Pluriversum der Bilder: Museum Folkwang zeigt Alexander Kluge

Das Museum Folkwang präsentiert anlässlich des 85. Geburtstags von Alexander Kluge die erste große Museumsausstellung des Filmemachers und Autors. Für Pluriversum  hat Alexander Kluge durchweg neue Arbeiten geschaffen und verlegt sein Werk erstmals in den musealen Raum. Er installiert in sechs multimedialen Räumen neue filmische Bildmontagen zusammen mit Objekten, darunter eine Fotografie von Thomas Demand, Glasplatten von Kerstin Brätsch und Lithografien von Paul Klee. Alexander Kluge gewährt zudem zum ersten Mal Einblicke in bisher unveröffentlichte Materialien und Filmsammlungen, die zwischen 1985 und 2007 entstanden sind.
Alexander Kluge ist einer der vielseitigsten Intellektuellen in Deutschland. Sein Werk kreist um die großen Themen der Moderne. Der Autor sammelt seine Rohstoffe aus historischen Ereignissen, kosmischen Begebenheiten, individuellen Erlebnissen, und entwickelt mit den Mitteln der Montage neue Werke. Ähnlich bringt er als Filmemacher Texte und Bilder in Konstellationen zueinander. Darüber hinaus besteht sein Werk aus literarischen und wissenschaftlichen Publikationen. Für die Ausstellung im Museum Folkwang hat Alexander Kluge seine Kernthemen in sechs Räumen konzentriert. Erstmals treten die Filme in Dialog mit Objekten, Kurzgeschichten, den Kunstwerken anderer Künstlerinnen und Künstler und werden zu Diagrammen und Bildern. Den Ausstellungsraum erobert sich Kluge als Medium – als einen Ort, um neue Zusammenhänge herzustellen. Er ist sich „sicher, dass sich Museen heutzutage zu Werkstätten wandeln“.
Die „Sternenkarte der Begriffe“ nimmt im ersten Raum der Ausstellung Alexander Kluges zentrale Themen auf. Seine Schlüsselbegriffe – Bodenhaftung, Ohr, „Philosophie der Fußsohle“, Arbeit, Antirealismus des Gefühls, Crossmapping, Zirkus, Öffentlichkeit oder Eigensinn – ziehen sich durch die gesamte Ausstellung. Wie die Spinne Arachne, mit der Kluge seine Arbeit wiederholt verglichen hat, webt er ein Netz aus Themen und Medien. Eine multimediale Rauminstallation kreist um das Thema Lebenszeit: Geld ist eine Währung. Die Lebenszeit ist dazu das Gegenkapital.
Im „Arbeitszimmer“ werden Alexander Kluges Geräte und Arbeitsweisen, Bücher und Filme gezeigt. Auch Spuren von Projekten, die nicht realisiert wurden, und die Arbeit an neuen Projekten sind dort ausgestellt.
„Das Gedächtnis der Bilder“ im folgenden Raum stellt Kluges Atlas vor, an dem er über Jahr-zehnte mit seinen Editoren gearbeitet hat. Es sind filmische Sequenzen und Versuchsreihen, die
die Fortsetzung der Filmgeschichte inmitten der digitalen Welt thematisieren. In der Ausstellung werden auf fünf Screens erstmals Beispiele aus diesen Arbeiten gezeigt.
Pressemitteilung
Im nächsten Saal umfängt den Besucher das „Pluriversum der Bilder“. Kluge zitiert in der raumfüllenden Video-Arbeit Mehrfachbilder für 5-Projektoren vorfilmische Fotografien von Eadweard Muybridge ebenso wie abstrakte Filme von Hans Richter. In der 5-Kanal-Projektion stellt Kluge die ozeanische Freiheit singender Buckelwale den menschengemachten Grenzen an Land gegenüber. Mediengeschichte verzahnt er mit Kriegsgeschichte, die Machtlosigkeit der Tiere im Bombenkrieg mit der Macht eines Donald Trump.
Ein Schwerpunkt der Präsentation sind die vielfältigen Kooperationen Kluges, das Zusammen-Denken mit Wissenschaftlern und Künstlern. Helge Schneider, Sarah Morris, Thomas Thiede, Thomas Demand, Gerhard Richter und Anselm Kiefer – sie alle kommen in der einen oder anderen Form in der Ausstellung vor. In Raum 6 – „Uns trennt von Gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage“ – werden darüber hinaus Werke aus der unmittelbaren Zusammenarbeit Kluges mit den Künstlerinnen Kerstin Brätsch und Adele Röder gezeigt.
Zentral für die Präsentation von Kluges Werk im Museum Folkwang ist auch die Frage nach den Adressaten und Rezipienten seiner Arbeit. Mit Pluriversum erfährt das Oeuvre eine neue Kontextualisierung und Vermittlung: Die Ausstellung bietet Kluge eine neue Öffentlichkeit. Sein Werk kann sich somit – so die These der Ausstellung – in ganz neuer und vielleicht sogar idealer Weise darstellen.
In Kooperation mit dem 21er Haus, Wien.
Die Ausstellung wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und der Kunststiftung NRW.

