Thomas Hirschhorn »Nachwirkung«

Thomas Hirschhorn (*1957 in Bern) verbindet in seinem neuen temporären Projekt »Nachwirkung« seine intensive Beschäftigung mit dem Themenkomplex der Ruine mit dem spezifischen Ort der Kunsthalle Bremen und der Sammlung des Hauses. Dafür verwandelt er die historischen Räume der Großen Galerie der Kunsthalle in einen ruinenhaften Ort, in den er bedeutende Gemälde aus der Sammlung integriert.
Mit seiner neuen Skulptur »Nachwirkung« hinterfragt Hirschhorn unsere Ideen von Gewissheit und Sinn: »Nachwirkung soll kein billiges Sinnversprechen sein. Es soll eine Arbeit entstehen, die am Abgrund der Sinnlosigkeit steht. Ich will eine Arbeit machen, die an den Grenzen des Sinnmachenden steht und die angesichts dieser Abgründigkeit und angesichts dieser Instabilität eine einfache und leichte Form hat, deshalb das Motiv der Ruine.«

Mit jeder Ausstellung macht Thomas Hirschhorn sein Engagement gegenüber einer nicht-exklusiven Öffentlichkeit geltend. Zu seinen 66 Arbeiten im öffentlichen Raum zählen das »Bataille-Monument« auf der Documenta 11 in Kassel von 2002, das »Bijmer Spinoza-Festival« in Amsterdam von 2009 und das »Gramsci Monument« in der New Yorker Bronx in 2013. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, darunter auf der Biennale in Venedig in den Jahren 1999 und 2015, auf der 27. Sao Paulo Biennale 2006, der 55. Carnegie International in Pittsburgh 2008, der 8. Gwangju Biennale South Korea 2010, dem Schweizer Pavillon auf der 54. Biennale in Venedig 2011, der Triennale im Palais de Tokyo in Paris 2012, der 9. Shanghai Biennale 2012, der Manifesta 10 in Sankt Petersburg und dem Schinkel Pavillon in Berlin 2014. Seine neusten Arbeiten von 2015 sind »In-Between« in der South London Gallery und »Globalization Reversed« in der Ausstellung Atopolis im belgischen Mons. Thomas Hirschhorn erhielt den Preis für Junge Schweizer Kunst im Jahr 1999, den Prix Marcel Duchamp in 2000, den Joseph Beuys-Preis in 2004 und 2011 den Kurt Schwitters-Preis. Von der Stadt Bremen wurde Thomas Hirschhorn 2003 mit dem Rolandpreis für Kunst im öffentlichen Raum ausgezeichnet.

Eine Ausstellung des Förderkreises für Gegenwartskunst im Kunstverein Bremen

LYONEL FEININGER UND ALFRED KUBIN

„Von den heutigen Zeichnern schätze ich Sie ganz besonders“ schrieb Alfred Kubin am 25. November 1912 an Lyonel Feininger. Nachdem die beiden Zeichnungen miteinander getauscht hatten, begannen sie einen intensiven Briefwechsel, der ihre kurze, aber innige Freundschaft begleitete. Die Albertina widmet dieser faszinierenden wie überraschenden Verbindung eine außergewöhnliche Ausstellung, die mit rund 100 Gemälden und Grafiken die Freundschaft zwischen den vermeintlich grundverschiedenen Künstlern nachzeichnet.

I See, So I See So Messages from Harry Smith

„My Movies are made by God; I am just the medium for them“. Harry Everett Smith war als Experimentalfilmer, Mystiker und Ethnomusikologe nicht nur ein wichtiger Protagonist der US-amerikanischen Counterculture der 1960er Jahre und in Europa vor allem durch seine einflussreiche „Anthology of American Folk Music“ bekannt. In seinem Werk verbinden sich Bezüge zum Okkultismus und Spiritismus des 19. Jahrhunderts mit anthropologischen (Sound-) Studien zum Schamanismus der Lummi Nation und psychedelischen Substanzen. Ausgehend von der Person und dem Werk Harry Smiths stellt die Gruppenausstellung „I See, So I See So. Messages from Harry Smith“ Grenzgänger aus den Bereichen von bildender Kunst, Film und Anthropologie vor. In ihrer Auseinandersetzung mit Mediumismus als rituelle und künstlerische Praxis eröffnen die beteiligten Künstler und Theoretiker spezifische Fragestellungen zur Semantik des Medialen und thematisieren Politiken der Ästhetisierung, Kommodifizierung und Globalisierung von exstatischen Praktiken. Das „Medium“ selbst, in seiner Doppelbedeutung als technisches und personales Medium, präsentiert sich so im Fadenkreuz divergenter künstlerischer und wissenschaftlicher Bezüge. Die Ausstellung wird kuratiert von Regina Barunke und Anja Dreschke, Medienanthropologin, Filmemacherin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Forschungsprojekt „Trancemedien und neue Medien“ an der Universität Siegen.

