Bestandsaufnahme Gurlitt. «Entartete Kunst» – Beschlagnahmt und verkauft

In einer Doppelausstellung unter dem Titel Bestandsaufnahme Gurlitt präsentieren das Kunstmuseum Bern und die Bundeskunsthalle in Bonn zeitgleich eine Auswahl von Werken aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt. Erstmals werden die Werke, die der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt in den 1930er- und 1940er-Jahren erworben hatte, im historischen Kontext gezeigt. Die Ausstellungen wiederspiegeln den aktuellen Forschungsstand zum «Kunstfund Gurlitt». Unter dem Titel «Entartete Kunst» – beschlagnahmt und verkauft zeigt das Kunstmuseum Bern rund 200 Werke, von denen die meisten als «entartete Kunst» in deutschen Museen beschlagnahmt worden waren. Diese Bestände umfassen hauptsächlich Arbeiten auf Papier, darunter herausragende Kunstwerke des Expressionismus, der konstruktiven Kunst und der Neuen Sachlichkeit. Gleichzeitig werden in der Ausstellung die politischen Vorgänge thematisiert, die zur Diffamierung der Moderne als «entartet» und deren Zerstörung und Verkauf führten. Der Schwerpunkt der Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn (03. November 2017 bis 11. März 2018) liegt auf NS-verfolgungsbedingt entzogenener «Raubkunst», deren Herkunft noch nicht abschliessend geklärt werden konnte. Die beiden Ausstellungen werden von einem gemeinsamen Beirat begleitet: Esther Tisa Francini, Gilbert Lupfer, Uwe M. Schneede, Hermann Simon und Shlomit Steinberg. Die Bonner Ausstellung mit Titel Der NS-Kunstraub und die Folgen wird vom 13. April bis 01. Juli 2018 im Kunstmuseum Bern gezeigt. Eine weitere Station ist für Herbst 2018 im Martin-Gropius-Bau in Berlin geplant. Kuratoren: Nikola Doll, Matthias Frehner, Georg Kreis und Nina Zimmer Infos und Rahmenprogramm unter: www.kunstmuseumbern.ch/gurlitt Öffnungszeiten Dienstag: 10h – 21h Mittwoch bis Sonntag: 10h – 17h Montag: geschlossen

Tintoretto – A Star was Born

Mit „Tintoretto – A Star was Born“ startet das Wallraf den internationalen Reigen von hochkarätigen Ausstellungen zum 500. Geburtstag des Malers Jacopo Tintoretto. In seiner großen Sonderschau widmet sich die Kölner Gemäldegalerie erstmals dem faszinierenden Frühwerk des italienischen Meisters, der zu den produktivsten und einflussreichsten Künstlern aller Zeiten gehört. Zahlreiche kostbare Leihgaben aus den großen Museen der Welt (Amsterdam, Budapest, London, Madrid, Mailand, Rom, Venedig, Washington, Wien u.a.m.) wurden aus diesem Anlass dem Wallraf anvertraut. Die Kölner Jubiläumsschau läuft bis zum 28. Januar 2018 und ist anschließend im ältesten Museum Frankreichs zu Gast, dem Musée du Luxembourg in Paris.

Die Sonderausstellung bietet den Besuchern nicht allein weltberühmte Werke des jungen, malwütigen und von Ideen übersprudelnden Tintoretto, sondern auch brandneue Forschungsergebnisse. So fand Kurator Roland Krischel unter anderem heraus, dass ein großes, ebenso attraktives wie rätselhaftes Gemälde aus der Sammlung der britischen Königin nicht etwa von dem flämischen Maler Lodewijk Toeput stammt, sondern vom jungen Tintoretto. Das Wallraf zeigt das „Liebeslabyrinth“ der Royal Collection erstmals im Dialog mit gleichzeitig entstandenen Meisterwerken des Italieners.

Eine besonders aufregende Neuentdeckung ist die „Fußwaschung“ aus dem Musée de Grenoble – ein bislang unbekanntes, großes und ehrgeiziges Frühwerk Tintorettos. Denn dieses in Köln jetzt ausgestellte Gemälde bildet gleichsam den Probelauf zum Monumentalbild gleichen Themas im Madrider Prado.

Auch dem Porträtisten Tintoretto kann nun ein wichtiges Werk neu zugeschrieben werden: das bislang als Arbeit von Annibale Carracci geltende, atemberaubende „Bildnis eines Mannes“ (Florenz, Palazzo Pitti). Im Wallraf ist zu besichtigen, wie dieses packende Porträt weit über die eigene Epoche vorausweist – auf die skizzenhafte Malerei eines Frans Hals und die Psychologie eines Théodore Géricault.

Überraschend selbst für Spezialisten sind mehrere Gemälde, die man bislang nur aus Abbildungen kannte. Als Leihgaben aus diversen Privatsammlungen zeugen sie im Wallraf nun von der Vielseitigkeit und dem Einfallsreichtum des jungen Tintoretto.

Jacopo kommt in Venedig als Sohn eines Färbers zur Welt – auf ein präzises Geburtsdatum hat sich die Forschung bisher nicht einigen können. Ohne Rücksicht auf sein finanzielles Auskommen und getrieben von unbändigem Ehrgeiz malt er schon als Teenager wie ein Besessener. Ganz Venedig scheint er mit seinen Bildern überziehen zu wollen. So bestückt er die Kirchen, genossenschaftlichen Versammlungshäuser und Paläste der Lagunenstadt mit traumhaften Parallelwelten, bevölkert von Mensch und Tier: riesigen Leinwänden voller Zeichen und Wunder, Ereignisse und Visionen – darunter das kolossale „Paradies“ im Dogenpalast, eines der größten je gemalten Ölbilder.

Schon in seinem Frühwerk zeigt Tintoretto eine unnachahmliche Erzählkunst, die ihm bei Jean-Paul Sartre den Ehrentitel des „ersten Filmregisseurs“ eintrug. Wie kein anderer venezianische Maler reflektiert Tintoretto die Lebenswirklichkeit seiner Heimatstadt. Auf durchaus riskante Weise spiegelt er auch die sozialen und religiösen Spannungen seiner Zeit. So zeugen seine Bilder von Glanz und Elend einer untergehenden Großmacht.

Religiöse, allegorische, erotische Gemälde sowie Porträts des jungen Tintoretto kommen in der Kölner Ausstellung zusammen. Sie begegnen hier eng verwandten Werken seiner künstlerischen Vorbilder und Konkurrenten wie zum Beispiel Jacopo Palma il Vecchio, Andrea Schiavone, Paris Bordone und Francesco Salviati. Ausgewählte Zeichnungen, Druckgraphiken und Skulpturen verdeutlichen den außergewöhnlich weiten Horizont des auf-strebenden Malers. Die brodelnde Kunstszene ‚seines‘ Venedig erwacht auf diese Weise zum Leben.

