Die Kunst und das gute Leben: Über die Ethik der Ästhetik

von Hanno Rauterberg

Die Kunst durchlebt einen Epochenwandel. Von den modernen Idealen der Autonomie, Freiheit und Originalität ist kaum etwas übrig. Heute beherrscht der vormoderne Auftragskünstler die Szene, mal in der Rolle des kreativen Sozialarbeiters, mal als Fabrikant funkelnder Statussymbole. Damit aber wandelt sich die Bestimmung der Kunst: Sie ist nicht länger Gegenwelt, sie ist in der Welt. Ihre angestammten Werte gelten nicht mehr. Also muss die Kunst neu verhandeln, was sie soll und was sie darf. Wenn sie nicht länger Selbstzweck ist, wessen Zwecken dient sie dann? Hanno Rauterberg diskutiert die tiefgreifenden Veränderungen. Er plädiert für ein neues Künstlerethos – und eine Kunst des guten Lebens.

Hanno Rauterberg, geboren 1967, ist promovierter Kunsthistoriker und schreibt als Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT regelmäßig über Architektur und Stadtentwicklung.

Quelle Amazon

Hinter weißen Wänden: Behind the White Cube

von Julia Voss

Boomende Museen, schrumpfende Etats, Blockbusterausstellungen, Rekordpreise, Skandale, mächtige Sammler: Zu diesem Tosen und Rauschen des Kunstbetriebs steht die Stille, die einen umgibt, wenn man in einem Museum vor einem Kunstwerk steht, in merkwürdigem Kontrast. Wie funktioniert das Kunstsystem hinter den Kulissen? Was verbirgt sich hinter der weißen Wand? (Quelle Amazon)

Deutsche Kunst nach 1960

Kurator: Andreas Hoffer

Ausstellungsorganisation: Eva Köhler

Ausstellungsort: Ausstellungshalle und Großer Saal

Die groß angelegte Schau Deutsche Kunst nach 1960 präsentiert mit über 80 Arbeiten von 21 Künstlern ausgewählte Werke der Sammlung Essl von 1960 bis heute. Die Bandbreite reicht von den damals jungen, heute großen (west-)deutschen Altmeistern wie Georg Baselitz und Markus Lüpertz, Dieter Roth und Anselm Kiefer über die jüngeren Generationen um Jonathan Meese und Daniel Richter bis zur Postmoderne bei Anselm Reyle und Tobias Rehberger. Bei so viel deutscher Kunst stellt sich die Frage: Was ist deutsch daran? In erster Linie sind es die Motive, aber auch der Umgang mit Geschichte und gesellschaftlichen Fragen sowie die politische Dimension in vielen Positionen. Die Figur hat die deutschen „Malerfürsten“ wie Georg Baselitz, Jörg Immendorff und Markus Lüpertz im Bann gehalten. Sie wurde von ihnen zerstückelt, umgekehrt, ihrer Bedeutung enthoben und wieder neu damit aufgeladen. Die Themen sind dabei durchaus spezifisch: Deutsches Heldentum wie Deutscher Michel, Deutscher Reichsadler wie Deutscher Schäferhund, Brandenburger Tor und Deutscher Wald oder das Geweih als Jagdtrophäe und der Mauerfall. Bei Anselm Kiefer begegnet man tiefgründiger Poesie, gleichsam aber auch alten, mit bleierner deutscher Geschichte aufgeladenen Schlacht-schiffen und verbrannten Büchern, die an das Naziregime gemahnen. Auch die deutsche Eiche hat bei Kiefer ihren Platz. Kiffer und Obdachlose, Punks, der Hitlergruß, Deutschlandparolen und Flüchtlingsboote – Motive wie diese bevölkern die Bilder von Daniel Richter und Jonathan Meese. Neo Rauchs enigmatische Bilder zitieren unter anderem das deutsche Repertoire der Romantik, verweigern sich aber einer umfassenden Deutung. A.R. Penck stilisiert die Figur zum Zeichen und hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Sogar die fast abstrakte, gestisch aktionistische Malerei des Dresdners Hartwig Ebersbach verweist auf den tanzenden Kasper, den Liebling deutscher Kinder. Zu so viel Figur und Inhalt setzen die Malereipositionen von Günther Förg und Imi Knoebel einen Kontrapunkt. Die formale Auseinandersetzung mit Farbe und Fläche ist sachlich, klar und genau. Deutsche Präzision könnte man sagen. Zeitgemäß stellt Tobias Rehberger mit seinen „Mütter“-Skulpturen, die frei nachgebaut werden können, die Frage nach Originalität und Autorenschaft in der Kunst. Anselm Reyle zeigt liegende Pferde wie aus dem Spielzeugkatalog im Stil von Malen nach Zahlen – die jüngere Generation scheint dem Nachkriegsdeutschland entwachsen.
Zu sehen sind Werke von Georg Baselitz, Hartwig Ebersbach, Martin Eder, Tim Eitel, Günther Förg, Anton Henning, Andy Hope 1930, Jörg Immendorff, Anselm Kiefer, Imi Knoebel, Markus Lüpertz, Jonathan Meese, Albert Oehlen, A.R. Penck, Neo Rauch, Tobias Rehberger, Anselm Reyle, Gerhard Richter, Daniel Richter, Dieter Roth und Norbert Schwontkowski.
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit zahlreichen Werkabbildungen und Texten von Prof. Karlheinz Essl, Dieter Ronte und Andreas Hoffer