Peter Adair, Kasper Akhøj/Tamar Guimarães, Wallace Berman, Franco Pinna, Harry Smith,
Suzanne Treister, Rosemarie Trockel, Apichatpong Weerasethakul

REFERENZEN

Zu allen Zeiten haben sich Künstler mit den Meisterwerken ihrer Vorgänger auseinandergesetzt und
bekannte Themen oder Motive der Kunstgeschichte in ihrer eigenen Bildsprache neu geschaffen.
Auch in der Kunst der Moderne und der Gegenwart sind Paraphrasen auf Alte und Neue Meister im
Werk vieler herausragender Künstler zu finden. Die Ausstellung ‚Referenzen‘ zeigt solche Bezüge mit
bedeutenden Skulpturen, Gemälden und Papierarbeiten von einigen der berühmtesten Vertreter der
Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, von Pablo Picasso bis Marcel Duchamp, von Franz Marc bis
Rebecca Horn.
Künstler der Ausstellung:
Fernando Botero, Michael Craig-Martin, Wim Delvoye, Jim Dine, Marcel Duchamp, David Hockney,
Rebecca Horn, Heinz Mack, Franz Marc, Hiroyuki Masuyama, Pablo Picasso, Arnulf Rainer,
Simon Schubert, George Segal, Monika Supé, Rosemarie Trockel, Bernd Zimmer

 

 