Einst selbst ein Moderner, wurde Jacopo zum zeitlosen Vorbild für nachfolgende Künstlergenerationen. Davon zeugt jetzt im Wallraf eine gigantische Tintoretto-Hommage des Katalanen Jorge Pombo (*1973).

 

Raffael

Die Albertina zeigt die erste monografische Schau, die Raffaels Werk in Österreich präsentiert. Im Zentrum der Ausstellung steht das Denken und die Konzeption Raffaels, von ersten spontanen Ideenskizzen über virtuose Detailstudien bis hin zu Kompositionsstudien und insgesamt 18 ausgeführten Gemälden.
Mit rund 130 Zeichnungen werden sämtliche bedeutende Projekte aus allen Schaffensphasen des Künstlers nachvollziehbar, zahlreiche Werke aus der eigenen Sammlung sowie Leihgaben namhafter Museen veranschaulichen die Arbeit des Meisters der Hochrenaissance.

Franz Marc und Hinterglasmalerei zwischen Volkskunst und Avantgarde

Franz Marc
Wie sieht ein Pferd die Welt?

»Gibt es für einen Künstler eine geheimnisvollere Idee als die, wie sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein Pferd die Welt oder ein Adler,
ein Reh, ein Hund?« – Als Franz Marc 1911/12 diese Zeilen schrieb, hatte er in jahrelanger, intensiver Arbeit die Komposition für seine großen Pferdebilder entwickelt, für seine heute so bekannten und beliebten Gemälde, auf denen die Tiere und ihre innige Verbindung zur Natur das zentrale Motiv sind und zum Symbol für sein Natur- und Weltverständnis werden.
Marcs Gemälde »Große Landschaft I«, seit 2016 neu in der Sammlung des Franz Marc Museums, bezeichnet die letzte Etappe auf dem Weg dorthin. Die wissenschaftliche Untersuchung des Gemäldes, die im Doerner Institut in München durchgeführt wurde, ließ den spannungsvollen kreativen Prozess, in dem es entstand, nachvollziehen und führte zur Entdeckung mehrerer vom Künstler abgetrennter Teilstücke des Werks. Die Ausstellung präsentiert diese Untersuchungsergebnisse sowie die wiederentdeckten Fragmente aus Stuttgart und New York und bietet mit zahlreichen Zeichnungen, Gemälden und Arbeiten auf Papier Einblick in das Atelier des Künstlers.
Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Doerner Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München.

Hinterglasmalerei
zwischen Volkskunst und Avantgarde

Die Künstler und Künstlerinnen des »Blauen Reiters« waren fasziniert von allen antiakademischen Kunstäußerungen. Besonders schätzten sie die traditionelle bayerische Hinterglasmalerei mit ihren strahlenden Farben. Die Ausstellung zeigt in zwei Kapiteln, wie die Technik der Hinterglasmalerei den Künstlern als Inspiration und künstlerisches Experimentierfeld diente.
Im Zentrum stehen zwei Schlüsselwerke aus dem Kreis des »Blauen Reiters«: Gabriele Münters Ölgemälde, »Mann im Sessel« (Paul Klee), wird in einem Kabinett als Teil einer Rauminstallation präsentiert. So entsteht ein atmosphärischer Eindruck der Lebenswelt der Künstlergruppe des »Blauen Reiters«. Dies ist auch das Thema des zweiten Kabinetts. Dort sind erstmals das Hinterglasbild Franz Marcs, »Landschaft mit Tieren und Regenbogen« sowie die nach ihm entstandene Stickerei seiner Frau Maria Marc in direkter Gegenüberstellung zu sehen.

Die Ausstellung ist Teil der Reihe »Das Blaue Land hinter Glas« der MuSeenLandschaft Expressionismus. Parallel sind Ausstellungen im Buchheim Museum, Bernried, im Schloßmuseum Murnau und im Museum Penzberg – Sammlung Campendonk zu sehen. www.museenlandschaft-expressionismus.de

 

 

 

 

 

 

 

ERÖFFNUNG WELTMUSEUM WIEN

Nach drei Jahren Umbau ist es endlich so weit: Das neu gestaltete Weltmuseum Wien nach Plänen des renommierten Architekten- und Designerteams Hoskins Architects/Ralph Appelbaum Associates wird am 25. Oktober mit einer neu konzipierten Schausammlung und mehreren Sonderausstellungen wiedereröffnet.
Das wird gefeiert – mit einem sinnlichen Kaleidoskop aus theatralischen und musikalischen Splittern unterschiedlicher Kulturen auf einer Open-Air-Bühne am Heldenplatz unter der künstlerischen Leitung von André Heller. Nach der Show und am 26. Oktober kann das neue Museum mit seinen weltberühmten Objekten bei freiem Eintritt besichtigt werden.
Das Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich mit der kulturellen Vielfalt der Menschheit zu befassen und mit seinen weltumspannenden Sammlungen Österreichs reichhaltige historische Beziehungen zur Welt zu dokumentieren.
Weitere Informationen unter: www.weltmuseumwien.at