FERNANDO BOTERO: SANTAS

Galerie Gmurzynska freut sich die Ausstellung “Fernando Botero: Santas”
ankündigen zu dürfen, welche eine neue Serie großformatiger Malereien des
renommierten kolumbianischen Künstlers präsentiert.
Für diese Werkgruppe aus dem Jahr 2014 widmet sich Botero den ikonischen
Darstellungen weiblicher Heiliger des christlichen Kanons welche er anhand seines
unverkennbaren Duktus neu interpretiert. Hierdurch setzt Botero jene verehrten
transzendenten Märtyrerinnen als unverhüllt weltliche Society Ladies neu in Szene.
Das herausragende und ausschließlich weibliche Ensemble beinhaltet insgesamt
zehn Heilige. Botero setzt sich mit diesen mystischen Figuren auseinander, indem er
teilweise die jeweiligen Attribute der Heiligen aufnimmt, welche deren oft qualvollen
Hagiographien sowie ihre Funktion als Schutzheilige für bestimmte soziale
Berufsgruppen symbolisieren. In Boteros Überarbeitung figurieren diese einst
bedeutungsschweren Attribute wie eine Handbibel oder eine Altarkerze als nun
auffällige Accessoires, welche von den kurvenreichen Heiligen wie begehrenswerte
Handtaschen umklammert werden und deren Abendgarderobe abrunden.
In „Santa Barbara“ – vormals durch Peter Paul Rubens und Jan van Eyck dargestellt
wie auch in den zahlreichen Ikonen Griechisch-Orthodoxer Kirchenkunst in der sie
vornehmlich verehrt wird – behält Botero die graphischen körperlichen Blessuren
bei, welche die Heiligen oftmals erdulden mussten und die somit verantwortlich für
deren nachträgliche Heiligsprechung sind. In „Santa Barbara“ ist dies die
verwundete linke Brust, ein Eingriff welcher angeblich von ihrem eigenen Vater
bewilligt wurde wie auch ihre darauffolgende qualvolle Hinrichtung, als Strafe für
Santa Barbaras unbeugsamen Glauben.
Die stoische Mimik von Boteros Version der Santa Barbara zusammen mit dem
nüchtern wiedergegebenem Heiligenschein und ihrer freizügigen und gerüschten
Abendgarderobe erzeugen weiterhin einen augenfälligen Kontrast zu dem
Märtyrertum der eigentlichen historischen Figur.
Jene unerwarteten Diskrepanzen durchziehen die gesamte Werkgruppe der Santas:
die asketische Franziskaner Heilige Santa Klara von Assisi – die Ikone des Ordens
der Klarissen – erscheint als eine aufgeplusterte Dame in pelzverbrämten
Opernhandschuhen, gekleidet in Chiffon; Santa Justa, die bereits Goya als Motiv
eines Bildes diente welches Teil der Sammlung des Prado ist, trägt ihren Märtyrer
Palmwedel gleich einer tropischen Pflanze die sie gerade vom Floristen erworben
hat. Ihre klassische leicht erhobene Handgeste erscheint hier eher als ein
Handzeichen um ihren Chauffeur herbeizurufen.
Durch diese humorvollen Neuauslegungen von Haltung, Gewand, Attributen,
figürlicher Darstellung und Kulisse offenbart Botero die beträchtliche Interdependenz
zwischen Geschichtsschreibung und dem dramatisch fiktionalisierenden und
wirkungsvoll manipulierenden System westlicher Ikonenkunst.
Zur Ausstellung erscheint ein vollständig illustrierter Katalog einschließlich
Archivmaterial sowie einem Essay von Antony Haden-Guest.

