, Kuratorin für Fotografie und Medienkunst: „Wir zeigen neben Arbeiten aus der Anfangszeit der Fotografie vor allem auch zeitgenössische Werke von Künstler_innen, die von außerhalb Europas stammen und aufgrund ihrer unterschiedlichen sozialen Prägungen und Lebensbedingungen Raum anders wahrnehmen und interpretieren, als es aus eurozentrischer Sicht lange Zeit üblich war.“ Die fotografischen Exponate reichen von einer begehbaren Camera obscura, in der das Licht der Salzburger Altstadt zum projizierten Bild wird, bis hin zu der Installation How Not to Be Seen (2013) von Hito Steyerl, in der man – entgegen aktueller Überwachungsszenarien – unsichtbar werden kann.
Thematisch gliedert sich die Ausstellung Raum & Fotografie in sechs Kapitel, beginnend mit frühen Bildverfahren und experimenteller Fotografie als Urform des Mediums. Mit den technischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts und damit einhergehenden neuen Methoden und Möglichkeiten der Kamera, menschliche Sichtweisen und räumliches Sehen zu imitieren, beginnt das nächste Ausstellungskapitel. Dem „Neuen Sehen“, das im frühen 20. Jahrhundert durch die Entwicklung moderner Kameratechniken entstand und zusammen mit den Ideen des „Neuen Bauens“ eine Neubetrachtung des architektonischen Raums mit sich brachte, ist ein weiterer Themenschwerpunkt gewidmet. Neusachliche Fotograf_innen wie der Bauhauslehrer László Moholy-Nagy nahmen diese Neubetrachtung zum Anlass für ihre experimentellen Bildkonzepte, die eine Erweiterung der Seheindrücke ermöglichten. Die anschließenden Kapitel befassen sich mit der fotografischen Wiedergabe des gebauten Raums und dem Einfluss von Architektur auf die Gesellschaft.

Die Expansion der Städte mit der Entstehung von Randbezirken und Wohntürmen ist ein Thema der
Arbeiten des Konzeptkünstlers Stephen Willats und des Fotografen Wolfgang Tillmans, aber auch der Bildhauerin Isa Genzken. Die Videoinstallation Book for Architects von Tillmanns, die 2014 auf der Architekturbiennale in Venedig vorgestellt wurde, zeugt von der Faszination, die das Leben in der Stadt und die gegensätzlichen gestalterischen Einzelentscheidungen für den Künstler haben. Mit dem Film The Forgotten Space (2010) von Allan Sekula und Noël Burch und Dayanita Singhs Museum of Chance von 2015 widmet sich der abschließende Teil der Ausstellung den Grenzen in politischen Systemen, Wirtschaftsräumen und solchen, die vor allem virtuell bestehen.
Mit Werken von Philip Kwame Apagya (1958, Shama, GH), Herbert Bayer (1900 Haag am Hausruck, AT – 1985 Montecito, CA, US), Giacomo Brogi (1822–1881 Florenz, IT), Franz Burgmüller (1966 Hüttau, AT – Salzburg, AT), Jindřich Eckert (1833 – 1905 Prag, CZ), Hans-Peter Feldmann (1941 Düsseldorf, DE), Seiichi Furuya (1950 Izu, JP – Graz, AT), Isa Genzken (1948 Bad Oldesloe, DE – Berlin, DE), Johannes Gramm (1964 Essen, DE – Essen, DE / Westkapelle, NL), Birgit Graschopf (1978 Wien, AT), Florence Henri (1893 New York, NY, US – 1982 Compiègne, FR), M. Hoffmann (Lebensdaten unbekannt), Kenneth Josephson (1932 Detroit, MI, US – Chicago, IL, US), Wolfgang Kudrnofsky (1927–2010 Wien, AT), Georges Lévy & Moyse Léon (Léon & Lévy) (1833–1913 bzw. geb. 1812), Werner Mantz (1901 Köln, DE – 1983 Eijsden, NL), Ingrid Martens (KwaZulu-Natal, ZA – Johannesburg, ZA), Santu Mofokeng (1956 Soweto, Johannesburg, ZA), László Moholy-Nagy (1895 Bácsborsód, HU – 1946 Chicago, IL, US), Negretti & Sambra (Crystal Palace Company): Henri Negretti (1818 Como, IT – 1879 London, GB), Joseph W. Sambra (1822 Saffron Walden, GB – 1897 South Hampstead, GB), Beaumont Newhall (1908 Lynn, MA, US – 1993 Santa Fe, NM, US), Gregor Sailer (1980 Schwaz, AT – Vomp, AT), Alfons Schilling (1934 Basel, CH – 2013 Wien, AT), Allan Sekula / Noël Burch (1951 Erie, PA, US – 2013 Los Angeles, CA, US / 1932 San Francisco, CA, US – Frankreich), Dayanita Singh (1961 Neu-Delhi, IND), Margherita Spiluttini (1947 Schwarzach im Pongau, AT – Wien, AT), Hito Steyerl (1966 München, DE – Berlin, DE), Sasha Stone (1895 St. Petersburg, RU – 1940 Perpignan, FR), Clare Strand (1973 Brighton, GB), Yutaka Takanashi (1935 Tokio, JP), Wolfgang Tillmans (1968 Remscheid, DE – Berlin, DE), Umbo (Otto Umbehr 1902 Düsseldorf, DE – 1980 Hannover, DE), Felix Weber (1929 Langenwang, AT – Mürzzuschlag, AT), Stephen Willats (1940 London, GB)
Organisiert vom Museum der Moderne Salzburg
Direktorin: Sabine Breitwieser
Kuratorin: Christiane Kuhlmann, Kuratorin für Fotografie und Medienkunst
Kuratorische Assistent_innen: Peter Schreiner und Tina Teufel

