FISCHERSPOONER Sir

Als Warren Fischer und Casey Spooner ihr Kunst-, Musik-, und Performanceprojekt FISCHERSPOONER 1998 in New York ins Leben riefen, hatten sie eine Mission: Die zugeknöpfte, elitäre Kunstszene sollte offener und zugänglicher werden. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Nach ihren ersten, orgiastisch-opulenten Performances wie etwa im MoMA PS1 waren sie aus der Kunstszene der Stadt nicht mehr wegzudenken. Mit ihrem Song Emerge landeten Fischerspooner 2002 sogar in der Britischen Top 40-Hitparade und auf der Bühne der Kultsendung Top of the Pops.

Mit Sir präsentieren FISCHERSPOONER ihr queer-lustvolles Universum erstmals im mumok. In einer Rauminstallation empfinden die beiden Künstler das New Yorker Apartment von Casey Spooner nach und werfen damit Fragen der Grenzziehung zwischen privatem und öffentlichem Raum auf. Thematisiert wird das konstante Mitteilungsbedürfnis des eigenen Lebens – ein Phänomen unserer Zeit, das den persönlichen Raum immer mehr zu einem performativen und öffentlichen werden lässt. Bei der Installation handelt es sich um eine künstlerische Fortführung des vierten Albumprojektes von FISCHERSPOONER. Das ebenfalls unter dem Titel Sir veröffentlichte Werk wurde von Michael Stipe (R.E.M.) produziert und thematisiert das Verschwimmen der Grenzen zwischen dem inneren und dem äußeren sozialen Selbst.

Kuratiert von Marianne Dobner

 

Wolfgang Tillmans

Die grosse Sommerausstellung ist dem Künstler Wolfgang Tillmans gewidmet. Es ist die erste
umfassende Auseinandersetzung mit dem Medium der Fotografie in der Fondation Beyeler, in deren
Sammlung sich schon seit einiger Zeit eine bedeutende Gruppe von Bildern des Künstlers befindet.
Vom 28. Mai bis zum 1. Oktober werden ca. 200 fotografische Arbeiten von 1986 bis 2017 und eine
neue audio-visuelle Installation zu sehen sein.
Bekannt wurde Tillmans in den frühen 1990er Jahren mit heute ikonischen Bildern über das
Lebensgefühl einer Generation, geprägt von unbeschwertem Freiheitsdrang und der Lust, das Leben im
Moment zu geniessen. Doch schon bald erweiterte er den Fokus und nutzte das Experimentieren mit
den Mitteln der Fotografie zum Erfinden einer neuen Bildsprache. Es entstanden Arbeiten mit und ohne
Kamera sowie mit dem Fotokopierer.
Neben traditionellen Genres wie Porträts, Aktdarstellungen, Stillleben oder Landschaftsbilder
präsentiert die Ausstellung abstrakte Werke, die mit der Grenze des Sichtbaren spielen. Sie wird
zeigen, dass nicht Fotografie im klassischen Sinn im Vordergrund des Werkes von Tillmans steht,
sondern das Schaffen von Bildern. Die Ausstellung entsteht in enger Zusammenarbeit mit dem
Künstler.
Am 7. September 2017 spricht Wolfgang Tillmans im Rahmen der „Artist Talks“, organisiert von der
Fondation Beyeler und UBS.
Die Fondation Beyeler kommuniziert die Ausstellung in den sozialen Medien mit den Hashtags
#Tillmans und #FondationBeyeler.
Die Ausstellung „Wolfgang Tillmans“ wird grosszügig unterstützt durch:
Beyeler-Stiftung
Hansjörg Wyss, Wyss Foundation
LUMA Foundation

Fondation Beyeler, Beyeler Museum AG, Baselstrasse 77, CH-4125 Riehen

Willy Fleckhaus. Design, Revolte, Regenbogen

Das Museum Villa Stuck präsentiert die erste große museale Würdigung von Willy Fleckhaus’ Schaffen.
Zu sehen sind ca. 350 Objekte aus der Hand des bedeutenden Grafikdesigners und Art Directos, darunter Magazine, Fotografien, Illustrationen, Bücher, Buchreihen und Plakate.

Wie kein Zweiter hat Willy Fleckhaus die visuelle Kultur der jungen Bundesrepublik von den 1960er- bis 80er-Jahren geprägt und damit maßgeblich zum Paradigmenwechsel im internationalen Grafik- und Werbedesign beigetragen. Fleckhaus verschmolz die Ratio der Schweizer Grafik mit der Phantasie des amerikanischen Editorial Design und wurde damit international zum Vorbild für wenigstens eine Generation von Zeitschriften- und Buchgestaltern, Werbeleuten und Fotograf/innen. Als Willy Fleckhaus zu gestalten begann, wurden Zeitschriften von Einrichtern, bestenfalls Grafikern betreut, die im Impressum der Magazine keine besondere Würdigung fanden. Als Fleckhaus mit nicht einmal 60 Jahren verstarb, war die „Art Direction“ zum festen Begriff und zur gehobenen Position im Prozess der Herstellung geworden. Willy Fleckhaus hat diesen Paradigmenwechsel maßgeblich mitherbeigeführt. Er hat den Begriff des Art Directors importiert und popularisiert, mit Leben erfüllt und damit das Modell einer für alle Fragen der Optik zuständigen Verantwortlichkeit etabliert.

Fleckhaus war auf praktisch allen Gebieten visueller Kommunikation tätig. Er hat Zeitschriften und Bücher gestaltet, Buchreihen und Umschläge konzipiert, Plakate und Signets genauso wie Kataloge und Festschriften entworfen, er hat Erscheinungsbilder und Firmenbilanzen betreut. Fleckhaus war als Berater tätig, hat Vorschläge für das Redesign von
Tageszeitungen erarbeitet und Ausstellungen gestaltet. Seine herausgehobene Position und die damit verbundene Machtfülle wurde jedoch auch nicht unkritisch gesehen. Nicht ohne Grund nannte man Willy Fleckhaus den „teuersten Bleistift
Deutschlands“. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen die Entwürfe für die Buchreihen des Suhrkamp Verlags, die
Bibliothek Suhrkamp (ab 1959), die edition suhrkamp (ab 1963), bekannt als „Regenbogenreihe“, und die Reihe suhrkamp taschenbuch. Weiter war er gestalterisch verantwortlich für das Magazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Logos der Zeitschrift Quick, der Aktion „Ein Herz für Kinder“ und des WDR wurden ebenfalls von Fleckhaus entworfen.

