13. RESTITUTION DER BAYERISCHEN STAATSGEMÄLDESAMMLUNGEN:

„DIE AUFERWECKUNG DES LAZARUS“ AUS DER SAMMLUNG JAMES BLEICHRÖDER

21.07.2017, 11.30 UHR
Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben seit 1998 insgesamt 12 Werke aus 8 Sammlungen restituiert. Mit dieser 13. Restitution wurde nach langer und intensiver Vorarbeit ein für beide Seiten, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und die Erbengemeinschaft nach James von Bleichröder, guter Abschluss erreicht.
Bei dem Gemälde handelt es sich um:
„DIE AUFERWECKUNG DES LAZARUS“
UM 1530/40, SÜDDEUTSCHER MEISTER,
NADELHOLZ, 107 X 160,2 CM
Bereits 2004 publizierten die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die Provenienz des Gemäldes in der reich kommentierten Publikation „Die Kunstsammlung Hermann Görings“ der Provenienzforscherin Ilse von zur Mühlen. 2006 wurde das Gemälde zudem in die damals begründete Datenbank „Lost Art“ eingestellt, da aufgrund der Herkunft aus der Sammlung Göring ein Verdacht auf Raubkunst bestand. Nachdem sich daraufhin im Jahre 2011 ein Vertreter der Erbengemeinschaft meldete und 2015 die Erbengemeinschaft den Restitutionsantrag stellte, begann die historische Aufarbeitung zum Verfolgungsschicksal der Familie und dem Weg des Bildes.
Das Gemälde „Die Auferweckung des Lazarus“ stammt aus dem Nachlass von James von Bleichröder (1859 – 1937), königlich preußischer Rittmeister der Landwehr und Doktor der Rechtswissenschaften. James von Bleichröder war einer der Söhne des Bankiers Gerson von Bleichröder, des Inhabers der gleichnamigen Privatbank, die unter Hitler unterging. Auf Grund seiner jüdischen Herkunft gilt James von Bleichröder als ab 1933 kollektivverfolgt. Analog zum Schicksal der Bank verlor die Familie von Bleichröder ihre soziale Stellung. Mehrere Familienmitglieder verloren ihr Leben im Holocaust.
Das Gemälde wurde nach dem Tod von James von Bleichröder im Jahr 1938 beim Auktionshaus Lepke versteigert, dort von der Kunsthandlung Böhler, München, erworben und kurz darauf an Hermann Göring verkauft. Es befand sich bis 1945 in der Sammlung Hermann Görings und wurde 1961 von der Treuhandverwaltung für Kulturgut der Bundesrepublik Deutschland als „Überweisung aus Staatsbesitz“ an die vom Bayerischen Staat getragenen Bayerischen Staatsgemäldesammlungen überwiesen.
Die jetzt vollzogene Restitution erfolgt auf der Grundlage der „Washingtoner Erklärung“ und gemäß der Handreichung der Länder zur Umsetzung der
„Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“.
Die Erbengemeinschaft nach James von Bleichröder und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben gemeinsam vertraglich festgelegt, dass das Werk zunächst restituiert und sodann von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen angekauft wird.
Der Generaldirektor Dr. Bernhard Maaz betont dazu: „Es ist mir ein großes Anliegen, alle Kraft auf die Aufarbeitung dieser düsteren Geschichtskapitel zu verwenden. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, nach langen Vorbereitungen und Bemühungen dem Schicksal der Familie Bleichröder Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und dass zudem das Gemälde aus Mitteln der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sowie unter Hinzuziehung von Spendenmitteln angekauft werden konnte.“