Raumstationen

87. Herbstausstellung niedersächsischer Künstlerinnen und Künstler

Im zweijährigen Rhythmus und bereits zum 87. Mal versammelt der Kunstverein Hannover aktuelle Positionen
der zeitgenössischen Kunst aus Niedersachsen und Bremen. Die von einer Jury aus über 500 Bewerbungen
getroffene Auswahl wird im Kunstverein und in den drei Partnerinstitutionen NORD/LB art gallery, Städtische
Galerie KUBUS und Galerie »Vom Zufall und vom Glück« ausgestellt. Auf rund 1600 qm zeigt »Raumstationen
« insgesamt 52 künstlerische Positionen unterschiedlichster Generationen von Malerei über Fotografie
und Skulptur bis zu raumgreifenden installativen und filmischen Arbeiten.
Neben neuesten Werken bekannter niedersächsischer Künstler wird eine Vielzahl von spannenden Entdeckungen
unter den Absolventen der Akademien gezeigt. Vertreten sind Namen wie Franka Hörnschemeyer
(*1958), Dörte Eißfeldt (*1950) oder Frances Scholz (*1962), die großen Einfluss auf die nachfolgenden Generationen
und insbesondere die niedersächsische Kunstszene ausgeübt haben.
Der Titel »Raumstationen« ist in seiner Mehrdeutigkeit zu lesen und verweist sowohl auf die verschiedenen
Ausstellungsorte, an denen die Werke der Künstler sich raumgreifend entfalten, als auch auf das Netzwerk
unabhängiger Künstler, das sich im Großraum der Region spannt.
Im Kunstverein Hannover sind neben den Preisträgern des Kunstpreises der Sparkasse 2015 Lotte Lindner
(*1971) und Till Steinbrenner (*1967) 22 weitere Positionen zu sehen. Während Timm Ulrichs (*1940) und
Claudia Piepenbrock (*1990) die Gesetze der Schwerkraft in Frage stellen, versetzt Franka Hörnschemeyer
ihre technoide Skulptur in unregelmäßige, ruckartige Bewegungen. Die Linie als raumgebendes Element wird
in der abstrakten Malerei Frank Rosenthals (*1957) thematisiert sowie in den skulpturalen und objekthaften
Arbeiten der ehemaligen Braunschweiger Studentinnen Esther Buttersack (*1985) oder Lisa Seebach (*1981).
Streng formale Ansätze stehen im Rundgang durch die Räume des Kunstvereins immer wieder poetischen
Erzählungen gegenüber, wie etwa Lukas Bergers Film »Circus Movement« (2015), der einen äthiopischen
Zirkus abseits des üblichen urbanen Umfelds portraitiert. Auch Joanna Schulte (*1969) oder Daniel Laufer
(*1975) thematisieren in ihren Arbeiten Sehnsucht und nomadische Existenz.
In der NORD/LB art gallery befindet sich direkt an der Eingangssituation eine fünf Meter hohe Skulptur aus
einem umfunktionierten Silo: Leona Alina Boltes´ (*1987) »Kaugummiautomat« (2014) interveniert in die vorgefundene
Architektur der Ausstellungsräume und versetzt den Betrachter in die Position eines Kindes, dem
Dinge überdimensioniert erscheinen. Der Dialog mit der Architektur wird in den analogen Fotomontagen von
Marlene Bart (*1991) oder Lucie Mercadals (*1987) surreal anmutendem Film »Das Wunder des Badezimmers
« (2015) aufgegriffen. Während bei Bart Räume bei näherer Betrachtung in eine eigene labyrinthische
Logik zerfallen, spielt Mercadals Film humorvoll mit der Dekonstruktion von Erwartungen und greift das Spannungsverhältnis
von Innen- und Außenraum, Stadtplanung der 1970er Jahre und gesellschaftlicher Entwicklung
auf.
In der Galerie »Vom Zufall und vom Glück« sind im Untergeschoss Annika Kahrs (*1984) und Rizki Resa
Utama (*1982) mit raumgreifenden Videoarbeiten vertreten. Iris Musolf (*1980) widmet sich mit ihren Betonskulpturen
»Blow Up Alien Love Dolls« (2011), bei denen es sich um Abgüsse von Sexspielzeugen handelt, dem Sujet Verführung und Lust. In Nina Aeberhards (*1986) Fotografie »Superheldin« (2014) wird das Thema
im Kontext weiblicher Rollenklischees verhandelt. Wie Fotografien erscheinen zunächst auch Jub Mönsters
(*1949) monochrome Bilder, tatsächlich sind es jedoch feinteilige Kugelschreiberzeichnungen, die die ureigene
Atmosphäre verlassener Kegelbahnen festhalten.
In den Räumen der Städtischen Galerie KUBUS vollzieht die »Gymnastische Skulptur« – eine bewegte Holzplastik
in Form eines stilisierten Diamanten – von Janis Elias Müller (*1982) eine tänzerische Bewegung und
befragt so Motivation und Leistung. Christian Holtmann (*1970) untersucht mit seinen Fotografien, in denen er
selbst in verschiedene Rollen schlüpft, die Inszenierungsmodi bekannter Künstlerfiguren. Auch Eske Schlüters
(*1970) reflektiert in ihrer Video-Installation die Entstehung von Bildern und unterschiedliche Formen visueller
Repräsentation: »Titel (Life Goes On)« (2015) befasst sich – inmitten eines typischen Inszenierungssettings –
mit den Anforderungen an das Medium Film selbst. Thomas Ganzenmüller (*1966) hingegen begibt sich in
seiner jüngsten Fotoserie »Knockturne« (2014–15) augenzwinkernd wie aufmerksam auf die Suche nach der
Ordnung des Universums in irdischen Mikrokosmen.
Künstlerliste: Nina Aeberhard, Margarete Albinger, Degenhard Andrulat, Marlene Bart, Björn Behrens, Lukas
Berger, Rolf Bier, Leona Alina Boltes, Carina Brandes, Esther Buttersack, Dörte Eißfeldt, Max Elzholz, Robert
Ernst, Enric Fort Ballester, Thomas Ganzenmüller, Conor Gilligan, Christiane Gruber, Peter Heber, Samuel
Henne, Dirk Dietrich Hennig, Franka Hörnschemeyer, Christian Holtmann, Mijin Hyun, Delia Jürgens, Annika
Kahrs, Petra Kaltenmorgen, Michael Kaul, Daniel Laufer, Lee, Jungwoo, Lotte Lindner & Till Steinbrenner,
Arthur Löwen, Hannes Malte Mahler, Lucie Mercadal, Jub Mönster, Janis Elias Müller, Iris Musolf, Lu Nguyen,
Claudia Piepenbrock, Tim Reinecke, Frank Rosenthal, Helene Roßmann, Nikola Sarić, André Sassenroth,
Eske Schlüters, Frances Scholz, Joanna Schulte, Lisa Seebach, Rainer Splitt, Timm Ulrichs, Rizki Resa
Utama, Jochen Weise, Markus Zimmermann