Paul Klee – Die abstrakte Dimension

Zum ersten Mal
überhaupt wird im Rahmen dieser Ausstellung Klees Verhältnis zur Abstraktion, jener Errungenschaft
der modernen Malerei, beleuchtet.
Wie viele seiner europäischen Künstlerkollegen stellte sich auch Paul Klee dieser Herausforderung. In
seinem Oeuvre lassen sich vom Früh- bis Spätwerk Beispiele für die Abkehr vom Gegenständlichen hin
zur Gestaltung abstrakter Bildwelten beobachten. Natur, Architektur, Musik und Schriftzeichen sind die
zentralen, wiederkehrenden Themen. Anhand von 110 Werken aus 12 Ländern rückt die Ausstellung
diesen bislang unbeachtet gebliebenen Aspekt von Klees Schaffen in den Fokus.
Beginnend im Jahr 1912 zeigt die retrospektiv gestaltete Ausstellung verschiedene Werkgruppen in
chronologischer Reihenfolge , anhand derer sich die entscheidenden Etappen von Klees Entwicklung
nachverfolgen lassen: Die sich über sieben Säle erstreckende Schau beginnt mit Klees Anfängen als
Maler in den 1910er Jahren in München und der berühmten Tunis-Reise von 1914, thematisiert
folgend die Zeit des Ersten Weltkrieges und des Bauhaus-Jahrzehnts von 1921 bis 1931 mit den
bekannten Schachbrettbildern, Schichtaquarellen und Werken, die auf die Auseinandersetzung mit der
Geometrischen Abstraktion in den 1930er Jahren verweisen. Die Gemälde, die im Anschluss an Klees
Reisen nach Italien und Ägypten in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren entstanden, führen
schliesslich zu den Zeichenbildern im Spätwerk des Malers sowie seinen Bildentwürfen für die
Nachkriegskunst.
Für die gross angelegte Ausstellung konnte die Fondation Beyeler eine Vielzahl von wertvollen
Leihgaben aus 35 international bedeutenden Museen und öffentlichen Sammlungen gewinnen,
darunter das Metropolitan Museum und das Museum of Modern Art in New York, das Centre Pompidou
in Paris, die Albertina in Wien, die Staatlichen Museen zu Berlin – Sammlung Berggruen, die
Kunstsammlung Nordrhein-Westfahlen in Düsseldorf, die Sammlung Rosengart in Luzern, das
Kunstmuseum Basel sowie das Zentrum Paul Klee in Bern. Zudem zeigt die Werkschau 52 Werke aus
Privatsammlungen aus Europa und Übersee, die der Öffentlichkeit sonst nicht oder nur selten
zugänglich sind. 13 Gemälde kommen aus dem Zentrum Paul Klee und 10 Werke stammen aus der
eigenen Sammlung der Fondation Beyeler.
Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören die Werkgruppen der Schachbrettbilder, insbesondere
Blühender Baum, 1925, 119 aus dem Nationalmuseum für moderne Kunst, Tokio, und Blühendes
1934, 199 aus dem Kunstmuseum Winterthur sowie die Schichtaquarelle. Ein weiteres Highlight der
Ausstellung ist das so genannte Lagenbild Feuer Abends, 1929, 95 aus dem Museum of Modern Art,
New York. Weitere prominente Werke sind die pointillistischen Gemälde Klaerung, 1932, 66 aus dem
Metropolitan Museum New York sowie das bisher nur selten gezeigte Werk Vor Anker, 1932, 22.
Mit 20 Werken zählt Paul Klee zusammen mit Pablo Picasso zu den Künstlern, die in der Sammlung
Beyeler am meisten vertreten sind. Für Ernst Beyeler gehörte Klee zu den bedeutendsten Malern des
20. Jahrhunderts. Eine der ersten Ausstellungen in der Galerie Beyeler an der Bäumleingasse war 1952
Paul Klee gewidmet; weitere Schauen, die verschiedene Aspekte in Klees Schaffen beleuchteten,
folgten. Ernst Beyeler hat mit rund 570 Werken des Künstlers gehandelt. Seine Sammlungspassion galt
hauptsächlich dem Spätwerk Klees, das er „wegen der farblichen Qualität und der Ausdrucksstärke“
besonders schätzte. Im Laufe der Jahre ist es ihm gelungen, eine hochkarätige Sammlung
zusammenzutragen, zu deren Schlüsselwerken Gemälde wie Aufgehender Stern, 1931, 230 sowie
Zeichen in Gelb, 1937, 210 zählen; beide Werke werden in der Ausstellung zu sehen sein.
Anna Szech, die Kuratorin der Ausstellung, erläutert: „Es war überraschend und sehr spannend, im gut
erforschten Schaffen von Klee einen neuen Aspekt zu entdecken. Indem wir diesen bislang weitgehend
unbeachtet gebliebenen Beitrag Klees zur Abstraktion in den Fokus rücken, zeigen wir, dass ihm ein
ehrenvoller und durchaus prominenter Platz auch in der Geschichte der abstrakten Malerei des 20.
Jahrhunderts gebührt“.
Sam Keller, Direktor der Fondation Beyeler, ergänzt: „Paul Klee ist mit Picasso der Künstler, der am
meisten in der Sammlung Beyeler vertreten ist. Es freut mich besonders, dass wir diesem bedeutendem
Künstler der Moderne zum zwanzigsten Geburtstagsjahr der Fondation Beyeler eine umfassende
Ausstellung widmen wie es sie noch nie gab.“
Dem Katalog zur Ausstellung, der im Hatje Cantz Verlag erscheint, gebührt dieses Mal eine besondere
Erwähnung. Neben den Kunsthistorikerinnen und Klee-Kennerinnen Fabienne Eggelhöfer und Regina
Prange konnten als Autoren Persönlichkeiten gewonnen werden, deren Namen zwar in der
Kleeforschung nicht vertreten sind, die aber in ihren jeweiligen Berufsfeldern Meister ihres Faches sind
und die sich bereit erklärt haben, das Werk Klees unter eigenen Gesichtspunkten zu untersuchen. So
führt der griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis seine Gedanken zum Thema Musik aus, die
US-Amerikanische Künstlerin Jenny Holzer befasst sich mit den Zeichen in Klees Gemälden, und der
Schweizer Architekt Peter Zumthor widmet sich den architektonischen Elementen, die sich in Klees
Werken offenbaren.
Die Ausstellung „Paul Klee – Die abstrakte Dimension“ wird grosszügig unterstützt durch:
Beyeler-Stiftung
Hansjörg Wyss, Wyss Foundation
Simone C. und Peter Forcart-Staehelin
Annetta Grisard
L. & Th. La Roche Stiftung
Walter Haefner Stiftung

ALICE NEEL – PAINTER OF MODERN LIFE

Alice Neel (1900–1984) gehört zu den bedeutendsten amerikanischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war Zeugin eines Jahrhunderts im Wandel, das sie in ihren ausdrucksstarken, psychologisch tiefgründigen Bildern festgehalten hat. Mit ihrem einfühlsamen Blick und virtuosen malerischen Können dringt Neel zum Kern der Person vor. In ihrem Frühwerk zeigt sich die Verbindung zum deutschen Expressionismus und zur Neuen Sachlichkeit, während ihr Spätwerk sie zur einflussreichsten Porträtistin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts macht.

In der Ausstellung der Deichtorhallen Hamburg werden rund 110 Werke aus sechs Jahrzehnten gezeigt: von frühen Arbeiten aus dem Jahr 1926 bis hin zu Werken aus dem Jahr 1984, dem Todesjahr der Künstlerin. Ergänzt durch Stillleben und Stadtansichten zeigt die Ausstellung erstmals in Deutschland einen umfassenden Überblick über das Schaffen dieser Ausnahmekünstlerin.

Ihr Hauptwerk entstand in ihrer New Yorker Nachbarschaft, in Greenwich Village, Spanish Harlem und schließlich an der Upper West Side. Alice Neel hat zahlreiche Mitglieder der Kulturszene New Yorks gemalt, unter anderem den Pop-Art-Künstler Andy Warhol, der dieses Bildnis als das beste von ihm je geschaffene bezeichnete. Darüber hinaus porträtierte sie Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn oder zufällige Bekanntschaften. Neels Aufmerksamkeit galt aber gleichermaßen den Unterprivilegierten, den Armen und Diskriminierten. Sie führte ein äußerst bewegtes Leben als alleinerziehende Mutter und Mitglied der New Yorker Künstlerszene, – sie engagierte sich Zeit ihres Lebens politisch, sympathisierte mit dem Kommunismus und wurde zum Symbol der Frauenrechtsbewegung.