 

Back to Paradise Meisterwerke des Expressionismus

 

aus dem Aargauer Kunsthaus Aarau, dem Ostheim Museum Hagen und aus einer Privatsammlung

 Die große Ausstellung vereint 155 hochkarätige Werke all jener Maler, die heute aufgrund der herausragenden Bedeutung ihrer Kunst unter dem Namen „Expressionisten“ in den großen Museen der Welt vertreten sind.

Nennen wir zuerst die Künstler der Brücke: Max Pechstein, Erich Heckel, Otto Müller, Conrad Felixmüller, Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde und den Schweizer Cuno Amiet. Den Schwerpunkt bilden hier die frühen Werke Ernst Ludwig Kirchners, die um erstklassige, kaum bekannte Zeichnungen bereichert werden. Dazu treten Arbeiten von Walther Bötticher und Christian Rohlfs, der eng mit dem Expressionistenförderer Karl Osthaus in Hagen befreundet war und dessen Arbeiten einen weiteren Schwerpunkt dieser Sonderschau im Museum Georg Schäfer bilden.

Aus den Reihen der Neuen Kunstvereinigung München und der Gruppe Blauer Reiter sind vertreten: Wassily Kandinsky, August Macke, Franz Marc, Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky. Eine Brücke zur Neupräsentation der Ständigen Sammlung des Museums schlagen Werke von Max Liebermann und Max Beckmann. Es handelt sich insgesamt um 73 Gemälde, 30 Aquarelle, Pastelle und Zeichnungen sowie um 52 seltene Druckgrafiken, wobei die berühmten Holzschnitte einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Expressionismus leisten.

Diese mit herausragenden Meisterwerken bestückte Schau in Schweinfurt zu präsentieren, verdanken wir einer Kooperation mit dem Osthaus Museum Hagen und dem Aargauer Kunsthaus in der Schweiz. Dazu gesellen sich Werke einer am Schaffen Ernst Ludwig Kirchners ausgerichteten, exzellenten Privatsammlung.