_________________
Kuratoren der Ausstellung: Ute Stuffer und Kenneth Dow

FALLING FICTIONS

Die Ausstellung „Falling Fictions“ und die begleitende Publikation sind das Ergebnis einer Kooperation des me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht mit der London Metropolitan University und der Whitechapel Gallery im Rahmen des Masterprogramms „Curating the Contemporary“. Bereits zum vierten Mal lädt die Stiftung Olbricht junge KuratorInnen ein, ihren eigenen Blick auf die Olbricht Collection zu entwickeln und im Rahmen ihrer Abschlussarbeit eine Ausstellung im me Collectors Room Berlin zu realisieren. Die Ausstellung wird im Rahmen der Berlin Art Week am 16. September eröffnet und ist bis 15. November 2015 zu sehen.

Nachdem die drei vergangenen Ausstellungen um die Themen das Unheimliche, das Spiel und das Individuum als Wunderkammer kreisten, verwenden die drei jungen KuratorInnen Amy E. Brown, Alejandro Alonso Díaz und Rosie Snaith in „Falling Fiction“ das Mittel der Metafiktion, um sich der Sammlung zu nähern.
Metafiktion ist ein eigentlich literarisches Werkzeug, eine Geschichte über das Schreiben einer Geschichte, das ihre LeserInnen aber gleichzeitig zu einem Teil der Geschichte macht. Im Ausstellungskontext ermutigt Metafiktion die BetrachterInnen gezielt, ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen und so auf ihr Umfeld und die sie umgebenden Kunstwerke zu reagieren. Die Metafiktion ist für die drei jungen KuratorInnen somit eine Strategie sich den Objekten der Olbricht Collection zwischen Realität und Fiktion anzunähern und offenzulegen, wie sie Geschichten innerhalb von Geschichten verkörpern.
Ausgangspunkt für  „Falling Fictions“ ist ein Auftragstext des Künstlers und Autors Francesco Pedraglio. In seiner dreiteiligen Geschichte beginnt ein Objekt zu fallen; es fällt durch dreizehn Himmel und neun Unterwelten, bevor es schließlich auf der Erde zum Stillstand kommt. Während des Prozesses des Fallens verändert das Objekt in jeder Schicht seine Form, wird zu etwas anderem, und erhält so sowohl physisch als auch konzeptionell eine neue Bedeutung. Durch drei unterschiedliche Erzählstimmen – The Voice of the Room (die Stimme des Raumes), The Chorus (der Chor) und The Voice of the Night (die Stimme der Nacht)– gewinnt die Geschichte immer mehr an Geschwindigkeit und endet schließlich in einem Crescendo, das dem Aufprall eines Objekts auf dem Boden des Ausstellungsraums ähnelt, wo es in seiner endgültigen Form landet.

Im Rahmen von „Falling Fictions“ erscheint eine begleitende Publikation: 80 Seiten, 37 Abbildungen, Texte (de/en) von Amy E. Brown „Fallen durch die Olbricht Collection“, Alejandro Alonso Díaz „Eine Konstellation von Rätseln“, Rosie Snaith „Ein Dialog, ein Monolog, eine Metafiktion“ sowie ein Interview mit Francesco Pedraglio, für 12,50€.

Künstler:
Doug Aitken, Joseph Beuys, KP Brehmer, Bazon Brock, Al Chang, Hansjoachim Dietrich, Marcel Dzama, Slawomir Elsner, Claire Fontaine, Imi Giese , KH Hödicke, John Isaacs, Ragnar Kjartansson, André Kertész, Imi Knoebel, Bernd Lohaus, Konrad Lueg, David Ostrowski, Blinky Palermo, Francesco Pedraglio, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Diter Rot, Reiner Ruthenbeck, Gerhard Rühm, Jean-Paul Sartre, Tomas Schmit, Gavin Turk, Wolf Vostell, Lawrence Weiner, Stefan Wewerka, Lambert Maria Wintersberger, WOLS und Objekte aus der Wunderkammer

Parallel ist in den großen Ausstellungshallen die retrospektive Schau „Cindy Sherman – Works from the Olbricht Collection“ zu sehen. Mit 65 Fotografien der Künstlerin und Arbeiten aus nahezu allen Schaffensperioden gewährt der me Collectors Room Berlin ab dem 16. September 2015 einen beachtlichen Überblick über Cindy Shermans Gesamtwerk.

