Jugendstil. Die große Utopie

Mit der Ausstellung „Jugendstil. Die große Utopie“, begleitet durch die Neupräsentation der Sammlung Jugendstil,
zeichnet das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) eine Epoche nach, die weit mehr hervorbrachte als
verspieltes Dekor. Der Jugendstil definiert sich über Reformansätze, Visionen und Utopien, die auf eine Erneuerung der
Gesellschaft ausgerichtet sind. Die Sonderausstellung beleuchtet diese kulturhistorischen Hintergründe und Entwicklungen
und schlägt den Bogen von Karl Marx‘ „Kapital“ bis zu Peter Behrens‘ Salonflügel mit Zitaten aus Friedrich
Nietzsches „Zarathustra“. Sie zeigt Reformkleider, ein Solarbad für Sonnenhungrige, Fotografien von nackten Freiluft-
Sportlern oder Loïe Fullers berühmte Lichttänze. Die Künste greifen die umwälzenden Veränderungen im privaten und
gesellschaftlichen Leben des modernen Menschen auf, entwerfen neue Lebensmodelle und experimentieren mit technischen
Neuerungen. Gustav Klimt, Edvard Munch und Alfons Mucha spiegeln die vielfältigen Projektionen auf die Frau.
Ferdinand Hodler, Paula Modersohn-Becker studieren das Kind. Immer wieder ist die Natur Inspirationsquelle, besonders
für die angewandten Künste. Der Jugendstil markiert auch eine Zäsur für die Kunstgewerbemuseen, die bisher zur
Anschauung ausschließlich historische Vorbilder zeigen. In dieser Zeit beginnt man, auch zeitgenössische Kunst zu
sammeln. Die Neueinrichtung der heute so bedeutenden Jugendstil-Sammlung des MKG orientiert sich an der ersten
Präsentation, die Museumsgründer Justus Brinckmann 1900 mit seinen Ankäufen auf der Pariser Weltausstellung
einrichtete. Sie zeichnet zudem mit verschiedenen Möbeln und Raumensembles u.a. von Henry van de Velde, Richard
Riemerschmid, Charles Rennie Mackintosh oder Carlo Bugatti ein Bild vom Spektrum der ästhetischen Konzepte und
Formsprachen am Beginn des 20. Jahrhunderts nach. Das Projekt zeigt insgesamt über 350 Werke, darunter Malerei,
Skulptur, Druckgrafik, Fotografie, Zeichnung, Keramik, Glaskunst, Buchkunst, Mode, Textilkunst, Plakate, historische
Filme, naturwissenschaftliche und medizinhistorische Apparaturen und Modelle.
Wie wollen wir leben? Das fragen sich die Zeitgenossen um 1900 angesichts umwälzender Entwicklungen und Erfindungen.
Elektrizität, Evolutionstheorie, Psychoanalyse, Röntgenstrahlen und andere Errungenschaften verändern das
soziale und private Leben grundlegend, lösen Euphorie und Angst zugleich aus. Die Künste werden zum Mittel der
Weltverbesserung, der Jugendstil zum Ausdruck einer mutigen Reformbewegung von Künstlern quer durch Europa. Sie
fordern den verantwortungsbewussten Umgang mit Ressourcen und Arbeitskraft, streben nach selbstbestimmtem Arbeiten
als Lebenssinn. Das Individuum wird in seinen Befindlichkeiten ernst genommen. Geschlechterrollen brechen
auf. Die Kritik an der Entfremdung des Menschen von sich selbst in der modernen Industriegesellschaft befördert eine
Sehnsucht nach Ursprünglichkeit. Das Kind wird zum Symbol der Unschuld, die Suche nach dem Unberührten führt in
die Ferne, in die Natur.
Die Sonderausstellung
Die Künstler des Jugendstils begehren auf gegen die noch neue Konsumkultur, gegen die standardisierte Massenware
minderer Qualität, die zum Teil unter prekären Umständen produziert wird. An deren Stelle sollen hochwertige Produkte
treten, deren Schönheit die Lebensqualität des Menschen in seinem Alltag hebt. An der Speerspitze der englischen
Arts & Crafts-Bewegung legt der Designer und Theoretiker William Morris den Grundstein für die Reformbewegungen
um 1900. Der überzeugte Sozialist erschafft in seinen Stoff- und Teppichentwürfen, die nach alten Techniken mit der
Hand statt der Maschine gefertigt wurden, eine Gegenwelt zur britischen Textilindustrie. Mit der Tapisserie „Der Pilger
und die Rose“ wird die Poesie der mittelalterlichen Kultur beschworen. Morris‘ ganzheitlicher Anspruch auf Qualität
vom Schriftentwurf bis zur Handpresse führt auch zur Renaissance der Buchkunst. In der utopischen Novelle „News
from Nowhere“, „Kunde von Nirgendwo“, die dem Auftaktkapitel seinen Namen gibt, entwirft Morris ein sozialistisches
Lebens- und Arbeitsideal. Hier ist auch der selten gezeigte „Kelmscott Chaucer“ zu sehen, der zu den schönsten Exemplaren
der Buchkunst des Arts & Crafts gehört. Verführerische Schönheit wird zum zentralen Anliegen dieses englischen
Ästhetizismus um 1900. Gabriel Charles Rossetti huldigt ihrer Ambivalenz in dem Gemälde „Helena von Troja“.
Neben dem Mittelalter definieren moderne Künstler um 1900 auch andere, von der „Zivilisation“ vermeintlich „unberührte“
Sehnsuchtsorte wie die Südsee. Die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit prägt etwa die Kinderporträts von Ferdinand
Hodler und Paula Modersohn-Becker. Ein Vitrinenschrank, Malerei, Grafik und selten gezeigte Keramiken von
Paul Gauguin sind Ausdruck dieser aktiven oder imaginären Zivilisationsflucht, mit der die Hoffnung auf ein authentischeres
Leben verbunden wird. Auch der kulturelle Dialog mit dem Kunsthandwerk Japans spielt eine wichtige Rolle
und zieht sich als Thema Inspiration Japan durch die Ausstellung, etwa in Carl Otto Czeschkas kimono-ähnlichem
Gewand, dessen grafisches Muster das Meeresthema der japanischen Färbeschablonen zitiert.
Der befreite Körper, dessen Kontur nicht mehr durch steife Mode und Korsett definiert wird, äußert sich in der Reform
der Frauenmode mit edlen Roben von Mariano Fortuny oder der Erfolgsmarke Liberty. Die „Gesundung“ des „nervösen“
Stadtmenschen in der Natur wird ab etwa 1890 in europäischen Lebenskommunen geradezu kulthaft verfolgt.
Hygienische und ästhetische Diskurse setzen auf eine Befreiung, Ertüchtigung und Pflege des Körpers als Tempel der
Seele. Der Suche nach größtmöglicher Natürlichkeit steht die ästhetische Optimierung durch „Muskelschönheit“ gegenüber.
Licht und Bewegung werden zu Leitbegriffen der Lebensreform, Sonnenlicht soll sogar über die Nahrung einverleibt
werden, Nacktheit gilt als gesellschaftspolitische Emanzipation. Dem „Wurzelsessel“ des Schweizer Lebensreformers
Karl Gräser steht in der Ausstellung ein elektrisches Lichtbad gegenüber, das mittels Glühbirnen auch dem Städter
erlaubte, an der heilsamen Lichtmedizin teilzuhaben.
Andere Künstler interessieren sich jedoch gerade für die neuen Technologien der Industriegesellschaft und suchen hier
Impulse für ihr Schaffen. Die Elektrifizierung des Alltags, insbesondere das neue Licht und der Film, werden wichtige
Träger der Moderne. Die Lichtfee Loïe Fuller setzt mit ihrem Serpentinentanz neue Maßstäbe für das Erlebnis Tanz: Sie
verwendet schleierartige Gewänder, auf die sie nach genauer Regie Licht projiziert. Für das Auge entsteht ein ständiger
