Goldene Löwen auf der Venedig Biennale 2017

Gleich zweimal bekommen deutsche Künstler auf der diesjährigen Venedig Biennale einen Goldenen Löwen: Anne Imhof für den besten nationalen Beitrag mit ihrer Performance FAUST und Franz Erhard Walther als bester Künstler. Außerdem hat Hassan Khan den Silbernen Löwen als bester Nachwuchskünstler erhalten, besondere Erwähnungen bekamen der brasilianische Beitrag für die Präsentation von Cynthia Marcello und Charles Atlas als Künstler. Für ihr Lebenswerk bekam Carolee Schneemann den Goldenen Löwen.

Victoria Adam: the common toad

Victoria Adam beschwört in ihrer Einzelausstellung „the common toad“ mit großer Sensibilität und Eindringlichkeit die Intensität, Schönheit und das Grauen einer verlorenen Sinneswelt herauf – jene Sinneskraft von Getier, Gewächsen, Blüten, Düften und Exhalationen, die mit den geheimnisvollen Ursprüngen und Metamorphosen des Mikrokosmos und Makrokosmos assoziiert waren. Die Rezeption jener Sinneseindrücke, die man erst im 18. Jahrhundert naturwissenschaftlich zu objektivieren versuchte, durchliefen zuvor die kulturellen Modelle, Bedeutungsketten und Bedeutungshierarchien mittelalterlicher Mystik und Kosmologie, die von Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, von Hildegard von Bingen und vielen anderen Befürwortern einer alternativen Medizin über die Sinne hergestellt wurden. Mithilfe ihrer raum- und körperbezogenen Objektsprache stellt die Künstlerin in ihren Werken nicht nur inhaltliche Bezüge zu jenen vergangenen wirkungsästhetischen Dynamiken her. Adam schlägt auch in ihrer Wahl von einfachen Materialien, deren Bearbeitung und sinnlich-energetischem Zusammenspiel im Ausstellungsraum einen Weg jenseits von gegenwärtigen bildhauerischen Strategien ein. Die gemeine Kröte, von der im Titel die Rede ist, ist dabei unsichtbarer aber steter Protagonist. In einer Szenerie aus schimmernden Kristallgrotten unter haarigen Monden, in und auf denen Kröten oder auch Wilde Männer hausen, aus übergroßen Weizenähren, die sich im Windzug wiegen und deren leises Klingen an Aeneas‘ Goldenen Zweig erinnern mögen, und aus Blumen-Potpourris mit Glaskugeln, die den Duft ätherischer Öle und Essenzen verströmen, klingt die alchimistische Signaturenlehre von der Zuordnung der Planeten zu bestimmten Metallen, Edelsteinen und Pflanzen durch. Über jedes einzelne ihrer fragilen künstlerischen Werke vermittelt Victoria Adam so einen Denk- und Erlebens-Raum, der vom Besucher nicht nur das Wissen um vergangene Mythologien, Kosmologien und Symbole einfordert, sondern ihm einen sinnlichen und emotionalen Zugang in der Auseinandersetzung mit Welt bietet: „Perhaps we should make much more use of description of the way things look, sound, feel, smell, taste and so on – drawing on the realm of bodily experiences – simply for heuristic purposes, to remind readers that most of our material is taken from the world of non-explicit expert practice and does not only come from linear, linguistic thought.“ (Maurice E.F. Bloch, 1998, How we think they think. Anthropolical Approaches to Cognition, Memory and Literacy. Boulder, Colorado).

