Ungläubiges Staunen: Über das Christentum

Was geschieht, wenn einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, der selbst ein Muslim ist, sich in die christliche Bildwelt versenkt? Navid Kermani sieht staunend eine Religion voller Opfer und Klage, Liebe und Wunder, unvernünftig und abgründig, zutiefst menschlich und göttlich: ein Christentum, von dem Christen in dieser Ernsthaftigkeit, Kühnheit und auch Begeisterung nur noch selten sprechen.
Es ist ein Wagnis: Offenen Herzens, mit einer geradezu kindlichen Neugier steht Navid Kermani vor den großen und vor unbekannten Werken der christlichen Kunst. Und es wird zum Geschenk: Denn seine berückend geschriebenen Meditationen geben dem Christentum den Schrecken und die Schönheit zurück. Kermani hadert mit dem Kreuz, verliebt sich in den Blick der Maria, erlebt die orthodoxe Messe und ermisst die Größe des heiligen Franziskus. Er lehrt uns, in den Bildern alter Meister wie Botticelli, Caravaggio oder Rembrandt auch die Fragen unserer heutigen Existenz zu erkennen – mit klarem Blick für die wesentlichen Details und die untergründigen Bezüge auch zu entfernt scheinenden Welten, zur deutschen Literatur, zum mystischen Islam und selbst zur modernen Heilgymnastik. Seine poetische Schule des Sehens macht süchtig: süchtig nach diesem speziellen Blick auf das Christentum und sehnsüchtig danach, selbst so sehen zu können.

BRITTA THIE. TRANSLANTICS

Trans­lan­tics, ein digi­ta­les Kammer­spiel einge­bet­tet ins Netz, erzählt die Geschichte von drei jungen Frauen in Form einer Web–Serie. Trans­lan­tics handelt vom Vorspu­len, Umschal­ten zwischen Städ­ten, Ländern, Spra­chen, Jobs, Lebens­pha­sen, Gefüh­len und Part­nern. Die drei Freun­din­nen bewe­gen sich in einem Freun­des­kreis aus inter­na­tio­na­len Expats, über­dreht und eupho­risch, irgend­wie alle gemein­sam globa­li­siert und doch gefan­gen in ihrem eige­nen kultu­rel­len System.

Die Expat-Kids schwan­ken zwischen Heim­weh und Erobe­rungs­ge­füh­len, spie­len sich selbst oder viel­leicht auch nur eine der vielen Versio­nen ihrer selbst. Man trifft sich nachts und im Netz, man schlägt sich irgend­wie durch mit obsku­ren Jobs und Ibupro­fen, schlägt sich ein Knie auf bei einem exis­ten­zi­el­len Foto Shoo­ting oder sich gegen­sei­tig die Brille von der Nase. Man bricht sich tagtäg­lich das Herz in der über­er­reg­ten Bezie­hungs­welt von sozia­len Netz­wer­ken und Auto-Updates.

Aber was passiert mit echter Inti­mi­tät, wenn Emotio­nen, Zunei­gung und Ideen zu Produk­ten auf einem uner­sätt­li­chen Markt­platz werden? Bezie­hun­gen entwi­ckeln sich in einer pastell­far­be­nen Shop­ping Mall in Neukölln; auf dem Weg in die heimat­li­chen Klein­städte in der Provinz, in semi-erfolg­rei­chen Gale­rien mit New Yorker Import-Kunst, zwischen den Wolken­krat­zern im Frank­fur­ter Banken­vier­tel oder auf der ande­ren Stra­ßen­seite in Berlin: Diese Stadt, die trans­na­tio­nale Entde­cker und Krea­tive magne­tisch anzieht, die sich aber trotz­dem weigert, den Sprung von der Peri­phe­rie zu einer echten Metro­pole zu machen. Every throw­back is a throw-forward.

