Die Poesie der venezianischen Malerei

Paris Bordone, Palma il Vecchio, Lorenzo Lotto, Tizian

Die Poesie der venezianischen Malerei würdigt das umfangreiches OEuvre des
venezianischen Malers Paris Bordone (1500-1571) im Schatten seines Lehrers
Tizian und stellt es im Kontext herausragender venezianischer Künstler wie Palma
il Vecchio und Lorenzo Lotto vor. Erstmalig werden dabei die Hauptwerke Paris
Bordones in einer Schau zusammengeführt – eine derart umfangreiche Würdigung
seines facettenreichen Werkes ist im deutschsprachigen und internationalen Raum
bisher einmalig. Die Ausstellung umfasst rund 100 Exponate, darunter überwiegend
Gemälde – viele in großen Formaten – sowie Zeichnungen und Druckgaphik
aus renommierten nationalen und internationalen Museen.
Paris Bordone gilt als der bedeutendste jener Künstler, die in der Werkstatt Tizians,
dem bekanntesten Vertreter der venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts,
ausgebildet wurden. Seine Wirkstätte Venedig war zu der Zeit ein Schmelztiegel,
in dem die Künstler sich neuen Sujets aus der klassischen Antike zuwandten
und neue Stile sowie Techniken entwickelten, um diese darzustellen.
Poesie, Sinnlichkeit, Farbe, Licht, Innovation – diese Leitworte beschreiben das
vielseitige künstlerische Schaffen Paris Bordones und seiner Zeitgenossen, das
sich in der Ausstellung über thematische Kapitel entdecken lässt. Präsentiert werden
die innovativen Bildfindungen von den allegorischen Darstellungen, den mythologischen
Szenen und den pastoralen Landschaften bis hin zu den erotisch aufgeladenen
weiblichen Idealbildnissen und den lyrischen Männerporträts sowie die
Rezeption antiker Architektur. In der unmittelbaren Gegenüberstellung zu den
wichtigsten Künstlern aus dem nordalpinen Raum, wie Lucas Cranach d.Ä., Albrecht
Dürer, Jan Massys oder Barthel Beham, werden die Wechselwirkungen der venezianischen
und der nordalpinen Kunst verdeutlicht.
Die ausgestellten Arbeiten beeindrucken durch die Virtuosität der malerischen
Geschicklichkeit – zu sehen sind Werke mit enormer Brillanz und Leuchtkraft der
Farben, die unter Verwendung neuer Farbpigmente erzielt wurde. Diese konnten
bei den sogenannten vendecolori (dt. Farbenhändlern) erworben werden – ein
Berufsstand, den es nur in Venedig seit Beginn des 16. Jahrhunderts gab.

Die Leihgaben stammen aus: Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Alte Pinakothek, München; Städel
Museum, Frankfurt a. M.; Kunsthistorisches Museum Wien; Rijksmuseum Amsterdam; National Gallery
London; Scottish National Gallery, Edinburgh; Musée du Louvre, Paris; Staatliche Eremitage, St. Petersburg;
Pushkin Museum, Moskau; Pinacoteca di Brera, Mailand; Galleria degli Uffizi, Florenz; u.a.
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog mit wissenschaftlichen Essays und Texten (Hirmer
Verlag, 304 Seiten). Die Publikation ist im Museumsshop zum Preis von 30 Euro erhältlich und kann online
über www.freunde-der-kunsthalle.de bestellt werden.
Ein zur Ausstellung entwickelter Multimedia-Guide gibt den Besucher_innen vertiefende Einblicke in die
Kunstwerke. Zudem begleitet ein umfangreiches Programm u.a. mit Lesungen, wissenschaftlichen Vorträgen,
Dialog-Veranstaltungen und Kuratorinnenführungen die Schau.
Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der Botschaft der Italienischen Republik.
Kuratorin: Dr. Sandra Pisot
Wissenschaftliche Assistenz: Judith Rauser, M.A.
Mit freundlicher Unterstützung durch
»Es ist eine große Freude, dass sich die Alten Meister mit dieser Ausstellung kraftvoll zurückmelden.«
Dr. Ekkehard Nümann, Vorsitzender des Vorstands der Freunde der Hamburger Kunsthalle
»Die Ausstellung ist eine überfällige Würdigung des vielfältigen Malers Paris Bordone, der so aus dem
Schatten seines Lehrmeisters Tizian tritt. Der Ernst von Siemens Kunststiftung ist es ein Anliegen die gelungene
Präsentation dieses faszinierenden Künstlers, im Kontext seiner Zeitgenossen, zu unterstützen.«
Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung

Marcel Broodthaers. Eine Retrospektive

K21 Ständehaus

Das facettenreiche Werk des belgischen Künstlers Marcel Broodthaers ist Thema einer
umfangreichen Überblicks-Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in
Düsseldorf. Mit rund 200 Werken der unterschiedlichsten Medien und Gattungen von
der großformatigen, begehbaren Installation bis zum Künstlerbuch, vom eigenen
Museumsprojekt bis zum Film, ist Marcel Broodthaers. Eine Retrospektive vom 4. März
bis zum 11. Juni 2017 im K21 Ständehaus der NRW-Landesgalerie zu sehen.
Düsseldorf, einzige deutsche Station dieser zuvor in New York und Madrid präsentierten
Ausstellung, hatte im Leben und Werk des Belgiers eine ganz besondere Bedeutung:
Hier entwickelte sich Broodthaers, 1924 in Brüssel geboren und 1976 in Köln
gestorben, während der frühen 70er Jahre im Austausch mit der regen rheinischen
Kunstszene zu einer international beachteten Künstlerpersönlichkeit. Im Mittelpunkt
seines Oeuvres stand die kritisch-subversive Befragung der Rolle der Kunst, des
Kunstmarktes und der Institution „Museum“.
Marcel Broodthaers: Eine Retrospektive. Organisiert von The Museum of Modern Art,
New York und dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid.