Miró. Malerei als Poesie

Mit seinen scheinbar heiter-naiven Motiven ist der spanische Maler Joan Miró (1893-
1983) weltweit bekannt. Tanzende Sterne und fantasievolle Symbole aller Art bevölkern
seine Bilder. Zu einer Neuentdeckung des populären Künstlers lädt die Kunstsammlung
Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf ein: Miró. Malerei als Poesie ist der Titel einer
umfangreichen Ausstellung, die zum ersten Mal das enge Wechselspiel zwischen der
Kunst des Spaniers und der avantgardistischen Literatur seiner Generation verdeutlicht.
Die rund 110 Gemälde, Zeichnungen und Malerbücher aus allen Schaffensphasen
Mirós sind im K20 zu sehen. Die mit dem Bucerius Kunst Forum erarbeitete Ausstellung
ist gegenüber der Hamburger Präsentation für Düsseldorf wesentlich erweitert worden.
Mit vier wichtigen, in der Ausstellung gezeigten Werken des Künstlers besitzt die
Kunstsammlung selbst die bedeutendste Miró-Kollektion in Deutschland. Miró. Malerei
als Poesie knüpft an eine Reihe von Ausstellungen wie Alexander Calder – Avantgarde
in Bewegung oder Kandinsky, Malewitsch, Mondrian. Der weiße Abgrund Unendlichkeit
an, mit der die NRW-Landesgalerie einen neuen Blickwinkel auf scheinbar so vertraute
Künstler der Klassischen Moderne bietet. Die Leihgaben der Ausstellung stammen aus
international angesehen Sammlungen wie der Fundació Joan Miró in Barcelona, der
Fundació Pilar y Joan Miró auf Mallorca, dem Museum of Modern