Trans­lan­tics kann man als Portrait der Gene­ra­tion ’89 verste­hen, plus-minus. Eine Gene­ra­tion in der Beta Phase, sie testet sich selbst und einan­der. Die Gegen­wart: durch­sich­tig, tempo­rär, im Dazwi­schen, zwischen hier und da, ihr und ihm, hier und jetzt. Bild­auf­lö­sun­gen über­tref­fen sich auf dem SmartTV, Pixel reiben anein­an­der und werden dabei so scharf, dass der Garten­teich auf dem Handy­vi­deo wie eine 3D Anima­tion aussieht, der Hyper-Realis­mus lässt die Reali­tät künst­lich erschei­nen. Geschich­ten fassen sich schnel­ler in Bilder als in Worte, Skype-Fens­ter öffnen sich für Job Inter­views, Kame­ras werden zu den Kontakt­lin­sen des inne­ren Auges, unse­rer menta­len Unschärfe.

Anmerkung der Redaktion: Unbedingt ansehen!!!!

PAINTING 2.0 MALEREI IM INFORMATIONSZEITALTER

Von Robert Rauschenberg und Maria Lassnig
bis zu Albert Oehlen und Charline von Heyl

Das wiederkehrende Interesse an zeitgenössischer Malerei in den vergangenen
Jahren fällt überraschenderweise mit einer Explosion neuer digitaler Technologien
zusammen. Doch schon seit den 1960er-Jahren haben sich die fortschrittlichsten
Ansätze auf dem Gebiet der Malerei in Westeuropa und in den USA in produktiver
Reibung mit ihrer zeitgenössischen Massenkultur und den vorherrschenden
medialen Bedingungen entwickelt. Vom Aufkommen des Fernsehens und Computers
bis zur sogenannten „Internetrevolution“ ist es der Malerei immer wieder gelungen,
jene Mechanismen zu integrieren, die für ihr angebliches Ableben verantwortlich
sein sollten. Weit über ihre technische Definition – Öl auf Leinwand – hinaus war und
ist Malerei ein privilegierter Ort, an dem die Herausforderungen einer sich
zunehmend mediatisierenden Lebenswelt verhandelt werden.
„Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ stellt als erstes groß angelegtes
Ausstellungsprojekt die Aneignung und Transformation von
Informationstechnologien in der westeuropäischen und nordamerikanischen Malerei
seit den 1960er Jahren vor. Die Ausstellung setzt lange vor der Digitalisierung und
dem Internet ein – nämlich mit Pop Art und Nouveau Réalisme, die sich erstmals
programmatisch neu aufkommender kommerzieller Bildsprachen bedienten. Die
Malerei öffnete sich in jenem Moment, als ihre Legitimität durch die Populärkultur
und eine „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord) herausgefordert wurde. Dieser
facettenreichen Geschichte einer Malerei im erweiterten Feld geht die Ausstellung
bis in die Gegenwart nach – bis hin zu den weitreichenden Folgeerscheinungen des
interaktiven Web 2.0 wie den Sozialen Medien und Daten-Clouds.
Eine treibende Kraft dieser Entwicklung ist die Kollision zwischen den visuellen
Codes des Spektakels und den subjektiven Spuren malerischer Expressivität.
„Painting 2.0“ zeigt auf, dass die expressive Geste immer wieder mit dem Begehren
verknüpft war, die virtuelle Welt des Informationszeitalters an den Erfahrungsraum
des menschlichen Körpers rückzubinden. Die avancierte Malerei der letzten 50 Jahre
weist die vermeintliche Opposition zwischen Humanem und Technischem, Analogem
und Digitalem als wechselseitig aufeinander bezogene Spannungsfelder aus.
Erstmals seit der Eröffnung des Museums Brandhorst 2009 erstreckt sich mit
„Painting 2.0“ eine Ausstellung über das gesamte Haus. Abgesehen von dem eigens
für Cy Twomblys „Lepanto“-Zyklus geschaffenen Raum im Obergeschoss wird
„Painting 2.0“ auf allen drei Stockwerken zu sehen sein. Die Erweiterung der Malerei
seit den 1960er-Jahren wird in drei eng miteinander verknüpften Sektionen, auf je
einer Etage des Museums präsentiert, nachgezeichnet.
Auf der Eingangsebene widmet sich „G Geste und Spektakel“ der Frage, wie
malerische Gestik eingesetzt wurde, um einer Spektakelkultur zu begegnen: von
einer Protesthaltung kommerziellen Bildern und ihren Medien gegenüber, wie sie
sich in den Schießbildern von Niki de St. Phalle oder den abgerissenen Plakatwänden
der Affichisten Mimmo Rotella, Jacques Villeglé und Raymond Hains zeigt, bis hin zu
malerischen Strategien, die sich die Sprache der Populärkultur aneigneten wie in
Keith Harings „Subway Drawings“, Albert Oehlens Computerbildern oder den mittels