Für den einen Teil der Erbengemeinschaft erklärt Rechtsanwalt Dr. Frank Winkel hierzu: „Als Erben nach James von Bleichröder sind wir mit dem Erreichten zufrieden. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben den Restitutionsanspruch sorgfältig und ausgewogen geprüft und bejaht. Wir können die Verbrechen der Nazizeit nicht ungeschehen machen, aber Rechtsfrieden wieder herstellen. Dies ist gelungen.“
Für einen anderen Zweig der Erbengemeinschaft erklärt James Palmer, Begründer der Mondex Corporation: „Ich freue mich, dass der Restitutionsanspruch für dieses wichtige Gemälde einvernehmlich geregelt werden konnte. Gerechtigkeit, Respekt, Verständnis und eine gemeinsame Übereinkunft am Ende sind die wesentlichen Bestandteile eines jeden Restitutionsprojekts. Im Namen der Familie von James von Bleichröder bedanken wir uns herzlich bei den Provenienzforschern der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und insbesondere bei ihrem Generaldirektor Herrn Dr. Bernhard Maaz. Wir danken allen Beteiligten für ihre Hilfe und Zusammenarbeit mit der Mondex Corporation.“
(„I am very pleased that the restitution claim for this important painting has been amicably resolved. Justice, respect, closure and understanding are all important elements in any restitution project. On behalf of the family of James von Bleichröder, we are grateful to the researchers at the Bavarian State Painting Collections, and in particular to their Director General Dr. Bernhard Maaz, and we thank them for their help and cooperation with Mondex Corporation.”)
Das Bild „Die Auferweckung des Lazarus“ wurde restauriert und wird in der Zweiggalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in Schloss Johannisburg in Aschaffenburg wieder zu sehen sein, sobald die dortige
Baumaßnahme abgeschlossen ist. Auf die Restitution und das Schicksal der einstigen Besitzerfamilie wird künftig mit einer würdigenden Erinnerungstafel verwiesen.

Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle resümiert: „Die Restitution des Gemäldes „Auferweckung des Lazarus“ eines süddeutschen Meisters aus dem 16. Jahrhundert, das aus dem Nachlass von Dr. James von Bleichröder († 1937) stammt, dokumentiert: Das Bayerische Kultusministerium und die staatlichen Sammlungen und Einrichtungen setzen auf intensive Provenienzrecherche

NOLDE. DIE GROTESKEN

Abbildung: Emil Nolde, Erregte Menschen, 1913
© Nolde Stiftung, Seebüll

 

Das Werk von Emil Nolde scheint mit seinen dramatischen Landschaften, Wolkenbildern, Seebildern, den ausdrucksstarken Porträts und religiösen Bildern allgemein bekannt. So ist es überraschend, dass es mit dem Grotesken und Phantastischen einen zentralen Motivbereich gibt, der für den Künstler selbst von herausragender Bedeutung war – und doch noch nie zuvor Thema einer Ausstellung wurde! Mit über hundert Werken – farbintensiven Gemälden, Aquarellen und Druckgraphiken – lädt diese berauschende, große Sommerschau nun erstmals dazu ein, sich den Bildern zu widmen, die sich einer eindeutigen Erklärung entziehen, die dazu anregen, eigene Beobachtungen und Deutungen hineinzulegen und die Phantasie spielen zu lassen. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit den Internationalen Tagen Ingelheim und der Nolde Stiftung Seebüll. Sie umfasst 116 Werke, die zum Teil noch nie öffentlich gezeigt wurden: 20 farbintensive Gemälde, 55 herrliche Aquarelle sowie 25 Farbdrucke und 16 einfarbige Drucke.

 

SHIRIN NESHAT – FRAUEN IN GESELLSCHAFT

Die Kunsthalle Tübingen widmet der weltbekannten iranischen Künstlerin Shirin Neshat eine große retrospektiv angelegte Einzelausstellung. Neben den wichtigsten Werken ihrer verschiedenen Schaffensphasen präsentiert die Schau auch Arbeiten der Künstlerin, die das erste Mal in Europa zu sehen sein werden.

Die iranische Künstlerin, Fotografin und Filmemacherin Shirin Neshat (*1957) ist insbesondere für ihre Auseinandersetzungen mit der Lage von Frauen in der muslimischen Welt bekannt. Sie wuchs in einem wohlhabenden, westlich orientierten Elternhaus auf und besuchte ein katholisches Internat in Teheran. Als 1979 Ayatollah Khomeini durch die iranische Revolution an die Macht kam, ging sie in die USA, um dort Freie und Darstellende Kunst zu studieren. 1990, ein Jahr nach Khomeinis Tod, kehrte sie erstmals in den Iran zurück, der sich durch die Revolution in der Zwischenzeit völlig verändert hatte. Auf diesen Wandel reagiert sie mit der international berühmt gewordenen schwarzweiß-Fotoserie Women of Allah (1993–1997), die zugleich den Beginn ihrer ersten wichtigen Schaffensphase als professionelle Künstlerin markiert. Die Aufnahmen zeigen Porträts von bewaffneten islamischen Frauen, deren von Kleidung unbedeckten Stellen, etwa an Gesicht oder Hände, mit Texten zeitgenössischer iranischer Lyrikerinnen in der Landessprache Farsi überschrieben sind.