 

Chagall Die Jahre des Durchbruchs, 1911–1919

Die Ausstellung widmet sich dem Frühwerk Marc Chagalls. Sein künstlerischer Durchbruch vollzog sich zwischen zwei gegensätzlichen Polen. Von 1911–1914 lebte Chagall in Paris. In dieser Zeit kombinierte er in seinen Gemälden Erinnerungen aus dem russischen Provinzleben mit ikonischen Bruchstücken aus dem Leben in der Metropole. Reminiszenzen an die russische Volkskunst wurden ebenso verarbeitet wie neueste stilistische Experimente, denen er durch das Leben im Mittelpunkt der künstlerischen Avantgarde und durch die Bekanntschaft mit vielen der progressivsten Künstler, darunter Picasso, Robert und Sonja Delaunay sowie Jacques Lipchitz, ausgesetzt war.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges überraschte Chagall während einer Reise in seine Heimat und zwang ihn zu einem achtjährigen Aufenthalt in Russland. Es folgte eine Phase intensiver Selbstreflexion, von der viele Gemälde und Arbeiten auf Papier um1914 Zeugnis ablegen. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Selbstportraits, Darstellungen des jüdischen Lebens und Entwürfe für das Bühnenbild zur Jahresfeier der Oktoberrevolution 1918, die er als Kommissar für Künste und Leiter der Kunstschule von Witebsk ausrichtete.
Wir zeigen eine repräsentative Auswahl von Werken aus dieser künstlerisch, biografisch und politisch bewegten Zeit. Die ausserordentliche Gruppe von wichtigen Gemälden in den Sammlungen des Kunstmuseums Basel und der Stiftung Im Obersteg sowie hochkarätige Leihgaben aus Schweizer und internationalen privaten und öffentlichen Sammlungen wird ergänzt durch dokumentarische ethnografische Fotografien des russischen Künstlers Solomon Judowin. Diese Aufnahmen sind im Rahmen der Gintsburg-Expeditionen 1912–1914 in russischen Schtetlech entstanden und können als Versuch betrachtet werden, eine von Pogromen, politischen Umwälzungen und sozialen Dynamiken gefährdete Welt festzuhalten. Judowins Fotografien bewahren jene traditionsreiche Lebenswelt des Schtetls, die Chagalls Werk so nachhaltig prägte.

 

PETER SAUL

Die Deichtorhallen zeigen in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt einen umfassenden Überblick über das Werk des US-amerikanischen Künstlers PETER SAUL. Die Ausstellung zeigt rund 60 Arbeiten Peter Sauls, darunter wegweisende Werkgruppen, wie seine Ice Box Paintings, seine Comic-Narrationen und seine Vietnam-Bilder aus den 1950er- und 1960er-Jahren, noch nie ausgestellte Zeichnungen sowie ausgewählte späte Arbeiten der 1980er- bis 2000er-Jahre. Die Ausstellung in Hamburg wird durch eine umfängliche Präsentation mit Werken unter anderem von u.a. Werner Büttner, Andre Butzer, Michael Ray Charles, Sam Durant, Nicole Eisenman, Erro, Philip Guston, Christian Hahn, Mike Kelley, Martin Kippenberger, Paul McCarthy, Manuel Ocampo, Joyce Pensato, Richard Prince, Albert Oehlen, Markus Oehlen und Daniel Richter.

Lange bevor »Bad Painting« ein zentrales Anliegen der zeitgenössischen Kunst wurde, verletzte PETER SAUL ganz bewusst den guten Geschmack. In seiner unverwechselbaren Sprache hat der Maler ein Cross-over aus Pop-Art, Surrealismus, Abstraktem Expressionismus, San Francisco Funk und Cartoon Culture entwickelt, in dem er politische und soziale Themen aufgreift. Mit der Pop-Art teilt er das Interesse am Banalen, an der Konsumgesellschaft und den heiteren Bildwelten des Comics in leuchtenden, ansprechenden Farben.