Photoshop bearbeiteten Leuchtkästen Kelley Walkers.
Im Obergeschoss beschäftigt sich die zweite Gruppe unter dem Überbegriff
„Exzentrische Figuration“ damit, wie sich Vorstellungen von Körperlichkeit unter
dem Einfluss einer kommerziellen Massenkultur und neuer Technologien verändern.
Buchstäblich „exzentrische“ Figuren wie bei Philip Guston und prothetische Körper
wie bei Maria Lassnig, aber auch exzentrische Gesten wie bei Amy Sillman sowie
Strategien des Karikierens wie bei Nicole Eisenman bezeugen die komplexe
Verflechtung von Körper, medialem Bild und Technologie ab der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts.
Im Untergeschoss widmet sich „Soziale Netzwerke“ malerischen Positionen, die eine
„Netzwerkgesellschaft“ als solche ausweisen, sowohl durch Praktiken der
Bildzirkulation als auch durch die Thematisierung spezifischer sozialer Kontexte.
Andy Warhols „Factory“, die Gemälde und Aktionen des Kapitalistischen Realismus
von Sigmar Polke, Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner, die
Künstlerinnen um die feministische New Yorker A.I.R. Gallery, aber auch
zeitgenössische Positionen des sogenannten „Network Painting“, wie zum Beispiel
Seth Price oder R.H. Quaytman, demonstrieren, wie sich Vorstellungen von
Gemeinschaft und sozialem Austausch seit den 1960er-Jahren gewandelt haben.
Mit über 230 Werken von 107 Künstlerinnen und Künstlern ist „Painting 2.0“
international eine der umfangreichsten musealen Malereiausstellungen der letzten
Jahre:
Kai Althoff, Ei Arakawa/Shimon Minamikawa, Monika Baer, Nairy Baghramian, Georg
Baselitz, Jean-Michel Basquiat, Lynda Benglis, Sadie Benning, Judith Bernstein,
Joseph Beuys, Ashley Bickerton, Cosima von Bonin, KAYA (Debo Eilers & Kerstin
Brätsch), Günter Brus, Daniel Buren, Merlin Carpenter, Leidy Churchman, William
Copley, René Daniëls, Guy Debord/Asger Jorn, Carroll Dunham, Mary Beth Edelson,
Thomas Eggerer, Michaela Eichwald, Nicole Eisenman, Jana Euler, Louise Fishman,
Andrea Fraser, Isa Genzken, Mary Grigoriadis, Philip Guston, Wade Guyton, Raymond
Hains, Harmony Hammond, David Hammons, Keith Haring, Rachel Harrison, Mary
Heilmann, Eva Hesse, Charline von Heyl, Ull Hohn, Jacqueline Humphries, Jörg
Immendorff, Jasper Johns, Joan Jonas, Mike Kelley, Martin Kippenberger, Yves
Klein, Jutta Koether, Michael Krebber, Manfred Kuttner, Maria Lassnig, Sherrie
Levine, Glenn Ligon, Lee Lozano, Konrad Lueg, Michel Majerus, Piero Manzoni, Kerry
James Marshall, Hans-Jörg Mayer, John Miller, Joan Mitchell, Ree Morton, Ulrike
Müller, Matt Mullican, Elisabeth Murray, Cady Noland, Hilka Nordhausen, Albert
Oehlen, Laura Owens, Steven Parrino, Ed Paschke, Howardena Pindell, Sigmar
Polke, Seth Price, Stephen Prina, R.H. Quaytman, Robert Rauschenberg, David Reed,
Gerhard Richter, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle, Mario Schifano, Amy Sillman,
Sylvia Sleigh, Josh Smith, Joan Snyder, Reena Spaulings, Nancy Spero, Gruppe Spur,
Frank Stella, Walter Swennen, Paul Thek, Rosemarie Trockel, Cy Twombly, Jacques
de la Villeglé, Kelley Walker, Andy Warhol, Sue Williams, Karl Wirsum, Martin Wong,
Christopher Wool, Heimo Zobernig, u.a.
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher und reich illustrierter Katalog im
Prestel Verlag (ISBN: 978-3-7913-5492-7, Museumsausgabe: 39,95 Euro) mit 320
Seiten und 350 vollfarbigen Abbildungen in deutscher und englischer Sprache.
Vertiefende Essays der drei KuratorInnen Achim Hochdörfer, David Joselit und
Manuela Ammer gehen den zentralen Fragestellungen der drei Sektionen nach. Mit
Beiträgen von Lynne Cooke, Isabelle Graw, John Kelsey, Tonio Kröner, Wolfram
Pichler und Kerstin Stakemeier kommen bedeutende Stimmen zur Entwicklung der
Malerei der letzten Jahre in einer Publikation zusammen.
Kuratiert von Achim Hochdörfer, David Joselit mit Manuela Ammer
Assistenzkurator: Tonio Kröner
„Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ ist eine Kooperation mit dem
mumok — Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.
Die Ausstellung wird gefördert durch PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V.