Sieht man die Kunstbewegung des Expressionismus aus der Sicht der deutschen Kunst des 19. Jahrhunderts, dem Schwerpunkt der Schweinfurter Sammlung, dann gleicht sie in ihrer Kraftentfaltung bildlich gesehen einem lange ruhenden Vulkan, der plötzlich, aber nicht unerwartet, ausbricht. Denn alles, was in der deutschen Kunst Jahrzehnte zuvor unter der Oberfläche brodelte – etwa die Frage nach dem Primat von Farbe und Form gegenüber einer historistischen oder symbolischen Thematik sowie der Streit um eine deutsche Nationalkunst – fand in dem von Herwarth Walden 1911 geprägten Begriff „Expressionismus“ eine Antwort. Wobei der Vulkan – um dieses Bild weiterhin zu nutzen – an sich fern der europäischen Zivilisation zu verorten ist, jedoch mal in der Südsee, mal an der Nord- und Ostsee oder gar an den Moritzburger Seen nördlich von Dresden lokalisiert werden müsste. Denn um allzu ferne Träume und Utopien geht es im Kern gar nicht: Die Kunst des Expressionismus widerspiegelte ein neues Lebensverständnis der Künstler.

Das Paradies der Künstler wurde als Gegenentwurf zur europäischen Zivilisation, aber auch zum politisch geführten Streit um Kunst angelegt. Dabei handelte es sich um einen inneren wie realen äußeren Rückzugsort, den Emil Nolde und Max Pechstein z.B. in der Südsee zu finden hofften und zeitweilig auch fanden. Hier wie dort aber stießen sie immer wieder auf die Normen einer viktorianisch-wilhelminischen Zeit, auf eine vorgeprägte Ansicht, was Kunst sein sollte.

Diese klar umgrenzte Kunstzivilisation und die von den Kunstakademien immer noch geförderte Idealisierung des Alltags stieß auf Widerspruch. Das in der Ferne bei den Südseevölkern ebenso wie in Europa ethisch wiederzuentdeckende „Urwesenhafte“ (Nolde) war nun Herausforderung und Ziel. Dazu dienten Aufenthalte im kleinen Kreis an abgelegenen Waldseen, an einsamen Stränden und Küstenstreifen. Dazu diente auch der Einsatz starker Ausdruckswerte sowie der Bruch mit den Traditionen der Malerei. Auch bei jenen Künstlern, welche Europa nicht verließen, war damit eine gewollte schöpferische Isolation der Künstler vom Kunstmarkt und seinen Gesetzen verbunden. Die Moderne tat einen großen Schritt, auch wenn sie sich von dem unterschied, was sich weite Kreise bis dato von der Kunst erhofften. Einzig die Lebensreform-Bewegung deckte sich im Ansatz mit dem bis heute in seiner philosophischen Dimension zu wenig untersuchten Werk der Expressionisten. In der Sichtweise des Paradiesischen als privater Seelengarten wird auch der Zugang geregelt: der Dritte als Betrachter erhält durch die Kunst, das Bild, nur einen Einblick, aber keinen Überblick. Der Maler öffnet uns nur ein Fenster zum privaten Paradies. Damit wehrten sich die Künstler auch gegenüber den Kunsthistorikern, welche gerade in jener Zeit die Stilgeschichte schablonenartig zum Zuordnungssystem verengten: Die moderne, individuelle Vorstellung vom Paradies der Künstler einerseits traf auf eine streng wissenschaftliche Eingruppierung und Klassifikation andererseits.

Unsere Zusammenführung dreier Sammlungen in Schweinfurt dient dem Zweck, dem Betrachter sowohl den Expressionismus als Ganzes verständlich, als auch das Individuelle jedes einzelnen Künstler erlebbar zu machen. Hierfür sind insbesondere die frühen Werke der Künstler wichtig, als die Gruppenzugehörigkeit noch nicht den Stempel „Klassische Moderne“ trug. In einer qualitativ kaum vergleichbaren Dichte stellen die Exponate ohne Zutun selbst ihre künstlerische Welt vor, zeigen in jedem einzelnen Meisterwerk immer wieder aufs Neue deren bunte Facetten.