Abseits von großen künstlerischen Schulen hat Saul ein äußerst eigenwilliges Œuvre entwickelt. Nie wirklich zu einer Gruppe oder Bewegung gehörend, malt er seit mehr als 50 Jahren auf seine Weise gegen die wechselnden künstlerischen Moden an. Sauls Bilder erzählen Geschichten, neigen zur Übertreibung und wehren sich gegen eindeutige Lesarten.

Nicht zuletzt ist sein Werk aber auch mit den ästhetischen Strategien der Gegenkultur in Kalifornien verbunden. Eine fast zornige Malerei zeigt sich, wenn Saul die Schattenseiten des American Dream thematisiert. Hier offenbart sich die Gleichzeitigkeit von überbordendem Humor und spielerischer, aber doch harscher Systemkritik. Erstmals in Europa präsentiert die Ausstellung einen umfassenden Überblick über den bislang zu selten beachteten, bedeutenden »artist’s artist«.

 

 

Florentiner Malerei: Alte Pinakothek

Mit den Florentiner Gemälden der Alten Pinakothek erschließt der Katalog eine der international bedeutendsten Sammlungen von Malerei aus dem Zentrum der Renaissance. Erstmals wurden die rund 80 Werke, darunter Tafeln von Giotto, Fra Angelico, Domenico Ghirlandaio, Filippo Lippi, Sandro Botticelli, Leonardo da Vinci und Andrea del Sarto, umfassend kunstwissenschaftlich und technologisch untersucht.

Die Katalogbeiträge präsentieren neue Erkenntnisse zu Zuschreibung, Provenienz, Ikonographie, Gattungs- und Funktionsgeschichte. Analysen der Materialien und der Maltechnik ergründen die Arbeitsmethoden der Künstler und ermöglichen ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge von technischem und stilistischem Wandel. Vier einführende Essays widmen sich den spezifischen Merkmalen der Florentiner Malerei vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung zur Kunst der frühen Neuzeit in Italien.

Der opulente Bestandskatalog präsentiert die Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojekts der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und des Doerner Instituts, das großzügig von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Ernst von Siemens Kunststiftung gefördert wurde.

Paul Klee der Poet der Moderne

Erstmals wird die Bedeutung der Abstraktion in seinem Oeuvre thematisiert

„Viele nennen Paul Klee einen Zauberer, er war keiner, er zauberte nicht. Er war ein Erfinder, der Zauberhaftes erfand.“ schrieb ein Schüler am Bauhaus über seinen berühmten Lehrer.

Zum Jahresende setzt die Fondation Beyeler noch einmal den Akzent auf einen Künstler, dem ein Schwerpunkt der Sammlung gewidmet ist: Paul Klee. Erstmals nimmt sich eine Ausstellung der Frage nach der abstrakten Dimension im Schaffen Paul Klees an. Das Kunstmuseum Fondation Beyeler versammelt dazu rund 110 Werke, darunter wertvolle Leihgaben aus internationalen Privatsammlungen, die der Öffentlichkeit sonst nicht zugänglich sind und bisher nur selten zu sehen waren. Zu den Ausstellungs-Highlights zählen auch Leihwerke aus den großen renommierten Museen weltweit, wie das MoMA in New York, das Centre Pompidou in Paris, die Albertina in Wien, die Sammlung Berggruen in Berlin, die Sammlung Rosengart in Luzern, das Kunstmuseum Basel sowie das Zentrum Paul Klee. Die Ausstellung setzt auf eine Bildauswahl von halbgegenständlichen und vollkommen abstrakten Bildern, die es ermöglicht, sein Werk unter neuen Gesichtspunkten zu untersuchen, vertiefte Erkenntnisse über seine Beschäftigung mit der Abstraktion zu gewinnen und zudem interessante Bezüge zu verschiedenen anderen Künstlern seiner und auch späterer Generationen offen zu legen. Dass Paul Klees Oeuvre heute immer noch unerforschte Facetten aufweist, ist umso überraschender, da sein Werk in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Sonderausstellungen beleuchtet wurde.