Übergabe der Sammlung Essl an die ALBERTINA Die Sammlung Essl

Damit  beginnt ein neues Kapitel nicht nur in der Geschichte der

Sammlung Essl
, sondern auch in der
Geschichte der ALBERTINA. Zugleich ist die Übernahme einer der größten Privatsammlungen
zeitgenössischer Kunst ein Meilenstein in der Geschichte der österreichischen Bundesmuseen.
Mit über 6000 Werken zählt die
Sammlung Essl
weltweit zu den größten Privatsammlungen
zeitgenössischer Kunst. Werkblöcke u.
a. von Karel Appel und Arnulf Rainer, Franz West und
Georg Baselitz, Maria Lassnig und Alex Katz, Erwin Wurm und Anselm Kiefer, VALIE EXPORT
und Cindy Sherman sowie Fotografien
von Andreas Gursky bis Candida Höfer prägen den
einzigartigen Reichtum und das Profil dieser Sammlung.
2014 drohte die Sammlung
in die wirtschaftlichen Turbulenzen der Essl
Unternehmensgruppe
zu geraten. Noch im selben Jahr konnte die
Sammlung Essl
unter
Mitwirkung von Dr.
Hans
Peter Haselsteiner in eine neue Besitzgesellschaft eingebracht und damit in ihrer Existenz
gesichert werden. Nun erfolgt mit der Dauerleihgabe (bis 2044) der
Sammlung Essl
an die
ALBERTINA die Übergabe an ein österreichisches Bundes
museum.
„Mit dieser zukunftsweisenden Kooperation ist die
Sammlung Essl
für Österreich gesichert. Die
bedeutendsten Werke zeitgenössischer österreichischer und internationaler Kunst ergänzen
die Sammlungen der Bundesmuseen auf einzigartige Weise. Das ist e
in Gewinn für die Kunst
und ein Gewinn für die Republik Österreich“,
so Kulturminister Thomas Drozda.
„Mit der ALBERTINA haben wir einen idealen Partner für die Zukunft der Sammlung gewonnen
.
Die Albertina ist ein Museum von Weltrang. Dank dieser Zusammen
arbeit werden die
Menschen auch in Zukunft die Werke der
Sammlung Essl
sehen können
, freut sich Karlheinz
Essl.
„Ich bin sehr zufrieden und glücklich, dass wir mit der ALBERTINA einen verlässlichen und
kompetenten Partner für
unsere Sammlung gefunden habe
n
kommentiert Dr.
Hans Peter
Haselsteiner
.
Klaus Albrecht Schröder:
„Heute ist eine Sternstunde in der über 200
jährigen Geschichte der
ALBERTINA. Mit dieser Übergabe der
Sammlung Essl
an die ALBERTINA wird für mich ein völlig
neues Kapitel in der Geschic
hte dieses traditionsreichen Museums ebenso wie in der
Geschichte der zeitgenössischen Kunst in Österreich aufgeschlagen.“
Stimmen aus der Kunstwelt zur Übergabe der
Sammlung Essl
an die ALBERTINA
Georg Baselitz:
„Ich bin der
Sammlung Essl
seit vielen
Jahren eng verbunden
ebenso wie der Albertina. Dass
nun diese beiden großen Sammlungen unter dem Dach der Albertina zusammen
geführt
werden, ist für mich geradezu ein Glücksfall: Ich glaube, das gilt für viele Künstler und
Künstlerinnen, die in der
Samm
lung Essl
vertreten sind. Ich habe stets an Wien geglaubt und
war sicher, man wird eine optimale Lösung für die
Sammlung Essl
finden.“
Max Hollein, Direktor Fine Arts Museum of San Francisco:
Die
Sammlung Essl
ist nicht nur ein bedeutender Teil österreichischer Sammlungsgeschichte,
sondern auch eine wichtige Repräsentation wesentlicher Entwicklungen des internationalen
Kunstgeschehens der letzten Jahrzehnte. Diese nicht in Österreich zusammenzuhalten oder
perma
nent zugänglich zu machen, wäre ein großer Verlust gewesen. Es ist ein großes Glück für
die Öffentlichkeit, dass das Ehepaar Essl sich in dieser Form fortwährend engagiert hat und
dass nun die ALBERTINA
der Sammlung auf Dauer eine neue und adäquate Heimat
bietet.
Integriert und im Dialog mit den hochbedeutenden Beständen der ALBERTINA entsteht eine
spannende Fortsetzung und wichtige Erweiterung einer großen Sammlungs
und
Kunstgeschichte.“
Eva Schlegel:
„Ich bin begeistert! Die Entscheidung, die größte Sam
mlung österreichischer Nachkriegs
kunst
im internationalen Kontext der Öffentlichkeit zu erhalten, ist für uns Kunstschaffende eine
Sternstunde kulturpolitischer Weitsicht. Die Erhaltung dieses bedeutenden Archivs der Kunst
durch Integration in eines der w
ichtigsten Häuser garantiert die Permanenz, das Vorbild und
die Sichtbarkeit. Meine herzlichste Gratulation allen Entscheidungsträgern!“
Erwin Wurm:
„Mit dem Besitz dieser Sammlung katapultiert sich die ALBERTINA in die erste Riege der
Museen zeitgenössis
cher Kunst. Es war mir immer klar, dass die Kunst unserer Zeit in der
Bundeshauptstadt Wien mehrere Big Player vertragen würde.
Diese Übergabe der
Sammlung
Essl
an die ALBERTINA ist auch politisch für mich ein mutiges Bekenntnis zur
Gegenwartskunst.“
Die
Vorgeschichte der Sammlungsübergabe an die ALBERTINA
2014 drohte die Sammlung
in die wirtschaftlichen Turbulenzen der Unternehmensgruppe der
Familie Essl zu geraten. Noch im selben Jahr konnte die
Sammlung Essl
unter Mitwirkung von
Dr.
Hans Peter Haselste
iner in eine neue Besitzgesellschaft eingebracht und damit in ihrer
Existenz gesichert werden.
Da
im Juli 2016 das Essl Museum geschlossen werden musste, ist diese kapitale, mehr als 6000
Werke zählende Privatsammlung seit damals aus der Öffentlichkeit ve
rschwunden.
Die beiden Eigentümer
Prof.
Karlheinz Essl und Dr.
Hans Peter Haselsteiner
haben einen Weg
gesucht, der nicht bloß die Zukunft der Sammlung sichert, sondern diese vor allem auch der
Öffentlichkeit zugänglich macht. Mit Direktor Prof.
Dr.
Klaus
Albrecht Schröder und der
ALBERTINA wurde dieser ideale Partner früh gefunden. Nun erfolgt nun mit der Übernahme
der
Sammlung Essl
durch die ALBERTINA ihre Übergabe an ein österreichisches
Bundesmuseum.
Die
Sammlung Essl
in der ALBERTINA
In einem ersten Schritt wird die
Sammlung Essl
der ALBERTINA vorerst als Dauerleihgabe bis
2044 übergeben. Sämtliche Rechte
von der Präsentation bis zur Verleihung und Publikation
gehen an die ALBERTINA über: Sie ist in allen museologischen Entscheidun
gen vollkommen
unabhängig und frei. Im Gegenzug übernimmt die ALBERTINA die Verpflichtung, die
Sammlung konservatorisch optimal zu verwahren, angemessen zu zeigen und wissenschaftlich
weiter zu bearbeiten.
Die kommenden sechs Monate werden zuerst vorrangig
dazu genutzt, die
Sammlung Essl
vollständig in die Sammlungsstruktur der ALBERTINA zu integrieren. Sie wird dafür zur Gänze
in die Online
Sammlungen der ALBERTINA aufgenommen.
„Unser Ziel ist, bis Ende 2017 etwa 5000 Werke in der Datenbank der ALBERTINA
online
zugänglich zu machen. In einem zweiten Schritt werden wir geeignete Maßnahmen ergreifen,
um diese kapitale nationale wie internationale Sammlung bestmöglich zu zeigen“, erklärt
Prof.Dr.Klaus Albrecht Schröder

Egon Schiele

Anlässlich seines 100. Todestags widmet die Albertina Wien Egon Schiele schon 2017 eine umfassende Ausstellung. 180 seiner schönsten Gouachen und Zeichnungen führen in ein künstlerisches Werk ein, dessen  größtes Thema die existenzielle Einsamkeit des Menschen ist. Der unverwechselbare Stil seiner Aktzeichnungen, Landschaften und Porträts inspiriert die österreichische und internationale Kunst bis heute.

In der Sammlung der Albertina finden sich 160 Zeichnungen und 13 Skizzenbücher Schieles, darüber hinaus viele wertvolle Briefe, Dokumente und Fotografien. Sie bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung, die um bedeutende Leihgaben aus internationalen Sammlungen und Museen ergänzt wird und Schiele als großen Zeichner des 20. Jahrhunderts würdigt.

 