Die umfangreiche Schau wurde von Jeremy Lewison kuratiert, einem führenden Experten für Neels Werk, der als Berater für den Estate von Alice Neel tätig ist. »Bereits früh in ihrer Karriere hat Neel radikale, freimütige Aktporträts von Frauen und Männern gemalt, die sich stark von den Werken ihrer Zeitgenossen unterschieden. Mit einem besonderen Feingefühl gelang es ihr immer, den Zeitgeist einer Epoche einzufangen. Das Porträt von Jackie Curtis und Ritta Redd – eines ihrer bekanntesten – fängt in einzigartiger Weise das freie Leben der Mitglieder von Andy Warhols Factory ein. Curtis wurde in Lou Reeds berühmten Lied Walk on the Wild Side erwähnt« – so Jeremy Lewison.

Auf breitere Anerkennung in der Kunstwelt musste Neel bis Mitte der 1970er Jahre warten. Kritiker bemängelten ihren realistischen Stil als Rückkehr zum vorigen Jahrhundert. Dennoch sind die kraftvollen Bilder von Alice Neel schon zu ihren Lebzeiten Inspiration für zahlreiche Künstlerinnen und Künstler gewesen. Zu ihren Bewunderern zählen u.a. Chuck Close, Marlene Dumas, Alex Katz und Elizabeth Peyton.

Zahlreiche Museen und private Sammler haben Leihgaben für die Ausstellung zur Verfügung gestellt, darunter das Museum of Modern Art, das Whitney Museum of American Art und das Metropolitan Museum of Art in New York, die Tate London sowie das Moderna Museet in Stockholm. Die für Hamburg um rund 40 Arbeiten erweiterte Ausstellung ist die vierte und letzte Station einer internationalen Ausstellungstournee, die vom Ateneum in Helsinki organisiert wurde; vorher war die Schau in Helsinki, Den Haag und Arles zu sehen.

 

 

ALEXANDER KLUGE. GÄRTEN DER KOOPERATION

Die Ausstellung basiert auf der gleichnamigen umfassenden Einzelausstellung
des Schriftstellers, Filmemachers und Theoretikers Alexander Kluge, die
2016 im Kunstzentrum La Virreina Centre de la Imatge in Barcelona zu sehen
war. In enger Zusammenarbeit mit der La Virreina sowie Alexander Kluge
selbst hat der Württembergische Kunstverein eine Neufassung und
Erweiterung von sieben Einzelaspekten dieses Projektes entwickelt. Mit
Themen wie Kooperation, Emanzipation und Oper stehen zentrale Motive von
Alexander Kluges ästhetischer, theoretischer und politischer Praxis im
Vordergrund der Ausstellung. Diese vertiefend kreist sie um sieben
„Inseln“, die Aspekte wie die Mündlichkeit, die „Macht der
Gefühle“ oder das Ausgraben verschütteter Pfade der Emanzipation
aufgreifen.

 

Hinter der Maske. Künstler in der DDR

In der ersten Ausstellung zu seinem Sammlungsschwerpunkt Kunst in der DDR nimmt das Museum Barberini die Selbstdarstellung von Künstlerinnen und Künstlern in den Blick. Die Schau zeigt die Vielgestaltigkeit der künstlerischen Selbstbehauptung, die Künstler in einem Staat fanden, der Kunst eine politische und erzieherische Funktion zuschrieb und sie reglementierte. Doch macht die Ausstellung nicht die politischen Bedingungen zu ihrem Ausgangspunkt, sondern richtet den Blick auf die künstlerische Selbstwahrnehmung und -inszenierung.

Der bildenden Kunst in der DDR war eine staatstragende Funktion zugeschrieben. Eigensinn und Selbstverständnis der Künstler gingen jedoch weit darüber hinaus. Mit Hinter der Maske. Künstler in der DDR widmet sich das Museum Barberini der Künstlerpersönlichkeit in der DDR und ihrer Selbstinszenierung im Spannungsfeld von Rollenbild und Rückzug, verordnetem Kollektivismus und schöpferischer Individualität.

Die Sicht des Künstlers auf sich selbst kommt in Selbst- und Gruppenbildnissen oder Rollenbildern zum Ausdruck. Diese in der abendländischen Kunst seit der Renaissance tradierten Bildgattungen wurden in der Malerei der DDR ebenso fortgeführt wie das Genre der Atelierbilder. Neben diesen überlieferten Motiven und Themen zeigt die Ausstellung auch die Hinwendung zur Abstraktion als künstlerische Absage an einen Gesellschaftsbezug oder den Einsatz des eigenen Körpers, der in performativen Ansätzen der späten 1980er Jahre zum Tragen kam.

Zahlreiche Ausstellungen haben sich seit 1989 mit der Kunst in der DDR beschäftigt. Dabei standen zumeist politische Aspekte im Vordergrund – von der Problematik der staatlichen Auftragskunst (Berlin 1995) über den Diktaturenvergleich (Weimar 1999) bis zum oppositionellen Potential (Berlin 2016). Nach diesen politischen und soziologischen Blickwinkeln fokussiert Hinter der Maske. Künstler in der DDR, wie die Künstler im kritischen Blick nach innen ihr Selbstverständnis und ihr Verhältnis zur vorgeschriebenen Aufgabe reflektierten und wo und wie sie trotz staatlicher Vorgaben Spielräume für die künstlerische Kreativität fanden. Durch diesen thematischen Zugang kann der Blick von soziologischen und ideologischen Aspekten auf die Werke im eigentlichen Sinne gerichtet werden, ohne die Kunst jedoch zu dekontextualisieren.

Mit dieser Ausstellung beginnt das Museum Barberini die Erforschung der eigenen Sammlung zur Kunst in der DDR, die in der deutschen Kunstgeschichte immer noch eine marginalisierte Position einnimmt. Ausgehend vom eigenen Bestand, von dem zehn Werke gezeigt werden, versammelt die Ausstellung über 100 Arbeiten von rund 80 Künstlern (darunter 20 Künstlerinnen) aus den Bereichen Malerei, Photographie, Graphik, Collage und Skulptur.

Die Leihgaben stammen aus zahlreichen Museen, Galerien und Privatsammlungen. So u.a. aus dem Lindenau-Museum Altenburg; der Nationalgalerie Berlin; dem Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst Cottbus & Frankfurt (Oder); den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden; dem Kunstmuseum Moritzburg Halle; dem Museum der bildenden Künste Leipzig; der Tübke Stiftung Leipzig oder der Galerie Eigen + Art Leipzig/Berlin.

Unter den ausgestellten Werken befinden sich unter anderem Arbeiten von Karl-Heinz Adler (*1927), Gerhard Altenbourg (1926–1989), Strawalde (Jürgen Böttcher) (*1931), Hartwig Ebersbach (*1940), Hermann Glöckner (1889–1987), Hans-Hendrik Grimmling (*1947), Ulrich Hachulla (*1943), Bernhard Heisig (1925–2011), Wolfgang Mattheuer (1927–2004), Harald Metzkes (*1929), Michael Morgner (*1942), A. R. Penck (1939–2017), Stefan Plenkers (*1945), Evelyn Richter (*1930), Arno Rink (*1940), Theodor Rosenhauer (1901–1996), Willi Sitte (1921–2013), Werner Tübke (1929–2004), Elisabeth Voigt (1893–1977), Dieter Weidenbach (*1945), Trak Wendisch (*1958) und der Künstlergruppe Clara Mosch.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Valerie Hortolani und Michael Philipp.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Prestel Verlag, der rund 270 Seiten umfasst. Der Katalog wird im Museumsshop für € 29,95 und im Buchhandel für € 39,95 erhältlich sein. Er enthält Beiträge von Valerie Hortolani, Museum Barberini, Potsdam; Petra Lange-Berndt, Universität Hamburg; Michael Philipp, Museum Barberini, Potsdam; Carolin Quermann, Städtische Galerie Dresden und Martin Schieder, Universität Leipzig.