Marianna Christofides: Parkfield Studies

Parkfield ist der Name einer Siedlung, die im Bundesstaat Kalifornien zwischen Los Angeles und San Francisco direkt an der San-Andreas-Verwerfung liegt, einer der längsten und geologisch aktivsten Zonen der Welt. Das Epizentrum des Fort-Tejon-Erdbebens von 1857, eines der schwersten Erdbeben in Kalifornien, bei dem sich die nordamerikanische und pazifische Platte auf einer Länge von 300 km um bis zu 9 m verschob, befand sich nur unweit dieses Ortes. Aufgrund seiner Erdbebengefährdung wird Parkfield durch die United States Geological Survey intensiv beobachtet. Marianna Christofides‘ Einzelausstellung „Parkfield Studies“, die eine Auswahl jüngster audio-visueller (Bewegt-) Bildarbeiten aus einem weit umfassenderen Werk- und Recherchekomplex zeigt, basiert auf der mehrwöchigen Reise der Künstlerin entlang des San-Andreas-Grabens. Interessiert daran, wie Vorgänge im Erdinnern sich auf Lebensformen auf der Oberfläche auswirken, verfolgte sie von Norden nach Süden, vorbei an Parkfield und zahlreichen anderen Orten, nicht nur den Verlauf des Grabens, sondern auch dessen in Gesteinsschichten eingeschriebenen Erd-Geschichten. Von einer erzählt die neue 3-Kanal-Diaprojektion zu Bauwerken des US-amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright in Los Angeles und im japanischen Tokio der 1920er Jahre (A canary called Cassandra, 2017). Dies- und jenseits des pazifischen Plattenrandes schuf Wright neben Villen auch das Luxus-Bauprojekt des „Imperial Hotel“ in Tokio – ein Gebäude, das seine Materialien „aus der Erde“ bezog, ganz nach Wrights Vorstellung der harmonischen Einheit von Bauwerk und Natur. Nur Stunden vor dessen Einweihung im Jahr 1923 ereignete sich das Große Kantō-Erdbeben, das es als eines von wenigen Gebäuden zwar weitestgehend unbeschadet überstand. Doch wurde es nur vierzig Jahre später aus Investmentinteressen wieder abgerissen. Nicht nur Erdgestalter, wie die Architekten Wright oder Bruno Taut, finden sich in Christofides‘ immersiven Bildwelten aus Archivmaterial und dokumentarisch Gefilmten wieder, sondern auch viele Reisebegegnungen, deren Dasein eng mit „Natur“-Katastrophen und deren Symptomen verbunden ist: Ein latenter Zustand des Ausgeliefertseins, der inneren Verunsicherung und des Bedrohlichen gegenüber all jenem, was das scheinbar Gefestigte und Unveränderliche einer weltlichen Ordnung ins Wanken zu bringen vermag. Dass sich Katastrophen allerdings häufig erst daraus ergeben, dass der Mensch selbst zunehmend ebendiese Risiken produziert, indem er Natursysteme verändert und sich in Räume gewagt hat, die er nicht kontrollieren kann, liest sich in Marianna Christofides‘ Arbeiten als impliziter Erzählstrang mit. Oder, anders ausgedrückt: „Der Begriff Naturkatastrophe ist schon deshalb falsch, weil die Natur keine Katastrophen kennt, allenfalls dramatische Veränderungsprozesse. Solche Veränderungen wie (…) ein Erdbeben werden erst im Bezugshorizont menschlicher Zivilisation zur Katastrophe“. (Ulrich Beck, Ein strategisch inszenierter Irrtum, SZ 14.04.2011).

Eröffnung der documenta 14 in Kassel

Heute, am 10. Juni 2017, eröffnet die Ausstellung der documenta 14 in Kassel. An mehr als 30 verschiedenen Orten, öffentlichen Institutionen, Plätzen, Kinos und Universitätsstandorten werden mehr als 160 internationale Künstler_innen ihre für die documenta 14 konzipierten Arbeiten vorstellen.

Die Ausstellungsorte sind täglich von 10-20 Uhr geöffnet. Tickets für die Ausstellung können im Webshop der documenta sowie in den Shops vor Ort am Friedrichsplatz, an der
documenta Halle, der Neuen Galerie und der Neuen Neuen Galerie (Neue Hauptpost) gekauft werden. Bitte beachten Sie die Ticketinformationen auf der Webseite der documenta 14.