Picasso. Fenster zur Welt

Das Motiv des Fensters zieht sich durch das gesamte Werk Picassos. Es war für ihn weit mehr
als ein alltäglicher Gegenstand. Wie die Ausstellung Picasso. Fenster zur Welt erstmals zeigt,
galt Picasso das Fenster als Symbol der Malerei. Indem es das Sehen thematisiert und
zwischen Innen und Außen vermittelt, steht es für künstlerische Selbstreflexion – ein in seiner
Bedeutung bisher nicht erkanntes Moment, das alle Werkphasen verbindet. Die Ausstellung,
von Ortrud Westheider kuratiert, deutet das Fensterthema als gemalte Bildtheorie. Vom 6.
Februar bis zum 16. Mai 2016 versammelt das Bucerius Kunst Forum rund 40 Leihgaben aus
internationalen Sammlungen wie dem Museu Picasso, Barcelona, dem Museo Picasso, Malaga,
dem Musée Picasso, Paris sowie der Tate, London, dem Centre Pompidou, Paris oder dem
MoMA, New York. Tickets sind ab sofort im Online-Vorverkauf erhältlich. Die Deutsche Bahn
bietet ab dem 13. Dezember 2015 für die Anreise den Sparpreis Kultur an.
Immer wieder kehrte Pablo Picasso (1881-1973) zum Motiv des Fensters zurück, wenn er sich in
Phasen der Neuorientierung mit den künstlerischen Grundfragen auseinandersetzte. Sie stellten sich
ihm beim Übergang in eine neue Werkphase. Sie wurden durch einen Ortswechsel oder einen neuen
Lebensabschnitt provoziert. Sie konnten von einem neuen Atelier angeregt werden, aus dem der
Künstler eine neue Schaffensphase hervorbrachte.
Als 18-Jähriger malte Picasso in seinem Atelier in Barcelona seine erste Folge von Fensterbildern.
Während das Fenster seit der Renaissance als Projektionsfläche einer Wirklichkeitskonstruktion
erschien, markiert es in Picassos um 1900 entstandenen Gemälden die Trennung zwischen Außen
und Innen: Das Atelierfenster wird als Schnittstelle zwischen Künstler und Welt eingeführt.
Bis in die 1920er Jahre folgten Fensterbilder, in denen ein Gegeneinander von Fläche und Raum, von
Linie und Volumen verhandelt wird. Picasso verband das Fenstermotiv nun mit kubistisch
zergliederten Gegenständen, die auf einem Konsoltisch vor dem Fenster liegen, und bezog erstmals
den Blick auf den Horizont ein. Durch die bildparallele und flächige Darstellung entsteht der Eindruck,
die Malerei wäre mit dem Fenster identisch. Das Licht des Außenraumes ist zugleich die Farbe auf der
Leinwand.
Der Neubeginn nach dem Kubismus brachte Picasso 1925 wieder zum Motiv des Fensters zurück. Er
thematisierte sein Skulpturenschaffen und ließ seine Erfahrungen mit der Bildhauerei in seinem Atelier
im Schloss Boisgeloup in die Malerei zurückfließen. Zum ersten Mal erscheint ein um eine Silhouette
ergänzter Kopf, den Picasso in der Folge in zahlreichen Werken im Zusammenhang mit Skulpturen
vor Fenstern einsetzte. Schwarze Flächen bekommen ambivalente Bedeutungen. Ihre feste Gestalt im
Fensterrahmen und Fenstergriff geht in die Schatten der dargestellten Büsten und Figuren über.