GLOBAL PREKÄR FLUCHT, TRAUMA UND ERINNERUNG IN DER ZEITGENÖSSISCHEN FOTOGRAFIE

Politische und gesellschaftliche Konflikte zu dokumentieren gehört seit jeher zu den zentralen Aufgaben von Fotografie. Die neu eingerichtete Präsentation aus den Sammlungsbeständen widmet sich der künstlerischen Auseinandersetzung mit Krieg und Vertreibung sowie Entwurzelung und Flucht. Die ausgestellten Künstlerinnen und Künstler entwickeln ihre Arbeiten aus der Beschäftigung mit den noch immer nachwirkenden Folgen des 2. Weltkriegs. Sie fokussieren ihren Blick jedoch auch auf die Konflikte zwischen der sogenannten Ersten und der Dritten Welt, sei es entlang des amerikanisch-mexikanischen Grenzzauns oder an den europäischen Außengrenzen. Ihre vielschichtigen visuellen Erzählungen gehen von konkreten Ereignissen aus, deren historische Überlieferung und gesellschaftliche Relevanz sie kritisch reflektieren. Den Bildern der Medien wie den offiziellen Verlautbarungen setzen sie eine andere, aus der persönlichen Perspektive gewonnene Lesart entgegen.
Zu den ausgestellten Werken:
In der als 124-teilige Serie angelegten Arbeit »There and Gone« (Dort und Fort) entwickelt John Gossage (*1946, New York City) in drei Kapiteln einen fotografischen Essay über das zwischen den USA und Mexiko liegende Grenzgebiet. Von US-amerikanischer Seite aus betrachtet, zeigt er schemenhaft Menschen am Strand von Tijuana, das Bildmaterial wurde mit Teleobjektiven aufgenommen oder stammte aus Überwachungskameras. Im zweiten Kapitel »Spurenlesen« dokumentiert er in präzisen Ausschnitten das Niemandsland des durch einen Zaun gesicherten Grenzstreifens mit ausgetretenen Pfaden, Verstecken und illegalen Durchbrüchen. Das letzte Kapitel verbindet Detailansichten aus dem kalifornischen Alltagsleben mit Begriffen, wie sie auf mexikanischen Lotteriekarten zu finden sind, ohne dass sich zwischen Bild und Text ein unmittelbarer Sinnzusammenhang herstellen lässt.
Eva Leitolf (*1966, Würzburg) untersucht in der Serie »Postcards from Europe«, die sich seit 2006 als work in progress fortschreibt, das Verhältnis Europas zu seinen Außengrenzen und dem zunehmenden Strom von Flüchtlingen. Nicht das vielfach dokumentierte Leid der Migranten, sondern der gesellschaftliche und politische Umgang mit ihnen steht im Mittelpunkt. Die dargestellten Orte sind Schauplätze von Konflikten, die sich hier abgespielt haben, bevor die Künstlerin sie aufgesucht hat. Die in den Fotografien nur andeutungsweise sichtbaren Spuren von Ausgrenzung, Gewalt und Elend nehmen durch sachliche, auf Fakten gestützte Texte, die in Form von Postkarten mitgenommen werden können, konkret Gestalt an und verschränken Bild und Text zu einer gleichermaßen bedrückenden wie aufrüttelnden Zeitstudie.
In Form eines fotografischen Re-Enactements zeigt Jeff Wall (*1946, Vancouver) einen aus Anatolien stammenden jungen Mann, den er kurz zuvor kennengelernt hatte. Seine nachträglich in Szene gesetzte Ankunft ereignet sich in Mahmutbey, einen durch monotone Ansiedlungen und ausufernde Gewerbegebiete stark expandieren Vorort von Istanbul. Mahmutbey erscheint weder urban noch dörflich, sondern wie ein Transitraum, der weder Orientierung noch Halt bietet. Die gewählte Ansicht öffnet den Blick in die Ferne, nicht aber zu dem Ort, der Ziel der Reise ist.
Roy Arden (*1957, Vancouver) widmet die Serie »Abjection« (Unterwürfig-keit) dem lange in der kanadischen Geschichte verdrängten Thema der Enteignung, Internierung und zeitweisen Deportation der japanisch-stämmigen Bevölkerung nach dem Angriff Japans auf Pearl Harbor im Dezember 1941. Aufnahmen von beschlagnahmten Automobilen, die in einem Freizeitpark abgegeben werden mussten, sind eingerahmt von Darstellungen eingesperrt wirkender, sich unterwürfig und ergebend bewegender Asiatinnen. Die historischen Zeitungsaufnahmen werden in der vertikalen Bildkomposition jeweils von schwarzen monochromen Flächen dominiert, die stellvertretend für das gelesen werden können, was nicht als Bild überliefert ist.
Die beiden auf Dokumentenpapier vergrößerten Aufnahmen zeigen den Blick in das Dachbodenatelier von Anselm Kiefer (*1945, Donaueschingen). Erst bei genauerer Betrachtung sind auf dem sandigen Boden kleine Figuren und Modelle zu erkennen. Es handelt sich um Panzer und Soldaten, die Szenerie erinnert an die Versuchsanordnung einer Schlacht oder eines Angriffs. Während über einer Aufreihung von Soldaten eine Dreieinigkeit aus Modellstühlen schwebt, zeigt das zweite Bild unvermittelt herabhängende Seile, die wie gekappt scheinen. Kiefer verwendete diese und weitere Fotografien, die er teils mit Sand und Öl überarbeitete, in seinen 1976 erschienenen Künstlerbüchern mit dem Titel »Märkischer Sand«. Sie nehmen Bezug auf die deutsche Geschichte, auf Krieg und Verwüstung.
»Waffenruhe«, ein Buch- und Ausstellungsprojekt, das rund 50 Bilder umfasst, kann als eine Art mentaler Zustandsbericht gelesen werden, ins Bild gesetzt anhand von Aufnahmen, die Michael Schmidt (1945-2014, Berlin) in den 1980er-Jahren im Westteil Berlins geschaffen hat. Kein funktionierendes Stadtgefüge mehr, sondern nur noch Fragment einer einstigen Metropole, durch die Mauer von der westlichen Welt wie vom Ostteil abgetrennt, als kapitalistischer Outpost wie ein dahinsiechender Patient am Tropf bundesdeutscher Zuschüsse hängend hatte sich in Berlin eine streitbare Subkultur entwickelt, von einer radikalisierten Hausbesetzer-Szene bis hin zur Punk-Bewegung. Obwohl in einer Vielzahl der Bilder die Mauer erkennbar ist, geht es nicht um eine Dokumentation
der geteilten Stadt, sondern um eine Analyse, in der Trauer, Verlust, Schmerz und Widerstand auf verstörende Weise unvermittelt aufeinandertreffen.
Kuratorin: Dr. Inka Graeve Ingelmann,
Sammlung Fotografie und Neue Medien

Biennale Venedig: Konzept und Künstler bekanntgegeben

Paolo Baratta, Präsident und Christine Macel, künstlerische Leiterin der diesjährigen Biennale Venedig, Foto: Jacopo Salvi, Courtesy La Biennale di Venezia

Christine Macel, künstlerische Leiterin und Biennale-Präsident Paolo Baratta präsentierten auf einer Pressekonferenz Programm und Künstlerliste. Das diesjährige Motto lautet „Viva Arte Viva“ (Es lebe die Kunst, sie lebe), wobei Barrata mit deutlichen Worten auf die aktuelle weltpolitische Situation einging: die Ausstellung ließe sich von einem Humanismus inspirieren, und dieser sei „ein Humanismus, in dem das künstlerische Handeln gleichzeitig ein Akt des Widerstands, der Befreiung und der Freigebigkeit wird“.

Das Leitmotiv ist als „Ausdruck der Leidenschaft für die Kunst“ und als Bekenntnis zum Status des Künstlers gemeint. Die kommende Biennale sei eine solche, die „mit den Künstlern durch die Künstler und für die Künstler entworfen“ sein wird.

Die Hauptausstellung wird in 9 Transpavillons aufgeteilt sein. Der Parcours beginnt mit dem „Pavillon der Künstler und der Bücher“, geht über in den „Pavillon der Freuden und der Ängste“. Weitere Pavillons widmen sich der Erde, den Traditionen, den Schamanen, dem Dionysischen, den Farben, der Zeit und der Unendlichkeit. Parallel zur Ausstellung werden diverse Ereignisse und Performances stattfinden.

120 Künstler bestreiten die diesjährige Biennale und von ihnen sind 103 das erste Mal in der Hauptausstellung vertreten.

Aus Deutschland sind Michael Beutler, Andy Hope, Fiete Stolte und Franz Erhard Walther eingeladen, ebenso die in Mailand lebende Irma Blank und die deutsch-amerikanische Künstklerin Kiki Smith (New York). Auch etliche andere Künstler leben und arbeiten in Deutschland, so z.B. Kader Attia, Olafur Eliasson oder Agnieszka Polska. Quelle Kunstforum international

GORDON PARKS. I AM YOU. Selected Works 1942-1978.