In chronologischer Reihenfolge zeigt die Ausstellung, die sich über sieben Säle erstreckt, Werkgruppen, anhand derer sich die entscheidenden Etappen von Klees Entwicklung nachverfolgen lassen: Die Schau beginnt mit Klees Anfängen als Maler in den 1910er Jahren in München und der berühmten Tunis-Reise, thematisiert folgend die Zeit des Ersten Weltkrieges und das Bauhaus Jahrzehnt von 1921-1931 mit den bekannten Schachbrettbildern und Schichtaquarellen. Die Gemälde, die nach seinen Reisen nach Italien und Ägypten entstehen, führen schliesslich zu den Zeichenbildern in Klees Spätwerk, denen sich Ernst Beyeler besonders verbunden fühlte. Ihnen ist der letzte Raum der Ausstellung gewidmet.

Dem Katalog zur Ausstellung gebührt dieses Mal eine besondere Erwähnung. Neben den Kunsthistorikerinnen und Klee-Spezialistinnen Fabienne Eggelhöfer und Regina Prange kommen auch Persönlichkeiten aus anderen Berufsfeldern zu Wort. So hat sich der griechisch-russische Dirigent Teodor Curentzis Gedanken zum Thema Klee und die Musik gemacht, die zeitgenössische amerikanische Künstlerin Jenny Holzer befasst sich mit den Zeichen in Klees Werken und der Schweizer Architekt Peter Zumthor widmet sich den architektonischen Elementen, die sich in Klees Werken offenbaren.

 

 

RUBENS KRAFT DER VERWANDLUNG

Peter Paul Rubens (1577–1640) war bereits zu Lebzeiten ein Star und gilt bis heute zu Recht als bedeutendster flämischer Barockmaler. Das Kunsthistorische Museum besitzt etwa vierzig Gemälde des Meisters und seiner Werkstatt. Nun widmet das Kunsthistorische Museum diesem Protagonisten der Europäischen Malerei eine große Ausstellung. Der Wiener Bestand wird dabei mit zahlreichen Leihgaben aus den großen Sammlungen der Welt – darunter der Prado in Madrid, die Eremitage in St. Petersburg oder die National Gallery of Art in Washington, D.C. – zu einem spektakulären Ensemble vereint.
Die Ausstellung thematisiert Rubens‘ ungeheure Kraft, künstlerische Lösungen aus dem Werk anderer Meister herauszugreifen, um diese so zu verwandeln, dass er sie für die eigenen Kompositionen nutzen konnte. Jener Dialog mit Kunstwerken seiner berühmten Vorgänger und Zeitgenossen beschäftigte Rubens zeitlebens und prägte sein fünfzigjähriges Schaffen. Die Ausstellung präsentiert neben Rubens daher auch Skulpturen aus Antike und Renaissance sowie die Kunst großer Meister wie Tizian oder Tintoretto, an deren Beispiel Rubens seine eigenwilligen und radikal neuen Bildformeln entwickelte.
Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Städel Museums, Frankfurt am Main.

 

Anita Rée Retrospektive

Im Herbst und Winter 2017/18 präsentiert die Hamburger Kunsthalle die erste
umfassende Museumsausstellung zum Werk der Hamburger Malerin Anita Rée
(1885–1933). Mit rund 200 Gemälden, Arbeiten auf Papier und gestalteten Objekten
wirft die Retrospektive Licht auf ein facettenreiches und bedeutendes OEuvre,
das von impressionistischer Freilichtmalerei über mediterrane Landschaftsbilder
bis hin zu neusachlichen Bildnissen reicht. Der reiche Bestand der Hamburger
Kunsthalle an Werken Rées mit 13 Gemälden und 25 Arbeiten auf Papier wird
ergänzt durch wichtige Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen
Deutschlands, Englands, der Schweiz und den USA.
Anita Rée nahm Malunterricht bei Arthur Siebelist in Hittfeld, bildete sich im
Winter 1912/13 in Paris fort und arbeitete von 1922 bis 1925 im süditalienischen
Positano. Nach der Rückkehr nach Hamburg brachten ihr zahlreiche Porträt- und
öffentliche Aufträge überregionale Anerkennung, und sie konnte wertvolle Kontakte
in der Kunstwelt knüpfen. Ihre letzten Jahre verbrachte Anita Rée zurückgezogen
auf Sylt, wo sie sich 1933 das Leben nahm.
Die Retrospektive der Hamburger Kunsthalle lädt zur Entdeckung einer großen
Künstlerin ein: Mit ihren Bildern umkreiste Anita Rée die Frage nach Identität,
nach Subjekt und Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit in einer sich wandelnden
Welt. Als Malerin zwischen Tradition und Moderne, als selbstständige Frau in der
Kunstwelt, regionale Künstlerin mit übernationalem Anspruch, als protestantisch
erzogene Hamburgerin mit südamerikanischen und jüdischen Wurzeln lebte Rée
gleich mehrfach zwischen den Welten.
Die Ausstellung, maßgeblich gefördert mit Mitteln des Ausstellungsfonds der Freien
und Hansestadt Hamburg, fußt auf einem interdisziplinären Forschungsprojekt
mit intensiven kunsthistorischen und kunsttechnologischen Recherchen. Systematisch
wurde in Hamburger, deutschen und europäischen Archiven nach Spuren
Rées gesucht. Mit Unterstützung durch die ZEIT-Stiftung wurden ihre Malweise
und die Materialität ihrer Gemälde und Werke auf Papier mit naturwissenschaftlichen
Methoden untersucht. Dank der neuen Erkenntnisse lässt sich Anita Rée
nun als aktive, selbstbewusste Künstlerin verstehen und nicht nur als Opfer ihrer
Zeit, ihres Geschlechts oder ihrer Religionszugehörigkeit.