Diese Ausstellung wurde bereits im Kunsthaus Aargau in Aarau, Schweiz, gezeigt. Dort erfolgte die Präsentation mit anderen Schwerpunkten und ohne die hier erstmalig präsentierten Werke aus Privatbesitz. Die Schweinfurter Ausstellung kommt durch eine Kooperation mit dem Osthaus Museum Hagen und dem Aargauer Kunsthaus Aarau zustande. Das Institut für Kulturaustausch, Tübingen, initiiert übernahm die Organisation dieses Kooperationsunternehmens, wofür wir ihnen danken.

Kurator: Dr. Wolf Eiermann

Katalog:

Back to Paradise. Meisterwerke des Expressionismus aus dem Aargauer Kunsthaus und dem Osthaus Museum Hagen, hrsg. von Tayfun Belgin, Wolf Eiermann, Otto Letze und Thomas Schmutz, München 2017

212 Seiten, 168 Abbildungen ISBN 978-3-943017-16-8    35,00 €

„AMERICA! AMERICA! HOW REAL IS REAL?“

Gerade in Zeiten von „Fake News“ und „Alternative Facts“ wird deutlich, wie sehr der amerikanische Traum mit emotional aufgeladenen Bildern und Symbolen verwoben ist. Wohl kaum eine andere Nation ist sich der Wirkungskraft von Bildern so bewusst und setzt sie so gezielt ein. Die Images des „American Way of Life“, die in den Medien und der Unterhaltungsindustrie produziert werden, können bestehende Machtverhältnisse und Vorstellungen von Wirklichkeit zementieren, aber auch radikal in Frage stellen.

Mit rund 70 Meisterwerken der US-Gegenwartskunst, wie Andy Warhols Race Riot (1964), Jeff Koons’ lebensgroßer Skulptur Bear and Policeman (1988) oder Jenny Holzers Leuchtschriftinstallation Truisms (1994) zeigt die Ausstellung America! America! How real is real? im Museum Frieder Burda, wie Künstler von den 1960er-Jahren bis heute die amerikanische Realität kommentieren – und damit auch, wie sich der amerikanische Umgang mit Wirklichkeit und Wahrheit in den letzten Jahrzehnten dargestellt hat. Mit zahlreichen internationalen Leihgaben und Werken aus der Sammlung Frieder Burda, in der die US-Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg einen wesentlichen Schwerpunkt bildet, lädt America! America! How real is real? nun zu einer Exkursion durch diese visuelle Kultur Amerikas ein.

„Die amerikanische Kunst trat in den 1960er Jahren mit einer geradezu jugendlichen Frische auf, die Vieles vom überkommenen europäischen Erbe hinter sich ließ. Mit der Pop Art wandten sich Andy Warhol, Roy Lichtenstein, James Rosenquist, aber auch Richard Artschwager und der aus Schweden nach New York übersiedelte Claes Oldenburg einer ganz neuen Darstellungsform zu, bei der das Banale, Alltägliche, bislang Bildfremde hervorgehoben wurde. How Real is Real? – dieser Frage nach dem Abbild der Wirklichkeit in der amerikanischen Kunst von der Pop-Art bis heute stellt sich unsere Ausstellung. Eine Frage, die zu stellen aktuell umso dringlicher sein könnte, als sich die amerikanische Realpolitik zumindest verbal von festen Fakten zu entfernen scheint.“, so Helmut Friedel, Kurator der Ausstellung, über den konzeptionellen Ansatz der Ausstellung.