Parallel zur Ausstellung Hinter der Maske. Künstler in der DDR zeigt das Museum Barberini als dokumentarische Präsentation die so genannte Galerie aus dem Palast der Republik. Die 16 großformatigen Bilder können als Zeugnis der 1971 ausgerufenen staatlichen Leitlinie „Weite und Vielfalt“ betrachtet werden. Vor dem Hintergrund dieser staatlichen Repräsentationskunst wird umso deutlicher, wie reich das Kunstleben in der DDR war, das sich jenseits davon entfaltete und in der Schau Hinter der Maske zu sehen ist.
Zur Präsentation der Palast-Galerie erscheint eine Dokumentation mit Texten von Michael Philipp, Museum Barberini, die 96 Seiten umfasst und im Museumsshop und im Buchhandel erhältlich sein wird.

ROBERT FRANK

Robert Franks zwischen 1955 und 1956 aufgenommene Werkgruppe The Americans schrieb Fotogeschichte: Während eines Road Trips durch die USA aufgenommen, beleuchtet Frank in grimmigen schwarz-weiß Bildern den „American way of life“ der Nachkriegszeit, den er als von Rassismus, Gewalt und Konsumkultur geprägt zeigt. Damit gelingt ihm eine der einflussreichsten Foto-Arbeiten der Nachkriegszeit, die die Street-Photography nachhaltig erneuert. In der Albertina lässt sich Franks künstlerischer Werdegang von seinen frühen, auf Reisen in Europa entstandenen Fotografien bis zu seinem späten introspektiven Œuvre nachvollziehen.

 

 

 

SETH PRICE SOCIAL SYNTHETIC

 

Das Museum Brandhorst präsentiert die international erste Überblicksausstellung des US-amerikanischen Künstlers Seth Price (*1973). Die mehr als 100 Werke umfassende Ausstellung zeigt Skulpturen, Filme, Fotografien, Zeichnungen, Malerei, Videos, Kleider und Textilien, Web-Design, Musik und Dichtung. Price dringt seit seinen künstlerischen Anfängen programmatisch in Territorien jenseits der bildenden Kunst vor. Er greift die Produktions- und Vertriebsformen der Musikindustrie, der Modewelt und des Literaturbetriebs auf und nutzt ihre Dynamiken für seine Kunst. Dabei beschäftigt er sich mit den fundamentalen Veränderungen der visuellen Kultur, die mit der flächendeckenden Etablierung digitaler Medien der jüngsten Gegenwart einhergehen.

Seth Price gehört jener Generation an, die noch vor der Etablierung des Internets geboren wurde und seine Ausbreitung in allen Schritten hautnah miterlebt hat: die ersten Computerspiele und -programme der 1980er-Jahre, die demonstrativ ihre pixeligen Ästhetiken zur Schau stellten; das Internet als Ort politischer Utopien der 1990er-Jahre, die in der neuen Technologie demokratisierende Potentiale vermuteten; und schließlich die alle Lebensbereiche durchdringende Digitalisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch Web 2.0 und Smartphone. Die Digitalisierung fungiert ab 2001 zunehmend als Katalysator aufziehender gesellschaftlicher Krisen, vom „War on Terror“, der auch als Krieg der Bilder geführt wurde, bis zu den Krisen des Finanzsystems. Die künstlerische Praxis von Seth Price entwickelt sich entlang dieser Konflikte und der Begehrensmuster, die das Leben in einer globalen neoliberalen Gesellschaft antreiben.

Eines der zentralen Themen in Prices Arbeiten ist der bedrohte Status des Subjekts. Angesichts der dramatischen Umwälzungen einer mediatisierten Gegenwart zieht sich dieses Selbst zunehmend an seine Oberflächen zurück oder scheint in seiner Abwesenheit auf: die „Vacuum Forms“ (2004-12) zeigen in Kunststoff abgeformte Körperteile, die „Silhouettes“ (2007-09) greifen digitale Aufnahmen aus dem Internet auf, die intime Gesten menschlicher Verständigung – wie der Handschlag oder Kuss – nur noch als Negativraum fassbar werden lassen, und die im Untergeschoss des Museums Brandhorst gezeigten Leuchtkästen (2016-17) basieren auf tausenden Fotografien menschlicher Haut, die unter der Verwendung einer Satellitensoftware zu einem einzigen Bild zusammengefügt wurden. Einige der Werke besitzen keine feste Form, sondern können je nach Raum und Kontext unterschiedlich installiert werden: Geknickt, gefaltet, ausgerollt oder zerknittert werden sie an Wände, Decke oder auf dem Boden platziert. Sie spielen nicht zuletzt auf die Flexibilität und Ortlosigkeit der digital zirkulierenden Bilddateien – im Falle der „Mylar Sculptures“ (2004-08) handelt es sich um Standbilder aus dschihadistischen Propagandavideos – an.

Die in der Ausstellung gezeigten Werke vermitteln ein Bild der emotionalen Landschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts. Wir sehen Fleisch und Haut, kommerzielle Logos, Abfall und Trash, Mode und Design, Verpackungen, Horrorbilder, leuchtende Screens, Humor und Brutalität, Computerspiele und Luxusobjekte. Einzelne Arbeiten besitzen inzwischen einen geradezu ikonischen Status. In seinen „Vintage Bombers“ etwa reflektiert Price den Mechanismus ständiger Reproduktion und Umwertung im digitalen Zeitalter. Während des 1. Weltkriegs für Piloten entwickelt, wurde die Bomberjacke bald zum Emblem konkurrierender Identitätsmuster. Als Modeartikel wurde sie zum Aushängeschild von Subkulturen wie der Punk- und Skinheadszene. Später wurde sie zum Signet von Hetero- und für Homosexualität, und erlebt in den letzten Jahren ein Revival sowohl als Massenware wie als Haute Couture. Festgefroren in ein Objekt, der linke Ärmel hängt schlaff herab, zeigen die „Vintage Bombers“ die Hülle menschlicher Präsenz, die zunehmend von kommerziellen Interessen und gesellschaftlichen Vereinnahmungen bestimmt wird.