In den 1930er Jahren entstand eine Gruppe von Gemälden, in denen eine oder zwei Frauen vor
einem Fenster dargestellt werden. Diese Bilder beschreiben das im Atelier anwesende Modell
zeichnend oder lesend, ruhend oder wachend. In dieser Serie signalisiert das Fenster den
abgeschlossenen, geschützten Raum müßiger Kontemplation.
Während des Zweiten Weltkriegs, im besetzten Paris, kam Picasso erneut auf das Fensterthema
zurück. Stillleben mit Schädeln, ein wiederkehrendes Motiv in Picassos Werk zu dieser Zeit, lassen in
Kombination mit dem Fenster kraftvolle Kompositionen entstehen: Die existentielle Bedrohung, die
sich auch in dem Todesmotiv des Kreuzes zeigt, wie es durch den Fensterrahmen entsteht, paart sich
mit dem Hinweis auf die Tradition altmeisterlicher Vanitas-Darstellungen.
Im Sommer 1955 bezog Picasso in Cannes eine Villa des 19. Jahrhunderts, deren ornamental
gegliederte große Fenster den Blick auf die Palmen im Garten des Anwesens feierlich rahmten. Noch
im selben Jahr entstanden elf hochformatige Gemälde, die eines der großen Jugendstilfenster des
Ateliers im Erdgeschoss ins Zentrum stellen. Picasso bezeichnete sie als „Innere Landschaften“.
Picasso. Fenster zur Welt versammelt rund 40 Gemälde, Zeichnungen und druckgraphische Werke
aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Die Leihgaben kommen aus internationalen Sammlungen
wie dem Museu Picasso, Barcelona, dem Museo Picasso, Malaga, dem Musée Picasso, Paris sowie
der Tate, London, dem Centre Pompidou, Paris und dem MoMA, New York. Rund 50 Aufnahmen von
Photographen wie Robert Doisneau, Edward Quinn oder David Douglas Duncan zeigen Fenster als
bestimmende Elemente in Picassos Lebens- und Arbeitsräumen und wie er sich vor ihnen in Szene
setzte.
Der Katalog zur Ausstellung mit Beiträgen von Emilie Bouvard, Fabrice Flahutez, Esther Horn, Brigitte
Leal, Androula Michaёl und Ortrud Westheider erscheint im Hirmer Verlag (München, ca. 204 Seiten
mit farbigen Abbildungen aller ausgestellten Werke, 29 € in der Ausstellung).
Tickets zur Ausstellung sind ab sofort im Onlineshop des Bucerius Kunst Forums unter
www.buceriuskunstforum.de/tickets erhältlich. Besucher reisen mit dem Sparpreis Kultur der
Deutschen Bahn umweltfreundlich zur Ausstellung Picasso. Fenster zur Welt und zurück. Der
Sparpreis Kultur ist ab dem 13. Dezember 2015 erhältlich. Weitere Informationen unter
www.bahn.de/kultur.