Wechsel abstrakter Formen und Farben. Zu Beginn des Medienzeitalters wird Fuller so zum Symbol des Flüchtigen und
Momenthaften. Im Film wird alles möglich, proklamiert Georg Lukács. Die neue Technik entwickelt sich von der Jahrmarktsunterhaltung
zur Dokumentations- und Kunstform. Bei den Brüdern Lumière oder George Méliès wird die Illusionsmaschine
zum Träger utopischer Entwürfe.
Die spektakuläre Entdeckung der Röntgenstrahlung 1895 macht den Körper transparent und gibt dem menschlichen
Innern ein Bild. Zeitgleich wird ein anderer Blick ins Innere geworfen: Sigmund Freud revolutioniert das Verständnis
von der menschlichen Psyche. Das kulturelle Bild der Seele wird geprägt von Sprachfiguren der antiken Mythologie. So
zeigt die Ausstellung antike Objekte aus Freuds eigener Sammlung neben Fernand Khnopffs „Hypnos“, Odilon Redons
Gemälde „Die Barke“ und Annie Brigmans sowie Clarence Hudson Whites mythisch verklärten Heliogravüren. Deren
gewählte Unschärfe wird zum stimmungsvollen Bedeutungsträger. Die Natur des Menschen zu ergründen bedeutet vor
allem in Wien um 1900 die Ergründung der Sexualität. Das Spannungsfeld des Geschlechterkampfes wird zwischen
Aktzeichnungen Gustav Klimts und Grafiken Edvard Munchs sowie ausgewählten Gemälden von Künstlerinnen wie
Elena Luksch-Makowsky oder Broncia Koller-Pinell aufgespannt.
Die Frage nach dem Lebensglück bewirkt ein neuartiges Verhältnis zum Materiellen, das sich nicht nur auf Marx, sondern
auch auf Friedrich Nietzsches betont diesseitige Weltanschauung stützt. Sein Kultbuch „Also sprach Zarathustra“
(1883-1885) wird sehr verehrt. Der Einsiedler Zarathustra, der den Menschen seine Lehre vom Übermenschen bringt,
bietet Identifizierung gerade für reformerische Künstler. In seiner Kulturkritik proklamiert Nietzsche unter anderem
den Tod Gottes. Max Klingers Nietzsche-Porträtbüste steht Werken gegenüber, die Nietzsches Schriften in eine visuelle
Form überführen. So zeigt die Ausstellung Peter Behrens‘ zarathustrischen Salonflügel aus dem Haus Behrens auf der
Darmstädter Mathildenhöhe ebenso wie Henry van de Veldes Buchkunst zu zentralen Schriften Nietzsches oder Hodlers
„Blick ins Unendliche III“.
Die elegante Ästhetik des Jugendstil-Designs wird zunehmend zum Aushängeschild qualitativ hochwertiger Produkte.
Bereits Morris‘ Werke sind als teure Liebhaberstücke einer wohlhabenden Käuferschicht vorbehalten. Hersteller moderner
Konsumgüter und Theater reagieren auf die Wünsche des Marktes. So prägen die führenden Plakatkünstler der
Affichomanie Frankreichs bis heute unseren Blick auf den Jugendstil. Die Ausstellung zeigt in einer eigens dem Plakat
und der Reklame gewidmeten Galerie Spitzenwerke etwa von Eugène Grasset, Henri de Toulouse-Lautrec und Alfons
Mucha. Ihre Arbeiten setzen auf Japonismen und orientalische Subtexte, hypnotische Blicke, sinnliche Frauen und
Dandys. Ihnen gegenüber stehen die modernen Tendenzen aus München und Wien, die einer rationaleren Auffassung
folgen. Dem Ausstellungsplakat ist mit einer Reihe von Salon des Cent-Plakaten besonderes Gewicht gegeben.
Neueinrichtung der Sammlung Jugendstil
Um 1900 stehen in den Kunstgewerbemuseen die Zeichen auf Neubeginn. Ein neues Konzept markiert den Umbruch
vom Museum als Vorbildersammlung zum Sammlermuseum: statt historisch wird von nun an zeitgenössisch gesammelt.
Einer der Vorreiter dieses innovativen Typs von Museumskuratoren ist Justus Brinckmann, der Gründungsdirektor
des MKG. Unter der Vorgabe “eine Auswahl vom Besten unserer Zeit zu erstehen“, tätigt er auf der Pariser Weltausstellung
1900 umfangreiche Neuerwerbungen vom Möbel bis zum Bucheinband. Er legt damit den Grundstein für die
heute so bedeutende Jugendstilsammlung des Hauses. Seine Einrichtung des sogenannten Pariser Saals beruht auf der
Idee, beim Museumsbesucher den „Eindruck einer bewohnbaren Halle hervorzurufen, wie solche sich etwa ein Freund
oder Sammler neuzeitiger Kunst einrichten möchte.“
Der Pariser Saal steht im Zentrum der Neueinrichtung der Dauerausstellung. Er ist von diesem historischen Konzept
inspiriert, das sich anhand von Fotografien rekonstruieren lässt. So können die Besucher nachvollziehen, was es vor
über 100 Jahren bedeutete, zeitgenössisch zu sammeln. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 macht außerdem ein
Tafelaufsatz Furore, den Brinckmann als vollständiges Ensemble für das Haus erwirbt: das Schärpenspiel des französischen
Bildhauers Agathon Leonard. Im ebenso repräsentativen wie konservativen Medium des Tafelschmucks zelebriert
er die damals avancierteste Kunstform: den Tanz. Dieser Tafelaufsatz wird in dem Themenraum Tanz und Tischkultur
erstmals seit langem wieder in seiner Tischchoreografie erfahrbar.
Die österreichische Hauptstadt Wien ist ein weiterer Kristallisationspunkt der Moderne. Hier gründen Josef Hoffmann
und Koloman Moser 1903 die Wiener Werkstätte. In deren Arbeitsprogramm heißt es: „Wir wollen einen innigen Kontakt
zwischen Publikum, Entwerfer und Handwerker herstellen und gutes, einfaches Hausgerät schaffen. Wir gehen
vom Zweck aus, die Gebrauchsfähigkeit ist uns erste Bedingung“. Als eine der ersten Designerkooperativen erkennt die
Wiener Werkstätte die Bedeutung der Marke zur Sicherung des eigenen Marktwertes und setzt konsequent auf kommerzielle
Strukturen sowie eine Corporate Identity und ein Branding. Dazu gehören auch die Liebe zum Quadrat als
Stilelement sowie die Reduktion auf die Farben Schwarz und Weiß.
Auch das Interieur als Bühne des Individuums befindet sich im 1900 im Umbruch. Unter dem Titel Neues Wohnen und
Arbeiten werden zwei Ensembles zweier deutscher Protagonisten des Jugendstils gezeigt: Auf der einen Seite Henry van
de Velde, der Künstler-Handwerker, der mit speziell für die Auftraggeber hergestellten Unikaten arbeitet. Auf der anderen
Seite Richard Riemerschmid, der sich für innovative und serielle Produktionsformen im Design einsetzt. Wie kein
anderer steht er für die Demokratisierung der Wohnkultur am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Dank der großzügigen Unterstützung der Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen konnte das MKG in den letzten
Jahren wichtige Neuerwerbungen für die Sammlung Jugendstil tätigen, darunter ein Stuhl für den Argyle Street Tea
Room von Charles Rennie Mackintosh sowie ein Stuhl aus dem berühmten „Schneckenraum“ von Carlo Bugatti. Sie
bilden jeweils das Zentrum zweier weiterer Themenräume: Turin 1902: ästhetisches Kräftemessen und Glasgow: Tea
Room Movement. In Turin findet 1902 die 1. Internationalen Kunstgewerbeausstellung statt. Dort profilieren die beiden
Künstler durch ihre eigenwillige Gestaltung. Die Werke beider Künstler demonstrieren auf ganz unterschiedliche
Weise die Suche nach einer neuen ästhetischen Sprache und Ornamentik am Beginn des 20. Jahrhunderts.