„Seth Price – Social Synthetic“ ist eine Kollaboration des Museums Brandhorst mit dem Stedelijk Museum Amsterdam, wo die Ausstellung vom 15. April bis 03. September 2017 zu sehen war. Die Ausstellung wurde kuratiert von Achim Hochdörfer, Tonio Kröner und Beatrix Ruf, Direktorin des Stedelijk Museum Amsterdam, in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler. Eine neue, eigens für die Ausstellung produzierte Werkserie schließt die im Jahr 2000 einsetzende Präsentation der vielseitigen und einflussreichen Praxis von Seth Price ab.

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog mit Text-Beiträgen von Cory Arcangel, Ed Halter, Achim Hochdörfer, Branden Joseph, John Kelsey, Michelle Kuo, Arianne Reines, und einem Gespräch zwischen Rachel Kushner und Laura Owens erschienen (356 Seiten, ca. 400 farbige Abbildungen).

VON DER KUNST, EIN TEEHAUS ZU BAUEN

Exkursionen in die japanische Ästhetik
Ausgangspunkt der musealen Entdeckungsreise ist das traditionelle japanische Teehaus, ein Ort
spiritueller Praxis. Begründet wurde diese Praxis durch den berühmten Teemeister Sen no Rikyû
(1522–1591), der die Teezeremonie als ein synästhetisches Ereignis verstand. Teehäuser, so
Rikyûs Empfehlung, sollen betont einfach sein und aus Materialien bestehen, die dem Verschleiß
und den Witterungseinflüssen kaum widerstehen können. Aus der japanischen Teekultur
und ihrer Verbindung zum Zen-Buddhismus geht eine Ästhetik der Leichtigkeit, der Fragilität
und des Ephemeren hervor, der wir Objekte von überwältigender Schönheit verdanken.
Die Ausstellung bietet neue Zugänge zu den essentiellen Gedanken einer ästhetischen Praxis der
Transformation. In ihr wird das einfache Teetrinken zum zeremoniellen Akt. Alltägliche Verrichtungen
und Gegenstände werden zum Ausgangspunkt einer Mediation über Materie und Zeit.
Das hierfür geschaffene Teehaus ist der Ort einer raum-zeitlichen Verdichtung. In ihm erhält
das Banale Bedeutung und die alltägliche Einfachheit den Glanz des Besonderen. Die Teezeremonie
suspendiert den Fluss der Zeit. Sie zelebriert den reinen, unwiederholbaren Moment. Ereignen
kann sie sich jedoch nur, wenn die Mitwirkenden ihrerseits zu einer Selbst-Transformation
bereit sind. Denn erst durch die Veränderung ihrer je eigenen Wahrnehmung wird der „Weg des Tees“ zu einer ästhetischen Praxis, in der die strikte Trennung von Kunst und Leben
überwunden wird.
In der Ausstellung werden die grundlegenden Gedanken der japanischen Tee-Ästhetik im Rahmen
von sieben thematischen Sektionen entfaltet und erlebbar gemacht. Die in den Sektionen
ausgestellten Werke aus Kunst, Architektur, Design und Fotografie sind Teil einer kulturgeschichtlichen
Entwicklung. Die Autorinnen und Autoren der ausgestellten Werke vollbringen
gewandte Transferleistungen: Im Dialog mit handwerklichen und gestalterischen Traditionen
aktualisieren sie die zentralen Motive und Themen der Teekultur unter Verwendung aktueller
Werkstoffe und innovativer Formen.
Die Sektion Flüchtigkeit und Impermanenz (Mujô) verweist auf die buddhistischen Wurzeln
der japanischen Ästhetik, in der die Vergänglichkeit von Dingen Teil ihrer Schönheit ist. So
gründet die Gestaltung des von Kengo Kuma erdachten Pavillon Hôjô-an ganz in der Fragilität
von Materialien und konstruktiven Verbindungen. Die Werke von Atelier Bow-Wow und von
Wajiro Kon in der Sektion Rekonstruktion und Dekonstruktion verweisen auf zyklische Prozesse,
geprägt durch Zerstörung, Formverlust und Wiederaufbau. Katastrophen sowie ihre
Überwindung werden hier zu Sujets künstlerischer Auseinandersetzung. Werke von Hiroshi
Sugimoto und Yasuaki Onishi bereichern das Kapitel Fließende Grenzen durch Darstellungen
von Stofflichkeit an der Grenze des Wahrnehmbaren. Der Bereich Natur und Artefakt vereint
Werke, die ihren ästhetischen Reiz aus dem Sichtbarmachen natürlicher Prozesse beziehen. Unter
dem Titel Neues Handwerk sind Objekte versammelt, in denen Handwerkstraditionen von
Jahrhunderte altem Bestand eine zeitgenössische Würdigung und Erneuerung erfahren. In der
Sektion Der Wert der Unvollkommenheit bietet eine Auswahl von herausragenden Werken
Einblicke in das breite Spektrum der zeitgenössischen japanischen Keramik. Vermittelt durch
Werke textiler Kunst verweist die Sektion Schnitt und Kontinuität auf Vorstellungen von Ganzheit
und Fragment als zentrales Gehalt der japanischen Ästhetik.

Beteiligte Künstler sind unter anderem: Atelier Bow Wow (Architektur), Masaki FUJIHATA
(Neue Medien), Naoya HATAKEYAMA (Fotografie), Hosoo (Textile Kunst), Intermediatheque
/ The University Museum, the University of Tokyo (Installation), Kaikado (Kunsthandwerk),
Kamisoe (Papier), Takahiro KONDO (Keramik), Kengo KUMA (Architektur), Issey MIYAKE
(Mode), Makoto OFUNE (Kunstinstallation), Yasuaki ONISHI (Kunstinstallation), Hiroshi
SUGIMOTO (Fotografie), Reijiro WADA (Skulptur/Installation).

Die Ausstellung ist eine Kooperation des Neuen Museums mit den Gast-Kuratoren
Murielle Hladik und Axel Sowa.
Parallel zur Ausstellung ist in der Sammlung die Präsentation Ikko Tanaka. Plakate aus Japan zu
sehen. Eine Kooperation des Neuen Museums mit der Neuen Sammlung – The Design Museum.
Kuratorin: Dr. Corinna Rösner
ZU DEN GAST-KURATOREN
Dr. Murielle Hladik ist Architektin, Doktorin der Philosophie und Kuratorin. Sie ist Mitglied des
französischen Forschungsnetzwerkes JAPARCHI. Jüngst wurde ihre Ausstellung Design & Innovation
– Materiality & Immateriality in der ddd gallery in Kyoto (Sept.– Okt. 2016) gezeigt.
Prof. Axel Sowa ist Autor und Kritiker. Er lehrt Architekturtheorie an der RWTH Aachen University
und ist Herausgeber der Zeitschrift Candide. Journal for Architectural Knowledge, die im
Verlag Hatje Cantz erscheint.