1998 wechselt Neshat in das Medium Videoinstallation: Ihre Filmtrilogie Turbulent (1998), Rapture (1999) und Fevor (2000) gewinnt den Internationalen Preis der 48. Biennale di Venezia. Hatte sich die Künstlerin bislang vor allem mit der islamischen Kultur befasst, so beschäftigt sie sich nun stärker mit der Hinterfragung westlicher Wertvorstellungen, zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit der Sängerin und Performancekünstlerin Sussan Deyhim, die in ihrer Musik orientale und abendländische Stile kombiniert. In den Videoinstallationen Mahdokht (2004), Zarin (2005), Faezeh (2008), Munis und Farokh Legha (2009) kann eine dritte Werkperiode Neshats gesehen werden, weil sie sowohl eigenständige Videoarbeiten als auch Einzelsequenzen von Neshats abendfüllendem Spielfilm Women Without Men sind, mit dem die Künstlerin auf den 66. Filmfestspielen Venedig den Silbernen Löwen für die Beste Regie gewinnt. 2013 wird Shirin Neshat in die Wettbewerbsjury der 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin berufen, 2017 präsentiert sie im Rahmen der Salzburger Festspiele eine multimediale Opernaufführung.

Die große Übersichtsausstellung in der Kunsthalle Tübingen führt wichtige Werke aus allen Schaffensphasen von Shirin Neshat zusammen, von den berühmten ikonischen Schriftfotografien über die Single- und Multi-Channel-Videoinstallationen bis hin zu ihren jüngsten Werkblöcken wie zum Beispiel The Book of Kings. Der programmatische Ausstellungstitel Frauen in Gesellschaft adressiert dabei zwei stetig wiederkehrende Themen in Neshats Oeuvre: einerseits die Rolle der Frau in muslimischen, patriarchischen Gesellschaften und andererseits die Nachwirkungen von Erlebnissen, die eine Frau für den Rest ihres Lebens prägen und in deren Gesellschaft sie sich also fortan befindet. Beide Aspekte beschreibt Shirin Neshat mit ihrer Kunst in poetischer, geheimnisvoller Ambivalenz.
Der zwischen Fotografie und Bewegtbild mit Ton ausbalancierte Parcours wird sich durch die gesamte Kunsthalle Tübingen ziehen ganz neue Werke präsentieren, die zuvor in Europa noch nie zu sehen waren.

Kurator: Holger Kube Ventura

 

ARNOLD-BODE-PREIS 2017 GEHT AN OLU OGUIBE

Der Arnold-Bode-Preis der documenta-Stadt Kassel geht in diesem Jahr an Olu Oguibe.

Olu Oguibe, Jahrgang 1964, ist Künstler, Kulturwissenschaftler und international tätiger Kurator, der sich seit fast vier Jahrzehnten mit vielseitigen Themen, unter anderem zu sozialen und formalen Fragen, auseinandersetzt. Die Denkweise und die existenziellen Grundsätze der Igbo spielen in seiner künstlerischer Arbeit eine große Rolle und haben seine Einstellung zu Konzeptkunst, Abstraktion und zur Form des Kunstwerks stark geprägt. Die entscheidende Triebkraft seiner Arbeit jedoch sind seine Erfahrungen als Kind in Biafra während des nigerianischen Bürgerkriegs Ende der 60er Jahre. Während Olu Oguibes Arbeit auf der documenta 14 in Athen aus einem Archiv zu der menschlichen Tragödie des Biafra-Krieges besteht, bezieht sich seine Arbeit in Kassel auf die Bekräftigung jener zeitlosen, universellen Prinzipien der Zuwendung und Fürsorge gegenüber all jenen, die von Flucht und Verfolgung betroffen sind. „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt.“ steht in Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch auf den vier Seiten des sechzehn Meter hohen Monuments, das zurzeit auf dem Kasseler Königsplatz steht.