Francisco de Goya – Ungeordnete Ungereimtheit Radierungen aus der Sammlung des Morat-Instituts Freiburg

Der spanische Maler des Spätbarock
Francisco de Goya
(1746-1828) gilt seit der
Mitte des 19. Jahrhunderts den fortschrittlic
hen Künstlern als Vorbild. Der „Prophet
der Moderne“ begann als Maler des spanisc
hen Hofes, Porträtist der Schönen und
Reichen, Kirchenmaler und En
twerfer großformatiger Tapi
sserien. Auf Grund seiner
hellen Farbpalette und der virtuosen Beherrschung von Lichtführung und
Stofflichkeit wurde der temperamentvolle
Künstler von der sp
anischen Oberschicht
vielfach beschäftigt und gilt bis heute
als bedeutendster spanischer Maler seiner
Zeit.
Der Ausbruch der Französischen Revolu
tion im Jahr 1789 und die Besetzung
Spaniens durch napoleonische Truppe 1
808 führten zu einem Wandel in der
Kunstauffassung Goyas. Sein Interesse wandte sich zunehmend dem Leben der
einfacheren Stände zu. Seit den graus
amen Guerilla-Kämpfen, mit denen die
französischen Truppen aus dem Land vertrieben
werden sollten, verdunkelte sich
seine Farbpalette und die Bildsprache wurde konkreter.
Besonders eindrücklich gelangen Goya
seine kritischen Gesellschafts- und
Kriegsdarstellungen in
den umfangreichen
Radierzyklen, die er
ab 1796 gestaltete.
Bereits 1780 hatte er sich mit dieser
graphischen Technik beschäftigt und sie, wie
damals üblich, zum Kopieren von Gemä
lden genutzt. Erst in den 1790er Jahren
entwickelte er in der
Radierkunst eine eigens
tändige Bildsprache,
die die Blätter zu
autonomen Kunstwerken machten.
Goya gestaltete bis zum Jahr 1815 vier
große Bildserien mit über 270 Radierungen.
Der umfangreichste Zyklus „Capric
hos“ entstand zwischen 1796 und 1798 und
erschien 1799 erstmals im Dr
uck. Goya thematisierte darin unter dem Eindruck der
Französischen Revolution die Missst
ände der feudalistischen Gesellschaft
Spaniens. Die Brutalität
der Unabhängigkeitskämpfe gegen die französische
Besetzung spiegelte sich in der Folge „Des
astre de la Guerra“, die zwischen 1810
und 1813 entstand, ihre Erstauflage jedoc
h erst posthum 1863 erlebte. 1815
entstand die Radierfolge „Taur
omachia“, die ein Jahr s
päter im Druck erschien und
die Kunst des Stierkampfes dokumenti
erte. Mit den zeitgleichen Blättern
„Proverbios“ griff Goya in der Phase der politischen Restauration die
Gesellschaftsmotive aus „Caprichos“
wieder auf und steige
rt sie in das
Phantastische. Dieser letzte Zyklus ersch
ien ebenfalls erst pos
thum in den 1860er
Jahren.
Mit einer unerschöpflichen
Phantasie fand Goya zu
immer neuen Bilderfindungen,
deren Komposition er stetig komprimi
erte. Auf Grund dieser Formreduktionen und
der (alb-)traumartigen Bildschöpfungen wer
den diese Werke der späten Jahre zu
Vorläufern der Moderne.
In seinen Radierungen erprobt
e Goya die Technik mit all ihren Feinheiten. Ihm
gelangen dabei feinste Fa
rbabstufungen und malerische Valeurs, die den
vermeintlich harten schwarz-weiß Kontrast
auflösten. Diese Meisterschaft in der
Bearbeitung der Radierplatte ist
nur in den frühen Aufl
agen erfahrbar.
Das Museum Moderner Kunst präsentiert
mit den Werken aus der renommierten
Sammlung des „Morat Instituts für K
unst“ in Freiburg exzellente Blätter
ausschließlich der ersten Druckauflagen. Ge
zeigt werden mit über 250 Arbeiten alle
Radierzyklen Goyas aus den Jahren 1796 bis 1815.