 

 

James Rosenquist Eintauchen ins Bild

James Rosenquist Eintauchen ins Bild

Mit der groß an­gelegten Ausstel­lung von James Rosen­quist (1933–2017) stellt das Mu­se­um Lud­wig die Werke die­s­es be­deu­ten­den Kün­stlers der amerikanischen Pop Art dezi­diert im Kon­text ihr­er kul­turellen, sozialen und poli­tischen Di­men­sion vor. In der Zusam­men­schau mit teil­weise noch nicht öf­fentlich präsen­tierten Archivun­ter­la­gen, vom Kün­stler als Quel­len­ma­te­rial bezeich­neten Col­la­gen und vielen der zu­grunde lie­gen­den Orig­i­nalanzei­gen aus al­ten Life-Mag­azi­nen wird ein his­torisch­er Kos­mos er­schlossen. ­Denn die Bildfin­d­un­gen von James Rosen­quist re­sul­tierten in großem Maße aus seinem aus­ge­sproch­e­nen In­teresse an den ge­sellschaftlichen und poli­tischen Ereig­nis­sen sein­er Zeit.

Ein gutes Beispiel hi­er­für ist die beein­druck­ende Rau­min­s­tal­la­tion F-111, eine der Iko­nen der Pop Ära. Rosen­quist schuf sie 1964-65, in­mit­ten eines der poli­tisch tur­bu­len­testen Jahrzeh­nte der USA. Als Haupt­mo­tiv wählte er das Kampf­flugzeug F-111, die sich da­mals in der En­twick­lung befin­d­ende neueste Hochtech­nolo­gie­waffe, und kom­binierte es in ver­stören­der Weise mit Bildern amerikanischen All­t­agskon­sums. Das Gemälde um­sch­ließt die Be­trachter*in­nen von allen Seit­en. In einge­baut­en Alu­mini­um­pan­elen ge­spiegelt, wer­den sie selbst Teil des Werkes und sind aufge­fordert zu hin­ter­fra­gen, was sie se­hen. Neben die­sem Sch­lüs­sel­w­erk aus der Samm­lung des Mo­MA präsen­tiert die Ausstel­lung mit Horse Blin­ders (1968-69) und Hori­zon Home Sweet Home (1970) er­st­mals ge­mein­sam alle drei Rau­min­s­tal­la­tio­nen, die Rosen­quist für die le­g­endäre Castel­li Gallery schuf.

Das Be­streben, die Be­trachter*in­nen in das Bild hineinzuzie­hen, sie vi­suell und ph­y­sisch, emo­tio­n­al und in­tellektuell zu in­volvieren, spricht auch aus dem dreit­eili­gen Werkensem­ble The Swim­mer in the Econo-mist, das Rosen­quist 1997–1998 für Ber­lin schuf. Auf dem über 27 Me­ter lan­gen Haupt­gemälde wer­den Pi­cas­sos Guer­ni­ca wie auch an­dere Ver­satzstücke ei­gen­er und kollek­tiv­er Geschichte und Iden­tität in einem ver­stören­den Zeit­strudel er­fasst, der ras­ante Um­bruch­si­t­u­a­tio­nen nicht nur deutsch­er Iden­tität ver­bildlicht.

Die Ausstel­lung ver­fol­gt den zen­tralen As­pekt des „Ein­tauchens ins Bild“, wie der Kün­stler es selbst nen­nt, und bi­etet gleichzeitig ei­nen bre­it an­gelegten Über­blick des Schaf­fens von James Rosen­quist. Die col­lage­haften Gemälde der 1960er-Jahre, aus de­nen deut­lich Rosen­quists Herkunft als Plakat­maler rie­siger Wer­be­flächen am Times Square spricht, sind gleicher­maßen zu se­hen wie bi­o­gra­fisch mo­tivierte Bilder der 1970er-Jahre oder Ve­rar­bei­tun­gen kos­misch­er Raum­phänomene in groß­for­mati­gen späteren Gemäl­den.

James Rosen­quist hat Konzept und Werkauswahl dies­er Ausstel­lung noch selbst au­torisiert und den En­twick­lungsprozess von Be­ginn an be­gleit­et. Nun wird dies die er­ste große Mu­se­um­sausstel­lung als Hom­mage an den am 31. März die­sen Jahres ver­s­tor­be­nen Kün­stler. Neben Ar­beit­en der ei­ge­nen Samm­lung und großzügi­gen Lei­h­gaben von James Rosen­quist selbst wer­den wichtige Werke aus Museen wie dem Mo­MA und dem Gug­gen­heim Mu­se­um in New York, dem Cen­tre Ge­orges Pompi­dou in Paris oder dem Mod­er­na Museet in Stock­holm gezeigt.