Der Künstler
Nach Studium an der University of Nigeria und Promotion in London, lehrte Olu Oguibe unter anderem am Goldsmith College in London, an der University of Illinois in Chicago und an der University of South Florida, wo er den „Stuart Golding Endowed Chair“ in Afrikanischer Kunst innehatte. Seine Professur für Kunst und African-American Studies an der University of Connecticut hat er vor einiger Zeit aufgegeben, um sich ganz der künstlerischen Arbeit zu widmen. Werke von Oguibe wurden unter anderem im New Yorker Whitney Museum, in der Whitechapel Gallery und dem Barbican Centre in London sowie im Migros Museum in Zürich gezeigt. 2007 nahm er an der Biennale in Venedig teil – das Jahr, in dem Afrika erstmals mit einem Pavillon vertreten war. Seine Werke wurden in Museen und Galerien in aller Welt ausgestellt und auf Biennalen und Triennalen in Venedig, Havanna, Busan und Johannesburg gezeigt. Er hat auch permanente Installationen in Deutschland, Japan und Korea geschaffen und seine Arbeiten sind in zahlreiche Sammlungen eingegangen. Oguibe selbst hat Ausstellungen für verschiedene Orte wie die Tate Modern oder das Aperto der Biennale in Venedig kuratiert und seine Schriften zu Kunst, Literatur und Theorie sind in einer langen Liste von Büchern, Journalen und Magazinen erschienen. 2013 erhielt Oguibe für sein Lebenswerk den Kunstpreis des Gouverneurs von Connecticut. Er lebt und arbeitet in der Kleinstadt Rockville, Connecticut.

Preisverleihung
Die Verleihung des Arnold-Bode-Preises findet am Sonntag, den 10. September 2017, im Rathaus der Stadt Kassel statt. Das Preisgeld wird von der Kasseler Sparkasse zur Verfügung gestellt.

Hintergrund
Dem Kuratorium der Arnold-Bode-Stiftung gehören derzeit an: Prof. Heiner Georgsdorf (Vorsitzender), E. R. Nele, geb. Bode, Prof. Julia Voss, Ingo Buchholz, und der Künstlerische Leiter der documenta 14, Adam Szymczyk.

Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger
1980 Hannsjörg Voth
1981 Mario Merz
1982 Gerhard Richter
1983 Gerhard Merz
1984 Walter Pichler
1985 Ulrich Rückriem
1986 Rebecca Horn
1987 Wolfgang Laib
1988 Edward Kienholz
1990 Thomas Schütte
1992 Reiner Ruthenbeck
1994 Olaf Metzel
1996 Tony Oursler
1997 Richard Hamilton
1999 Penny Yassour
2001 Stan Douglas
2002 Maria Eichhorn
2004 Maurizio Cattelan
2006 Hans Schabus
2007 Romuald Hazoumé
2009 Urs Lüthi
2011 Goshka Macuga
2012 Thomas Bayrle
2014 Nairy Baghramian
2016 Hiwa K

 

3. Biennale der Künstler im Haus der Kunst

Faktor X – das Chromosom der Kunst

Teilnehmende KünstlerInnen
Eike Berg, Birthe Blauth, Daniela Comani, Timur Dizdar, Nezaket Ekici, Expedition Medora, Anna Frydman, Katharina Gaenssler, Patricija Gilyte, Julie Hayward, Rosemin Hendriks, Jan Hoek, Annette Hollywood, Yuliia Koval, Julia Kurek, Christoph Lammers, Albert Lohr, Shahar Marcus, Peggy Meinfelder, Monaconomads, Jans Muskee, Hester Oerleman, Gregor Passens, Stijn Peters, Peter Reill, Jacobien de Rooij, Rasso Rottenfusser, Andreas Rumland, Charlotte Schleiffert, Peter Senoner, Anja Sijben, Emö Simonyi, Alexander Steig, Tamiko Thiel, Susanne Thiemann, Toffaha, Stefanie Trojan, Maurice van Es, Lotte van Lieshout, Dries Verhoeven, Felix Weinold, Susanne Wagner, Anna Witt u.a.

Die Ausstellung lädt dazu ein, nach Faktoren zu fragen, die in der Kunst eine Rolle spielen, Einfluss auf ihre Wahrnehmung und Wertschätzung haben: Gehört auch das Geschlecht der KünstlerInnen dazu? Wie macht sich das Chromosom der Kunst bemerkbar?
Diese Frage lässt sich mit einem aktuellen Anlass verbinden: 2017 jährt sich die Eröffnung des Hauses der Kunst 1937 zum 80. Mal, damit auch die 1. Große Deutsche Kunstausstellung. Damals waren gar keine Künstlerinnen beteiligt.
Noch immer sind Frauen auf dem Kunstmarkt weniger beachtet, in Museen unterrepräsentiert. Das Thema Gender und Kunst scheint trotz der Debatten der vergangenen Jahrzehnte weiter aktuell. Welche Bedeutung haben Genres, Materialien, Techniken bei der Zuschreibung von Weiblichkeit/Männlichkeit? Der Erfahrung eines Werkes stehen meist die Geschlechtscodes ihrer Autorschaft entgegen.
Die Ausstellung stellt den Betrachter Tête-à-tête in eine Begegnungssituation mit dem Kunstwerk und dessen sinnlich-körperhafter Präsenz. Einige Arbeiten thematisieren das Geschlecht und die damit verbundenen Rollen explizit, gehen spielerisch mit Zuschreibungen, Idealbildern und Maskierungen um. Andere fügen sich eher assoziativ in den Themenkomplex ein. Präsent ist dabei das Interesse für Körperlichkeiten und Identitäten.