CHARLES ESCHE, ABDELLAH KARROUM UND VASIF KORTUN TRETEN VOM CIMAM-BOARD ZURÜCK

Die Direktoren dreier renommierter Kunstinstitutionen, Charles Esche, Vasif Kortun und Abdellah Karroum, sind vom Board der CIMAM (Internationale Kommission der ICOM für Museen und Sammlungen moderner Kunst) zurückgetreten, weil deren amtierender Präsident, Bartomeu Marí, nachdem er im Rahmen der vom MACBA und dem Württembergischen Kunstverein koproduzierten Ausstellung „Die Bestie und der Souverän“ ein Kunstwerk zensierte, in seinem Amt bestätigt wurde.

 

„Wir freuen uns sehr über diesen Akt der Solidarität und die klare Positionierung gegen Zensur. Wir hoffen sehr, dass dieser Akt dazu beiträgt, die im März aufgrund von angeblicher Illoyalität gegenüber der Institution entlassenen ehemaligen Kuratoren des MACBA, Valentín Roma und Paul B. Preciado, zu rehabilitieren.“

Iris Dressler und Hans D. Christ, Direktoren des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart

 

Charles Esche, Direktor des Van Abbemuseum in Eindhoven, Abdellah Karroum, Direktor u.a. des Arab Museum of Modern Art in Doha, und Vasif Kortun, Direktor von SALT in Istanbul, sind vom Board der CIMAM (Internationale Kommission der ICOM für Museen und Sammlungen moderner Kunst) zurückgetreten.

Mit ihrem Rücktritt haben sie dem Board und dessen aktuellen Präsidenten, Bartomeu Marí, der im März 2015 als Direktor des MACBA ein Werk der Ausstellung „Die Bestie und der Souverän“ zensiert hatte, ihr Misstrauen ausgesprochen (siehe das Statement von Esche, Karroum und Kortun im Anhang).

Bei der Premiere der vom Württembergischen Kunstverein und dem MACBA koproduzierten Ausstellung in Barcelona war es zu einem Eklat gekommen. Kurz vor Eröffnung entschied Marí, damals Direktor des MACBA, dass eines der Kunstwerke nicht angemessen für eine Präsentation in diesem Museum sei und forderte dessen Entfernung. Es handelte sich um die Skulptur „Not Dressed for Conquering (Für die Eroberung nicht passend gekleidet) / HC 04Transport“ der österreichischen Künstlerin Ines Doujak, die Teil eines langjährigen Projektes zu Fragen der (neo)kolonialen Kontexte der Textilproduktion ist. Neben zahlreichen anderen Referenzen, lässt sich die Skulptur, die zuvor auf der São Paulo-Biennale zu sehen war, auch als eine Anspielung auf und Karikatur des spanischen Ex-Königs, Juan Carlos I., lesen. Weder die KuratorInnen, Hans D. Christ, Iris Dressler (WKV), Valentín Roma und Paul B. Preciado (damals MACBA), noch die KünstlerInnen der Ausstellung waren bereit, diesen Akt der Zensur stillschweigend hinzunehmen. Daraufhin sagte Marí die gesamte Ausstellung am Tag der geplanten Eröffnung ab. Nach einer lokalen wie internationalen Protestwelle wurde sie vier Tage später schließlich doch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Marí trat zurück. Die beiden Kuratoren des MACBA, Roma und Preciado, wurden zuvor jedoch noch von ihm persönlich wegen „Illoyalität gegenüber der Institution“ fristlos entlassen.

Das Board von CIMAM, dessen Präsident Marí seit 2013 ist, meldete kurz danach, dass es an Marís Präsidentschaft festhalte. Genau dieser Umstand ist für Esche, Kortun und Karroum nicht mehr tragbar – wohl auch deshalb nicht, weil CIMAM angekündigt hatte, das Thema Zensur im Rahmen ihres just zu Ende gegangenen Kongresses in Tokio (7.-9.11.2015) offen zu thematisieren. Davon kann keine Rede sein. Weder stellte Marí sich der Diskussion, noch wurden die von seiner Zensur direkt Betroffenen zum Kongress eingeladen – oder zumindest im Vorfeld nach ihrer Position gefragt.