Die Ausstel­lung wird von der Peter und Irene Lud­wig Stif­tung, der Ter­ra Foun­da­tion for Amer­i­can Art sowie der Ge­sellschaft für Mod­erne Kunst am Mu­se­um Lud­wig un­ter­stützt. Die Res­tau­rierung des Werks Horse Blin­ders wird er­möglicht vom Min­is­teri­um für Kul­tur und Wis­sen­schaft des Lan­des Nor­drhein-West­falen sowie der Wüsten­rot Stif­tung. Im An­sch­luss wird die Ausstel­lung im ARoS Aarhus Kun­st­mu­se­um in Däne­mark zu se­hen sein.

Ku­ra­toren: Stephan Died­erich, Yil­maz Dziewior

Führun­gen

Führun­gen durch die Ausstel­lung fin­d­en son­n­tags um 15 Uhr statt und kosten 2€ pro Per­son zzgl. Ein­tritt. Die Teil­neh­mer­an­zahl ist auf 25 Per­so­n­en be­gren­zt. Tick­ets für die Führun­gen kön­nen nicht vorab re­serviert, son­dern lediglich 30 Minuten vor Führungs­be­ginn an der In­fotheke er­wor­ben wer­den.

kunst:dialoge

Während der Ausstel­lung James Rosen­quist. Ein­tauchen ins Bild ste­ht das Team der kunst:dialoge je­den Son­n­tag von 13–15 Uhr in der Ausstel­lung für Fra­gen aller Art und zum Ge­spräch über den Kün­stler und sein Schaf­fen bere­it. Wie im­mer gilt: es gibt keine dum­men Fra­gen!

Hin­weis zum roll­s­tuhl­gerecht­en Zu­gang

Auf­grund von Ein­baut­en in­n­er­halb der Ausstel­lungsar­chitek­tur ist die Zwisch­enebene, in der Vors­tu­di­en des Kün­stlers präsen­tiert wer­den, lei­der nicht für Roll­s­tuhl­fahr­er*in­nen zugänglich. Wir bit­ten um Nach­sicht.
Res­tau­rierung des Werks Horse Blin­ders am Mu­se­um Lud­wig

In­s­tal­la­tion­san­sicht James Rosen­quist, Horse Blin­ders, Mu­se­um Lud­wig, Köln, 1968-1969, Schenkung Lud­wig 1976, © Es­tate of James Rosen­quist/VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Fo­to: © Rheinisch­es Bil­darchiv Köln

Die monu­men­tale Rau­min­s­tal­la­tion Horse Blin­ders von James Rosen­quist ist seit 1976 im Be­sitz des Mu­se­ums und wurde seit 2015 um­fan­greich res­tau­ri­ert wurde. Im Rah­men der Ausstel­lung wird sie er­st­ma­lig wied­er der Öf­fentlichkeit präsen­tiert. Die raum­greifende Ar­beit, die Rosen­quist in den Jahren 1968–69 schuf, beste­ht aus ins­ge­samt 23 El­e­men­ten: elf groß­for­mati­gen Gemäl­den und zwölf Alu­mini­um­pa­neelen. Horse Blin­ders ist eine von weltweit in lediglich drei Museen vertrete­nen Rau­min­s­tal­la­tio­nen des Kün­stlers und stellt eines der beein­druck­end­sten Hauptw­erke der Pop Art-Samm­lung des Mu­se­um Lud­wig dar. Die Res­tau­rierung des Werks wurde von den Gemälder­es­tau­ra­torin­nen Kathrin Kessler und Is­a­bel Geb­hardt am Mu­se­um Lud­wig geleit­et und par­al­lel dazu er­forscht.