Marlene Dumas

Die Ausstellung in der Fondation Beyeler widmet sich dem umfangreichen Werk von Marlene Dumas, in
dessen Zentrum die Beschäftigung mit der menschlichen Figur steht. Es ist die bisher umfassendste
Retrospektive in Europa zum Werk der in Amsterdam lebenden Künstlerin und bietet einen
einzigartigen Überblick über ihr beachtliches Werk von der Mitte der 1970er-Jahre bis heute.
Zusätzlich zu ihren wichtigsten ikonischen Gemälden und Zeichnungen werden experimentelle Collagen
aus ihrem Frühwerk sowie einige ganz neu entstandene Gemälde zu sehen sein.
Es ist eine aussergewöhnliche Kombination von Unmittelbarkeit und Intimität, welche das Werk von
Marlene Dumas auszeichnet. Ohne Vorbehalt, manchmal herausfordernd, zuweilen mit Humor,
begegnet Dumas den Menschen in ihren Bildern. Dumas lässt die Autonomie der Farbe zu, behält
dabei aber immer die menschliche Figur in ihrem Blick- und Bildfeld. Ihre Arbeiten zeigen
eindrücklich, was Malerei heute noch zu leisten vermag. Marlene Dumas gehört zu den
einflussreichsten und interessantesten weiblichen Künstlern der Gegenwart.
In ihren Einzel- und Gruppenporträts dominiert eine abwechslungsreiche Palette an Farbtönen und
Kontrasten. Expressive Farben wechseln mit fast transparenten Nuancen ab, die die Leinwand
scheinbar von innen leuchten lassen. Dumas setzt geschundene Körper und markante Gesichter, dann
wiederum sehr zerbrechlich oder leblos anmutende Geschöpfe ins Bild. Sie führt vor Augen, wie
malerische Schönheit auch Schreckensszenen darstellen kann. In neuen, noch nie gezeigten Arbeiten
befasst sie sich vermehrt mit dem Verhältnis von Figur und Raum in ihren Bildern.
Ein seit ihrer Jugend eigen angelegtes Bildarchiv nutzt Dumas als Ausgangslage für ihre Gemälde und
Aquarelle. Oft bezieht sie sich auf aktuelle Krisen und Ereignisse in der Gesellschaft, zu ihrem Archiv
gehören private Familienfotos, kunsthistorische Vorlagen und Fotografien aus der Presse. Ausgehend
von dokumentarischen Fotografien aus Zeitungen und Magazinen transformiert Dumas mit ihrer
malerischen Geste das Abbild in ein unheimliches, fesselndes und berührendes Bild auf der Leinwand
– was Stilllegung der Zeit in der Fotografie ist, erweckt Dumas in ihrer Malerei zum Leben. Ihre Bilder
strahlen eine vereinnahmende, sinnliche Kraft aus, die den Betrachter in ihren Bann ziehen.
Die Ausstellung in der Fondation Beyeler wurde in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin geplant.
Sie zeichnet anhand einer groben chronologischen Ordnung ihren künstlerischen Werdegang nach. Der
Anfang der Ausstellung bildet dabei eine Ausnahme und einen besonderen Auftakt. Im ersten Raum
werden Schlüsselwerke wie The Painter (1994), The Sleep of Reason (2009) und The Artist and His
Model (2013) gezeigt. Auf diese Weise führt die Malerin die Besucher selbst durch die Ausstellung, der
Fokus liegt dabei auf der bis heute ungebrochenen Faszination vom Bild des Menschen in der Malerei.
Marlene Dumas ist 1953 in der Nähe von Kapstadt (SA) geboren und aufgewachsen. Sie lebt und
arbeitet seit 1976 in den Niederlanden. Ihre Werke sind in Museen, privaten und öffentlichen
Sammlungen weltweit vertreten. Zu den bedeutendsten Ausstellungen der letzten Jahre gehören
Präsentationen im Haus der Kunst in München (2010/2011), im Museum of Contemporary Art, L. A.
und Museum of Modern Art, New York, USA (2008) und im Marugame Genichiro-Inokuma Museum of
Contemporary Art, Marugame, Japan (2007). Dumas war an der DOCUMENTA IX, 1992 und an der
Biennale 1995 vertreten. 2012 wurde sie mit dem renommierten Johannes Vermeer-Preis
ausgezeichnet. Theodora Vischer, Senior Curator der Fondation Beyeler, kuratiert die Ausstellung in der
Fondation Beyeler. Sie ist gemeinsam mit dem Stedelijk Museum in Amsterdam und der Tate Modern
in London organisiert worden, wobei die Schwerpunkte der einzelnen Ausstellungsorte unterschiedlich
sind. Ein gemeinsamer Katalog in Deutsch und Englisch ist bereits erhältlich.
Die Ausstellung »Marlene Dumas – The Image as Burden«
wurde grosszügig unterstützt durch:
AMERICAN FRIENDS OF FONDATION BEYELER
BAYER HEALTHCARE BASEL
Mitzi und Warren Eisenberg, Susan und Leonard Feinstein,
Thomas Koerfer, Mondriaan Fund, Craig Robins und Jackie Soffer