Ein reich bebilderter wissenschaftlicher Katalog in deutscher und in englischer Sprache begleitet die Ausstellung
(Prestel Verlag, München). Die Publikation ist im Museumsshop zum Preis von 29 Euro erhältlich
und kann online über www.freunde-der-kunsthalle.de bestellt werden. Zum Ende der Ausstellung wird die
Hamburger Kunsthalle das gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Maike Bruhns erarbeitete und von der
HERMANN REEMTSMA STIFTUNG finanzierte neue Werkverzeichnis zur Künstlerin herausgeben.
Das Begleitprogramm zur Ausstellung bietet neben regelmäßigen öffentlichen Führungen (samstags um
15 Uhr, sonntags um 12 Uhr) und Kurator_innen-/Restaurator_innenführungen eine Veranstaltung innerhalb
der Reihe »Kunst im interreligiösen Dialog« (2. November 2017), eine Podiumsdiskussion zur Forschung
im Museum (1. Februar 2018), die zusammen mit den Freunden der Kunsthalle angeboten wird,
sowie die Vorstellung des neuen Werkverzeichnisses (4. Februar 2018). Zudem sind verschiedene Kooperationen
mit Hamburger Schulen Bestandteil des umfangreichen Vermittlungsprogramms. Erstmalig gibt
es mit der Anita Rée-Ausstellung offene Angebote für demenziell Erkrankte und ihre Angehörigen.
Zu der Ausstellung ist ein Multimedia-Guide in deutscher und englischer Sprache erhältlich.
Alle Termine und weitere Informationen stehen unter www.hamburger-kunsthalle.de bereit.
Kuratorin: Dr. Karin Schick
Wissenschaftliche Assistenz: Sophia Colditz, M.A.

GERMAINE KRULL. MÉTAL

Ihre Bedeutung als Künstlerin der Avantgarde verdankt die Fotografin Germaine Krull (Wilda 1897 – 1985 Wetzlar) ihrem wegweisenden Mappenwerk „Métal“, das 1928 in Paris bei A. Calavas, Librairie des Arts Décoratifs in kleiner Auflage erschien. In 64 Lichtdrucktafeln setzt sie darin eiserne Konstruktionen wie Kräne, Brücken, Maschinen und den Eiffelturm mittels ungewöhnlicher Perspektiven und Bildausschnitte in Szene. Die Abfolge im Portfolio lässt aus den Einzelbildern einen geradezu filmisch-bewegten „Tanz der nackten Metalle“ werden und zeigt die gigantischen Metallkonstruktionen als dynamische Monumente einer modernen Zeit. Es war wohl gerade diese Veröffentlichung, die Walter Benjamin veranlasste, Germaine Krull in seiner „Kleinen Geschichte der Fotografie“ (1931) in einem Atemzug mit den bedeutenden Fotografen August Sander und Karl Blossfeldt zu nennen.
Die Präsentation zeigt alle 64 Tafeln aus einem von Germaine Krull an Jürgen Wilde gewidmeten Exemplar der Erstausgabe von „Métal“, ergänzt um originale Fotografien der Serie, Dokumente und Archivalien aus den Beständen der Stiftung Ann und Jürgen Wilde. Zusätzlich ist der Kurzfilm „De Brug“ (1928) des niederländischen Filmemachers und Dokumentaristen Joris Ivens zu sehen. Hier zeigt sich nicht nur die persönlich künstlerische Verbindung der beiden, sondern auch die wechselseitige Inspiration der technischen Bildmedien Film und Fotografie in der Moderne.
Germaine Krull, die ihre Ausbildung an der Münchner Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie absolviert hatte und 1920 aufgrund ihrer politischen Gesinnung aus Bayern ausgewiesen wurde, lebte nach Stationen in Moskau, Berlin und Amsterdam ab 1926 in Paris. Dort avancierte sie zu einer gefragten Werbe- und Porträtfotografin und arbeitete als Fotojournalistin. Trotz reger Ausstellungs- und Publikationstätigkeit in den 1920er und 1930er Jahren geriet sie nach 1945 in Vergessenheit.
Ann und Jürgen Wilde konnten Germaine Krull 1974 in Nordindien ausfindig machen und richteten ihr 1977 eine erste Retrospektive in Deutschland aus. Diese leitete die Wiederentdeckung der Fotografin und ihres bedeutenden Werkes ein.