Zu seinen ikonischen Arbeiten, die heute einen Teil unserer visuellen Alltagsgeschichte darstellen, gehört die 1959 gegründete Jugendzeitschrift twen (1959 – 1971), die in Form und Inhalt die innovativen, provokanten und revolutionären Ideen von Willy Fleckhaus widerspiegelt. Gestaltet mit großen Fotostrecken, einprägsamer Typografie und ungewöhnlichem Layout widmete sich twen Life-Style-Themen wie Mode, Musik und Freizeit, aber auch Fragestellungen zur sexuellen Befreiung und
Homosexualität oder politischen Themen wie Antisemitismus.

Eine Ausstellung des Museums Villa Stuck in Zusammenarbeit mit dem Museum für Angewandte Kunst Köln und dem Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, Kurator: Hans-Michael Koetzle

LUCAS VAN LEYDEN (1489/94–1533) – MEISTER DER DRUCKGRAPHIK

Lucas van Leyden war der bedeutendste niederländische Kupferstecher der nordeuropäischen Renaissance. Der in Leiden geborene Künstler hatte sich von frühester Jugend an auf diese Kunstform spezialisiert und sie auf höchstes Niveau gehoben. Dass Lucas als „Wunderkind“ seinen ersten datierten Kupferstich bereits im Alter von 14 Jahren geschaffen habe, berichtet 1604 der Kunsttheoretiker Karel van Mander (1548–1606). Die delikat gestochenen Blätter wurden bereits zu Lucas’ Lebzeiten von Künstlern und Sammlern hoch geschätzt und hatten bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Druckgraphik.
Die Ausstellung präsentiert eine prononcierte Auswahl von mehr als 80 seiner Blätter aus dem reichen Bestand der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Sie erlaubt einen detailreichen Einblick in den künstlerischen Entwicklungsprozess Lucas van Leydens, von seinen Anfängen um 1506 bis in sein letztes Schaffensjahr 1530.
Berühmt ist Lucas für seine subtilen Grauabstufungen, mit denen er den Eindruck räumlicher Tiefe und atmosphärischer Stimmungen zu erzeugen wusste. Doch war es auch Lucas’ erzählerisches Talent, mit dem er das Publikum zu fesseln verstand. Oft verlegt er das eigentliche Hauptereignis seiner theaterhaften Inszenierungen in den Hintergrund und stellt den Moment kurz zuvor oder danach als Schwerpunkt seiner Erzählung in den Vordergrund. Hinzu kommt eine Fülle an Details. Schon Giorgio Vasari und Karel van Mander rühmten seinen Variantenreichtum in der Darstellung von Gesichtern sowie die Vielfalt der Gewänder und Kopfbedeckungen.
Das genaue Studium von Lucas’ Kupferstichen eröffnet eine Welt für sich, die viele Überraschungen – auch amüsanter Art – bereithält. Noch heute ziehen Lucas’ eigenwillige Sujets und seine phantasievolle Erzählkunst in ihren Bann. So gibt das bekannte Blatt mit der „Milchmagd“ von 1510 auf einen ersten Blick vor, Zeugnis des realen Landlebens zu sein. Beim näheren Hinsehen offenbaren sich die erotischen Anspielungen auf eine sich anbahnende Liaison des hinterwäldlerischen Knechts mit der offenherzigen Magd. Mit seiner ironischen Sicht auf die Macht weiblicher Anziehungskraft und der Warnung vor der List und Tücke der Frauen traf Lucas den Geschmack seiner Klientel aus dem Kreis des gutgestellten Bürgertums.
Ausstellung und Katalog bieten die vergnügliche Gelegenheit, einen umfangreichen und bedeutenden Sammlungsbestand der Staatlichen Graphischen Sammlung München neu zu entdecken, das Auge für die delikaten Kupferstiche zu sensibilisieren, sich in die reiche Bildwelt des Lucas van Leyden zu vertiefen und sich an dessen phantasievollen, bisweilen rätselhaften Erzählungen zu erfreuen.
Kuratorin: Dr. Susanne Wagini

VIVIANE SASSEN – UMBRA + ANDREAS MÜHE – PATHOS ALS DISTANZ

Viviane Sassen

Mit der international anerkannten Fotografin Viviane Sassen (*1972) präsentiert das Haus der Photographie Deichtorhallen Hamburg vom 13. Mai bis 20. August 2017 zum ersten Mal eine Einzelausstellung der niederländischen Künstlerin in einem großen deutschen Ausstellungshaus. Das Haus der Photographie präsentiert mit der Werkserie UMBRA (lat. Schatten) das wohl persönlichste Werk der Künstlerin, welches die Besucher mit auf eine Reise durch Licht und Schatten nimmt.

ANDREAS MÜHE – PATHOS ALS DISTANZ

Mit Andreas Mühe (*1979 Karl-Marx-Stadt) stellt das Haus der Photographie der Deichtorhallen vom 19. Mai bis 20. August 2017 erstmals das junge, vielversprechende Œuvre des deutschen Fotografen vor, dessen ästhetische Wahrnehmung von der Welt des Theaters, der Inszenierung und der Verwandlung geprägt ist. Die in enger Zusammenarbeit zwischen Andreas Mühe und Ingo Taubhorn, Kurator des Hauses der Photographie, inszenierte Ausstellung »Pathos als Distanz« unternimmt den Versuch eines Deutschlandbildes aus den Augen des Künstlers.

Peggy Buth Arwed Messmer

Peggy Buth

Peggy Buths Ausstellung Vom Nutzen der Angst erzählt eine politische Geschichte unserer Städte und Vorstädte. Für die Künstlerin ist der urbane Raum ein Ort, an dem sich Soziales und Ökonomisches überlagern, ihn formen und verformen. In drei Kapiteln berichtet Buth von sozialen Utopien und wirtschaftlichen Interessen, vom Versuch der Einbeziehung und Ausgrenzung von Menschen, von Hoffnung, aber auch von Diskriminierung und Verleumdung. Gegenstand ihrer künstlerischen Recherche sind die Vorstädte von Paris sowie Projekte des sozialen Wohnungsbaus und Straßenzüge im US-Bundesstaat Missouri. Für die Ausstellung im Museum Folkwang hat Buth das Terrain ihrer dokumentarischen Recherche um das Ruhrgebiet erweitert und in Essen und in Duisburg gearbeitet.