Künstler: Emile Bernard, Edward Burne-Jones, Peter Behrens, Carlo Bugatti, Mariano Fortuny, Loïe Fuller, Emile
Gallé, Paul Gauguin, Karl Gräser, Josef Hoffmann, Gustav Klimt, Fernand Khnopff, René Lalique, Elena Luksch-
Makowsky, Charles R. Mackintosh, Madame D`Ora, Louis Majorelle, Paula Modersohn-Becker, William Morris, Alfons
Mucha, Richard Riemerschmid, Dante Gabriel Rossetti, Louis C. Tiffany, Henry van de Velde und viele andere.
Leihgeber: Fondazione Monte Verità, Ascona | Bröhan-Museum, Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus,
Berlin | Kunsthalle Bremen, Kupferstichkabinett | Schlossmuseum Darmstadt | Museum Kunstpalast Düsseldorf
– Glasmuseum Hentrich | Museum Schloss Fasanerie, Eichenzell | Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt am
Main | Städel Museum, Frankfurt am Main | Hunterian Gallery, Glasgow | Hamburger Kunsthalle | Hamburger Kunsthalle,
Kupferstichkabinett, Sammlung Hegewisch | Niedersächsisches Landesmuseum, Hannover | Badisches Landesmuseum,
Karlsruhe | Museum für Angewandte Kunst, Köln | Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen | Designmuseum
Danmark, Kopenhagen | Freud Museum, London | Technoseum – Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim,
Mannheim | Bayerisches Nationalmuseum, München | Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Oldenburg
| Petit Palais, Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris | Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv |
Österreichische Galerie Belvedere, Wien | Sammlung Eisenberger, Wien | Wien Museum | Museum für Gestaltung
Zürich, Kunstgewerbesammlung
Katalog zur Ausstellung: Zur Ausstellung erscheint der Katalog „Jugendstil. Die große Utopie“, herausgegeben von
Sabine Schulze, Claudia Banz und Leonie Beiersdorf, mit Beiträgen von Nora von Achenbach, Claudia Banz, Leonie
Beiersdorf, Jürgen Döring, Thomas Gilbhard, Simon Klingler, Angelika Riley, Esther Ruelfs, Sabine Schulze und Sven
Schumacher. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 2015, 208 Seiten, über 200 farbige Abbildungen, 19,80 Euro
Die Sonderausstellung wird ermöglicht mit Mitteln aus dem Ausstellungsfonds der Freien und Hansestadt Hamburg,
der Hubertus Wald Stiftung und der Justus Brinckmann Gesellschaft und entstand in Kooperation mit der Hamburger
Kunsthalle. Die digitalen Inhalte ermöglichte der IT-Globalfonds der Freien und Hansestadt Hamburg. Die Neuadaption
von Loïe Fullers Serpentinentanz wird gefördert von TANZFONDS ERBE – eine Initiative der Kulturstiftung des
Bundes. Für die Neueinrichtung der Sammlung Jugendstil danken wir unseren Saalpaten Jutta und Joachim von Berenberg-
Consbruch, Holger und Mara Cassens Stiftung, Gabriele und Peter von Foerster, Edga