Der Meister von Meßkirch Katholische Pracht in der Reformationszeit

Große Landesausstellung 2017 Baden-Württemberg

Der Meister von Meßkirch Katholische Pracht in der Reformationszeit

Meister von Meßkirch, Die Anbetung der Heiligen Drei Könige, Detail aus der Mitteltafel des ehemaligen Hochaltarretabels von St. Martin in Meßkirch, um 1535/40, Meßkirch, Pfarrkirche, ©Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg i. Br., Bildarchiv, Aufnahme Michael Eckmann

Erstmals widmet die Staatsgalerie Stuttgart mit annähernd 200 Exponaten dem Meister von Meßkirch, einem bedeutenden deutschen Maler der Frühen Neuzeit, eine umfassende monographische Ausstellung. Ein Großteil seiner Tafelbilder und Zeichnungen befinden sich heute verstreut in Museen und Privatsammlungen Europas und den U.S.A. Vereint in der Ausstellung, verdeutlichen sie das Wirken des Meisters von Meßkirch und setzen sein Schaffen mit Werken von Künstlern wie Albrecht Altdorfer, Hans Baldung Grien, Lucas Cranach d. Ä. und Albrecht Dürer in den Kontext seiner Zeit.
Unbekannt sein Name, rätselhaft seine Herkunft. Mehr noch als das Geheimnis um seine Identität ziehen die koloristisch außergewöhnlichen Bilder und die charaktervollen Heiligen des Meisters von Meßkirch in den Bann. Die Große Landesausstellung der Staatsgalerie Stuttgart trägt erstmals das Werk des Malers, welches heute auf die bedeutenden Sammlungen der Welt verstreut ist, zusammen. Im Mittelpunkt steht dabei die Rekonstruktion der Ausstattung von St. Martin in Meßkirch. Mit bis zu 12 Altären entstand dort zwischen 1535 und 1540 ein farbgewaltiges Werk gegen die Reformation.
Die goldglänzenden Bilder des Meisters von Meßkirch lassen vergessen, dass Europa zu ihrer Entstehungszeit in seinen Grundfesten erschüttert wurde. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich damals, von Wittenberg ausgehend, die Idee einer Reform der Kirche. Neben Flugblättern und Holzschnitten, die den medialen Kampf gegen die Papstkirche illustrieren, verbildlichen Hauptwerke Cranachs in der Ausstellung die lutherische Lehre.
Ein Schlüsselwerk der reformatorischen Kunst ist der sogenannte »Gothaer Altar« aus der Werkstatt des Heinrich Füllmaurer, der das Gegenstück zu den Tafeln des Meisters von Meßkirch bildet. Mit 162 Darstellungen gilt der monumentale Flügelaltar, der um 1538 für das Stuttgarter Schloss geschaffen wurde, als bilderreichstes Werk der Altdeutschen Malerei. Nach 369 Jahren kehrt er nun für die Große Landesausstellung an seinen Bestimmungsort zurück. In der Stuttgarter Ausstellung wird der Altar so präsentiert, dass alle Tafeln gleichzeitig zu sehen sind. Vor dem Hintergrund der in der Reformationszeit kontrovers diskutierten Bilderfrage kommt dieser monumentalen Lehrtafel mit ihren unverblümten Angriffen auf altgläubige Bildvorstellungen eine besondere Bedeutung zu.

Die Große Landesausstellung 2017 Baden-Württemberg steht unter der Schirmherrschaft von Winfried Kretschmann, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.

In Kooperation mit der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

HARD RETURN Olivier Foulon

Olivier Foulon (geboren 1976 in Brüssel, lebt in Berlin) befasst sich mit der Beschaffenheit von fotografischen Bildern. Er montiert Ausdrucke der Bilder auf Karton, eines neben dem anderen. So entsteht nicht durch eine persönliche Auswahl, sondern aus der Vielzahl von Ausdrucken von Momenten des Ausdrucks eine Serie. Als Motive wählt er das, was ihn umgibt: Äpfel, kurz bevor er sie isst, Reproduktionen von Antoine Watteaus „Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint“ oder der Blick durch einen Strauß bunter Blumen auf die Zimmerdecke.