Arwed Messmer
Über die Rote Armee Fraktion und den Deutschen Herbst 1977 ist aus journalistischer, historischer, literarischer und filmischer Perspektive viel geschrieben und erzählt worden. Der Fotograf und Bildarchäologe Arwed Messmer widmet sich in seiner neuen Arbeit aus fotografischer Sicht diesem Kapitel der bundesdeutschen Geschichte. Messmers Ausgangspunkte sind die unterschiedlichen Aufnahmen von Polizeifotografen – Fotos von Demonstrationen, Tatortbilder und erkennungsdienstliche Aufnahmen – , die er in verschiedenen staatlichen Archiven gesichtet und sich in einem künstlerischen Prozess angeeignet hat. Er zeigt damit die ursprüngliche Funktion, aber auch das verstörende Potential dieser Tatort-Fotografien.

Es ist in diesem Jahr 50 Jahre her, dass die Hippie-Bewegung mit dem Summer of Love 1967 in San Francisco ihren Höhepunkt fand. Vor dem Hintergrund schwerer Rassenunruhen, dem Vietnamkrieg und einer konsumorientierten Gesellschaft, entwickelte sich eine wirkliche Gegenkultur, die nach neuen Wegen im Zusammenleben von Menschen und Staaten suchte. Das Museum Folkwang widmet mit San Francisco 1967 dem Summer of Love die bisher größte Plakatausstellung in Europa.

ALEX DA CORTE + ERICKA BECKMAN

ALEX DA CORTE
Slow Graffiti

Der US-amerikanische Künstler mit venezolanischen Wurzeln Alex Da Corte kreiert Werke – raumgreifende Installationen, Videos und Malerei etwa – mit allumfassender Wirkung: BesucherInnen seiner Ausstellungen können sich der sinnlichen Qualitäten seiner knallig-bunten Welten und dem

hintergründigem Humor, den sie ausstrahlen und in dem stets auch etwas Melancholisch-Schwermütiges mitschwingt, kaum entziehen. Da Corte arbeitet mit Alltagsgegenständen und Massenware, die er auf Flohmärkten, in 1-Euro-Shops, Second-Hand-Läden und Baumärkten findet. Er deutet und wertet ihre ursprüngliche Bestimmung um, beispielsweise wenn er ihr formales Potential frisch erkundet und sie neben Arbeiten befreundeter oder von ihm geschätzter KünstlerInnen präsentiert oder als skulpturale Objekte oder Props in seinen Videos und Installationen verwendet, wo sie neue symbolische Kraft entfalten.
Die Auseinandersetzung mit Entfremdung, der Komplexität menschlicher Erfahrungen und verschiedenen Kulturpraktiken ist grundlegend für Da Cortes künstlerische Arbeit: so untersucht er sowohl die kulturellen als auch psychologischen Aspekte – beispielsweise des Begehrens, aber auch der Verunsicherung – die die Objekte, die er manipuliert und umfunktioniert, besitzen. Die vertraute Logik wird hier ausgesetzt, an ihre Stelle tritt ein Zustand der Täuschung und Illusion. Auffallend ist Da Cortes souveräner, wenngleich eigenwilliger Umgang mit Farbe und die gekonnte Verschmelzung von (geometrischer) Abstraktion und modernem Design mit trivialen Gebrauchsgegenständen: Hoch- und Populärkultur treffen sich in seinen Werken, deren Referenzen an die Pop Art und insbesondere deren Vertreter von der amerikanischen Westküste unübersehbar sind, ganz selbstverständlich auf Augenhöhe.
Alex Da Corte, geboren 1980 in Camden (New Jersey, USA), lebt und arbeitet in Philadelphia.
Das Ausstellungsprogramm wird vom Vorstand der Secession zusammengestellt.
Kuratorin: Jeanette Pacher

ERICKA BECKMAN
Game Mechanics
Die Film- und Videoarbeiten der amerikanischen Künstlerin Ericka Beckman thematisieren Spiele und sportliche Wettkämpfe und deren Regeln sowie Spielfelder als Allegorie für die Entwicklung und Aufrechterhaltung soziokultureller Normen.
Beckman, die heute als wichtige Vertreterin der sogenannten Pictures Generation gilt, studierte in den 1970er Jahren am renommierten California Institut of the Arts (Cal Arts) in der Klasse Post Studio von John Baldessari. Weitere wichtige Einflüsse für sie waren die New Yorker No-Wave-Szene mit ihrem
medialen Cross-Over und das Werk des Entwicklungspsychologen Jean Piaget. Sie kooperierte vielfach mit KünstlerInnen ihrer Generation wie Mike Kelley, Matt Mullican, Tony Oursler oder James Welling.
Beckmans Filme sind weitgehend wie Spiele strukturiert. Die Narration entwickelt sich aus ihren Themen: Akkumulation, Wettbewerb sowie die Organisation von Gedanken und Erinnerungen durch Regeln, Symbole und symbolisches Denken. Die handelnden Figuren sind keine DarstellerInnen, sondern agieren als Spielende. Dabei reflektierte die Künstlerin schon früh neu aufkommende technische Entwicklungen wie Virtual Reality, Künstliche Intelligenz und Computerspiele.
Beispielhaft dafür ist ihr 16-mm-Film Cinderella (1986). Beckman inszeniert den vielfach feministisch gedeuteten Film als ein surrealistisch wirkendes Märchen. Die Heldin scheint zwischen ihrer Arbeit an einem industriellen Brennofen und dem Tanz mit dem Prinzen im Ballsaal gefangen zu sein und kann sich erst von den Regeln des Spiels befreien, als sie realisiert, dass sie nicht zwangsläufig um Mitternacht, sondern wann immer es ihr passt, nach Hause gehen kann.
Charakteristisch für Beckmans Filmarbeiten sind pulsierende Beats, Stop-motion-Animationen und übereinandergelegte Formen und Gesten, die sie analog durch Mehrfachbelichtungen des Filmmaterials erzeugt. Seit dem Jahr 2000 gewinnt außerdem die choreografierte Kameraführung, die Beckman vor allem zur Dekonstruktion von Architektur einsetzt, an Bedeutung. In ihrem jüngsten Film Tension Building (2014) überblendet die Künstlerin animierte Aufnahmen eines Architekturmodells eines amerikanischen Footballstadiums im Zeitraffer mit Bildern eines italienischen Stadions aus der Zeit des Faschismus. Der Film widmet sie sich dem College Football, der Verbindung von Sport und Militär und den Grundstrukturen von Erlebnissen, zugleich aber auch grundlegenden filmischen Fragestellungen wie dem Zusammenfügen von Imaginärem und Realem, dem Regulieren von Raum und Zeit, der Bewegung und der Unterbrechung von Bewegung.
Für ihre Ausstellung in der Secession plant Ericka Beckman eine neue Filmproduktion, die das weltweit bekannte Brettspiel Monopoly und dessen frühe Entwicklungsgeschichte mit einer ursprünglich kapitalismuskritischen Spielvariante thematisiert. Außerdem wird sie eine Auswahl an Zeichnungen zeigen, die ihr als Grundlage für die Filmproduktion dienen.
Ericka Beckman, geboren 1951 in Hempstead (New York, USA), lebt und arbeitet in New York City.
Das Ausstellungsprogramm wird vom Vorstand der Secession zusammengestellt.
Kuratorin: Annette Südbeck