Faktor X ist ein deutsch-niederländisches Ausstellungsprojekt in Zusammenarbeit mit Kurator Alex de Vries.

In der x-y-box, einer Wand aus offenen Kuben, zeigen Mitglieder des Vereins Beiträge.
Es erscheint eine Publikation bei Revolver, Berlin, hg. von Albert Coers und Alex de Vries, mit Essays von Larissa Kikol, Jörg Scheller, Daniel Hornuff, Eva-Maria Troelenberg, Niña Weijers u.a.

 

 

Spitz und Knitz Carl Spitzweg und Johann Baptist Pflug

Der ältere Johann Baptist Pflug (1785-1866) war in seiner Zeit als Maler einer der wichtigsten
Schilderer von Sitten und Gebräuchen im süddeutschen Raum. Er arbeitete in der freien Reichsstadt Biberach in Oberschwaben. Sie fiel 1806 an das Königreich Württemberg und erlebte in dieser Zeit viele Truppendurchzüge. Die napoleonischen Kriege führten dabei fremdes Militär in eine wohlhabende Region, welche Durchreisende bisher nur in Form von Schauspieltruppen, Akrobaten und fahrendem Volk kannte.

Pflug interessierte sich anfangs stark für das Soldatenleben, später für Gruppen am Rand der Gesellschaft. Den gemalten Höhepunkt seiner Bilder stellt meistens einer ihrer „Auftritte“ dar. Zu diesen gehören professionelle Schauspieldarstellungen ebenso wie das unfreiwillig komische Verhalten einzelner Personen. Hierbei ist Pflug ein minutiöser Beobachter. Er erfasst detailliert, wie bei solchen Anlässen seine Zeitgenossen und Mitbürger die Studentenkappe, die Sonntagstracht oder die selbst erfundene Galauniform tragen. Und er macht dem Betrachter durch Körperbewegungen und andere Ausdrucksformen klar, wer in diese Kleidung eigentlich nicht hineinpasst und wer sich unschicklich benimmt. Dabei wird der Betrachter seiner Bilder oft manipuliert, nicht das Zentrum des Geschehens, sondern die Randszenen sind die Schlüssel zum Verständnis seiner Bildwelten.

Pflug gehört zur Vatergeneration von Carl Spitzweg (1808-1885). Sein Oeuvre, am Kunstmarkt stets hoch geschätzt, war bis zur Erstellung eines Werkverzeichnisses durch Dr. Uwe Degreif (erschienen 2016) und einer im Frühjahr 2017 im Braith-Mali-Museum in Biberach zu Ende gegangenen Retrospektive in seiner Bandbreite unbekannt. Das Museum Georg Schäfer ergreift deshalb mit der Gegenüberstellung von Werken der beiden Künstler sogleich die sich nun erstmals bietende Chance, Carl Spitzwegs Frühwerk neu einzuordnen. Einzuordnen in eine Zeit des Höhepunkts der so genannten Sittenschilderung, wobei ab ca. 1828 dieses beliebte Genre mit einem neuen Zug des Humorvollen und der Komik gemischt wurde.

Diese Übergangsphase in der Malerei hat eine zeitliche Parallele in den damaligen Theateraufführungen. Es waren die Stücke und Inszenierungen des Johann Nepomuk Nestroy, der auch persönlich den Aufstieg der nur vordergründig harmlos erscheinenden „Possen“ von Wiener Vorstadttheatern in den Olymp königlicher Hoftheater in München und Stuttgart in die Wege leitete. Dies zum Entsetzen der damaligen Kritiker. Immerhin hatte Jean Paul bereits 1804 in der Vorschule der Ästhetik dem Humor den Weg zurück auf die erhabene Bühne geebnet und von der „Notwendigkeit deutscher witziger Kultur“ gesprochen. Dies stand damals in Widerspruch zu den Idealisierungsbestrebungen einer an klassizistisch-dramatischen Themen orientierten Schauspielkunst.