Alberto Giacometti – Meisterwerke aus der Fondation Maeght

Das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster präsentiert vom 24. Oktober 2015 bis 24. Januar 2016 in der Ausstellung „Alberto Giacometti – Meisterwerke aus der Fondation Maeght“ einen der eigenwilligsten, originellsten und heute auch teuersten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Giacomettis knochendünne, langgezogene Figuren sind durch spektakuläre Auktionspreise in den letzten Jahren zu einem Symbol der künstlerischen Superlative geworden.

Mit 115 Skulpturen, Gemälden, Zeichnungen und Grafiken zeigt die Münsteraner Ausstellung das gesamte Schaffen des Schweizer Künstlers. Die Schau beginnt mit einem frühen Gemälde aus dem Jahr 1917, mit dem der jugendliche Giacometti sich tastend an die pointilistisch-fauvistische Kunst seines Vaters Giovanni heranwagt. Sie folgt den Spuren des Künstlers in die 1930er Jahre, als er sich in Paris mit dem Kubismus und Surrealismus auseinandersetzt und sich von afrikanischer Stammeskunst inspirieren lässt. Den Ausstellungshöhepunkt bilden rund 30 Skulpturen, für die Giacometti sich von den populären Kunstströmungen seiner Umgebung befreite und seinen ganz eigenen Figurenstil entwickelte.

Begleitet werden Giacomettis Kunstwerke von einem Dokumentarfilm und zahlreichen Aufnahmen des Fotografen Ernst Scheidegger, der den Künstler ab 1943 regelmäßig bei der Arbeit in seinem Atelier fotografierte.

Präsentiert wird die Ausstellung mit freundlicher Unterstützung der Sparkassen in Westfalen-Lippe.

 

 

Annaïk Lou Pitteloud Working Title

Annaïk Lou Pitteloud ist mit radikal reduzierten Werken aufgefallen: In der Arbeit OUT (2012) ist eine handelsübliche SIM-Karte auf einem Sockel unter einer Plexiglashaube platziert. Die gesendete und auf der SIM-Karte gespeicherte Nachricht bleibt verbor-gen. Einzig in der Bezeichnung der Technik wird ihre Existenz erwähnt, doch der Zu-gang zur Nachricht bleibt dem Betrachter verwehrt.
Additional Fact-Finding on Immaterial Relations, 2012!
Installationsansicht: 2012, Barbara Seiler Gallery, Zürich, CH, 1 + 7 = 1
Der Titel der Ausstellung Working Title (Arbeitstitel) verweist auf die gängige Bezeich-nung eines noch nicht abgeschlossenen Werks, die meist kursiv und in Klammern ge-setzt wird. Häufig deuten Wortteile in runden Klammern auf Verkürzungen, Zusam-menfassungen oder Alternativen hin. Den Auftakt der Präsentation im Kunstmuseum St.Gallen markieren jedoch einzig zwei runde Klammern, die aber weder Buchstaben noch Wörter einschliessen und weder Zusatz noch Nachtrag kennzeichnen. Die Werke von Annaïk Lou Pitteloud verweisen oft auf eine abstrakte Spurensicherung und hin-terfragen auf augenzwinkernde Art die Wechselbeziehung zwischen Wahrnehmung und Bedeutung von Kunstwerken.
Die 1980 in Lausanne geborene und heute in Antwerpen lebende Künstlerin besuchte die Hochschule der Künste in Bern und anschliessend die Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam. Das Kunstmuseum St.Gallen präsentiert ihre erste Einzelaus-stellung in der Deutschschweiz. 2016 wird ihr der MANOR-Kunstpreis Lausanne verlie-hen. Zur Ausstellung erscheint in Kooperation mit dem Musée cantonal des Beaux-Arts eine Publikation.
Kuratorin: Nadia Veronese

Black Sun

Das Jahr 1915 war die Geburtsstunde von Kasimir Malewitschs «Schwarzem Quadrat». Aus Anlass des Jubiläums widmet die Fondation Beyeler die Ausstellung «Black Sun» dem nachhaltigen Einfluss, den Malewitschs wegweisende Schöpfung auf die Kunst bis in unsere Zeit ausgeübt hat. Gezeigt werden Werke von 36 Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Installation und Film sowie Kunst im öffentlichen Raum. Inhaltliche wie auch formale Beziehungen und Spannungsverhältnisse zwischen dem «Schwarzen Quadrat» und der Kunst der letzten 100 Jahre werden anhand von bedeutenden Leihgaben sowie Werken aus der Sammlung der Fondation Beyeler beleuchtet. Unterschiedliche Aspekte der Gegenstandslosigkeit, die das «Schwarze Quadrat» definiert hat, werden hier veranschaulicht – von den Anfängen der Abstraktion nach der Jahrhundertwende über die europäische und amerikanische Malerei der Nachkriegszeit bis hin zur Kunst der jüngsten Gegenwart.