Deutschen Pavillon auf der 57. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia Deutscher

Anne Imhof. Faust
Auf Einladung von Susanne Pfeffer hat Anne Imhof die Arbeit „Faust“ für den Deutschen Pavillon auf der 57. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia entwickelt. In der für den Raum und die Situation entwickelten skulpturalen Setzung entfacht sich das zusammen mit ihrem festen Team neu konzipierte Stück zu neuen Kompositionen. „Faust“ ist zum einen eine gut fünfstündige Inszenierung, zum anderen ein auf sieben Monate angelegtes Langzeitszenario aus performativer Dynamik, skulpturaler Installation, malerischer Setzung und präziser Choreografie der Sichtachsen und Bewegungen, das den gesamten Pavillon umfasst. So ist „Faust“ unbedingte Gegenwart, deren Essenz sich dem Betrachter unmittelbar, im Augenblick mitteilt:

Ein Raum, ein Haus, ein Pavillon, eine Institution, ein Staat. Fließend, kristallin und hart durchziehen Glasboden und Glaswände wie in den Machtzentren des Geldes den Raum. Raumgrenzen, die zugleich offenlegen und permanent alles sichtbar und kontrollierbar machen. Der erhöhte Boden hebt die Körper an und verändert die Proportionen des Raums. Unter, neben und über uns sind Körper Einzelner und Vieler. Erhoben wie erniedrigt bewegen sich die Performer durch, unter und auf dem Pavillon. Auf frei stehenden gläsernen Podesten stehen oder hocken sie wie schwebend an den Wänden der Räume – Körper, Skulptur und Ware zugleich. Unversehens befinden wir uns in einer Konstruktion von Macht und Ohnmacht, Willkür und Gewalt, Widerstand und Freiheit. Draußen, im eigenen Territorium, bewachen die Hunde das Haus.
Der Schrei verstummt unter dem verzögerten Schlag der eigenen Hand. Die vermeintliche Umarmung erstarrt im stillen Kampf der angespannten Kräfte. Dumpf verhallt der Schlag der Faust auf der Brust und lässt den Arm mechanisch zurückschnellen. Gegen das Glas gepresst, verformen sich die Körper bis zur Unkenntlichkeit zu einer fleischigen Masse. Die Hand befriedigt autark und still das eigene Geschlecht. Die Körper der Performer sind auf das nackte Leben reduziert. Sie lassen sich anhand ihrer Sexualökonomie analysieren. Masturbation als Regression und Widerstand, als Tod der Sexualität und zugleich als Bild einer Sexualität, die allein dem visuellen Konsum dient. Lust entsteht nicht im sexuellen Akt, sondern im Akt des Sehens und Gesehenwerdens. Die stummen Schreie zeugen vom Schmerz des zunehmenden Verschwindens des Lebendigen, der Zombisierung des kapitalisierten Körpers. Die dualistische Konstruktion, die Grenze zwischen kapitalisiertem Subjekt und kapitalisiertem Objekt, scheint aufgelöst. Wie aber agiert die Macht, wenn sie sich von den Subjekten abspaltet und sie zum Objekt macht? „Niemals zuvor konnte sich Macht so schnell im gesellschaftlichen Körper ausbreiten und war so schwer zu fixieren.“ (Paul B. Preciado) Die Essenz des Kapitalismus ist der hemmungslose Verbrauch der Körper.
Das transparente Glas erlaubt den sezierenden Blick des Betrachters auf den Performer und zurück; die kalte, symmetrische Struktur ermöglicht unmittelbare Beobachtung sowie direkte Kontrolle. Das trennende Glas schafft Distanz wie auch Selbstwahrnehmung und die Bewusstwerdung der Betrachtung. Blicke treffen sich, aber keine Kommunikation entsteht. Die Performer nehmen einen wahr, aber erkennen einen nicht an. Man ist inmitten der performativen Handlungen, aber wird nie Teil davon sein. Nach Gender, individuell und eigen, zugleich aber stereotyp, treten die Performer in Erscheinung. Die individuellen Bewegungen und Gesten jedes Einzelnen stehen im Widerstreit zu den uniformen, mit Textmessages gesteuerten Bewegungen, die an unreflektierte, aber unaufhörlich eingeübte gesellschaftliche Codes erinnern. So erscheinen diese dressierten und fragilen Körper wie von unsichtbaren Machtstrukturen durchzogenes Material. Sie sind Subjekte, die sich permanent gegen ihre Objektwerdung zu sträuben scheinen. Den Bio-Techno-Körpern ist ihre mediale Vermittlung bereits inhärent. Den Performern ist bewusst, dass ihre Gesten kein Zweck an sich sind, sondern sie allein in ihrer Medialität existieren. So scheinen sie sich permanent in konsumierbare Bilder zu verwandeln; sie wollen zum Bild werden, zur digitalen Ware. In einer hochgradig von Medialität gekennzeichneten Zeit bilden Bilder unsere Realität nicht nur ab, sondern stellen sie her.
Die gegenwärtigen biopolitischen Körper sind keine eindimensionale Oberfläche mehr, auf der sich Macht, Gesetz, Kontrolle und Bestrafung einschreiben, sondern ein dichtes Innen, in dem Leben ebenso wie politische Kontrolle stattfindet – in Form von Austausch und Kommunikation. Es tritt ein neues Subjekt in Erscheinung: hormonal, medial, hoch vernetzt. Die Schönheit der Körper, die wir sehen und als selbstoptimiert annehmen, ist durch die Werbe- und Warenbildökonomie, der wir immer ausgesetzt sind, konditioniert. Sie liegt nicht im Auge der Betrachtenden, sondern in der Perfektionierung der Verwertungszusammenhänge, der Algorithmen.
Eigens für die jeweiligen Stimmen der Performer geschaffene Kompositionen erklingen zunächst vereinzelt und summieren sich im technologischen Zusammenschluss der Mobiltelefone mehr und mehr zu einem ebenso gewaltigen wie solipsistischen Chor. In der Gruppe formiert, bleibt die ziellose Individualität bestehen. Auch wenn sie gemeinsam singen, singen sie vom Ich.
Die Hunde im Zwinger, Herr und Hund, Hund und Gefährte sind Zeugnis eines dem kulturellen Wandel unterzogenen Machtverhältnisses und Sinnbild der sich wandelnden Konstruktionen von Natur: kein trennender Dualismus von Natur und Kultur, sondern der Zwinger als Welt.
In einer Gesellschaft, in der die Schuldfrage keine religiöse, sondern eine der individuellen Eigenverantwortung, in der Krankheit keine Gottesstrafe, sondern selbstverschuldet ist, wird der Körper zum Kapital und Geld zum einzigen Parameter. Der Körper wird zum Konsumgegenstand des freien Marktes. So entscheidet die Marktrationalität, ob ein Körper schützenswert ist oder nicht – bis hin zur Nekropolitik. Im Kapitalismus ist die Herrschaft des Geldes absolut. Ähnlich wie in Goethes „Faust“ wollen wir etwas verkaufen, das es gar nicht gibt. Die Seele gibt es hier nicht, die Waren der Finanzwirtschaft gibt es nicht, und doch, oder gerade deshalb, funktioniert das System. Allein im Zusammenschluss als Gruppe von Körpern und in der Besetzung von Raum kann sich Widerstand formieren. Auf den Balustraden und Zäunen, im Untergrund und auf dem Dach, erobern und besetzen die Performer den Raum, das Haus, den Pavillon, die Institution, den Staat.