Ed Atkins „Old Food“

Ed Atkins ist einer der markantesten Vertreter einer Künstlergeneration, die sich mit der Allgegenwärtigkeit digitaler Medien auseinandersetzt. In seinen computergenerierten Filmen schafft er Welten von forcierter Künstlichkeit, deren ramponierte und einsame Protagonisten er hypergenau und in entwaffnender Nähe in Szene setzt. Seine Animationen stellen ihre digitale Beschaffenheit aus, zielen jedoch zugleich auf einen verstörenden Realismus. Atkins’ Arbeiten gehen unter die Haut und erzeugen ein mulmiges Gefühl von Fäulnis, von substanziellem Unbehagen an Material und Konzept, ähnlich wie schon die Vorstellung von „altem Essen“ eine Ahnung von verschwendetem Nutzen und verdorbener Güte aufkommen lässt. Für den Martin-Gropius-Bau entwickelt Atkins eine Serie neuer Arbeiten, die auf dem allegorischen Potenzial seiner spezifischen Videoästhetik aufbaut und sich in immer gewagtere Bereiche von Begehren, Historizität, Melancholie und Dummheit vortastet. „Old Food“ ist Atkins’ bisher umfangreichste Installation und choreografiert auf Monitorwänden und Flat-Screens ein Kammerspiel, das auf dubiose Weise sentimental und historisch ungenau wirkt. Mit den Mitteln von Karikatur und Parabel beschwört es das Niemandsland nostalgischer TV-Fantasywelten herauf, deren entgleisender Eskapismus das Scheitern des Fantastischen ausgerechnet an romantischen Weltentwürfen vorführt. Atkins’ neuen computergenerierten Videoarbeiten steht eine umfangreiche Präsentation von Kostümen aus dem Fundus der Deutschen Oper Berlin gegenüber. Sie werden als Objet Trouvé so ausgestellt, wie sie dort eingelagert sind. Sie sabotieren ihre eigentliche Rolle als Werkzeuge immersiven Geschichtenerzählens in demselben Maße, wie Atkins’ Videos kontinuierlich den eigenen Realismus und die ausgefeilte Technologie, durch die sie geschaffen sind, untergraben. Paradoxerweise ist die Wirkung eine substanzielle Gefährdung.

 

Lucy Skaer Available Fonts

 

KW Institute for Contemporary Art eröffnen die erste Einzelausstellung der britischen Künstlerin Lucy Skaer in Berlin. Die Schau umfasst neue, für die KW produzierte Arbeiten, die in eine Auswahl von Werken aus den letzten zehn Jahren eingebettet werden. Es handelt sich um die bislang ausführlichste Überblicksausstellung zu Skaers Werk in Deutschland. Die 1975 in Cambridge geborene Künstlerin schöpft für ihre Kombinationen aus Skulptur, Film und Druckgrafik aus existierenden Bildvokabularien, tradierten narrativen Strukturen, vom Gebrauch und Industrie geprägten Formen und deren im globalen Handel fußenden Bestimmungen. Form, Bedeutung und Wert lassen sich in ihrem Werk durch unterschiedliche Stadien formeller und allegorischer Existenz nachzeichnen.

In ihrer jüngsten Auftragsarbeit für die KW führt Lucy Skaer ihre Untersuchung der konventionellen Klassifizierung von Objekten und Produktionsmethoden in kritischem Wechselspiel mit kunsthistorischen Motiven und Bezügen fort. Skaer zielt darauf ab, die Leitmotive, die ihr Werk seit langem begleiten, zu einem groß angelegten, skulpturalen Tableau zu vereinigen.