Araki.Tokyo

Der Japaner Nobuyoshi Araki (*1940) zählt zu den wohl produktivsten, aber auch provokativsten Fotografen unserer Zeit. Seit den 1960er-Jahren eignet sich Araki die ihn umgebende Welt täglich und obsessiv mit Hilfe der Kamera an, eine Aneignung, die bis heute in mehr als 500 Büchern und Hundertausenden von Fotografien Niederschlag gefunden hat. Sein künstlerisches Werk umspannt ein vielfältiges Spektrum an Themen, von hocherotischen Frauendarstellungen, die international großes Aufsehen erregten, über artifizielle Stillleben, Pflanzenfotografien, reportagehaft anmutende Alltagsdarstellungen und Architekturaufnahmen bis hin zu sehr persönlichen, fast tagebuchartigen Fotografien von sich und seiner früh verstorbenen Frau Yoko.

2004 konnte mit Unterstützung von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne die Originalvorlage von Arakis Buch „Tokyo“ erworben werden. Bestehend aus 28 exquisiten Diptychen zählt „Tokyo“ zu den frühesten eigenständigen Buchprojekten Arakis und erschien 1973 in kleiner Auflage, eingeleitet durch einen Text von Kōji Taki, dem legendären Gründer der avantgardistischen Zeitschrift „Provoke“. „Tokyo“ steht am Beginn der intensiven, bis heute andauernden Auseinandersetzung Arakis mit dem Lebens- und Stadtraum seiner Heimatstadt.

In dieser frühen, konzeptuell ausgerichteten Arbeit kombiniert der Künstler Momentaufnahmen namenloser Passanten, die er an belebten Straßenkreuzungen beobachtete, mit den anspielungsreichen erotischen Selbstinszenierungen einer jungen Frau. Die Kombination aus schnappschussartigen Straßenfotografien und den Aufnahmen eines in zunehmend eindeutigen sexuellen Posen in Szene gesetzten Frauenkörpers bedeuten für Araki bis heute die adäquate Form, Tokio zu beschreiben, eine Verbindung, die sein gesamtes fotografisches Werk kennzeichnet. Die Gegensätze zwischen anonym und vertraut, bekleidet und nackt wie Innen- und Außenwelt fungieren als subtile Verweise auf die Trennung zwischen öffentlicher und privater Lebenswelt, zwischen Traum und Wirklichkeit. Die Passanten erscheinen wie der Betrachter in der Rolle der anonymen Zuschauer und dringen zugleich in die verborgene Sphäre einer sich der Überwachung und Normierung entziehenden Stadt ein.

Die Ausstellung führt erstmals die nur als Unikat existierende „Tokyo“-Serie mit weiteren ikonischen Arbeiten aus dem Frühwerk zusammen. Neben umfänglichen Serien wie „The Past“ (1972) und „The Days We Were Happy“ (1972) sind die äußerst seltenen „Xerox Photo Alben“ sowie lange vergriffene Künstlerbücher Arakis aus den frühen 1970er-Jahren zu sehen, die verschiedene europäische Sammlungen als Leihgaben zur Verfügung gestellt haben. Mehr als vierzig Jahre nach dem ersten Erscheinen wird „Tokyo“ in einer bibliophilen Monographie nochmals publiziert, ergänzt mit dem erstmals auf Deutsch und Englisch verfügbaren Essay von Kōji Taki sowie Beiträgen von Yasufumi Nakamori und Inka Graeve Ingelmann. Die nur in limitierter Auflage verfügbare Publikation ist im Museumsshop erhältlich („Araki.Tokyo“, ISBN: 978-3-9818339-3-5, Museumsausgabe € 28,90).

Parallel zur Ausstellung „Araki.Tokyo“ wird die Dia-Projektion „Walking Piece“ (1966) gezeigt, die eine der frühsten Performances der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama (*1929) dokumentiert.

BEGLEITPROGRAMM

Begleitend zur Ausstellung „Araki.Tokyo“ lädt die Pinakothek der Moderne zu einer Reihe von Veranstaltungen ein. Den Auftakt bildet ein Vortrag über die Umbrüche und konzeptuelle Neuausrichtung der japanischen Fotografie in den späten 1960er- und 1970er-Jahren von Lena Fritsch, Kuratorin für moderne und zeitgenössische Kunst am Ashmolean Museum (Universität Oxford). Matinéen mit den berührenden Filmen „Tôkyô monogatari“ (Die Reise nach Tokio, 1953) und Shônen (Der Junge, 1969) der Großmeister des japanischen Kinos Yasujirô Ozu und Nagisa Ôshima richten den Blick auf den gesellschaftlichen Wandel der 1950er- und 1960er-Jahre in Japan. „Tôkyô monogatari“ ist zugleich der Film, der Nobuyoshi Araki dazu inspirierte, die Stadt Tokio als eine Geschichte zu begreifen und in Hunderttausenden von Bildern über sie zu erzählen. Ein besonderer Abend findet im FUTURO statt, einem Kunststoffhaus des finnischen Architekten Matti Suuronen, das vor dem Eingang zur Pinakothek der Moderne steht: Hier werden unter dem Titel „Schatten der Zeit“ drei Experimentalfilme von Shûji Terayama zu sehen sein, einem der wichtigsten Künstler der japanischen Avantgarde.

 

Die Impressionisten in der Normandie

Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster feiert in der großen Sonderausstellung „Die Impressionisten in der Normandie“ die Küsten Nordfrankreichs als Wiege des Impressionismus . Die Schau zeigt Werke von Claude Monet, Auguste Renoir, Alfred Sisley, Gustave Courbet u.a.. Mit rund 80 Gemälden handelt es sich um die größte Gemälde-Ausstellung seit Bestehen des Picasso-Museums.

„Wir zeigen die großen Entwicklungen der französischen Freiluftmalerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, so Museumsleiter Prof. Dr. Markus Müller. „Die Normandie bot den Malern des Impressionismus ein einzigartiges Naturschauspiel, das sie in ihren Gemälden einzufangen versuchten.“ Führende Impressionisten wie Claude Monet und Auguste Renoir stellten ihre Staffeleien unter freiem Himmel an den Stränden der Normandie auf, an malerischen Orten wie Pourville, Étretat oder Deauville, um Licht und Atmosphäre des französischen Nordens in ihren impressionistischen Bildkompositionen zu bannen.

„Die Ausstellung vereint über 60 Gemälde aus der Sammlung „Peindre en Normandie“, die die Schönheit dieser Region durch die Augen von Künstlern zeigt“, erklärt Alain Tapié, Mitbegründer der Sammlung und Kurator der Ausstellung. Die im Laufe der Jahre gewachsene Gemäldesammlung ist im Conseil régional de Normandie beheimatet. Im Rahmen von Sonderausstellungen waren die Werke bereits in den USA, in Japan und Südkorea, in Osteuropa und Skandinavien zu sehen. In Deutschland wird sie erstmalig in Münster gezeigt. Ergänzt wird die Kollektion durch Werke aus dem Musée des Beaux-Arts in Rouen, dem Pariser Musée Marmottan Monet, der Fondation Bemberg in Toulouse, dem Musée Eugène Boudin in Honfleur, dem Rijksmuseum Twenthe in Enschede sowie einer in Paris beheimateten Privatsammlung.