Kuratorin: Susanne Pfeffer

NIKI DE SAINT PHALLE

Von den Nanas zum Tarotgarten

In Zusammenarbeit mit dem Sprengel Museum Hannover  werden ca. 50 Werke dieser außergewöhnlichen franko-amerikanischen Künstlerin in der Herbert Gerisch-Stiftung in Neumünster gezeigt. Niki de Saint Phalle, die sich selbst als „Terroristin der Kunst“ bezeichnete, sorgte mit ihren begehbaren Großskulpturen der Nanas bereits in den fünfziger und sechziger Jahren für weltweite Aufmerksamkeit. Ihr autobiografisches Werk wird mit exemplarisch wichtigen Arbeiten aus allen Schaffensphasen in den Räumen der Villa Wachholtz und der Gerisch-Galerie vertreten sein, angefangen von den frühen Familienbildern über die berühmten Schießbilder bis hin zu den fröhlichen, der Weiblichkeit huldigenden Nanas. Auch die Modelle des Tarotgartens, dem Lieblingsprojekt der Künstlerin aus den letzten 20 Jahren ihres Lebens, werden gezeigt. Kein Geringerer als Prof. Dr. Ulrich Krempel, ausgewiesener Kenner Ihres Werkes und ehemaliger Direktor des Sprengel Museums, steht für die Kuratierung der Ausstellung. Der Film „Wer ist das Monster – Du oder ich“ von Peter Schamoni komplettiert die Schau.Das Begleitprogramm bietet Ihnen mit Vorträgen, Filmvorführung und Kuratorenführungen zusätzlich spannende Einblicke in die Welt von Niki de Saint Phalle:

 

Donnerstag, 29. Juni, 19.00 Uhr:

Kuratorenführung mit Prof. Dr. Ulrich Krempel

Kuratorenführung zur aktuellen Ausstellung „Niki de Saint Phalle – Von den Nanas zum Tarotgarten“

 

Sonntag, 20. August, 17.00 Uhr:

Filmvorführung „Wer ist das Monster – Du oder ich?“ in der Art Lounge

Die abendfüllende Künstlerdokumentation über Niki de Saint Phalle von Peter Schamoni wird in voller Länge in der Art Lounge gezeigt.

Einführung: Konrad Hirsch (Schamoni Film)

Um Anmeldung wird gebeten: Tel. 04321-555120

Eintritt: 12 EUR

 

Samstag, 02. September, 19.00 Uhr:

Vortrag: Rosi Huhn „Niki de Saint Phalle und Louise Bourgeois – Körper, Skulpturen und Architekturen einer von Frauen geschaffenen Welt“

Die in Frankreich lebende Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin Rosi Huhn widmet ihren Vortrag zwei bedeutenden Ausnahmekünstlerinnen, Niki de Saint Phalle und Louise Bourgeois, deren Werke und Person bis heute eine ungebrochene Faszination ausüben.

Im Anschluss an den Vortrag folgen eine Getränkepause und eine Diskussionsrunde.

Um Anmeldung wird gebeten: Tel.  04321 555 120

Eintritt: 12 EUR

 

Sonntag, 10. September, 12.00 Uhr:

Kuratorenführung mit Prof. Dr. Ulrich Krempel

Kuratorenführung zur aktuellen Ausstellung „Niki de Saint Phalle – Von den Nanas zum Tarotgarten“

 

 

Magali Reus

Die niederländische Künstlerin Magali Reus (*1981 Den Haag) entwickelt komplexe skulpturale Werke, die existierende Objekte wie Behältnisse, Klappstühle oder Pferde-sättel evozieren und dabei potentiell funktionsfähig erscheinen.
Aufgrund ihrer eigenwilligen Gestaltung und differenzierten Materialität erhalten die Objekte einen entschiedenen Fetischcharakter. Reus’ Arbeitsweise entpuppt sich als in höchstem Masse detailversessen. Die Skulpturen wirken in ihrem raffinierten Design vertraut, zugleich aber höchst eigenwillig. Es verdichten sich darin formale Einflüsse und kunsthistorische Referenzen von Minimal bzw. Postminimal Art zu vielschichtigen Formverbindungen, die gleichermassen in die industrielle Produktion wie ins private Er-leben verweisen.

Magali Reus, die in London lebt und arbeitet, war international bereits in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten, u. a. in der Fondazione Sandretto Re Rebau-dengo, Turin, im Westfälischen Kunstverein, Münster, im Sculpture Center, New York. In der Ausstellung Post/Postminimal war bereits 2014 die Werkgruppe Parking im Kunstmu-seum St.Gallen zu sehen. Nun folgt, in Kooperation mit dem Stedelijk Museum Amster-dam, die erste Einzelausstellung der jungen Künstlerin in einem Schweizer Museum.
Kuratorin: Nadia Veronese

Zwischen den Zeilen Kunst in Briefen von Niki de Saint Phalle bis Joseph Beuys

Die Ausstellung „Zwischen den Zeilen. Kunst in Briefen von Niki de Saint Phalle bis Joseph Beuys“ widmet sich den fast vergessenen Medien der Briefe und Postkarten. Gezeigt werden namhafte, internationale Künstlerpositionen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die mit zum Teil experimentellen Konzepten die kreativen sowie kommunikativen Möglichkeiten und Grenzen des Schriftverkehrs ausreizen.