Biographie Francisco de Goya
1746 geboren in Fuendetodos/Aragon (Spanien)
1760-1766 Ausbildung zum Maler in Saragossa
1760er Aufenthalte in Madrid und Rom
1771 Rückkehr nach Saragossa,
erste Aufträge für Kirchenfresken
Ab 1775 in Madrid
1776 Erster Staatsauftrag für
die Gestaltung von Wandteppichen
1780 Aufnahme in die Academie de
San Fernando, erste
Radierversuche
Ab 1780er zahlreiche öffentliche Aufträge für Kirche und Adel
1785 Ernennung zum Präsidenten der
Academie de San Fernando
1792 schwere Krankheit, die zur Taubheit führt
1799 Ernennung zum Hofmaler
1796-1798 Arbeit am graphischen Zyklus „Caprichos“
Um 1800 Entstehung der beiden Gemälde „Nackte Maya“ und „Bekleidete
Maya“
1808
Besetzung Spaniens durch napoleonisch
e Truppen, Einsetzung Josef
Bonapartes als König von Spanien
1810-1813 Arbeit am graphischen Zykl
us „Desastre de la Guerra“
1809
Monumentalbilder für den Prado, di
e die Aufstände gegen Napoleon
zum Thema haben
1814
Nach Rückkehr der spanisch
en Bourbonen erneute Ernennung zum
Hofmaler, Rückzug auf sein Landgut
1815
Vorladung zur Inquisition wegen
der beiden „Maya“-Gemälde,
Beschlagnahmung beider Werke bi
s 1836. Arbeit an den graphischen
Zyklen „Tauromachia“ und „Proverbos“
Ab 1819 Beschäftigung mit Lithographie
1824
Auf Grund der politischen Lage in
Spanien Übersiedlung nach
Frankreich
1828 gestorben in Bordeaux (Frankreich)

Piet Mondrian. Die Linie

Piet Mondrian (1872-1944) zählt mit seinem Werk zu den Begründern
der abstrakten Malerei. Er ist ein Meister der Komposition von Farbflächen.
Mit seiner strengen Reduktion auf die Grundelemente der Malerei schuf er Ikonen
der klassischen Moderne. Doch Mondrian begann, was weniger bekannt ist, um
1900 im impressionistischen Stil der Haager Schule zu malen, probierte verschiedene
Kunststile bis die Linie, die Organisation von Bildflächen sein künstlerisches
Werk dominierte. Diese Entwicklung im Werk Mondrians will die vom Gemeentemuseum
Den Haag gemeinsam mit dem Martin-Gropius-Bau entwickelte Ausstellung
aufzeigen.
Mit rund 50 Gemälden und Zeichnungen entsteht ein Bild von
Mondrians Suche nach dem eigenen künstlerischen Weg. Es ist die erste große
Mondrian gewidmete Ausstellung in Berlin seit der Eröffnungsausstellung der
Neuen Nationalgalerie 1968.
Die Ausstellung zeigt eine große Auswahl an Werken des Gemeentemuseum
Den Haag, das die weltweit umfassendste Sammlung von Mondrians
Werken besitzt. Benno Tempel, der Direktor des Gemeentemuseum Den Haag hat
dieses Vorhaben ermöglicht. Der Mondrian-Experte, Hans Janssen, Kustos am
Gemeentemuseum, hat die Ausstellung kuratiert.