Einfühlung und Abstraktion Die Moderne der Frauen in Deutschland

Unter dem Titel «Einfühlung und Abstraktion. Die Moderne
der Frauen in Deutschland» präsentiert die Kunsthalle
Bielefeld malerische Werke von Künstlerinnen seit Ende des
19. Jahrhunderts bis in die 1930er Jahre und führt in
ausgewählten Positionen bis zur Malerei der Gegenwart. Die
Ausstellung zeigt den überaus reichen Beitrag der Frauen zur
künstlerischen Entwicklung der vergangenen ca. 120 Jahre
in Deutschland, mit dem Blick auf den immer noch erst zu
entdeckenden weiblichen Teil der Kunstgeschichte.
Anders als beim männlichen Künstler, dem die akademische
Ausbildung selbstverständlich offensteht, beginnt der Weg
einer begabten Künstlerin um 1900 mit dem Ringen um den
Freiraum zu einer selbstständigen künstlerischen Tätigkeit,
um Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Während das
gesellschaftliche Selbstverständnis noch dem
bescheidensten künstlerischen „Genie“ eines Mannes
Respekt und Anerkennung zollt, müssen Künstlerinnen
gegen Ignoranz, Unverständnis, gesellschaftliche Ablehnung
und Familienpflichten allererst ihre Professionalität erringen.
Doch allen Widrigkeiten zum Trotz ist die Liste der
Künstlerinnen, die in Deutschland der Kunst den Weg in die
Moderne gewiesen haben, lang. Sie weist berühmte Namen
auf, von Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker über
Gabriele Münter zu Ida Kerkovius, Hannah Höch, Meret
Oppenheim, neben vielen anderen. Sie repräsentieren heute
die Kunst der deutschen Moderne so selbstverständlich wie
ihre männlichen Kollegen. Noch länger aber ist die Liste
derjenigen Mitstreiterinnen, deren Namen kaum mehr
bekannt und deren Werke mehr oder weniger in
Vergessenheit geraten, verschollen oder zerstört sind. Die
Ausstellung stellt in ihrer Auswahl kaum oder nur noch
wenig bekannte Positionen wie Dorothea Maetzel-
Johannsen, Dodo (Dörte Clara Wolff) und Maria Caspar-Filser
neben die oben genannten und zeigt damit, wie viel es auch
im Bereich der Klassischen Moderne noch zu entdecken gibt.
Wenn man an die Kunst von Frauen in Deutschland nach
dem Zweiten Weltkrieg denkt, so sind dies in der Regel
Künstlerinnen, die seit den 1970er-Jahren mit Fotografie,
Film, Video-, Performance-, Objekt- und Installationskunst
arbeiteten, aber nicht mit Malerei. Allgemein gilt Malerei ab
den 1960er-Jahren in Westdeutschland, auch unter dem
Einfluss von Malerei-fernen Kunstströmungen aus den USA
(Minimal Art, Pop Art, Concept Art), als an ihr historisches
Ende gekommen. Zudem war Malerei, anders als Video und
Performance-Kunst, für feministisch gesinnte Künstlerinnen
nicht das provokante Medium, um dem männlich
dominierten Kunstbetrieb entgegenzutreten. Die Kunsthalle
Bielefeld zeigt im ersten Obergeschoss anhand von
ausgewählten Beispielen von Meret Oppenheim, Maria
Lassnig, Christa Näher, Leiko Ikemura, Karin Kneffel und
Sophie von Hellermann, dass auch Malerinnen einen
bemerkenswerten Beitrag zur Kunst der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts leisteten. Wie ihre künstlerischen
Vorgängerinnen der Klassischen Moderne wurden auch diese
Malerinnen teils lange übersehen. Unbeirrt folgten sie ihrer
Profession im Malerei-fernen Kunstkontext der Zeit und
stellen heute wichtige Positionen zeitgenössischer Kunst in
Deutschland dar.

Künstlerinnen:
Ella Bergmann-Michel (1895-1971), Maria Caspar-Filser
(1878-1968), Dodo (Dörte Clara Wolff) (1907-1998), Helene
Funke (1869-1927), Ida Gerhardi (1862-1927), Lilly
Hildebrandt (1887-1974), Dora Hitz (1856-1924), Hannah
Höch (1889-1978), Leiko Ikemura (*1957), Ida Kerkovius
(1879-1970), Karin Kneffel (*1957), Käthe Kollwitz (1867-
1945), Frieda Kretschmann-Winckelmann (1870-1933), Maria
Lassnig (1919-2014), Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940),
Jeanne Mammen (1890-1976), Dorothea Maetzel-Johannsen
(1886-1930), Paula Modersohn-Becker (1876-1907), Gabriele
Münter (1877-1962), Christa Näher (*1947), Meret
Oppenheim (1913-1985), Anita Rée (1885-1933), Clara
Siewert (1862-1944), Maria Slavona (1865-1931), Sophie von
Hellermann (*1975), Marie von Malachowski-Nauen (1880-
1043), Julie Wolfthorn (1864-1944)
Kuratorinnen:
Jutta Hülsewig-Johnen, Henrike Mund

Edvard Munch

Edvard Munch zählt zu den einflussreichsten Protagonisten der Moderne. Seine Kunst stellt einen Höhepunkt der Jahrhundertwende dar. Mit 120 Meisterwerken der Druckgrafik, die meist nur in einem einzigen Exemplar existieren, zeigt die Albertina die berühmtesten Ikonen dieses norwegischen Künstlers, darunter Der Schrei, Madonna, Der Kuss und Melancholie. Munchs Schaffen nimmt eine Sattelstellung zwischen Symbolismus und Expressionismus ein und zeugt von der lebenslangen Auseinandersetzung des Künstlers mit den existenziellen Fragen des Menschen. Liebe, Tod und Einsamkeit sind die bis heute aktuellen Themen seines Werks.

Spurensuche

Der in Brünn ansässige Rechtsanwalt Dr. Arthur Feldmann (1877-1941) begann in den 1920er Jahren mit dem Aufbau einer Zeichnungssammlung, die mit rund 800 Werken zu den bedeutendsten ihrer Zeit zählte. Nach Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nationalsozialisten 1939 wurde die Brünner Villa aufgrund der jüdischen Herkunft Feldmanns mitsamt der Kunstwerke beschlagnahmt. Den Arrest und die Folter im März 1941 überlebte er nur um kurze Zeit, seine Ehefrau wurde 1944 in Auschwitz ermordet.
Auf die Enteignung der Zeichnungssammlung folgten ihre Auflösung und Zerstreuung. Im Laufe der Jahre konnten die Nachfahren Feldmanns einen Teil der Sammlung durch akribische Recherchen aufspüren und in oftmals langwierigen und mühevollen Auseinandersetzungen mit den Museen und staatlichen Institutionen ihre Restitution erwirken.