 

 

LYNN HERSHMAN LEESON – CIVIC RADAR

Lynn Hershman Leeson (*1941 in Cleveland, Ohio, USA) gehört zu den
ersten und auch einflussreichsten Medienku nstlerinnen. Innerhalb der
vergangenen vier Jahrzehnte hat sie in den Bereichen Fotografie,
Video, Film, Performance, Installation und interaktiver sowie
netzbasierter Medienkunst Wegweisendes geleistet. Hershman Leeson, die
sich zunächst der Performance- und Konzeptkunst zuwandte, begann ihre
Karriere in den späten 1960er-Jahren. Ihre innovativen Arbeiten
behandeln Themen, die mittlerweile als Schlu ssel zu
gesellschaftlichen Fragestellungen zu verstehen sind: Die Beziehungen
zwischen Mensch und Maschine, die Konstruktion von Identität,
Überwachung, die Beziehung des Realen zum Virtuellen sowie die
Nutzung der Medien als Werkzeug gegen Zensur und politische
Unterdru ckung. Außerdem ist sie eine starke Stimme innerhalb der
feministischen Bewegung.

Ihre bekannteste Werkreihe, »Roberta Breitmore« (1973–1978), wird
bestimmt von der gleichnamigen Kunstfigur. Als eine Art Klon der
Ku nstlerin wird deren Leben von 1973 bis 1978 in Echtzeit und in der
realen Außenwelt inszeniert − Roberta Breitmore wird u berwiegend
von Hershman Leeson selbst verkörpert, aber auch teilweise simultan
von drei anderen Frauen. Kunst und Wirklichkeit werden in dieser Figur
ununterscheidbar miteinander verbunden. Mit Roberta Breitmore hat
Hershman Leeson der Idee einer ku nstlerisch konstruierten Identität
eine Form gegeben und damit die virtuellen Welten von »Second Life«
um viele Jahre vorweggenommen.

Das Themenspektrum, das Hershman Leeson durch ihre Kunstfigur Roberta
Breitmore behandelt − es kreist um Identität und Sexualität, um
das Verhältnis der Betrachterin zu ihrem individuellen Gegenu ber,
Interaktivität und Performativität − wurde von der
Medienku nstlerin auch in vielen weiteren Werken aus anderen
Perspektiven aufgegriffen und weiterentwickelt. So etwa bei dem ersten
interaktiven Werk auf Videodisk, »Lorna« (1983–1984). Auch der
Film »Teknolust« (2002, unter anderem mit Tilda Swinton) hat
Cyber-Identität, ku nstliche Intelligenz, Klonen sowie die
Entkopplung von Sexualität und menschlicher Fortpflanzung zum Thema.
In ihren ju ngsten Arbeiten bezieht Hershman Leeson nicht nur Roboter
und Massenkommunikationsmittel wie Smartphones mit ein. Sie ru ckt
beispielsweise mit der erstmals präsentierten Installation »Infinity
Engine« (2014) auch neueste wissenschaftliche Entwicklungen auf dem
Gebiet der Genetik und der regenerativen Medizin in den Fokus –
einschließlich 3-D-Biodrucker, die Teile des menschlichen Körpers
nachbauen können.

Eine Ausstellung des ZKM – Zentrum für Kunst und Medientechnologie
in Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg.

Die Ausstellung ist als Special Show im Rahmen der Triennale der
Photographie Hamburg vom 18. bis 28. Juni 2015 zu sehen. Weitere
Informationen zur Triennale finden Sie unter www.phototriennale.de
<http://www.phototriennale.de/>

KATALOG

Peter Weibel (Hg.): Lynn Hershman Leeson. Civic Radar. ca. 400
Seiten, überwiegend farbig ill., mit Texten von u.a. Peter Weibel,
Andreas Beitin, Pamela M. Lee, Peggy Phelan, Laura Poitras, B. Ruby
Rich, Kristine Stiles. Hatje Cantz, 2015.