„Das erste, was ich in meiner Malerei veränderte, war die Farbe“, notierte Mondrian
1941. Dabei überging er, dass er bereits zuvor drastisch reduzierende Schritte in
seinen Zeichnungen vorgenommen hatte, indem er schrittweise die Beziehungen
und rhythmischen Strukturen zwischen vertikalen und horizontalen Linien und
Elementen hervorhob. Dies übertrug sich auf seinen Umgang mit Farbe. Er entwickelte
sich vom Traditionalisten zum Protagonisten der Moderne.
Piet Mondrian wird am 7. März 1872 in der Stadt Amersfoort in der
Provinz Utrecht in Holland als Sohn eines Volksschullehrers geboren. In der Familie
wird ein strenger Calvinismus gepflegt. Mondrian studiert an der Rijksakademie
van beeldende Kunsten in Amsterdam und interessiert sich für die Maler der Haager
Schule und ihre Maltechnik.
Seine Motive sind vor allem Felder, Bauernhöfe, Windmühlen und
immer wieder Bäume und Flusslandschaften. Um 1905 beginnt er zu experimentieren.
An seinen Motiven erprobt er wechselnde Malstile und Maltechniken je
nach Lichtmodulation: Für eine Landschaft im Sonnenlicht wählt er einen impressionistischen
Malstil, für eine im Abendlicht einen fauvistisch-expressionistischen.
Kritiker werden auf ihn aufmerksam. 1910 formiert sich die Gruppe „Moderne
Kunst Kring“ (Zirkel der modernen Kunst) mit den Künstlern Jan Toorop, Jan Sluyters
und Piet Mondrian. 1911 stellen sie zusammen mit französischen Avantgardekünstlern,
darunter Cézanne, Braque, Picasso in der Ausstellung „Moderne Kunst
Kring“ im Amsterdamer Stedelijk Museum aus.
Im selben Jahr ist Mondrian mit einer Arbeit im „Salon des Indépendants“
in Paris beteiligt. 1912 zieht er nach Paris. Der Kubismus beeinflusst
ihn, wobei sein künstlerisches Interesse eher der Struktur und Organisation von
Bildflächen gilt. Mondrian formuliert sein Streben „nach der Harmonie durch die
Gleichwertigkeit von Linien, Farben und Flächen“. Landschaften werden schematisiert.
Das Naturmotiv wird zur abstrakten Komposition; dabei setzt er die Linie
mehr und mehr als Vertikale und Horizontale ein. 1913 ist er in Berlin in Herwarth
Waldens Ausstellung „Erster Deutscher Herbstsalon“ vertreten. 1914 besucht
Mondrian seinen kranken Vater und kehrt erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder
nach Paris zurück. Er betreibt weiter die Auflösung des Figurativen. Seine Werke
bezeichnet er als „Komposition“, wendet sich der Theosophie zu und nennt später
seinen Stil „Neoplastizismus“.
In den 1920er und 1930er Jahren stellt er an vielen Orten aus –
in Den Haag, Amsterdam, Rotterdam, Stockholm, Paris, New York, Dresden, Berlin,
Potsdam, Wien. Doch der finanzielle Erfolg lässt auf sich warten. Um zu überleben,
malt er weiterhin Blumenaquarelle und übernimmt andere Auftragsarbeiten.
Als Kunsttheoretiker und Mitbegründer der Künstlervereinigung
„De Stijl“, die 1917 niederländische Maler, Architekten, Designer, Grafiker und
Dichter gegründet hatten, verfasst Mondrian unter anderem Le Néo-Plasticisme.
1925 erscheint die Schrift in deutscher Übersetzung als Bauhausbuch Nr. 5 unter
dem Titel Neue Gestaltung. Neo-Plastizismus, Nieuwe Beelding.

Mondrian arbeitet weiter an seinen ‚Kompositionen‘, indem er sein
Linienspiel bis zum Äußersten vereinfacht oder zu einer komplexen Gitterstruktur
rhythmisiert und durch wenige Farbflächen ergänzt. Seine Bilder werden in
Deutschland nach 1933 als entartet diffamiert, einige seiner Werke werden auf
der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München des Jahres 1937 ausgestellt. Vor
den Nazis und wegen des aufkommenden Zweiten Weltkriegs zieht er 1938 nach
London und 1940 weiter nach New York.
In den USA, besonders in New York stößt seine Arbeit auf großes
Interesse. Viele aus Europa geflüchtete Künstler leben in den 1940er Jahren in New
York. Neu entstehende Werke lockerte Mondrian nun mosaikartig mit Primärfarben
auf und überwand so seine früheren strengen Kompositionen zugunsten einer
neuen, fast musikalisch zu bezeichnenden Rhythmisierung des Motivs. Mondrian
stirbt in New York am 1. Februar 1944 an den Folgen einer Lungenentzündung.
Die lakonische Struktur seiner späten Bilder fand und findet ihren Niederschlag noch heute in Architektur, Mode, Werbung und Populärkultur.

 

 

 

JOHANNA DIEHL: UKRAINE SERIES

Die deutsche Künstlerin Johanna Diehl (1977 in Hamburg geboren) beschäftigt sich mit Räumen von historischer Relevanz. Sie dokumentiert in fotografischen Serien Orte, Gebäude und Innenräume, an denen sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts manifestiert. In ihren Aufnahmen von Oberflächen und Architekturen vergangener Kulturen und Mächte lenkt die Künstlerin den Blick auf die Spuren der Geschichte, auf Verfall, Erhaltung und Überformung.