Ein volkskundlich interessierter Betrachter mag heute Pflug aufgrund seiner Detailversessenheit bei Kleidungen und Raumausstattungen unter anderen Aspekten sehen, doch eigentlich war Pflug ein Realist. Freilich wählte er selbst in seinen Porträts eine Verkürzung der Figur, gab dazu den Menschen kindlich vergrößerte Köpfe, was sie drollig erscheinen ließ. Drollige Szenen waren eben auch im heiteren Theater in Mode. Dazu trat eine ganz einzigartige Mimik seiner Helden, sie erzählt uns von menschlichen Stimmungslagen zwischen Hoch und Tief, wobei freilich die Freuden überwiegen. Obwohl er selbst von akademischen Gremien gewürdigt und in Hofkreisen gesammelt wurde, galt und gilt er aufgrund seines Wirkungskreises Oberschwaben in Fachkreisen als „Geheimtipp“. Es ist Zeit, ihn einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Kennzeichnend für seine Kunst sind vor allem aus der Fassung geratene, ins Burleske und Groteske abdriftende „Festivitäten“, die vom Betrachter aus der Distanz eines Zuschauers, eines Theaterbesuchers gesehen und erlebt werden sollen. Sein Humor ist dabei knitz, tiefgründig, und seine deftigen Szenen erschließen sich nur bei genauer Betrachtung aller porträthaft und karikierend erfassten Beteiligten.

Eine genaue Betrachtung erfordert auch die Bildwelt Carl Spitzwegs. Er schildert seine Zeit, das Biedermeier, ebenso visuell erfassend und doch analytisch wie Pflug und er interessiert sich ebenfalls für die Außenseiter der Gesellschaft, für Künstler wie den armen Poeten, für Schauspieler auf der Durchreise, für Soldaten ohne Beschäftigung. Dabei legt er jedoch nicht so sehr Wert auf die Erfassung von theatralisch komponierten Veranstaltungen mit vielen Beteiligten, sondern auf die Darstellung der Einzelfiguren, enthüllt auf einzigartige Weise ihre Marotten und ihre ach so menschlichen Charakterzüge. Doch die Brücke zu Pflug bildet nicht nur das gemeinsame Interesse an Randgestalten der Gesellschaft, sondern vor allem die Nutzung der Erkenntnisse theatralischer Kompositionen. Dies wird bei Inszenierungen wie Serenissimus – er kommt (um 1870) augenfällig. Ein Ziel der Ausstellung ist es also, dem Besucher die nicht sogleich erkennbaren Bezüge zum Theater, insbesondere die Auftritte der Helden, deutlich zu machen. Dazu stellt das Deutsche Theatermuseum in München zahlreiche Leihgaben zur Verfügung. Ein weiteres Ziel ist es, Komik im Vergleich zu zeigen, hier der satirisch-stechend spitze Humor eines Carl Spitzweg, der zuerst als Karikaturist in der Zeitschrift Fliegende Blätter ans Licht der Öffentlichkeit trat und uns zum schmunzelnden Zuschauer macht, dort der schwäbisch-knitze Humor Pflugs, der uns aus sicherer Distanz fernrohrartig in Wirtshäuser und Festzelte hineinspionieren lässt, wo wir verbotene Liebeständelei und allerlei andere Laster erspähen können und sollen.

Die heiter leichte Sommerausstellung präsentiert rund 100 Werke, darunter bedeutende Leihgaben aus Privatbesitz und aus Museen: Braith-Mali-Museum Biberach, Zeppelin Museum Friedrichshafen, Bayerische Staatsgemäldesammlungen München, Staatsgalerie Stuttgart, Ulmer Museum. Aus der Grohmann Museum Collection in Milwaukee, USA, kommt Spitzwegs Armer Poet (Ölskizze).
Auch die Hauptwerke Carl Spitzwegs, die von März bis Juni an das Leopold Museum in Wien ausgeliehen waren, sind wieder zurück und zu sehen.