Der Enkel des Sammlers, Uri Peled-Feldmann, hat der Albertina zwischen 2011 und 2015 großzügigerweise 30 Zeichnungen als Schenkung vermacht. Mit ihrer Präsentation möchte das Haus die Bedeutung von Arthur Feldmann und seiner Sammlung einer breiten Öffentlichkeit bewusst machen.

Germaine Krull – Fotografien

Germaine Krull (1897-1985) zählt zu den bedeutenden Fotografinnen im Paris der 1920er und -30er Jahre. Sie hat mit ihren experimentellen Aufnahmen und ihren Fotoreportagen für Magazine wie VU, Variété und Jazz die Geschichte der Fotografie geprägt. Sie zählt zu den Protagonisten der modernen Fotografie. Dennoch ist ihr Werk kaum erforscht und in nur wenigen Ausstellungen bisher präsentiert. Erstmals in Deutschland stellt der Martin-Gropius-Bau in Zusammenarbeit mit dem Jeu de Paume Paris die Schwerpunkte ihrer Arbeit und ihre ästhetischen Neuerungen ins Zentrum einer Retrospektive. Mit mehr als 130 Originalabzügen sowie Auszügen aus Fotoillustrierten zeigt die Schau die außergewöhnliche Fülle und Innovationskraft ihres Werks.

Fritz Winter. Die 1960er Jahre – Jahrzehnt der Farbe

Fritz-Winter-Stiftung in der Pinakothek der Moderne

Die Ausstellung wird einen bisher wenig bekannten Aspekt des Werkes von Fritz Winter sichtbar machen. Die bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen angesiedelte Fritz-Winter-Stiftung vereinigt den größten Teil von Winters Œuvre der 1960er Jahre, der erstmals in dieser Breite präsentiert wird.

»Augenblicklich interessiert mich das Problem der Farbe allein«, so Fritz Winter 1964. Spätestens seit seinem vielbeachteten Auftritt auf der ersten documenta in Kassel 1955 galt Fritz Winter (1905-1976) als einer der wichtigsten deutschen Vertreter der abstrakten Malerei und als Aushängeschild der Nachkriegsmoderne in der Bundesrepublik. Seine im Kontext der informellen Kunst in den 1950er Jahren zunehmend grafisch geprägte Malerei erfuhr ab 1960 entscheidende neue Impulse, unter anderem durch die amerikanischen Farbfeldmalerei. Für nahezu ein Jahrzehnt sollte die Befreiung der Farbe im Zentrum von Winters Interesse stehen.

In Reihen- und Rechteckbildern, dicht verwobenen Farbfeldern und exzessiven Übermalungen untersucht Fritz Winter Farbraum und Farbbewegung, Visualität und Serialität. Höhepunkt der Entwicklung zum reinen Farbbild sind die sogenannten Farbraum-Modulationen des Jahres 1964, meditative Streifenbilder, in denen der Künstler mit Hilfe weich abgestimmter Hell-Dunkel-Kontraste sowie Warm-Kalt-Polaritäten die Farbe zum »Atmen« und die Fläche zum »Vibrieren« bringt.

Inhaltlich knüpft Fritz Winter an seine Bildraumkonzepte der 1930er Jahre an – an Naturformen und Bilder innerer Landschaften. Es ist ein neuer Ansatz im Werk des ehemaligen Bauhausschülers, das »Innere der Natur« zu erkunden, und zugleich eine Rückbesinnung auf seine Lehrer Wassily Kandinsky und Paul Klee. Ohne die Natur selbst zum Gegenstand zu machen, öffnet der Maler den farbigen Bildraum für Naturassoziationen und kommt so zu gänzlich neuen Bildformen.

JOHANNA DIEHL: UKRAINE SERIES

Die deutsche Künstlerin Johanna Diehl (1977 in Hamburg geboren) beschäftigt sich mit Räumen von historischer Relevanz. Sie dokumentiert in fotografischen Serien Orte, Gebäude und Innenräume, an denen sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts manifestiert. In ihren Aufnahmen von Oberflächen und Architekturen vergangener Kulturen und Mächte lenkt die Künstlerin den Blick auf die Spuren der Geschichte, auf Verfall, Erhaltung und Überformung.

In der 2013 entstandenen »Ukraine Series« dokumentiert Johanna Diehl das heutige Erscheinungsbild einstiger Synagogen in der Ukraine. Im Zuge der antireligiösen Politik der Sowjetunion waren sie bereits in der Zeit zwischen den Weltkriegen enteignet und teilweise in kommunale Zentren wie Kinos, Sporthallen und Klubs umgewandelt worden, deren Funktion sie häufig bis heute erfüllen. Das religiöse Leben verlagerte sich daraufhin von der Synagoge in den Privatraum. 1941 leitete die deutsche Besatzungsmacht den Genozid an den ukrainischen Juden ein, was zur fast völligen Vernichtung der jüdischen Gemeinden in der Ukraine führte.

Johanna Diehl spürt den historischen Schichten der entweihten und verfremdeten Sakralräume nach. Ihre präzisen, analog mit der Großformatkamera aufgenommenen Fotografien präsentieren große Blickwinkel und lenken so die Aufmerksamkeit auf die Raumgestalt, an der sich die ursprünglich religiöse Bestimmung oft noch in frappanter Weise offenbart. Johanna Diehls stille, menschenleere Fotografien fragen nach den Spuren der brutalen Verfolgungen und Umbrüche des 20. Jahrhunderts, die diese Gebäude geprägt haben. Architektur wird in diesen Fotografien zum stummen Zeitzeugen, dessen Erfahrungen sich in einzelnen erhaltenen Ausstattungsdetails, Rissen und Brüchen genauso offenbaren wie in neuen Oberflächen und modernem Mobiliar.

Johanna Diehl studierte in Leipzig bei Timm Rautert und als Meisterschülerin bei Tina Bara. Studienaufenthalte brachten sie zu Jean-Marc Bustamante und Christian Boltanski in Paris und mit Boris Mikhailov in die Ukraine. Sie erhielt bereits mehrere Förderungen und Auszeichnungen, zuletzt ein Stipendium der Deutschen Akademie Casa Baldi in Rom für das Jahr 2016. Ihr 2014 bei Hatje Cantz erschienenes Fotobuch »Borgo Romanità Alleanza«, das sich mit dem architektonischen Erbe des faschistischen Italien auseinandersetzt, wurde 2015 mit dem Deutschen Fotobuchpreis (Silber) ausgezeichnet. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin.