Die Ausstellung „Die Bestie ist der Souverän“, die derzeit (bis 17. Januar 2016) im Württembergischen Kunstverein zu sehen ist, wurde Mitte Oktober mit einer internationalen Konferenz eröffnet, die sich dezidiert mit Fragen der Zensur bzw. der Einflussnahme von Politik und Wirtschaft auf die Programme und Inhalte öffentlicher Kunstinstitutionen auseinandersetzte. Aus der Konferenz soll eine Plattform hervorgehen, die den bestehenden, offenen wie subtilen, konkreten wie allgemeinen Machtverhältnissen und Repressionen im Kunstbetrieb langfristig nachgeht und zugleich auf kollektiver Basis an den Konzepten und Modellen anderer, enthierarchisierter und kritischer Institutionen der Kunst und Wissensbildung arbeitet.
Links
Konferenz „Die Bestie ist der Souverän“

http://www.wkv-stuttgart.de/programm/2015/ausstellungen/die-bestie-und-ist-der-souveraen/konferenz
e-flux conversations
http://conversations.e-flux.com/t/the-socialist-and-the-sovereign-censored-show-opens-at-wurttembergischer-kunstverein/2696
Ines Doujak über ihre Skulptur
http://www.internationaleonline.org/research/alter_institutionality/43_the_noise_of_silence_or_por_que_no_te_callas_why_dont_you_shut_up
Vorauseilender Gehorsam
Interview zum Zensurfall im MACBA mit Hans D. Christ
http://www.art-magazin.de/szene/81683/skulpturenstreit_interview


CIMAM

http://cimam.org

 

Statement von Esche, Karroum, Kortun

https://drive.google.com/file/d/0B4V64d6U7FpAcUVqTm05cjBfLWc/view?pli=1

Olaf Metzel – Hans von Marées. Eine Annäherung

An dem Werk Hans von Marées’ scheiden sich die Geister. Den einen ist er schlicht ein gescheiterter Künstler; anderen legt er den Grundstein für die Moderne in Deutschland. Worin liegt also die anhaltende Widersprüchlichkeit begründet, mit der dieses malerische Werk wahrgenommen und das in der Neuen Pinakothek in einem eigenen Saal ausgestellt wird? In welchem Verhältnis stehen seine Malerei und die Skulptur am Ende des 19. Jahrhunderts? Und welche Bedeutung kann das Werk Hans von Marées’ für einen zeitgenössischen Künstler wie Olaf Metzel haben?

Olaf Metzel – Hans von Marées. Eine Annäherung folgt einer Anregung des Künstlers, die Auseinandersetzung mit Hans von Marées aus heutiger Perspektive zu suchen; eine Annäherung, die daher nicht nur mit Worten geführt wird, sondern vielmehr in der direkten Konfrontation des malerischen Werks mit einigen ausgewählten Skulpturen Olaf Metzels. Nachdem die Ausstellung aufgrund der temporären Schließung der Neuen Pinakothek  kurzfristig verschoben werden musste, kann das Projekt nun im November 2015 wieder aufgenommen und realisiert werden.

Die Auseinandersetzung mit Hans von Marées führt den Bildhauer Metzel und seine intensive Beschäftigung mit den klassischen Themen des Porträts und der menschlichen Figur vor Augen. Die Ausstellung beschränkt sich dabei nicht nur auf eine kleine Auswahl älterer und neu entstandener Werke, sondern stellt diese auch in eine von dem Künstler selbst getroffene Präsentation der Gemälde Hans von Marées’. Die Gegenüberstellung wird darüber hinaus durch Marées-Zeichnungen aus der Staatlichen Graphischen Sammlung ergänzt, die Olaf Metzel ausgewählt hat.