Seine Bilder waren schon 1966 auf der Photokina in Köln und 1977 auf der
documenta 6 zu sehen. Gordon Parks (1912-2006) war ein Multitalent: als
Fotograf, Filmregisseur, Komponist, Schauspieler und Autor. Er war der
erste schwarze Fotograf, der das schwarze Leben in den USA dokumentierte –
seit 1948, im Auftrag des Life Magazine. Seine Kamera bezeichnete er als
Waffe im Kampf für die Gleichberechtigung. Mit Malcolm X, Martin Luther
King, Jr. und Muhammad Ali proträtierte er die Protagonisten des
amerikanischen Civil Rights Movement ebenso wie international erfolgreiche
Künstler, Musiker und Schauspieler (u.a. Duke Ellington, Ingrid Bergman und
Alberto Giacometti). In den 1940er- und 1950er-Jahren fertigt er
Modestrecken für Condé Nast und Life an. Zeitgleich hält er die Segregation
im amerikanischen Süden sowie die Unruhen der Jugendlichen in Harlem
fotografisch fest. Neben seinen berühmteren Filmwerken The Learning Tree
und Shaft produziert er zahlreiche sozialkritische Dokumentationen. Mit
dieser Simultanität von Glamour und Elend, Kommerz und humanitärem
Engagement bietet das Werk von Gordon Parks eine visuelle Sozialgeschichte
der USA im 20. Jahrhundert.
Die in Kooperation mit der Gordon Parks Foundation präsentierte Ausstellung
umfasst 180 Fotografien mit Vintageprints, Kontaktbögen, Magazinen und
Filmen und setzt sein fotografisches und filmisches Werk in Bezug.
Die Ausstellung wurde von Felix Hoffmann, Hauptkurator C/O Berlin kuratiert
und wird nach ihrer ersten Station bei C/O Berlin (2016)  im KUNSTFOYER
München, bei FOAM in Amsterdam und in den Ausstellungsräumen der Deutsche
Börse Group in Frankfurt gezeigt. Ein begleitender Katalog erscheint im
Steidl Verlag.

Gordon Parks wurde 1912 in Fort Scott, Kansas inmitten von Armut und
Rassentrennung geboren. Er arbeitete als Klavierspieler in einem Bordell
sowie als Zugbegleiter, bevor er sich in einem Leihhaus eine Kamera kaufte
und als Autodidakt zu fotografieren begann. Neben eigenen
Fotografieprojekten war er von 1941 bis 1945 für die Farm Security
Administration und von 1948 bis 1972 für das LIFE Magazine tätig. In den
1960er Jahren entstanden eigene Filmprojekte, die in Hollywood erfolgreich
waren. Außerdem arbeitete er als Komponist und Schriftsteller. Gordon Parks
wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet – u.a. mit der National Medal
of Arts sowie mehr als 50 weiteren hochkarätigen Anerkennungen. Gordon
Parks starb 2006 im Alter von 93 Jahren.

MAGIC CITY – DIE KUNST DER STRASSE

     „Ein Hybrid aus Ausstellung und Happening. (…) Es geht um die Idee von Stadt, es geht um die Formbarkeit dieser Idee und um die optischen Irritationen, ohne welche die Stadt und die in ihr Lebenden innerlich irgendwann veröden würden.“ – Süddeutsche Zeitung

Denkt man in Deutschland an Street-Art, kommt den meisten Menschen wahrscheinlich Berlin in den Sinn. Aber wer hätte gedacht, dass eigentlich München die Wiege der deutschen Graffiti-Szene ist? Schon Anfang der 80er Jahre konnte man hier die ersten Schriftzüge entdecken. In Berlin wurde erst Ende der 80er gesprüht. Auch wenn Street-Art seit ihren Anfängen in den 1970er Jahren inzwischen ihren Platz in den white cubes der Galerien gefunden hat, so ist sie doch ein Labor lustvoller Kreativität geblieben. Selbstbewusst fordert sie für sich das Recht ein, unser Lebensumfeld mitzugestalten. Street-Art war und ist noch immer ein Raum des Widerspruchs zwischen Öffentlichem und Privatem. Ein Ort, an dem die verschiedensten Lebensformen aufeinander treffen. Einen solchen Culture Clash und kulturellen Mustermix bietet MAGIC CITY – DIE KUNST DER STRASSE in einem neuen Ausstellungsformat, ein Hybrid aus Parcours, Festival und Spielplatz. Nach der Weltpremiere in Dresden kommt MAGIC CITY vom 13. April bis zum 3. September nach München.
MAGIC CITY ist ein komplexes und überwältigendes visuelles Abenteuer. Eine Liebeserklärung an die Stadt als Ort der Kreativität, der Fantasie und der Abenteuer. In München werden 50 der aufsehenerregendsten Street-Art Künstler aus 20 Ländern ihre erschaffene Traumstadt zeigen und einen Überblick der aktuellen Urban Street-Art Szene präsentieren. Die MAGIC CITY entwickelt sich von Stadt zu Stadt lebendig weiter, so werden viele neue Kunstwerke und szenische Momente in München zu sehen sein. Der Vorverkauf hat gerade begonnen. Für Jugendliche, Studenten, Schulklassen, Familien und Gruppen bietet Magic City besonders attraktive Angebote bereits ab 5 € pro Person.
MAGIC CITY vereint einige der wichtigsten Protagonisten der Szene – weltweit. Für die Ausstellung in München neu hinzugekommen sind Werke des wohl bekanntesten Urban-Art Künstlers Banksy. Auch die brandaktuelle Filmdokumentation „Saving Banksy“ wird in der Ausstellung gezeigt. Außerdem sind Werke von Shepard Fairey zu sehen, dessen Hope Poster von Barack Obama den US Wahlkampf 2008 durchgehend begleitete und Weltruhm erlangte. Desweiteren stellen bekannte Künstler aus wie der Schaffer des weltweit längsten 3D-Straßenbildes Qi Xinghua aus China, und das aus dem Iran stammende und geflüchtete Künstlerduo Icy&Sot, das sich intensiv mit dem Thema politischer Verfolgung und Flüchtlingskrise beschäftigt.

Den ägyptische Künstler Ganzeer zählt die „Huffington Post“ zu der Liste der 25 wichtigsten Street-Art-Künstler, die die Kunst im öffentlichen Raum verändert haben’. Mit Ron English (USA) und dem legendären New Yorker Train-Graffiti-Künstler DAZE (USA) stellt MAGIC CITY auch Bezüge zur heutigen Pop-Kultur her. In bisher einzigartiger Zusammenarbeit von internationalen Street-Art Künstlern wird ein Ausstellungsparcours geschaffen, den die Besucher nun staunend durchwandern können. Bezüge zu kunsthistorischen Vorläufern wie Wandmalereien von Diego Rivera, Dada- und Fluxus- Künstlern, Harald Naegeli, Keith Haring, Michel Basquiat oder OZ liegen auf der Hand.
Kuratoren Ethel Seno und Carlo Mc Cormick © Hardy Mueller

Die US-Kuratoren Carlo McCormick (New York) und Ethel Seno (Los Angeles) haben eigens für München neue Street-Art Künstler eingeladen, die, Aktionen sowie Installationen für den Stadtraum entwickeln. Die beiden Kuratoren gelten weltweit als bekannte Koryphäen der Urban-Art Szene. Carlo McCormick ist unter anderem Herausgeber des PAPER Magazins und hat über hundert Bücher zum Thema verfasst sowie zahlreiche preisgekrönte Ausstellungen in verschiedenen Museen kuratiert. Ethel Seno ist ebenfalls Autorin zahlreicher Publikationen zu Street-Art und war 2010 Herausgeber von McCormic’s Trespass: A History of Uncommissioned Urban Art. Im Rahmen der bahnbrechenden Art in the Streets-Ausstellung im Museum of Contemporary Art (MOCA) 2011 war sie Mitglied des Kuratorenteams von Jeffrey Deitch. „Die Künstler von MAGIC CITY beherrschen eine enorme Bandbreite an Ausdrucks- und Herangehensweisen, ein unerschöpfliches Spektrum an Mitteln und Genres, die unterschiedlichsten Dimensionen von Monumentalen bis zum Minimalen und ausgefeilte Strategien, um in unsere alltägliche Wahrnehmung einzugreifen und damit den Status quo infrage zu stellen“, so Kurator Carlo McCormick. Biografien der Kuratoren finden sie hier.