Im Rahmen der Ausstellungsreihe Präsent zeigt das Sprengel Museum Hannover regelmäßig Neuankäufe für die grafische Sammlung, die durch die Förderung der Deutschen Bank ermöglicht werden. Die diesjährige Ausstellung zeigt in einer konzentrierten Auswahl von insgesamt 64 Künstlerbriefen und -postkarten seit den 1960er-Jahren, wie spannungsreich Künstlerinnen und Künstler mit diesen Medien arbeiten. Bereits durch den Titel Zwischen den Zeilen wird klar, dass es um intime und komplexe, teilweise versteckte Botschaften geht. Die Briefe und Postkarten dienen nicht mehr nur der schriftlichen Kommunikation, sondern werden selbst zum Kunstwerk. Den Schwerpunkt der Werkschau bilden die illustrierten Briefzeichnungen Niki de Saint Phalles aus dem Sammlungsbestand des Museums, denen ein ganzer Raum in der Ausstellung gewidmet ist. Dabei werden neben den Druckgrafiken auch die empfindlichen Originalzeichnungen der Künstlerin zu sehen sein. Ankäufe für die grafische Sammlung, wie zum Beispiel eine abstrakte Briefserie von Günther Uecker und Postkarten von Joseph Beuys, bereichern die Ausstellung thematisch. Die Auswahl aus der Sammlung wird darüber hinaus ergänzt durch 21 Leihgaben, unter anderem von Mary Bauermeister, James Lee Byars, Sophie Calle, Hanne Darboven, Elena del Rivero, Dieter Roth und Ben Vautier.

Künstlerbriefe

Der Brief als Kommunikationsmittel wird heutzutage nur noch selten genutzt – die zeitgenössische Kunst hingegen hat sich in vielfältiger Weise diesem Thema gewidmet. Handgezeichnete Illustrationen oder konzeptuelle Auseinandersetzungen mit dem Brief lassen das Medium selbst zum Kunstwerk werden. Vor allem die Künstlerbriefe von Niki de Saint Phalle (1930-2002), die für ihre fröhlich-bunten Frauenskulpturen, den Nanas, bekannt ist, sind in ihrer Verknüpfung von Text und Illustration einzigartig und geben einen tiefen, sehr intimen Einblick in die Gedanken und Emotionen der Künstlerin. Einen anderen Ansatz verfolgt hingegen Günther Uecker (*1930), der in einer Briefserie das eigentlich Notwendige für die Kommunikation – die Schrift – in ein unleserliches, informelles Bild verwandelt.

Seit den 1960er-Jahren spielt der Aspekt der Intermedialität eine zunehmend wichtige Rolle, die sich auch auf die künstlerische Gestaltung von Briefen und Postkarten auswirkt. Joseph Beuys (1921-1986) lässt das Material für sich sprechen und fertigt Briefe und Postkarten aus Schwefel, Metall und Filz in hoher Auflagenzahl, um sie als Vehikel seiner Ideen möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Serielle Arbeitsweisen und der Einsatz performativer und konzeptueller Elemente erweitern so die Bedeutung und die Funktion des Schriftverkehrs. Einen solchen konzeptuellen Ansatz verfolgt auch Sophie Calle (*1953), die mit ihrem im Sprengel Museum Hannover gezeigten Werk einen schmerzhaften, an sie adressierten Brief verarbeitet und sich dadurch selbst therapiert.

KERSTIN BRÄTSCH INNOVATION

„Kerstin Brätsch. Innovation“ ist die erste Überblicksausstellung der in Hamburg geborenen und in New York lebenden Malerin. In Brätschs Schaffen verbinden sich die Einflüsse des Digitalen auf einzigartige Weise mit einer Reflexion über kunsthistorische Traditionen. Ihr ebenso vielseitiges wie konsequentes Werk pendelt zwischen konzeptueller Analyse der Malerei und einer Hingabe an malerische Prozesse. Mit rund 60 großformatigen Malereien auf Papier, Polyesterfolie und in Marmoriertechnik, über 40 handgefertigten Glasarbeiten, zahlreichen Videos, zwei Diaprojektionen, einer großen Installation sowie mehreren raumbezogenen Eingriffen, gewährt die Ausstellung erstmals einen umfassenden Einblick in die malerische Praxis der Künstlerin von 2006 bis heute.

Kerstin Brätschs Bilder spiegeln den Druck, dem sich das Medium Malerei durch die zunehmende Dominanz digitaler Technologien ausgesetzt sieht. Bilder werden im Digitalen zu reinen Oberflächen, die sich auf verschiedenste Trägermaterialien ausbreiten können und mit zunehmender Geschwindigkeit zirkuliert werden. Gerade in den Werkserien „New Images / Unisex“ (2008/09) und „FürstFürst“ (2009), die auf digitalen Entwürfen der Künstlerin Adele Röder basieren (mit der sie 2007 DAS INSTITUT gründete), reagiert Brätsch auf diese Veränderung. Die Malereien evozieren technische Motive, Bildwelten des Designs oder der Unternehmensbewerbung. Dabei bringt sie die Materialität der Malerei – die unausweichliche Körperlichkeit von Farbe und Bildträger – in Stellung gegen die Flüchtigkeit digitaler Bilder.

Darüber hinaus schlägt Brätsch durch gezielte Bezüge zu alternativen kunsthistorischen Genealogien eine neue Perspektive auf die (männlich dominierte) Geschichte der modernen Malerei vor. Deutlich wird dies in ihrer Beschäftigung mit den metaphysischen Strängen der Abstraktion sowie den animistischen Qualitäten von Malerei, beispielsweise in den Münzbildern der „Stars and Stripes“-Serie (2009-2012), die die Künstlerin als „Wunschbrunnen“ beschreibt. Für die „Psychic“-Serie (dt. Hellseher, 2006-2008), die während ihres Studiums an der Columbia University in New York entstand, suchte sie zahllose Wahrsagerinnen auf. Deren Persönlichkeitsdeutungen bildeten den Ausgangspunkt für die Darstellungen übergroßer Gesichter. Dort wo einem üblicherweise Augen, Nase und Mund begegnen, finden sich in den „Psychics“ mit abstrakten Mustern und Schattierungen gefüllte Leerstellen, die zu Projektionen einladen. Für Brätsch verbildlichen die „Psychics“ Energieformen oder „Power Heads“, die den Blick des Betrachters erwidern sollen. Kerstin Brätsch unterläuft nicht nur Erwartungen an die Bildgattung Porträt, sondern formuliert auch ein zentrales Thema ihres Schaffens: das Verhältnis von Malerei und Subjektivität – eine Koppelung, die sie in ihren Arbeiten aufweicht, destabilisiert und bisweilen parodiert.