Orientierung auf der documenta 14
Der Künstlerische Leiter Adam Szymczyk schlägt einen Parcours für den Besuch der documenta 14 in Kassel vor. Dieser beginnt am ehemaligen unterirdischen Bahnhof (KulturBahnhof) und erstreckt sich über die Nordstadt über den Friedrichsplatz in Richtung Süden bis zu der Torwache, dem unvollendeten Tor zur Stadt. Den Parcours sowie Informationen zu den Ausstellungsorten finden Sie auf der Webseite der documenta 14. Die Info-Karte mit allen Ausstellungsorten der documenta 14 in Kassel können sie herunterladen.

Die beiden Hauptpublikationen der documenta 14 sind das documenta 14: Daybook und Der documenta 14 Reader. Der documenta 14 Reader, eine kritische Anthologie, behandelt Fragen der Ökonomie, der Sprache und der Kolonialität von Macht, während das documenta 14: Daybook den an der documenta 14 beteiligten Künstler_innen gewidmet ist. Ergänzt wird das Daybook durch zwei Broschüren (Map Booklets), jeweils eines für Athen und Kassel, die überall dort erworben werden können, wo die Publikationen erhältlich sind. Die Broschüren können in den Schutzumschlag des Daybook eingelegt werden und vervollständigen damit das Buch. Sie liefern generelle Informationen zu den Ausstellungsorten und eine Liste der ausgestellten Werke.

Weiteres Informationsmaterial über die documenta 14 sowie das tägliche Veranstaltungsprogramm erhalten Sie im Presse- und Informationszentrum am Friedrichsplatz 4 in 34117 Kassel und im Public Paper, der zweiwöchentlichen Zeitung der documenta 14, die in allen Ausstellungsorten kostenfrei ausliegt.
Das vollständige Veranstaltungsprogramm der documenta 14 finden Sie im Kalender auf der Webseite der documenta 14.

Bücherspenden für The Parthenon of Books
The Parthenon of Books ist ein Kunstwerk im Prozess, das auf der Beteiligung der Öffentlichkeit basiert. Tausende Bücher wurden bereits für die Installation nach Vorbild des Tempels auf der Athener Akropolis gespendet, die derzeit auf dem Kasseler Friedrichsplatz erbaut wird. Auch während der Ausstellung können vor Ort noch Bücher abgegeben werden, um den Parthenon mit einst oder gegenwärtig verbotenen Büchern aus der ganzen Welt zu gestalten.

Wir laden Sie herzlich ein, zu Ihrem Besuch der Ausstellung ein Buch mitzubringen und so selbst ein Teil des Werks zu werden.

Besucher_innenumfrage
Während die documenta 14 in Kassel heute eröffnet wird, ist die Ausstellung seit dem 8. April in Athen zu sehen. In Athen zählt die documenta 14 bereits 244.000 Besuche an den verschiedenen Ausstellungsorten, den Werken im öffentlichen Raum und bei den zahlreichen Veranstaltungen und Performances rund um die Stadt. Die Besuche werden am Eingang von jedem Veranstaltungsort der documenta 14, Werken im öffentlichen Raum sowie Veranstaltungen gezählt.

Die documenta 14 hat während der ersten neun Wochen Besucher_innenbefragungen durchgeführt: 43 Prozent der Ausstellungsbesucher_innen sind griechische Besucher_innen und kommen aus Athen, Thessaloniki, Patras, Volos und anderen Teilen Griechenlands; ein Viertel der Besucher_innen kommen aus Deutschland, die weiteren Besucher_innen kommen aus der ganzen Welt (mehr als 56 verschiedene Länder), um die Ausstellung an den verschiedenen Orten zu besichtigen, an Veranstaltungen teilzunehmen, Konzerte zu hören und die vielen Ebenen des Programms der documenta 14 in Athen zu erleben. Laut Umfrage ist es für viele der griechischen und internationalen Besucher_innen der erste Besuch einer documenta. Die Besucherumfrage wurde von der Universität Kassel in Zusammenarbeit mit der Universität Athen durchgeführt.
Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite der documenta 14.