In der 2013 entstandenen Ukraine Series dokumentiert Johanna Diehl Räume ehemaliger Synagogen in der heutigen Ukraine. Während des Zweiten Weltkrieges durch die deutsche Besatzungsmacht entweiht und beschädigt, wurden sie von der sowjetischen Regierung teilweise dem Verfall überlassen, häufig aber neuen, profanen Nutzungen zugeführt. Johanna Diehl spürt den historischen Schichten dieser verfremdeten Orte nach, die inzwischen als Turnhallen, Veranstaltungsorte, Produktions- oder Geschäftsräume dienen. Ihre präzisen, analog mit der Großformatkamera aufgenommenen Fotografien präsentieren große Blickwinkel und lenken so die Aufmerksamkeit auf die Raumgestalt,  an der sich die ursprünglich religiöse Bestimmung oft noch in frappanter Weise offenbart. Johanna Diehls stille, menschenleere Fotografien fragen nach den Spuren der brutalen Verfolgungen und Umbrüche des 20. Jahrhunderts, die diese Gebäude geprägt haben. Architektur wird in diesen Fotografien zu einem stummen Zeitzeugen, dessen Erfahrungen sich in einzelnen erhaltenen Ausstattungsdetails, Rissen und Brüchen genauso offenbaren wie in neuen Oberflächen und modernem Mobiliar.

Johanna Diehl studierte in Leipzig bei Timm Rautert und als Meisterschülerin bei Tina Bara. Studienaufenthalte brachten sie zu Jean-Marc Bustamante und Christian Boltanski in Paris und mit Boris Mikhailov in die Ukraine. Sie erhielt bereits mehrere Förderungen und Auszeichnungen, zuletzt ein Stipendium der Deutschen Akademie Casa Baldi in Rom für das Jahr 2016. Ihr 2014 bei Hatje Cantz erschienenes Fotobuch „Borgo Romanitá Alleanza“, das sich mit dem architektonischen Erbe des faschistischen Italien auseinandersetzt, wurde 2015 mit dem Deutschen Fotobuchpreis (Silber) ausgezeichnet. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin.

Der Ausstellungsraum zeigt auf ca. 40qm eine Auswahl der Ukraine Series, die zum ersten Mal der  Öffentlichkeit präsentiert wird. Zeitgleich mit der Ausstellung erscheint im Sieveking Verlag ein Künstlerbuch zur Ukraine Series mit Texten von Juri Andruchowitsch und einem Vorwort von Bernhard Maaz.

 

Kuratorin: Caroline Fuchs

28.10.2015-06.03.2016

Das St.Galler Altmeisterwunder

Albrecht Dürer, Pieter Bruegel, Federico Barocci, Carlo Maratta, Willem van de Velde, Rembrandt van Rijn…. Dem Kunstmuseum St.Gallen wurden in den vergangenen Jahren Werke der bedeutendsten Meister der Kunstgeschichte als Schenkungen übergeben. Es sind grosszügige Mäzene, die ihre privaten Schätze dem Museum anvertrauen oder ihm einzigartige Erwerbungen erlesener Bilder des 16.–18. Jahrhunderts ermöglichen. Ihnen ist es zu verdanken, dass St.Gallen ein wahres Altmeisterwunder erlebte.
Herri met de Bles: Der Weg zum Kalvarienberg, um 1540, Foto: Sebastian Stadler 2013
Über die Jahre entstand dank einer umfangreichen Schenkung von Gemälden der Familie Chappuis-Speiser bzw. der Albert Koechlin Stiftung, der Vergabe einer erlesenen Zeichnungs- und Grafiksammlung aus St.Galler Privatbesitz sowie des herausragenden Engagements von Frau Annette Bühler eine Altmeistersammlung von internationalem Rang. Ob ausgewählte Druckgrafiken deutscher und niederländischer Meister, Gemälde italienischer Maler von Federico Barocci bis Gaetano Gandolfi, seltene altdeutsche und frühniederländische Bildtafeln oder die bedeutende Werkgruppe aus dem Goldenen Zeitalter der holländischen Kunst des 17. Jahrhunderts: Das Kunstmuseum St.Gallen gewährt erstmals vollständig Einblick in seine wunderbaren Bestände aus Renaissance und Barock, um das einzigartige St.Galler Altmeisterwunder mit Mäzenen und Publikum gleichermassen zu feiern.
Kurator: Matthias Wohlgemuth