Der Ausstellung wird zum einen das im Jahr 2016 erschienene Werkverzeichnis zu Johann Baptist Pflug zugrunde gelegt, in dem sich ein Beitrag des Kurators Dr. Wolf Eiermann zum Vergleich Spitzweg – Pflug befindet. Die umfangreiche Monografie zu Carl Spitzweg von Jens Christian Jensen ist ebenfalls im Pictura Buchshop des Museums Georg Schäfer erhältlich. Direkt zum Ausstellungsthema hält Dr. Wolf Eiermann am 16. Juli 2017 einen Vortrag im Rahmen des Tages der offenen Tür, bei freiem Eintritt. Dieser Vortrag wird in gedruckter Fassung bereits zur Eröffnung der Ausstellung vorgelegt und ebenfalls zum Verkauf angeboten.

 

 

Lucian Freud: Closer

Radierungen aus der UBS Art Collection

Lucian Freud (1922-2011), geboren in Berlin, ist einer der bedeutendsten Künstler Großbritanniens. 1933 wurde er, der Enkel Sigmund Freuds, gezwungen, mit seiner Familie aus Deutschland nach England zu fliehen. Seine figurativen Arbeiten gehören zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts. Erstmals werden in Berlin nunmehr 50 seiner Radierungen gezeigt. Der Künstler erarbeitete seine Bilder aus der engen Beobachtung von Menschen. Seine Porträts sind Beispiele intensiver analytischer Betrachtung und zugleich bewegende Studien der Vergänglichkeit. Alle Arbeiten wurden von der UBS Art Collection für Berlin ausgeliehen.

 

 

 

 

 

 

LIZ MAGOR – you you you / PREM SAHIB – Balconies

LIZ MAGOR – you you you

Der Kunstverein in Hamburg präsentiert die erste deutsche Einzelausstellung der kanadischen Künstlerin Liz Magor (*1948, Winnipeg, lebt und arbeitet in Vancouver). In ihrer Karriere hat sie immer wieder die Grenzen von Skulptur und Plastik ausgelotet. Magors Arbeiten sind heute ein wichtiger Bestandteil der internationalen Materialismusdebatte. Sie nimmt sich der gewöhnlichen und vertrauten Dinge unserer Welt an und verwendet sie in ihren Installationen als Readymades oder formt sie mit anderen Materialien nach und befragt das Verhältnis von Kunst und Alltag sowie Wirklichkeit und Repräsentation. Bewusst gesetzte Leerstellen in ihren Arbeiten erinnern an Kurzgeschichten – sie sind Ausschnitte einer übergeordneten Erzählung von den sozialen Nebenschauplätzen unserer heutigen Leistungsgesellschaft. Die Ausstellung vereint Werke der letzten drei Jahrzehnten.

Kuratiert von Bettina Steinbrügge

Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich konzipiert und in Partnerschaft mit dem Musée d’art contemporain de Montréal und der Vancouver Art Gallery realisiert. Im Anschluss wird sie an das MAMAC – Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain de Nice wandern. Sie entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, der Botschaft von Kanada und wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation.

Best & Boldest #3:
PREM SAHIB – Balconies
Der Kunstverein in Hamburg zeigt die erste Einzelausstellung des britischen Künstlers Prem Sahib (*1982, London, England, lebt und arbeitet in London) in Deutschland. Sahibs vorwiegend skulpturales Werk geht von der Ästhetik öffentlicher und privater Orte aus. Einfache geometrische Formen und industrielle Materialien erinnern dabei zunächst an die Minimal Art. Anders als dem Minimalismus geht es Sahib aber nicht nur um Objektivität und Logik, sondern seine Skulpturen sind ebenso subjektiv aufgeladen mit persönlichen Erfahrungen, Symbolismus und Emotionen. Ihre klar umrissenen, schematischen äußeren Formen stehen im spannungsvollen Widerspruch zu ihrem intimen Inhalt. Sahibs Arbeiten referieren dabei häufig auf den menschlichen Körper und Berührungen respektive deren Abwesenheit. Für seine Ausstellung Balconies in Hamburg entsteht eine Reihe von neuen Arbeiten, die sich im fragilen Zwischenbereich von Öffentlichkeit und Privatsphäre bewegen.

Kuratiert von Tobias Peper

Die Ausstellung entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, der Hamburgischen Kulturstiftung, der Leinemann-Stiftung für Bildung und Kunst sowie des British Council.

 

Art et Liberté – Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten (1938–1948)

Kuratoren: Sam Bardaouil, Till Fellrath (Art Reoriented, München und New York)
Kuratorin K20: Doris Krystof

1938: In Berlin, Rom und Moskau sind die Diktatoren auf dem Zenit ihrer Macht, Spanien steht kurz vor der faschistischen Machtübernahme. International schließen sich in vielen Ländern Dichter und Maler, Filmemacher oder Fotografen zusammen, für die der Surrealismus zum Ausdruck des kulturellen Widerstands gegen Faschismus, Kolonialismus und Nationalismus wird. Die Geschichte der heute fast vergessenen ägyptischen Künstlergruppe Art et Liberté, die sich am Vorabend des Zweiten Weltkrieges 1938 in Kairo gegründet hat, dokumentiert jetzt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf in einer Ausstellung.