Olaf Metzel, dessen raumgreifende Skulpturen zeitgleich im Neuen Museum Nürnberg zu sehen sind, ist für den Zeitbezug seines Schaffens bekannt. Mit „Hans von Marées. Eine Annäherung“ verleiht der Künstler auch dem Oeuvre des gleichermaßen geschätzten wie kritisch betrachteten Künstlers eine kulturgeschichtliche Aktualität – ästhetisch, künstlerisch und gesellschaftlich – der eine Reihe von Vorträgen und Diskussionen nachgehen werden.

 

SARAH MOON – NOW AND THEN

Mit einem besonderen Fokus auf das filmische Œuvre wird weltweit zum
ersten Mal das Gesamtwerk der Fotografin Sarah Moon als retrospektive
Schau im Haus der Photographie der Deichtorhallen präsentiert. Rund 350 Fotografien und fünf Filme lassen die Besucher in die märchenhafte Welt der Sarah Moon
eintauchen.

Die 1941 geborene Fotografin wuchs in England und Frankreich auf.
Nachdem sie einige Jahre in Paris als Model gearbeitet hatte, begann
sie 1968 zu fotografieren. In diesen Jahren gab sie sich den
Künstlernamen Sarah Moon. Auf ihre ersten Kampagnenbilder für das
Modelabel Cacharel folgten unzählige Werbefotografien unter anderem
für Dior, Chanel, Comme des Garçons, Issey Miyake und Valentino
sowie Modestrecken für Magazine.

Sarah Moon ist aber weit mehr als eine Modefotografin. Sie dreht
Kurz- und Dokumentarfilme (unter anderem über ihren engen Freund
Henri Cartier-Bresson und über Lillian Bassman) sowie den Spielfilm
»Mississipi One«. So entwickelte sie über die Jahrzehnte ein
eigenes künstlerisches, fotografisches und filmisches Werk auch frei
von Auftragsarbeiten.

Ihre oft in unscharfem Schwarzweiß oder blassen Farben gehaltenen
Bilder locken den Betrachter in ein Reich der Träume, der Mythen und
Märchen; sie spiegeln auch Paradiesisches: unbekannte Landschaften,
verzauberte Städte. Ihre Modeaufnahmen, Stillleben und Porträts
wirken wie Blicke in die Zeitlosigkeit. Sie selbst kombiniert in ihren
Strecken – und auch in der Hamburger Ausstellung – Porträts,
Blumen-Stillleben, Ansichten von Stadt und Land nebeneinander und hat
mit ihrem unverwechselbaren Stil die sogenannte Mood-Fotografie
geprägt.

»Sarah Moon verunsichert den Bildbetrachter. Sie wirft ihn aus dem
Raum der geordneten Identität heraus in die Zeit des Zwiespalts und
der chaotischen Differenz. Der Inhalt jedes einzelnen Bildes ist
unsicher. Zeit und Raum verschwimmen. Bildstruktur und Komposition
sind mehrdeutig, unregelmäßig und ausschnitthaft. Die Bildschärfe
ist oft zurückgenommen, Details, Oberflächen und Farbwerte werden
verändert, ein Grauschleier hinzugefügt. Die von der Künstlerin
bearbeiteten Aufnahmen spiegeln so die malerische und grafische
Imagination und lassen die Bilder wie eine aufscheinende oder
verblassende Erinnerung wirken«, so die Kuratoren der Ausstellung
Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik.

Sarah Moons Arbeiten wurden in Museen und Galerien rund um die Welt
gezeigt, darunter im International Center of Photography, New York, im
Maison Européene de la Photographie, Paris, dem Kyoto Museum of
Contemporary Art und dem Londoner Royal College of Art. Die Werkschau
im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg ist die bisher
umfangreichste Ausstellung von Sarah Moon.

PUBLIKATION

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation im Kehrer Verlag
herausgegeben von Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik mit einem
Vorwort von Dirk Luckow sowie Texten von José Chidlovsky, Magali
Jauffret, Duane Michaels, Sarah Moon, Ilona Suschitzky, Ingo Taubhorn,
Barbara Vinken. Gestaltung Detlev Pusch. Format 24 x 18 cm, ca. 160
Seiten, 180 Abb. Preis: 49,90 Euro