YES!YES!YES! WARHOLMANIA IN MUNICH

Präsentiert von Glenn O’Brien und Katja Eichinger

„Yes!Yes!Yes! Warholmania in Munich“ ist eine Kooperation zwischen dem
Museum Brandhorst und dem Filmfest München, in der das malerische und
filmische Werk Andy Warhols vorgestellt wird. In seiner überbordenden
Produktivität dringt die Figur Warhol jedoch weit über die Malerei und den Film in
die unterschiedlichsten künstlerischen und gesellschaftlichen Bereiche vor: Er
war auch Werbegraphiker, Buchillustrator, Musikproduzent; er gründete mit
„Interview“ ein Lifestyle Magazin und etablierte in den späten 1970er Jahren –
lange vor MTV – eine eigene Fernsehsendung, mit der er den Geist von Punk und
New Wave einfing. So gelang es Warhol, gleichermaßen zum Liebling der
Hochkunst und des Massengeschmacks, des Auktionsmarkts und der Subkultur zu
werden. Mit der Ausstellung und den Begleitveranstaltungen wird das gesamte
Spektrum von Andy Warhols Schaffen, das unser Verständnis von Kunst nachhaltig
verändert hat, sichtbar.
Das Museum Brandhorst zeigt im Rahmen von „Yes!Yes!Yes! Warholmania in
Munich“ erstmalig seine gesamten Bestände von Andy Warhol. Mit weit über 100
Werken bewahrt das Museum Brandhorst eine der weltweit bedeutendsten
Warhol-Sammlungen. In chronologisch und thematisch angeordneten Räumen
werden zentrale Entwicklungen seines Werks nachvollzogen: Beginnend mit
Zeichnungen und Büchern der 1950er Jahre bis hin zu seinem Medien
übergreifenden Spätwerk der 1980er Jahre spannt „Yes!Yes!Yes! Warholmania in
Munich“ einen retrospektiven Bogen.
Warhols frühe Zeichnungen, die sich noch an seiner Beschäftigung als
Werbegrafiker orientieren, werden gemeinsam mit einer Auswahl nichtkommerziell
gestalteter Künstlerbücher dieser Zeit präsentiert. In seinen Ikonen
der 1960er-Jahre wie „Liz“ (1964) oder „Marilyn“ (1967) zeigt sich Warhols
lebenslange Faszination für die Licht- und Schattenseiten des Starkults. Auch
wenn nicht vordergründig artikuliert, so legt der Zeitpunkt der Bildentstehung
nahe, dass Warhol sich insbesondere für letztere interessierte: Zu seinem ersten
„Marilyn“ Bild beispielsweise entschloss er sich erst nach deren Suizid.
Dieser Aspekt seines Werks wird in der Reihe „Death and Disaster“, von denen das
Museum Brandhorst mit „Mustard Race Riot“ (1963) ein herausragendes Beispiel
besitzt, noch deutlicher. Medienbilder von den Rassenunruhen der 1960er Jahre in
den USA wurden dafür in serieller Reihung auf den monochromen Leinwandgrund
aufgebracht.
Warhol revolutionierte die Malerei, indem er Bildvorlagen aus Werbung und
Zeitschriften für seine Gemälde verwendete. Zentral war dafür die Entdeckung des
Siebdruckverfahrens in den frühen 1960er-Jahren, welche die bis dahin gültige
Unterscheidung von Hochkunst und Kommerz ebenso ins Wanken brachte, wie es
die Frage nach Unikat und Kopie stellte. Mit dieser technischen Innovation begann
in Warhols Schaffen eine Phase großer Experimente, die sich auch in die 1970er-
Jahre hinein fortsetzen. Beispielhaft hierfür sind die aufwendig collagierten
Siebdrucke „Ladies and Gentlemen“ (1975), die auf von Warhol selbst
aufgenommenen Fotografien von Transvestiten basieren. Deren in
Siebdrucktechnik reproduzierte Gesichter sind unterlegt mit ausgerissenen
farbigen Papieren, die nur in etwa den gezeigten Gesichtspartien entsprechen. Die
Inkongruenz der abstrakten und figurativen Formen, die zu überdimensionierten
Mündern und beinahe grotesk anmutenden Augenpartien führt, pointiert die
Maskerade des Transvestiten-Daseins. In ihrer Fixierung auf die künstliche
Erscheinung werden die Transvestiten für Warhol zu Ikonen ihrer Zeit, zu
Darstellern eines nicht enden wollenden, abgründigen Rollenspiels, denen jedoch
im Gegensatz zu den von ihnen imitierten Stars nur am Rand der Gesellschaft Platz
eingeräumt wird.
Ein besonderes Augenmerk der Ausstellung gilt Warhols Auseinandersetzung mit
Abstraktion, die sich in klarer Abgrenzung zu den Abstrakten Expressionisten,
Warhols unmittelbarer Vorgängergeneration, vollzog. Den „Shadow Paintings“ der