Konzipiert und realisiert wurde MAGIC CITY von SC Exhibitions, die bereits mit ihrer Ausstellung Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze (6 Millionen Besucher weltweit, davon 500.000 allein in München) internationales Aufsehen erregen.
Informationen und Tickets MAGIC CITY, Olympiapark München,
Tickets über eventim.de sowie an allen bekannten VVK-Stellen erhältlich. Der Eintrittspreis für MAGIC CITY beträgt 14,90/9,90 € für Erwachsene/ermäßigt, 7,90 € für Kinder/ Schüler. Familien bis maximal 4 Personen zahlen 34,90 €. Über die CTS- Gruppen Hotline  können Gruppen für 12,90 € und Schulklassen für 4,90 € Tickets buchen unter dieser Nummer 0421 / 37 67 2000. Karten an der Tageskasse ab 13.4.2017. Kostenlose Multimedia-Guides sind im Eintrittspreis enthalten. Öffnungszeiten: Di, Mi, Do, Fr + So 10-18 Uhr, Sa 10-22 Uhr. Montags ist die Ausstellung geschlossen. Informationen zu gesonderten Öffnungszeiten an Feiertagen und in der Ferienzeit sind auf der Homepage vermerkt. Weitere Informationen zu Preisen, Tickets und der Anreise finden Sie auf magiccity.de

SHIFTING BOUNDARITES EUROPEAN PHOTO EXHIBITION AWARD 03

SHIFTING BOUNDARITES
EUROPEAN PHOTO EXHIBITION AWARD 03
3. MÄRZ – 1. MAI 2017
HAUS DER PHOTOGRAPHIE/DEICHTORHALLEN HAMBURG

Vom 3. März bis 1. Mai 2017 zeigt das Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg die fotografischen Essays von zwölf herausragenden jungen europäischen Fotografinnen und Fotografen zum Thema »Shifting Boundaries«. Die Künstler sind ausgewählte Teilnehmer der dritten Runde des European Photo Exhibition Award (epea), einem Gemeinschaftsprojekt der Körber-Stiftung mit drei weiteren europäischen Stiftungen. Die Fotografen kommen aus neun europäischen Ländern. Aus dem deutschsprachigen Raum nehmen Jakob Ganslmeier aus Bielefeld, Robin Hinsch aus Hamburg sowie die in Wien lebende Fotografin Christina Werner an dem Projekt teil. Das Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg und die Körber-Stiftung bieten ein Begleitprogramm zur Ausstellung an.

Grenzen erfahren, erkennen und aktiv oder passiv mit ihnen umgehen – das ist ein Phänomen, das nicht nur gegenwärtig die Situation in Europa kennzeichnet. Wie kann man sich der europäischen Geschichte nähern und die ständigen und komplexen Veränderungen in Europa begreifen? Das Thema »Shifting Boundaries« nimmt Bezug auf diese Trennungs- bzw. Teilungslinien und fordert dazu auf, unseren Blick sowohl auf geographische, sozio-kulturelle als auch auf psychologische Schranken zu richten. In ihren Essays thematisieren die Fotografen historische und aktuelle Grenzverschiebungen und urbane Veränderungen und setzen sich mit Wahrnehmungsprozessen und Digitalisierung auseinander.

Neben Ganslmeier, Hinsch und Werner nehmen folgende Fotografen an epea 03 teil:
–    Arianna Arcara und Pierfrancesco Celada aus Italien
–    Marthe Aune Eriksen und Eivind H. Natvig aus Norwegen
–    Margarida Gouveia aus Portugal
–    Marie Hald aus Dänemark
–    Dominic Hawgood aus Großbritannien
–    Ildikó Péter aus Ungarn
–    Marie Sommer aus Frankreich

Ausgewählt wurden die Fotografen von Ingo Taubhorn, Kurator des Hauses der Photographie der Deichtorhallen Hamburg, dem norwegischen Fotografen Rune Eraker, dem Soziologen und Kurator Sérgio Mah aus Portugal sowie dem künstlerischen Leiter des italienischen Photolux Festivals in Lucca, Enrico Stefanelli. Die vier Kuratoren haben die Fotografen bei der Erarbeitung ihrer fotografischen Kommentare begleitet.

Die Präsentation im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg ist die dritte Station der europäischen Wanderausstellung, die über Paris und Lucca nach Hamburg führt und in Oslo ihren Abschluss findet.

ÜBER DEN EUROPEAN PHOTO EXHIBITION AWARD (epea)
Der European Photo Exhibition Award ist ein Gemeinschaftsprojekt der Hamburger Körber-Stiftung und der Stiftungen Fondazione Banca del Monte di Lucca (Italien), Fundação Calouste Gulbenkian (Portugal) und Fritt Ord (Norwegen). Ziel von epea ist, die verschiedenen Sichtweisen herausragender junger europäischer Fotografen auf gesellschaftlich relevante Themen zu präsentieren und einen innereuropäischen Dialog anzuregen. Die vergangenen zwei Ausgaben des European Photo Exhibition Award zu den Themen »European Identities« und »The New Social« zogen mehr als 175.000 Besucher in vier Städten an.

Weitere Informationen zum Projekt www.epeaphoto.org

SHIFTING BOUNDARITES
EUROPEAN PHOTO EXHIBITION AWARD 03
3. MÄRZ – 1. MAI 2017
HAUS DER PHOTOGRAPHIE/DEICHTORHALLEN HAMBURG

KÜNSTLER
Arianna Arcara (I), Pierfrancesco Celada (I), Marthe Aune Eriksen (NOR), Jakob Ganslmeier (D), Margarida Gouveia (P), Marie Hald (DK), Dominic Hawgood (GBR), Robin Hinsch (D), Ildikó Péter (HUN), Eivind H. Natvig (NOR), Marie Sommer (FRA) und Christina Werner (AUT)

KURATOREN
Rune Eraker (freier Fotograf und Kurator, Norwegen)
Sérgio Mah (Soziologe und Kurator, Portugal)
Enrico Stefanelli (Kurator und künstlerischer Leiter Photolux Festival, Lucca, Italien)
Ingo Taubhorn (Kurator Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg, Deutschland)

KATALOG
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog in englischer Sprache mit deutschsprachigem Begleitheft, 192 Seiten, 134 Abbildungen, Preis in der Ausstellung 20 Euro.

SIGMAR POLKE

ALCHEMIE UND ARABESKE

Sigmar Polke (1941 – 2010) gehört zu den größten Bild-Erfindern und bedeutendsten Malern Deutschlands. Seine Werke leben von gesteuerten Zufällen und bergen geheimnisvolle Überraschungen. Sie werden von einem besonderen Wort- und Bildwitz begleitet, der alles kategorisch Strenge durchbricht.

Die Ausstellung im Museum Frieder Burda konzentriert sich auf zwei wesentliche Merkmale in Polkes Arbeiten. Sie rückt unter dem Aspekt Alchemie die zufällig bis chaotisch erscheinenden Bildgründe seiner Malerei in den Fokus, die durch ungewöhnliche Substanzen entstehen, was zu eigenwilligen Farbverläufen führt. In anderen Werken reagieren mineralische Zusätze auf klimatische Veränderungen. Der Alchemie steht der Aspekt Arabeske gegenüber – ornamentale Liniengebilde, die Polke etwa Holzschnitten Dürers und Altdorfers entnahm. Er malte aber auch seine eigenen Handlinien oder generierte Zufallslinien.

Sigmar Polke ist diesen wie zufällig erscheinenden, selbst gewählten Ordnungen auch in anderen Materialien und Medien nachgegangen, so goss er Asphaltritzen mit geschmolzenem Gold aus, fotografierte das schnörkelige Wachstum von Weinranken oder radioaktives Urangestein. Er filmte chemische Farbexperimente und sammelte fluoreszierendes Uranglas, interessierte sich für Zerrspiegel. Die Ausstellung präsentiert neben hochkarätigen Gemälden und Papierarbeiten die 1991 in den USA entstandenen »Goldstücke« sowie eine große Anzahl an Fotoarbeiten, zwei Filme, Urangestein-Fotografien und Polkes eigene Sammlung an Uranglas-Objekten.

Ausstellungskurator: Helmut Friedel. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten von Helmut Friedel und Barbara Vinken sowie einem Interview von Bice Curiger mit Sigmar Polke im Schirmer/Mosel Verlag.

Claude Monet

Zu ihrem 20. Geburtstag präsentieren wir einen der bedeutendsten und beliebtesten Künstler: Claude Monet. Die Ausstellung ist ein Fest des Lichts und der Farben. Sie beleuchtet die künstlerische Entwicklung des französischen Malers von der Zeit des Impressionismus bis zum berühmten Spätwerk. Zu sehen sind seine Landschaften am Mittelmeer, wilde Atlantikküsten, die Flussläufe der Seine, Blumenwiesen, Heuhaufen, Seerosen, Kathedralen und Brücken im Nebel. Der Künstler experimentierte in seinen Bildern mit wechselnden Licht- und Farbenspielen im Verlauf der Tages- und Jahreszeiten. Mit Spiegelungen und Schatten gelang es Monet, magische Stimmungen zu erzeugen.