In der Studioausstellung wird eine Auswahl der »Ukraine Series« gezeigt, die zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wird. Zeitgleich mit der Ausstellung erscheint im Sieveking Verlag ein Künstlerbuch zur »Ukraine Series« mit Texten von Juri Andruchowytsch und einem Essay von Bernhard Maaz.

Kuratorin: Caroline Fuchs

 

 

Begleitprogramm

GESPRÄCH

»Bilder vom jüdischen Leben in der Ukraine – ein Gespräch zwischen Michael Krüger und Karl Schlögel«

SO 13.12.2015, 11.00

Pinakothek der Moderne, Ernst von Siemens-Auditorium | Eintritt frei

Das Begleitprogramm zur Ausstellung wird aus Mitteln des Grenzgänger-Programms der Robert Bosch Stiftung unterstützt.

 

 

Agnes Martin

Kuratorin: Dr. Maria Müller-Schareck

Mit der ersten Retrospektive nach dem Tod der Malerin Agnes Martin (1912−2004) stellt

die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen das Gesamtwerk dieser außergewöhnlichen

amerikanischen Künstlerin vor. Etwa 130 Gemälde, Zeichnungen und druckgrafische

Arbeiten aus sechs Jahrzehnten zeichnen Martins künstlerischen Weg nach: von ihren

frühen Bildern über die in New York entstandenen experimentellen Werke und

Assemblagen der 1950er-Jahre bis hin zum reifen Spätwerk.

Die internationale Ausstellungs-Tournee, die ihre einzige Station auf dem europäischen

Kontinent in Düsseldorf hat, ist von der Tate Modern in London in Kooperation mit der

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, dem Los Angeles County Museum of Art

(LACMA) und dem Solomon R. Guggenheim Museum New York organisiert worden. Die

NRW-Landesgalerie gehört zu den wenigen europäischen Museen, die ein Werk Agnes Martins besitzen.

 

 

Taiyo Onorato & Nico Krebs, Rudolf Lichtsteiner, Enigma

 

Taiyo Onorato & Nico Krebs
EURASIA

Nach ihrer erfolgreichen Arbeit The Great Unreal, einem Road Trip durch die USA, den sie im Studio bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten, machte sich das Schweizer Duo Taiyo Onorato & Nico Krebs 2013 erneut auf den Weg. In ihrem neusten, gross angelegten Projekt EURASIA nehmen sie uns mit auf eine Autoreise in den Osten. Die Fahrt führte Onorato & Krebs von Zürich aus in die Ukraine, Georgien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgistan, Kasachstan, Russland und die Mongolei. Durch Regionen, die sich selbst in einer Phase des Übergangs befinden, Territorien, über die man im Westen nur sehr wenig weiss.

Enigma – Jede Fotografie hat ein Geheimnis

Fotografien wirken meist vertraut und verständlich, sie sind aufs Engste mit unserem tagtäglichen Leben verknüpft. Sie können uns aber auch bestechen – uns erstaunt, betroffen oder gefesselt zurücklassen. Enigma – Jede Fotografie hat ein Geheimnis befragt genau dieses Paradox. Vom renommierten französischen Fotohistoriker Michel Frizot kuratiert, zeigt die Ausstellung eine Auswahl seiner über Jahre auf Floh- und Trödelmärkten gesammelten, meist anonymen Fotografien – allesamt gewöhnlich und geheimnisvoll zugleich.

Rudolf Lichtsteiner
Zum Stand der Dinge

Mit der Ausstellung Rudolf Lichtsteiner – Zum Stand der Dinge präsentiert die Fotostiftung Schweiz die erste umfassende Retrospektive des Fotografen Rudolf Lichtsteiner (*1938 in Winterthur). Lichtsteiner zählt zu den Vertretern einer künstlerischen Fotografie, die seit den 1970er Jahren die Abbildhaftigkeit der Fotografie hinterfragt. Als einer der ersten Schweizer Fotografen hat er in seinen Bildern bereits in den späten 1960er Jahren die medialen Eigenheiten der Fotografie, ihre Charakteristika und tradierten kulturellen Gebrauchsweisen reflektiert und ihre Grenzen hin zur Wirklichkeit ausgelotet

Willi Baumeister und Paul Klee

Struktur und Vision und

shades of black

Grafik der Nachkriegszeit

Trotz ihres Altersunterschiedes von nur zehn Jahren scheinen Paul Klee (1879-1940) und Willi Baumeister (1889-1955) zwei Generationen anzugehören. Während Klee der frühen Avantgarde des 20. Jahrhunderts zuzuordnen ist, wird Baumeister vor allem mit dem Neubeginn der Moderne in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in Zusammenhang gebracht. Er gilt als Integrationsfigur, die den Anschluss an die während des Faschismus in Deutschland verfemte Moderne wiederherstellt.

Dieser divergierende Blick lässt vergessen, dass der Weg beider Künstler oft parallel verlief: Beide Maler verfolgten Abstraktionstendenzen, die von einer weit gefächerten technische Experimentierfreude geprägt waren. Dabei sind die Vorgehensweisen – bei unterschiedlichem Ergebnis – vergleichbar und eng zusammenhängend: von der reliefartigen Gestaltung der Fläche über Frottage, écriture automatique, Collage bis hin zu unterschiedlichen Strukturbildungen. Auch das besondere Interesse für natürlich-organische Formen und neue, fremde Bildwelten macht den Vergleich zwischen Willi Baumeister und Paul Klee äußerst spannend und im Hinblick auf beider künstlerische Entwicklungen aufschlussreich. Die Ausstellung verfolgt den künstlerischen Dialog der beiden Maler und hebt wichtige Berührungspunkte durch Gegenüberstellung prägnanter Werke hervor. Dabei geht sie von den bedeutenden, sowohl für Klee als auch für Baumeister repräsentativen Beständen des Franz Marc Museums aus.