Art et Liberté – Umbruch, Krieg und Surrealismus in Ägypten (1938–1948) belegt mit zahlreichen bisher unbekannten Kunstwerken und Zeitzeugnissen, wie der oft provokative, immer poetische, subversive und anarchische Surrealismus mit seiner engen Verschmelzung von Dichtung und Malerei auch von Kairo aus gegen politische Unterdrückung und für ein freiheitliches Menschenbild eintritt. Mit mehr als 200 Leihgaben aus rund 50 Sammlungen in zwölf Ländern, darunter Gemälde und Grafiken, Fotografien, Filme, Bücher und Dokumente, ist die Ausstellung im K20 vom 15. Juli bis zum 15. Oktober 2017 zu sehen.

Die Ausstellung steht dabei in direkten Bezug zur Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: So solidarisiert sich das ägyptische Künstlerkollektiv ausdrücklich mit vielen heute in der Sammlung der NRW-Landesgalerie zu sehenden Künstlern.

 

ABBAS AKHAVAN

Abbas Akhavan zählt zu den aufstrebenden Künstlern in Kanada und zu einer Generation Kunst-schaffender, die sich in ihren ortsspezifischen, oft ephemeren Arbeiten auf gesellschaftliche Themen fokussiert. Im Museum Villa Stuck zeigt der 1977 in Teheran geborene Akhavan seine erste große Einzelausstellung, die ältere Arbeiten mit speziell für die Ausstellung entstandenen verbindet. Der Künstler beschäftigt sich in diesen meist installativen Werken mit Themenfeldern, die um Zerstörung und Ausgrenzung, aber auch um den Akt des Bewahrens und der Wiederherstellung kreisen.

Für seine Ausstellung lässt Akhavan die Spuren der vorangegangenen Ausstellung sichtbar werden: Die Wände sind nicht perfekt und unrenoviert, er schaltet die Klimaanlage ab, zugebaute Fenster wer¬den geöffnet, Frischluft und Licht von Außen zirkulieren in den eigentlich hermetisch abgeschlossenen Räumen. Akhavan fragt dadurch nach den Grenzen der musealen Aufgaben: Sind die gängigen Metho¬den des Bewahrens noch einzuhalten und sind diese zeitgemäß?

Dem Publikum der Villa Stuck ist Akhavan durch seine Teilnahme an der Ausstellung COMMON GROUNDS im Jahr 2015 bekannt. Er zeigte damals »Study for a Hanging Garden« (2013), eine raumfüllen¬de Installation mit Bronzeabgüssen von Pflanzen, die
nur zwischen Euphrat und Tigris wachsen und durch den Irakkrieg sowie die derzeit stattfindenden Kriegshandlungen des IS vom Aussterben bedroht sind.

Akhavan schafft Metaphern und Sinnbilder, die zur Reflexion über Strukturen und Systeme, die Machtverhältnisse einschreiben, anregen. Dabei spielt er mit der Wahrnehmung und Erwartung des Betrachters. Oft muten seine Werke an, als wären sie dem realen Leben entsprungen. Dem Künstler gelingt es, in seinen fragilen Werken verschiedene Bedeutungsebenen zu schichten, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Sie werfen Fragen auf, die sich mit gesellschaftlichen Strukturen, Vergänglichkeit und Wertvorstellungen beschäftigen.

Akhavans Arbeiten umfassen Skulptur, Installation, Zeichnung, Video sowie Performance. Aufgrund von Aufenthalten in verschiedenen Stipendienprogrammen und ohne Ateliertätigkeit und der damit verbun¬denen konstanten Produktion von Werken rückt der Anlass, die Ausstellung selbst, ins Zentrum seiner Kunstproduktion. Akhavan (geb. 1977 in Teheran, lebt und arbeitet in Toronto) ist in zahlreichen Ausstel¬lungen vertreten, darunter Einzelausstellungen in The Delfina Foundation, London (2012); Mercer Uni¬on, Toronto (2015); FLORA, Bogota (2016) sowie SALT Galata, Istanbul (2017).