späten 1970er-Jahre, düsteren und verführerischen Darstellungen von Schatten
nicht definierbarer Gegenstände, die die für Warhol so relevante „Entleerung der
Zeichen“ auf die Spitze treiben, ist ein eigener Raum gewidmet. Die „Camouflage
Paintings“ (1986) und das großformatige „Oxidation Painting“ (1978), mit dem er
die expressionistische Veräußerung des Künstlers ironisiert, werden im Kontext
von Warhols erweiterter Bildproduktion der späten 1970er- und frühen 1980er-
Jahre präsentiert. In dieser Zeit war Warhol mit der gezielten Vermarktung von
Starporträts zum „Hofmaler“ der Kunst- und Modewelt avanciert. Die Portraits von
(mehr oder weniger bedeutenden) Figuren seiner Zeit – beispielsweise der
Kunsthändlerin Pat Hearn – bezeugen seine Faszination für das Phänomen der
„Celebrities“ ebenso sehr wie die bahnbrechenden Fernsehsendungen aus den
Jahren 1979 bis 1987, die parallel dazu gezeigt werden. Gerade in diesen beiden
Werkgruppen wird seine Faszination für und Fixierung auf Oberfläche und
Erscheinung, auf Selbstdarstellung und Selbstinszenierung deutlich, die sich in
den ironischen, expressiven Gesten der großformatigen Malerei widerspiegelt.
Im großen Medienraum des Museums Brandhorst wird zudem „Lupe“ (1965)
gezeigt, eine zweikanalige Filmprojektion, die eine der Warhol-Musen ins Zentrum
stellt: Edie Sedgwick in der Rolle der mexikanischen Schauspielerin Lupe Vélez.
Vélez war eine extravagante Hollywood-Darstellerin der 1930er und 1940er Jahre,
die sich schwanger im Alter von 36 Jahren das Leben nahm. Ähnlich seinen
Portraits von Marilyn Monroe, war es bei „Lupe“ nicht nur Vélez‘ Starpersona, die
ihn interessierte, sondern gerade auch ihr Lebenslauf, der in dem tragischen Bild
ihres Selbstmords kulminiert. Diese düstere Seite von Andy Warhols Schaffen ist
auch der konzeptuelle Ausgangspunkt für die Sammlungspräsentation „Dark Pop“,
die auf der Eingangsebene des Museum Brandhorst Warhols Schlüsselposition in
der Geschichte der Pop Art und des Neo-Pop markiert.
Der kleine Medienraum des Museums ist Glenn O’Brien gewidmet, einem engen
Mitarbeiter und Kollegen Andy Warhols: O’Brien, ehemaliges Mitglied von Warhols
„Factory“ und erster „Interview“ Chefredakteur, hatte 1978, also bereits kurz vor
Andy Warhol, eine eigene Fernsehsendung in einem der öffentlichen
amerikanischen Kabelfernsehkanäle ins Leben gerufen. „Glenn O’Brien’s TV
Party“, die bis 1982 lief und aus der Ausschnitte gezeigt werden, war als
klassisches „Late Night“-Format mit Studioband und Studiogästen konzipiert.
Neben einer illustren Gästeliste – von David Bowie über Jean-Michel Basquiat bis
hin zu Iggy Pop und Steven Meisel – bestach die „TV Party“ vor allem durch den
Bruch zahlloser Konventionen: Man rauchte vor laufender Kamera Joints, die
Showeinlagen wirkten überwiegend improvisiert, von einer choreographierten
Dramaturgie war die Sendung weit entfernt. Trotzdem, oder gerade dadurch,
ermöglichte die Sendung etwas nie davor Dagewesenes: Ein großes und den
Machern weitgehend unbekanntes Publikum mit einer bewusst subversiven
Alternative von Fernsehen zu erreichen und gleichzeitig unser Verständnis von
Kunst grundlegend zu erweitern – Gedanken die O‘Briens Vorhaben eng mit
Warhols eigenem Ansatz verbinden.
Am Abend der Ausstellungseröffnung (27. Juni 2015), werden ab Mitternacht auf
ARD-alpha sechs Folgen von „Glenn O’Brien’s TV Party“ausgestrahlt – mit
Einblendungen und Kurzinterviews von der Eröffnung im Museum Brandhorst.
(Weitere Informationen unter: www.br.de und www.museum-brandhorst.de)
Parallel zur Ausstellung präsentieren Glenn O’Brien und die Autorin Katja
Eichinger gemeinsam mit dem Filmfest München (25. Juni – 04. Juli 2015) und in
Zusammenarbeit mit dem Andy Warhol Museum Pittsburgh, USA, eine
weitreichende Hommage an Warhols filmisches Schaffen. Zudem wird in einer
gesonderten Filmreihe auf Warhols Einfluss auf Filmemacher wie Sofia Coppola
und Harmony Korine hingewiesen.
(Weitere Informationen unter: http://www.filmfestmuenchen.
de/de/festival/filmfest-2015/special2015/warholmania)