Keimena: Ein Filmprogramm der documenta 14 auf ERT2

Jeden Montag um Mitternacht, vom 19. Dezember 2016 bis zum 18. September 2017

Keimena ist ein wöchentliches Filmprogramm, das von dem griechischen Fernsehsender ERT ausgestrahlt und von der documenta 14 gestaltet wird. Durch die Zusammenarbeit mit der öffentlichen Fernsehanstalt Griechenlands ERT versucht das Projekt die Reichweite der documenta 14 ins Zuhause der Zuschauer_innen zu erweitern und so neue und andere Öffentlichkeiten zu imaginieren und zu schaffen.

Keimena läuft immer montags um Mitternacht auf ERT2. Die Länge der Sendung hängt von der Länge des jeweils gezeigten Films ab. Nach den jeweiligen Ausstrahlungsterminen sind die Filme weitere sieben Tage auf webtv.ert.gr frei verfügbar. Weitere Informationen zum Programm, kurze Einführungssequenzen auf Griechisch mit deutscher und englischer Übersetzung, sowie die ersten Minuten jedes Films sind nach jeder Ausstrahlung auf der Webseite der documenta 14 verfügbar.

Das Programm der Keimena-Reihe widmet sich dem experimentellen Dokumentar- und Spielfilm. Es präsentiert Filme, deren Ansätze und Themen gesellschaftliche, politische und poetische Anliegen betreffen und deren Konzepte, Themen und Positionen mit den übergreifenden kuratorischen Visionen der documenta 14 im Dialog stehen.

Die Rolle des öffentlichen und privaten Fernsehens ist für die neuere Geschichte und Entwicklung Griechenlands nicht zu unterschätzen. Seine Bedeutung in der Vermittlung und Reflektion der derzeitigen sozioökonomischen Lage des Landes ist enorm. Trotz der schweren budgetären Einschnitte, die seinen Betrieb beeinträchtigt haben, bleibt der Fernsehsender ERT das offizielle „öffentliche“ Medium, nicht zuletzt für das kollektive Bewusstsein Griechenlands. Die umstrittene Schließung von ERT im Jahr 2013 im Rahmen der Sparmaßnahmen führte sofort zu ausgedehnten landesweiten Protesten.

Erscheint Fernsehen zunächst als eine einsame Aktivität, so ist es doch auch – vor allem, wenn man es mit dem Surfen und Streamen im Internet vergleicht – eine synchronisierte und daher kollektive Erfahrung in Echtzeit. Ähnlich wie bei einem Ausstellungsbesuch muss man sich vorab für ein Programm entscheiden, und kann die Erfahrung daraufhin mit anderen teilen. Strukturelle Qualitäten wie diese und die grundlegenden Prinzipien einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt – zu denen ein gewisser Gemeinschaftssinn, Abstand von Ansichten bestimmter Interessengruppen und ein ausgewogener Umgang mit gesellschaftlichen Minderheiten gehören – sind genauso grundlegende Einflüsse für Keimena wie die Themen der zahlreichen Filme, die in der Reihe gezeigt werden.

Die Auswahl der Filme erfolgt aufgrund der Relevanz ihrer Themen sowie ihrer singulären filmischen Form. Sie reflektieren einige der unsichtbarsten, flüchtigsten und alltäglichsten Aspekte menschlicher und sozialer Beziehungen genauso wie die globaler Machstrukturen. Jeder Film entwickelt und präsentiert seine eigene einzigartige Sprache als Echo einer ungreifbaren Realität. Teil des Programms sind Filme, deren Entstehungsdaten bis in die 1970er Jahre zurückreichen, ebenso wie neue Filmarbeiten, die von der documenta 14 in Auftrag gegeben wurden. Sie alle reflektieren zeitgenössische Themen, die in Zeiten ökonomischer Härte und gesellschaftlicher Unruhe in Griechenland wie auch anderswo relevant sind.

Zu den Filmemacher_innen der Keimena-Reihe gehören unter vielen anderen: Shaina Anand und Ashok Sukumaran (Indien), Wang Bing (China), Claire Denis (Frankreich), Miklós Erdély (Ungarn), Aran Hughes und Christina Koutsospyrou (Griechenland), Miroslav Janek (Tschechien), Avo Kaprealian (Syrien), Romuald Karmakar (Deutschland), Parviz Kimiavi (Iran), Narimane Mari (Algerien), Alanis Obomsawin (Kanada), Ulrike Ottinger (Deutschland), Joaquim Pinto und Nuno Leonel (Portugal), Allan Sekula und Noël Burch (USA), Albert Serra (Spanien), Susana de Sousa Dias (Portugal) und Dimitri Venkov (Russland).

Die Kurator_innen hoffen, dass sich die Reihe dank der außerordentlichen Qualität und des Seltenheitswerts der gezeigten Arbeiten schnell zum wöchentlichen Höhepunkt für griechische Filmliebhaber_innen ebenso wie für eine breitere Öffentlichkeit entwickeln wird. Keimena hat den Anspruch, weltweit eine der aufregendsten Präsentationen von Filmkultur im Fernsehen zu sein. Zahlreiche abendfüllende Spielfilme ebenso wie kürzere experimentelle Dokumentarfilme von wichtigen Filmautor_innen und Künstler_innen werden unmittelbar zugänglich gemacht, die anderswo nicht leicht verfügbar sind.

Keimena folgt den Leitlinien von ERT und denen öffentlich-rechtlichen Rundfunks und versucht mit seinen Inhalten und dem wöchentlichen Programm das Interesse der Fernsehzuschauer_innen über einen Zeitraum von neun Monaten zu wecken. Wie bei Filmfestivals, bei denen vor der Vorstellung kurz in die einzelnen Filme eingeführt wird, oder Museumsausstellungen, wo Kunstwerke mit Informationen versehen werden, gehen auch den Filmen der Keimena-Reihe kurze Einführungen voraus, die einen allgemeinen Abriss präsentieren und den jeweiligen Film in einen Kontext einbetten, der die darauffolgende Betrachtung des Films ergänzt und bereichert. Die Einführungen werden von internationalen Film- und Kunstkritiker_innen, Philosoph_innen, Journalist_innen und anderen Autor_innen verfasst, die besonderes Wissen zu den jeweiligen Filmen mitbringen. Die Einführungen sind in gleichem Maße integraler Bestandteil der Programmgestaltung wie die Filme selbst. Zu den Autor_innen gehören Candice Hopkins (Kanada), Dimitris Kerkinos (Griechenland), Maximilian Le Cain (Irland), Gleb Napreenko (Russland), Lívia Páldi (Ungarn), Andréa Picard (Kanada), Filipa Ramos (Portugal), Rasha Salti (Libanon), Monika Szewczyk (Griechenland), Genevieve Yue (USA) und viele andere.

 

Keimena ist ein Filmprogramm der documenta 14, kuratiert von Hila Peleg und Vassily Bourikas.

 

Im Dezember zu sehen

Keimena # 1

Montag, 19. Dezember 2016, 24.00 Uhr
From Gulf to Gulf to Gulf (Kutchi Vahan Pani Wala), 2013, Indien / Vereinigte Arabische Emirate, 83 Min.
Regie: CAMP (Shaina Anand und Ashok Sukumaran)
Einführungstext: Maximilian Le Cain

 

Keimena # 2

Montag, 26. Dezember 2016, 24.00 Uhr
Sleepless Nights Stories, 2011, USA, 114 Min.
Regie: Jonas Mekas
Einführungstext: Jonas Mekas

 

Im Januar zu sehen

Keimena # 3

Montag, 2. Januar 2017, 24.00 Uhr
Oncle Bernard – L’anti-leçon d’économie, 2015, Kanada, 79 Min.
Regie: Richard Brouillette
Einführungstext: Richard Brouillette
Keimena # 4

Montag, 9. Januar 2017, 24.00 Uhr
The Death of Louis XIV (La Mort de Louis XIV), 2016, Frankreich / Portugal / Spanien, 115 Min.

Regie: Albert Serra
Einführungstext: Andréa Picard
Keimena # 5

Montag, 16. Januar 2017, 24.00 Uhr
To the Wolf (Sto Lyko), 2013, Griechenland / Großbritannien / Frankreich, 74 Min.