Ein Ausstellungsprojekt in Zusammenarbeit mit Studierenden der Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München unter der Leitung von Prof.Dr. Burcu Dogramaci. Die Ausstellung geht von den Beständen des Franz Marc Museums aus.

Blog zur Ausstellung: www.kuratierenundschreiben.wordpress.com

 

Christian Marclay – Shake Rattle and Roll

In der künstlerischen Praxis Christian Marclays ist die Beschäftigung mit Klang zentral, aus der er in den vergangenen 30 Jahren ein komplexes Werk geschaffen hat. Seine Videos, Installationen und Performances werden von der Beziehung zwischen Musik und bildender Kunst geprägt. Musique Concrète, akusmatische Musik, Do-it-Yourself-Strategien von Punk und insbesondere Fluxus haben seine Arbeit dabei maßgeblich beeinflusst. Marclay, 1955 in San Rafael, Kalifornien, als Sohn US-Schweizer Eltern geboren, wuchs in Genf auf und lebt derzeit in London.
Für die Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart knüpft der amerikanisch-schweizerische Künstler Christian Marclay an die hauseigenen Bestände des Archivs Sohm an, das zu den weltweit umfangreichsten Sammlungen von Fluxus gehört. Marclay ist bildender Künstler, Musiker und gilt als Pionier des Turntablism, eine Form, bei der Schallplatten mit einem Plattenspieler manipuliert und Töne  neu zusammengesetzt werden. Seine erste museale Einzelausstellung in Deutschland kreist um Aspekte des Spielerischen wie Zufälligen in Verbindung mit dem Musikalischen.

Im Mittelpunkt steht dabei seine 16-Kanal-Videoinstallation »Shake Rattle and Roll (Fluxmix)« von 2004. Spielerisch geht er darin den akustischen Möglichkeiten von Fluxus-Auflagenarbeiten auf den Grund, die in Form von Partituren für Events, interaktiven Schachteln und Spielen, Zeitschriften und Filmen angeboten wurden. In liebevoller Respektlosigkeit aktiviert Marclay die Multiples über die ursprünglichen Intentionen und Handlungsanweisungen hinaus vor allem akustisch. So treibt er – trotz konservatorischer Geste (weiße Handschuhe, neutraler, steriler Hintergrund) – durch antikonservatorische Handhabung, Schütteln, Klappern und Rütteln, die museale Entkontextualisierung und Institutionalisierung der antimuseal gedachten Objekte auf die Spitze. »Shake Rattle and Roll (Fluxmix)« gipfelt in einer fulminanten wie augenzwinkernd institutionskritischen Kakophonie.

Kontrapunktisch dazu und eigens für die Ausstellung produziert Marclay auch ein neues Video. Ausgangspunkt dafür ist eine klangbasierte Arbeit aus dem Archiv Sohm des Schweizer Künstlers Dieter Roth (1930-1998), der selbst eine avantgardistische Position in der Entgrenzung der Künste einnimmt.

Erfahrbar wird in der Ausstellung, wie grundlegend für Marclay Prozesse der Entstehung seiner eigenen Werke auch in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, Musikern und dem Publikum sind. Dies gilt etwa auch für seine Arbeit »Chalkboard« (2010), einer wandfüllenden Tafel mit Notenlinien, auf der die Besucher mit Kreide und Schwamm komponieren können. Für Performances eingeladene Musiker interpretieren die so im Laufe der Ausstellung entstehenden Tonstücke aus Noten, Sprüchen oder Kritzeleien.

Ergänzend zeigt die Staatsgalerie Stuttgart vom 3. bis 29. November 2015 in ihrer Reihe Videobox »Silent Cinema« Christian Marclays Video »Mixed Reviews (American Sign Language)« (1999/2001), in dem ein gehörloser Schauspieler einen auf gesampelten Musikkritiken basierenden Text mit seiner ausdrucksvollen Gestik und Mimik ausgesprochen musisch interpretiert.

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt vom 15. Oktober 2015 bis 17. Januar 2016 Marclays »Video Quartet« (2002). Diese Vierkanal-Videoinstallation setzt sich, dem Found-Footage-Prinzip folgend, aus berühmten Filmsequenzen der Kinogeschichte von den 1920er-Jahren bis heute zusammen. Der Künstler verbindet hier disparate Elemente, bei denen Musik oder einzelne Töne im Vordergrund stehen, zu einer eigenen, aus mehreren Sätzen bestehenden Komposition. Die raumgreifende Arbeit zählt zu den komplexesten Werken Marclays.

»Video Quartet«, »Shake Rattle and Roll (Fluxmix)«, »Chalkboard« und »Mixed Reviews (American Sign Language)« verdeutlichen Marclays Interesse an der Frage, welche Rolle Klänge im Alltag, in der Popkultur und in der Kunst spielen, und an kompositorischen Prinzipien von Musik. Aspekte, die sich durch das gesamte Werk des Künstlers ziehen, und die die Besucher nun in Stuttgart in zwei Museen gleichzeitig kennenlernen können.

Dark Mirror. Lateinamerikanische Kunst seit 1968

Eine Auswahl aus der Daros Latinamerica Collection Zürich

Ein Totenschädel mit Clownsnase. Ein Fußball, über und über bedeckt mit Brustwarzen. Ameisen, die wie Aktivisten Flaggen und Friedenszeichen umhertragen. Che Guevara aus Suppenbohnen, Freud aus Schokoladensauce.

Mit der Ausstellung Dark Mirror. Lateinamerikanische Kunst seit 1968 ermöglicht das Kunstmuseum Wolfsburg einen ebenso umfassenden wie dezidierten Blick auf die zeitgenössische Kunst Mittel- und Südamerikas. Aus den reichen Beständen der Daros Latinamerica Collection in Zürich wurden 175 Arbeiten aller Gattungen ausgewählt – Installationen, Objekte, Gemälde, Fotografien, Papier- und Videoarbeiten.  Die Werke von 41 Künstlerinnen und Künstlern aus zehn Ländern von Argentinien über Costa Rica und Kuba bis Uruguay lassen einen bildstarken Spannungsbogen erleben: von Vik Muniz‘ Clown Skull  zu Miguel Angel Ríos Videoinstallation A Morir, einem Tanz auf Leben und Tod.