Die ausgewählten Werke spannen einen zeitlichen Bogen von der ersten Generation der französischen Freiluftmaler (Pleinairisten) aus den 1840er-Jahren bis hin zu den Avantgardeströmungen des frühen 20. Jahrhunderts. Im Zentrum steht hierbei die Generation der Impressionisten, die die Normandie und ihre pittoresken Orte als malerisches Biotop für sich entdeckten.

Picassos Natur
Parallel zu der Impressionisten-Schau kommt es auf der zweiten Etage des Picasso-Museums zu Begegnungen der tierischen Art. Picassos Eulen, Stiere, Tauben, Affen, Fische und Kröten treffen in der Ausstellung „Picassos Natur“ auf ihre Artgenossen aus der Zoologischen Sammlung des LWL-Museums für Naturkunde Münster (14. Oktober 2017 – 21. Januar 2018). Kurator Alexander Gaude aus dem Picasso-Museum konfrontiert gemeinsam mit seiner Co-Kuratorin Lisa Klepfer aus dem Naturkundemuseum ein lebensgroßes Kuhpräparat mit der Stierserie des Spaniers und hängt einen ausgestopften Affen an die Wand neben Picassos „Frau mit dem Affen“ aus dem Jahre 1954. Rund 50 Lithografien, Radierungen und Linolschnitte aus dem Picasso-Museum treten in einen anregenden Dialog mit 14 Exponaten des LWL.

Darüber hinaus erkundet die Ausstellung Picassos Beschäftigung mit der Darstellung des Menschen in der Geschichte der abendländischen Kunst: von seinen surrealistischen Experimenten mit anatomischen Fragmentierungen in Anlehnung an die Arbeiten berühmter Barockkünstler bis hin zu feingliedrigen Paraphrasen der physiognomischen Studien von Albrecht Dürer und William Hogarth. Picassos grafisches Werk demonstriert eindrücklich sein intensives Studium der künstlerischen Abbildung des Menschen.

Katalog „Die Impressionisten in der Normandie“
Hirmer Verlag, Preis im Museum: 26,90 Euro, Preis im Buchhandel: 39,90 Euro

 

NEVER ENDING STORIES

Der Loop in Kunst, Film, Architektur, Musik, Literatur und Kulturgeschichte

Die Ausstellung
Der Loop ist allgegenwärtig – ob in der Musik, im Internet, der Videokunst oder in Hotellobbys und Wohnzimmern, wo auf Monitoren Kaminfeuer endlos flackern oder Fische im Aquarium umherflirren… Zugleich ist der geschlossene Kreislauf, die Endlosschleife, spätestens seit der Antike ein Topos der Kulturgeschichte, Alchemie und Philosophie.

Mit „Never Ending Stories“ präsentiert das Kunstmuseum Wolfsburg erstmals eine formal und inhaltlich, räumlich sowie zeitlich breit angelegte, interdisziplinäre Recherche zum Phänomen der Endlosschleife in Kunst, Film, Architektur, Musik, Literatur und Kulturgeschichte.

Das Kreisen in geschlossenen Systemen spannt sich vom altägyptischen Ouroboros – der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt – bis zu zeitgenössischen Multimedia-Installationen und kennzeichnet, das macht seine besondere Bedeutung aus, in der mensch-lichen Psyche zugleich Trance, Traum und Trauma. Der eigens für die Ausstellung entwickelte Architekturparcours auf der Empore und in der großen Halle des Kunstmuseums Wolfsburg ermöglicht neben zahlreichen mentalen Rotationen auch räumlich-körperliche Erfahrungen des Loops.

Die Künstler
Adel Abdessemed, Abramović/Ulay, Francis Alÿs, Rosa Barba, Robert Barta, Thomas Bayrle, Max Beckmann, Joseph Beuys, Michel Blazy, Étienne-Louis Boullée, Marcel Broodthaers, Philip Corner, Julio Cortázar, Attila Csörgő, Salvador Dalí, Wim Delvoye, Marcel Duchamp, Thomas A. Edison, Maurits Cornelis Escher, Juan Esteban Fassio, Omer Fast, León Ferrari, Sandra Filic, Robert Filliou, Fischli/Weiss, Robert Fludd, Frank B. Gilbreth, Douglas Gordon, Rodney Graham, Max Grau, Anton Henning, Seikô Hirata, James Joyce, William Kentridge, Athanasius Kircher, Ragnar Kjartansson, Kraftwerk, Yayoi Kusama, Stanley Kubrick, Claude-Nicolas Ledoux, Tim Lewis, Sarah Lucas, Guillaume de Machaut, Michael Maier, Matthäus Merian d. Ä., Robert Müller, Juan Muñoz, Eadweard Muybridge, Bruce Nauman, OMA, Nam June Paik, Giambattista della Porta, Barbara Probst, Markus Raetz, Bridget Riley, Peter Roehr, Raymond Roussel, Erik Satie, Markus Schinwald, Gregor Schneider, Richard Serra, Shunsô Shôjû, Nedko Solakov, Daniel Spoerri, Gertrude Stein, Donna Summer, Roland Topor, Salla Tykkä, Günther Uecker, Andy Warhol u. a. m.

Der Katalog
Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen Grundlagenwerk in deutscher und englischer Ausgabe, herausgegeben von Ralf Beil, das das vielseitige Thema ebenso wissenschaftlich wie kreativ beleuchtet und darüber hinaus Werkkommentare zu den Exponaten der Schau versammelt. 13 eigens für das Katalogbuch erstellte Essays von Aleida Assmann, Jan Assmann, Ralf Beil, Norbert Bolz, Claudia Dillmann, Michael Glasmeier, Lars Jaeger, Joachim Kalka, Stefan Klein, Peter Kraut, Niklas Maak, Peter Sloterdijk und Franziska Stöhr treffen auf Werktexte von Stephanie Lovász und Michael Schultze sowie Quellentexte von Étienne-Louis Boullée, Julio Cortázar, Johann Wolfgang von Goethe, Kraftwerk, Friedrich Nietzsche, Platon und Simon Reynolds. Der Katalog, gestaltet von Eggers + Diaper, erscheint im Hatje Cantz Verlag. Die Hardcover-Publikation umfasst 360 Seiten mit rund 650 Abbildungen und kostet im Museumshop 45 €.

Der Kurator
Dr. Ralf Beil, Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, hat bereits zahlreiche interdisziplinäre Großprojekte erfolgreich realisiert, darunter auf der Mathildenhöhe Darmstadt „A House Full of Music. Strategien in Musik und Kunst“ (2012) oder am Kunstmuseum Wolfsburg „Wolfsburg Unlimited. Die Stadt als Weltlabor“ (2016). „Never Ending Stories“ schließt insbesondere an seine Ausstellung „Black Box. Der Schwarzraum in der Kunst“ (2001) im Kunstmuseum Bern an, wo es gleichfalls um die kreative Strukturanalyse eines Parameters von Kunst und Leben mit weitreichenden physischen sowie psychischen Implikationen ging.