Nicht das Motiv, sondern der Moment interessiert. Die Blumen sind keine Sinnträger, sondern Überbringer dieses Moments. Einige Künstler legen Wert auf Ambiguität oder Unklarheit und begründen ihre Arbeit damit, dass Kunst schwer fassbar und unbestimmt sei. Dies ist nicht der Fall bei Foulon. Er zeigt das, was ist; Dinge, die wir erkennen und wissen. Er tut dies jedoch auf eine Art und Weise, dass ihre Unmittelbarkeit sie unbequem, ja unheimlich erscheinen lässt. Als wären sie nicht bei sich, wir nicht bei uns, sondern an einem Scheidepunkt zwischen Gut und Böse, Tag und Nacht, unten und oben, Figur und Grund, Bild und Träger usw. – im Sinne von A.D. Coleman: „I found myself disturbed and left uneasy by encounters with certain photographs – not because they were unpleasant on a purely sensory level, but because between the style, technique, form, subject matter, content, cultural context, and the medium itself generated emotional and intellectual stress.“ (The Grotesque in Photography, 1977)

Der Titel „Hard Return“, den Foulon für seine Ausstellung wählt, markiert diesen Bruch. Er kommt aus der Befehlssprache des Computers und bezeichnet einen harten Zeilenumbruch, der auch dann bestehen bleibt, wenn Text eingefügt oder gelöscht wird. Ein harter, technischer Bruch, der Form und Inhalt spaltet und eine Rückkehr zum Bestehenden erschwert. Foulon interessiert dieser Bruch nicht als Zäsur zwischen den Worten irgendeines Textes, sondern zwischen eben jenen zwei Worten ‚hard’ und ‚return’ und deren Momenten der Auseinandersetzung mit dem Bildgegenstand: „There is a tension for me in the word ‚hard return’, between its meaning for a native or non-native speaker. Between a change of an idea, a scene or a cut in the flow, and ‚hard’ as difficult and ‚return’ as in the line: the repressed always returns; ‚hard return’, in the sense that there is a difficult come-back.“ (Olivier Foulon, 2017)

Programm
01.12. Olivier Foulon: Hard Return, Eröffnung
09.12. Zu Gast: VIDEONALE.scope #5 – Kevin Jerome Everson

Förderer und Unterstützer
Stiftung Kunstfonds; Arts Flanders / Kunsten en Erfgoed; Kulturamt der Stadt Köln; Deltax Contemporary; Hotel Chelsea

 

Welcome to Jerusalem

Kirchen, Moscheen und Synagogen prägen unser Bild von Jerusalem. Für Jüdinnen*Juden, Christ*innen und Muslim*innen aus aller Welt ist die »heilige Stadt« ein wichtiges Zentrum ihres Glaubens. Gleichzeitig ist Jerusalem von außerordentlicher politischer Brisanz, da sowohl Israelis als auch Palästinenser*innen sie als ihre Hauptstadt beanspruchen.

Von der Zeit des zweiten Tempels und seiner Eroberung durch Rom über die osmanische Herrschaft und die britische Mandatszeit bis zum 21. Jahrhundert – die Ausstellung Welcome to Jerusalem thematisiert eine Stadtgeschichte, in der Alltag, Religion und Politik unauflöslich miteinander verflochten sind. Zu sehen sind wertvolle historische Objekte und Modelle, die erstmals in Berlin gezeigt werden; ebenso mediale Installationen, die eigens für die Schau entwickelt wurden.

Arbeiten von Yael Bartana, Mona Hatoum, Gustav Metzger, Fazal Sheikh und weiteren internationalen Künstler*innen kommentieren historische Ereignisse und politische Positionen. Eine Filmspur mit Interviews aus der Echtzeit-Dokumentation 24h Jerusalem macht die Besucher*innen mit einer in jeder Hinsicht bemerkenswerten und aufregenden Stadt bekannt. – Welcome to Jerusalem!