Regie: Christina Koutsospyrou und Aran Hughes
Einführungstext: Dimitris Kerkinos
Keimena # 6

Montag, 23. Januar 2017, 24.00 Uhr
Verzió (Verzió), 1979, Ungarn, 54 Min.
Regie: Miklós Erdély
Einführungstext: Lívia Páldi

 

Keimena # 7

Montag, 30. Januar 2017, 24.00 Uhr
Voilà l’enchaînement, 2014, Frankreich, 30 Min.
Regie: Claire Denis
Einführungstext: Genevieve Yue

 

 

 

 

documenta 14, 2017

Von Athen lernen
documenta 14

Athen, Griechenland
8. April – 16. Juli 2017

Kassel, Deutschland
10. Juni – 17. September 2017
Auf Einladung der Kunsthochschule Kassel fand dort am 6. Oktober 2014 das Symposion „documenta 14, Kassel: Von Athen lernen“ statt. Bei der vom Künstlerischen Leiter Adam Szymczyk und seinem Team organisierten Veranstaltung wurden erste wichtige Mitglieder der organisatorischen Struktur der kommenden documenta vorgestellt und wesentliche Ideen sowie thematische Anliegen der 2017 stattfindenden Ausstellung diskutiert.

Seit der Gründung der documenta 1955 ist die Stadt Kassel Gastgeberin der Ausstellung. Die documenta war im Laufe ihrer dreizehn Ausgaben Gastgeberin zahlreicher Künstlerinnen und Künstler sowie anderer Kulturschaffender aus aller Welt. Doch letztlich scheint diese Gastgeberrolle – samt allen Privilegien, die diese mit sich bringt – nicht länger haltbar und verlangt förmlich nach einer, wenn auch nur temporären, Infragestellung. Davon ausgehend stellte Szymczyk die geplante Doppelstruktur der documenta 14 vor: Die documenta 14 wird 2017 einen zweiten Schauplatz¬ – Athen – einführen und damit Kassel und die griechische Hauptstadt zu gleichberechtigten Ausstellungsorten machen. Die documenta wird damit ihre unangefochtene Position als Gastgeberin zugunsten einer anderen Rolle ruhen lassen: der Rolle des Gastes in Athen.

Szymczyk merkte an, dass diese Entscheidung auf vielfältigen grundsätzlichen Überlegungen basiert. Diese hängen mit der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation in Europa und weltweit zusammen, die künstlerisches Handeln motiviert. Darüber hinaus lassen sie es notwendig erscheinen, dass sich in der documenta 14 die greifbaren Spannung zwischen dem Norden und dem Süden – die in der zeitgenössischen kulturellen Produktion reflektiert, artikuliert und gedeutet wird – manifestiert. Teil dieser Herausforderung ist es, die Fallen einer binären Logik zu umgehen und die sich wandelnden Wirklichkeiten nachhallen zu lassen. Anstelle eines einzigen Spektakels mit einem festem Ort und einer klaren zeitlichen Struktur, wie sie für internationale Großausstellungen charakteristisch sind, wird die documenta 14 zwei Durchläufe umfassen, die sich zeitlich und räumlich in einem dynamischen Gleichgewicht befinden.

Die Distanz zwischen Kassel und Athen wird die Erfahrung von Besucherinnen und Besuchern der documenta 14 grundlegend beeinflussen. Die beiden weit voneinander entfernten Ausstellungen erzeugen eine geografische und mentale Verschiebung, die ein Gefühl des Verlusts und der Sehnsucht auslösen und so die Wahrnehmung der Ausstellung modifizieren können; dies wirkt Vorstellungen von Verwurzelung entgegen und widerspricht der verbreiteten normativen Annahme, dass eine solche Ausstellung nur als eine Einheit von Handlung, Ort und Zeit bestehen kann. Die documenta 14 hinterfragt diesen Status quo und wird versuchen, ein Vielzahl von Stimmen in, zwischen und jenseits der beiden Städte einzubeziehen, in denen sie stattfindet. Vom Standpunkt der Metropole am Mittelmeer ausgehend, wo sich Afrika, Naher Osten und Asien gegenüberstehen, öffnet sie sich über den europäischen Kontext hinaus. Die unterschiedlichen und auseinanderstrebenden Standorte und soziökonomischen Rahmenbedingungen von Kassel und Athen werden sich auf den Entstehungsprozess der Ausstellungen auswirken und zugleich jedes einzelne Kunstwerk inspirieren und prägen. Die an der documenta 14 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler werden eingeladen, ihre Arbeiten innerhalb der Dynamik zwischen den beiden Städten zu konzipieren und zu produzieren.

Geplant ist, dass die documenta 14 im April 2017 in Athen und zwei Monate später, am 10. Juni, in Kassel eröffnet wird. So wird gewährleistet, dass es einen Monat gibt, in dem beide Teile der Ausstellung parallel stattfinden. Beide Ausstellung werden als autonome Projekte für diverse markante Standorte in Athen und Kassel entwickelt, wobei sie einander inhaltlich beeinflussen, ohne sich formal zu wiederholen. Anstatt ein in Kassel vorgefertigtes Event an einem oder mehreren pittoresken Schauplätzen in Athen „abzusetzen“, will die documenta 14 von der Stadt und ihren Einwohnern lernen. Die documenta 14 wird nicht nur die Summe zweier Bestimmungsorte sein, sondern sich in einem dreijährigen Prozess des Lernens und der Wissensproduktion entwickeln und dazu beitragen, an beiden Orten Räume für öffentliches Leben zu schaffen. Die Communitys beider Städte werden in diesen Prozess einbezogen und an dem Projekt mitarbeiten. 2013/14 haben in Athen bereits einige aufschlussreiche Treffen mit dortigen Kulturproduzenten, die die kulturelle Vielfalt wie die Widersprüche des heutigen Griechenlands repräsentieren, stattgefunden; auch wurde eine anhaltende Diskussion über die Zusammenarbeit mit bestimmten Kulturinstitutionen der Stadt begonnen. Parallel dazu fanden solche Gespräche in Kassel statt.

Griechenland ist 2014 kein Einzelfall; es ist Sinnbild für eine sich rapide verändernde globale Situation und verkörpert die wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Dilemmas, mit denen sich Europa heute konfrontiert sieht – ähnlich wie Kassel 1955 für die Notwendigkeit stand, mit dem Trauma der Zerstörung, das der Nationalsozialismus in Deutschland mit sich gebracht hatte, umzugehen, und gleichzeitig als strategisch bedeutsamer Ort im beginnenden Kalten Krieg diente. Athen ist beispielhaft für die aktuellen Probleme, die über die sprichwörtliche Vorstellung von der „griechischen Krise“ hinausgehen, denn tatsächlich sind diese Probleme ebenso europäische und globale wie griechische, und sie sind keineswegs gelöst. Doch sie bieten uns eine Möglichkeit, der Vorstellungskraft, dem Denken und dem Handeln einen Raum zu eröffnen, anstatt sich an dem entmachtenden neoliberalen Spiel zu beteiligen, das sich selbst als (Nicht-)Handlungsoption in Gestalt der (Nicht-)Wahlmöglichkeit der Sparpolitik präsentiert. Die Wahl des Zeitpunkts und des Standorts Kassel waren 1955 eben jene Faktoren, die es der documenta ermöglichten, sich zu einem Projekt zu entwickeln, das inzwischen seit mehr als einem halben Jahrhundert Bestand hat; doch die soziopolitischen Parameter, die die Dringlichkeit der documenta ausmachten, sind heute nicht mehr wirksam. Dieses Gefühl der Dringlichkeit muss daher anderswo gefunden werden.

Szymczyk und sein Team schlossen mit der Bemerkung, dass die documenta 14 – mit ihrer temporären Verlagerung und Verdoppelung der Perspektiven – jene künstlerischen Strategien ermöglichen könnte, die nach der Realität einer zeitgenössischen Welt greifen – einer Welt, die als Ort für eine aus Individuen bestehende Multitude verstanden wird und nicht als ein Territorium, das von hegemonialen Beziehungen definiert wird, die sie für viele zu einem Ort des Leidens und des Elends machen. Diese Welt, die größer ist als Deutschland oder Griechenland, wird das Thema der Ausstellung sein.