Exemplarisch hierfür ist ein zentrales Motiv von Brätschs Bildern: der abstrahierte Pinselstrich. Sie vergrößert und isoliert den Pinselstrich, verwandelt ihn in ein Abbild seiner selbst und lässt ihn durch verschiedene Werkgruppen wandern. Er wird zum Repräsentanten einer Subjektivität, die sich ihrer Grundlagen nicht sicher sein kann. Brätsch nutzt den Pinselstrich wie ein digitales sample, das endlos kombiniert werden und in der additiven Kombination die unterschiedlichsten Formen annehmen kann. So verwandeln sich die Pinselstriche in den „Blocked Radiant (for Ioana)“-Bildern (2011) in Gestrüpp, Klauen, Skelette, zeigen sich aber auch als rein abstrakte Muster und Strukturen. Die „Interchangeable Mylar (3 parts)“ (seit 2012), Malereien auf Polyesterfolie, bestehen aus je drei Lagen. Diese lassen sich, mit unterschiedlichen visuellen Ergebnissen, immer neu kombinieren. Damit verlieren der Pinselstrich – und die Malerei – ihre Permanenz und Stabilität.

2012 beginnt die Künstlerin ihre Pinselstriche mithilfe des Glasmalermeister Urs Rickenbach in aufwändiger Handarbeit in Glas zu übersetzen. Sie verleiht einem Element, das konzeptionell eng an den körperlichen Ausdruck beim Malen gebunden ist, einen realen, materiellen Körper, der in seiner Transparenz jedoch echte Körperlichkeit zu negieren scheint. Diese Ambivalenz wird in den jüngsten Antikglas-Arbeiten fortgeschrieben. Sie bemalt die Gläser und lässt nach ihren Entwürfen Fragmente von Kirchenfester-Bordüren, Glassteine oder Achatscheiben einsetzen – und schafft damit Darstellungen von Figuren, die ebenso physisch wie geisterhaft sind.

Auch bei KAYA (ihrem Kooperationsprojekt mit dem Künstler Debo Eilers) steht die widersprüchliche Körperlichkeit des Bildes – in psychologischer, materieller und sozialer Hinsicht – zentral. Für die sogenannten „Bodybags“ (dt. Leichensäcke) haben die Künstler Brätschs Malereien auf Polyesterfolie aufgeschnitten, mit Objekten von Eilers ausgestopft und grobschlächtig wieder vernäht. Die „Narben“ der Bilder werden sichtbar belassen; die (Bild-)Körper sind geschunden, versehrt und aus Fragmenten und Reststücken in einer symbolischen und doch vergeblichen Form der Heilung wieder zusammengesetzt.

Mit den Glasarbeiten sowie den „Unstable Talismanic Rendering“ Marmorierungen (seit 2014) öffnet sich Brätschs Werk jahrhundertealten kunsthandwerklichen Techniken. Und so treten nicht nur die mit diesen Techniken verbundenen Bezüge zur Alchemie und zum Mystisch-Spirituellen stärker in den Vordergrund. Mit diesen vermeintlich minderen Formen künstlerischen Ausdrucks plädiert Brätsch auch für eine alternative Geschichte der Malerei, die deren Bruchstellen und Seitenwege berücksichtigt.

Der Titel der Ausstellung „Innovation“ ist einem Werbeslogan der Firma Brätsch Kompressoren in Hamburg entlehnt. Er scheint die Erwartungen an eine erste Überblicksausstellung genau zu beschreiben: den Druck, sich immer neu beweisen, mit immer neuen Arbeiten und Ideen aufwarten zu müssen. Es gehört zu Brätschs Stärken, derartige Mechanismen und Erwartungen in aller Deutlichkeit und mit viel Humor offenzulegen. Ein zentrales Anliegen der Künstlerin ist es, die Malerei auf soziale Zusammenhänge hin zu öffnen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in ihren Kooperationsprojekten. Und so zeigt die Ausstellung neben Arbeiten von Kerstin Brätsch auch Beiträge von und mit DAS INSTITUT, Full-Fall (Davide Stucchi und Mattia Ruffolo), Gaylen Gerber, Jane Jo, Allison Katz, KAYA, Kathrin Sonntag, UNITED BROTHERS (Ei und Tomoo Arakawa), sowie des Filmemachers Alexander Kluge.

Begleitend zur Ausstellung erscheint die erste Monografie zum Werk von Kerstin Brätsch. Die Publikation mit dem Titel „BRÄTSCH:“ stellt in einem umfangreichen Bildteil die zentralen Werkserien und Kooperationsprojekte der Künstlerin vor; sie beinhaltet einführende Essays von Patrizia Dander, Kathy Halbreich und Lanka Tattersall, sowie ein Gespräch von Philip Coulter mit der Künstlerin Allison Katz. Die Publikation wird gemeinsam mit der Fondazione Donnaregina per le Arti Contemporanee / Madre – Museo d’Arte Contemporanea Donnaregina, Napoli herausgegeben. Dort wird die Künstlerin gemeinsam mit Debo Eilers (als KAYA) im Herbst 2017 im Rahmen der MADRESCENZA Seasonal Schools ein einwöchiges Seminar halten.

Die Ausstellung wird in den sozialen Medien über den Hashtag #BrätschMB begleitet.

Kuratorin: Patrizia Dander

 

Generali Foundation und Museum der Moderne Salzburg gratulieren Carolee Schneemann zur Verleihung des Goldenen Löwen in Venedig

Start der internationalen Ausstellungstour und Neuerwerbungen für die Sammlung Generali Foundation

Während Carolee Schneemann auf der 57. Biennale von Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk erhält, startet das Museum der Moderne Salzburg eine internationale Tour der Ausstellung Carolee Schneemann. Kinetische Malerei. Erste Station ist Ende Mai das MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (31.5 bis 24.9.2017); im Herbst wandert die Schau an das MoMA PS1 in New York (22.10.2017 bis 11.3.2018). In Salzburg traf die sechs Jahrzehnte umspannende Werkschau von Carolee Schneemann im Herbst/Winter 2015/2016 auf fulminante öffentliche Resonanz. Die Publikation zur Ausstellung gilt inzwischen als Standardwerk. In der von Sabine Breitwieser, Direktorin am Museum der Moderne Salzburg, kuratierten Ausstellung (beratender Kurator Branden W. Joseph, Gallipoli Professor of Modern and Contemporary Art, Columbia University, New York) wurde Schneemanns radikale und feministische Performance-Kunst erstmals mit ihren Ursprüngen in der Malerei des Abstrakten Expressionismus und der Assemblage-Kunst betrachtet. „Ich freue mich sehr, dass die Pionierarbeit und der wegweisende Einfluss von Carolee Schneemann auf nachfolgende Künstler_innen durch diese Auszeichnung auf der diesjährigen Biennale di Venezia bestätigt wird. Unsere Ausstellung und die begleitende Publikation werden dazu beitragen, ihre Bedeutung einem breiten Publikum in Europa und den Vereinigten Staaten zu erschließen. Ich danke der Generali Foundation für den Ankauf einer signifikanten Gruppe zentraler Werke für die Sammlung, die dem Museum im Rahmen der Partnerschaft zur Verfügung stehen werden“, so Breitwieser.
Für die Sammlung der Generali Foundation – seit 2014 Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg – konnten Schlüsselwerke von Carolee Schneemann gesichert werden: Nach den bereits letztes Jahr getätigten Ankäufen eines frühen kinetischen Werkes mit dem Titel Fur Wheel (1962) sowie der Experimentalfilme wurde nun mit Noise Bodies (1965) eine weitere zentrale Arbeit erworben. Die Originalkostüme und Requisiten der beim 3rd Avantgarde Festival in New York aufgeführten Performance bilden mitsamt Sound, Partituren und Fotodokumentation eine eindrucksvolle Installation. Tragbare, bemalte Skulpturen aus Alltagsgegenständen bildeten die Grundlage einer Klang- und Bewegungsimprovisation, bei der Schneemann und der Komponist James Tenney ihre Körper gegenseitig mit Stäben bespielten, um Klänge von variierender Geschwindigkeit, Tonhöhe und Klangfarbe zu erzeugen. Wie in vielen ihrer Performances benutzte Schneemann auch in Noise Bodies ihren Körper als Material und Vehikel für die Erschließung neuer künstlerischer Formen und stellte dabei auch künstlerische und gesellschaftliche Normen in Frage. Noise Bodies ist im Rahmen der Ausstellung Ein Fest des Staunens. Charlotte Moorman und die Avantgarde, 1960–1980 bis zum 18. Juni 2017 im Museum der Moderne Salzburg zu sehen.
Presseinformation
Generali Foundation und Museum der Moderne Salzburg gratulieren Carolee Schneemann zur Verleihung des Goldenen Löwen in Venedig
Start der internationalen Ausstellungstour und Neuerwerbungen für die Sammlung Generali Foundation

Internationale Ausstellungstour
Carolee Schneemann. Kinetische Malerei
organisiert vom Museum der Moderne Salzburg
31. Mai 2017 – 24. September 2017: MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main
22. Oktober 2017 – 11. März 2018: MoMA PS1, New York

euward erneut ausgeschrieben:

Künstlerinnen und Künstler können sich europaweit wieder
um den renommierten Preis für Malerei und Grafik bewerben
Förderpreis des Augustinum für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Behinderung
Der euward, der Europäische Förderpreis für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Behinderung
der Münchner Augustinum Stiftung, ist wieder ausgeschrieben. Bis zum 22. August 2017 können
sich Künstlerinnen und Künstler mit kognitiven Beeinträchtigungen um den renommierten
Kunstpreis bewerben. Die Preise werden im Rahmen der Eröffnung der euward-Ausstellung im
Juli 2018 im Buchheim Museum Bernried verliehen. Informationen zum Bewerbungsverfahren
sind im Internet unter www.euward.de zu finden.
Seit 2000 verleiht die Augustinum Stiftung den euward. Er ist international die wichtigste
Auszeichnung für Kunst im Kontext von geistiger Behinderung und wird 2018 bereits zum siebten
Mal vergeben. In den letzten Jahren hatten sich jeweils zwischen 300 und 800 Künstler aus mehr
als 20 europäischen Nationen beworben.
Ziel des euward ist es, unbekannte Künstler zu fördern und ihr Schaffen der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen. Eine Jury von bekannten Fachleuten (Eva di Stefano, Prof. em. für
Phänomenologie und Geschichte der zeitgenössischen Kunst an der Universität Palermo; Daniel
J. Schreiber, Direktor des Buchheim Museum der Phantasie in Bernried; Christian Berst, Galerist,
Verleger, Ausstellungskurator und Autor, Paris) wählt aus den Bewerbungen aus ganz Europa
drei Preisträger. Sie erhalten eine Ausstellung ihrer Werke im Buchheim Museum in Bernried bei
München, außerdem werden sie mit Geldpreisen und einem Katalog im Gesamtwert von rund
19.000 Euro gefördert.
Kunst von Menschen mit einer geistigen Behinderung hat sich in jüngster Zeit zunehmend
entwickelt. Neben der Tradition der „Art Brut“ oder „Outsider Art“ bildet sie heute eine neue
künstlerische Szene. Oft bieten „Betreute Ateliers“ den Talenten die Bedingungen, um sich als
freischaffende Künstler zu verwirklichen. Der euward will die künstlerische Qualität im Schaffen
dieser kulturellen Außenseiter sichtbar machen. Rein soziale Aspekte spielen dabei keine Rolle.

DANIEL KNORR

DIE FRAU MEINES LEBENS LIEBT MICH NOCH NICHT

Matrjoschka-Figuren erfreuen sich seit ihrer Erfindung Ende des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit, in Russland wie mittlerweile weltweit. Im Original aus Holz gedrechselt, ineinander schachtelbar und farbig bemalt, verkörpern die freundlich-runden, zumeist weiblichen Puppen Fruchtbarkeit und Mütterlichkeit.

Nicht aus Holz, sondern aus Pappmaché bestehen die Matrjoschkas, die der Künstler Daniel Knorr 1999 für seine Installation „La femme de ma vie ne m‘aime pas encore“ geschaffen hat. In unterschiedlichsten Größen besetzen seine Figuren den Raum, wecken Assoziationen zu kulturellen Traditionen und Klischees, zu Demografie, Migration und globalem Tourismus.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu der 2002 entstandenen Installation „Doppelgarage“ von Thomas Hirschhorn, deren zentrales Thema kriegerische Konflikte sind, die aus Machtgier oder Zurücksetzung entstehen, wirken Knorrs Matrjoschkas wie eine stumme Zivilgesellschaft, die still erträgt oder stumm demonstriert.

Daniel Knorr, geboren 1968 in Bukarest, lebt seit seinem Studium an der Münchener Akademie der Bildenden Künste in Berlin. 2005 vertrat er sein Heimatland Rumänien auf der Biennale in Venedig, in diesem Jahr nimmt er an der Documenta 14 in Athen und Kassel teil.

Kurator: Bernhart Schwenk