Künstlerischer Leiter: Adam Szymczyk

Team von Kuratoren, Beratern, Assistenten

documenta 14, 2017
Presseinformation der documenta 14, 7. Okt. 2014

FARBSPIELE MALER DES LICHTS: MIT MONET BEGANN DIE MODERNE KUNST

Neue Blickwinkel auf das Werk des Malers der »Seerosen«, Claude Monet: Der Katalog Monet – Licht, Schatten und Reflexion
widmet sich den berühmten Bildwelten des Malers – zeigt aber
auch dunklere Motive. Er erscheint anlässlich der Ausstellung des Malers in der Fondation
Beyeler in Riehen und stellt viele Meisterwer
ke vor, deren (Seh-)Erlebnis von Natur und
Landschaft uns bis heute beeinflusst.
Berlin, 20. Januar 2017 – »Das Aussehen der
Welt würde für uns erschüttert, wenn es uns
gelänge, die Zwischenräume zwischen den Dingen als Dinge zu sehen«. Diese Worte des
Philosophen Maurice Merleau-Ponty treffen den K
ern von Claude Monets (1840-1926) Kunst in
den Schaffensjahren nach 1880 bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Während üblicherweise
eher das Früh- und das Spätwerk des Malers in
den Blick geraten, fokussiert der Katalog
Monet
– Licht, Schatten und Reflexion
mit mehr als 180 Abbildungen und 60 Werken die Entwicklung
zwischen diesen Perioden.
Nach dem Tod seiner ersten Frau Camille im Ja
hr 1879 begann für Monet eine Phase der
Neuorientierung. Die Zeit als Pionier des Impressionismus war abgeschlossen; seine
wachsende wirtschaftliche Unabhängigkeit ermög
lichte ihm häufigere Reisen – Monets Werke
wurden persönlicher und lösten sich vom »impressionistischen Stil«.
Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Leitmotiven »Licht, Reflexion und Schatten« machte
Monet in seiner Kunst zunehmend das gemalte Bild selbst zum Thema: »Ihn interessierte
weniger das Motiv als das, was zwischen ihm und
dem Motiv passierte«, erklärte sein Stiefsohn
Jean Hoschedé. Der Maler experimentierte mit wechselnden Licht- und Farbspielen im Verlauf
der Jahreszeiten. Durch den Einsatz von Spiegelungen und Schattenwürfen gelang es ihm,
magische Stimmungen zu erzeugen. Wiederkehrende Sujets und Orte sind Landschaften am
Mittelmeer, wilde Atlantikküsten, Flussläufe, Blumenwiesen, Heuhaufen, Seerosen,
Kathedralen und Brücken.
Bereits in Monets erstem Ölbild spiegeln sich
Pappeln im Wasser. Der im Buch vorgestellte
Ausschnitt seines Schaffens steht somit nicht zu
letzt auch stellvertretend für das Gesamtwerk
des französischen Malers. Thematisch aufgeschlüsselt gleicht der Band
Monet – Licht, Schatten
und Reflexion
einer feinsinnigen Reise durch Monets Bildwelten – von der Seine zu den Küsten
der Normandie und der Bretagne bis hin zur Wat
erloo Bridge in London sowie der malerischen
Auseinandersetzung mit dem eigenen Garten in
Givenchy. Essays von Maria Becker, Gottfried
Boehm, Ulf Küster, Philippe Piguet, Hannah Ro
cchi und James H. Rubin begleiten und verorten
die verschiedenen Stationen.
Monet – Licht, Schatten und Reflexion
erscheint zum 20-jährigen Jubiläum der Fondation
Beyeler, die dem »Maler des Lichts« eine große Jubiläumsschau widmet. Die Ausstellung eröffnet am 22. Januar und ist bis Mai 2017 in Riehen/Basel zu sehen.

Otto Dix – Der böse Blick

Kuratorin: Dr. Susanne Meyer-Büser
Otto Dix (1891-1969) verbrachte von 1922 bis 1925 sehr erfolgreiche Jahre in
Düsseldorf und entwickelte in dieser Zeit seinen unverkennbaren kritischen Stil. In der
Ausstellung Otto Dix – Der böse Blick stellt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
erstmals umfassend die Werke aus dieser kurzen aber intensiven Phase in den
Mittelpunkt und macht ihre internationale Strahlkraft erlebbar. Die Ausstellung untersucht
die Zusammenhänge von individueller künstlerischer Produktivität, ästhetischen und
gesellschaftlichen Fragestellungen sowie die Einflüsse von Unterstützern und
persönlichen Lebensumständen.
Der junge Maler und Grafiker aus Dresden kommt im Oktober 1921 nach Düsseldorf: Er
war ein zwar mittelloser, allerdings nicht mehr ganz unbekannter Künstler, der sich im
Rheinland bessere Ausstellungsmöglichkeiten und Aufträge erhoffte. Mit größtem
Ehrgeiz wandelt er sich in den kommenden drei Jahren vom expressiv-veristischen
Dadaisten zu einem kritischen Porträtisten der Neuen Sachlichkeit, der seine
Mitmenschen schonungslos im Bild fixiert. Als er – persönlich und künstlerisch gereift –
1925 nach Berlin umsiedelt, eilt ihm der Ruf seines „bösen Blicks“ voraus.
Die erste Kontaktaufnahme zur Düsseldorfer Kunstszene fand Anfang 1920 über
Conrad Felixmüller statt, der Dix mit Otto Pankok, Gert Wollheim und anderen Künstlern
der avantgardistische Gruppe Das Junge Rheinland zusammenbrachte. Dazu gehörte
auch die Kunsthändlerin Johanna Ey, deren Galerie in dieser Zeit ein lebendiger
Treffpunkt der jungen rheinischen Künstler wurde.
Johanna Ey setzte sich besonders für die Karriere des noch in Dresden lebenden
Künstlers ein. Hatte Dix hier unter der Unverkäuflichkeit seiner Arbeiten gelitten, so
wendete sich im Rheinland das Blatt: Bereits im September 1920 meldet ihm Johanna
Ey erste Verkäufe. Als sie Dix schließlich kennenlernt, war sie von dem dandyhaften
jungen Mann fasziniert. Sie gab ihm Obdach in einem Nebenzimmer ihrer Galerie und
machte ihn zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten ihres Kunsthandels.
Zu den frühen Förderern gehörte auch der Sammler und Arzt Dr. Hans Koch, der bereits
vor Johanna Ey Kontakte zur Dresdener Kunstszene hatte und sich 1921 von Dix
porträtieren ließ. Martha Koch, Ehefrau des Sammlers, wurde in dieser Zeit Dix´ Geliebte – beide heirateten im Frühjahr 1923. Dies schadete allerdings weder der
geschäftlichen noch privaten Beziehung aller Beteiligter.
Die drei Jahre in Düsseldorf waren für Dix von immenser Produktivität und einer ganzen
Reihe herausragender künstlerischer Phasen geprägt: So entstand bis 1923 der
Großteil aller je von ihm geschaffenen Aquarelle. Ab 1922 besuchte er die Düsseldorfer
Kunstakademie; ausgesprochen wichtig war ihm der Unterricht in druckgrafischen
Techniken. Die dort erlernte Aquatinta-Technik setzte er etwa für seinen berühmten
Radierzyklus Der Krieg (1924) ein, in dem Dix drastisch mit der modernen
Kriegsmaschinerie abrechnet. In dieser Zeit entstanden auch zahlreiche Hauptwerke
der Farblithografie – darunter Kupplerin, Matrose mit Mädchen oder Leonie.
Die inspirierende und ermutigende Düsseldorfer Kunst- und Galerienszene, die
materielle Sicherung und das neue private Glück: Alles zusammen bewirkte eine
Stabilisierung der Lebensumstände und sogar eine gewisse Etablierung in der
Gesellschaft – Faktoren, die den Mal- und Porträtstil im Laufe der Jahre weiter
veränderten. Dix wandte sich ab 1924 der Neuen Sachlichkeit zu und setzte für seine
zunehmend kühleren, analytischen Porträts eine altmeisterliche Lasurtechnik ein. Bis
heute gilt Otto Dix als der berühmt-berüchtigte Porträtist, der seine Modelle jenseits
jedweder gängiger ästhetischer Normen kritisch und „mit bösem Blick“ in Szene setzte.