BEGLEITVERANSTALTUNGEN IM MUSEUM BRANDHORST
SO 28.06., 18.00 und 20.00 Uhr
A NO MAN SHOW. An Evening with Andy Warhol
Theaterperformance von United Puppets
Kein Künstler hat auf der Schnittstelle von Kunst, Selbstdarstellung,
Medialisierung und Konsum so viele gesellschaftliche Entwicklungen antizipiert,
mitgeprägt und genutzt wie Andy Warhol. In ihrem Theaterprojekt „A NO MAN
SHOW. An Evening with Andy Warhol“ blickt die Theatertruppe United Puppets aus
heutiger Perspektive zurück auf das „Prinzip“ Andy Warhol. Ausgangspunkt des
Theaterabends ist ein unrealisiertes Broadway-Theaterstück Warhols, in dem er
von einem hyperrealistisch animierten Roboter vertreten werden sollte: die
Reproduktion der eigenen Person als Transzendenz seines seriellen Konzepts –
gemäß seinem Motto „I want to be a machine“.
DI 07.07., 18.30 Uhr
FACE VALUE. Vortrag von Douglas Crimp
Der Kunsthistoriker, Kurator und Aktivist Douglas Crimp gilt als einer der einflussreichsten
Intellektuellen der Gegenwart. Mit seiner legendären „Pictures“-
Ausstellung im Artists Space in New York 1977 definierte er das Schaffen einer
ganzen Künstlergeneration. Er ist der Autor von „Our Kind of Movie. The Films of
Andy Warhol“, ein Standardwerk zu den Filmen Warhols. In seinem Vortrag spricht
er über die 1963-64 entstandenen Stummfilme „Haircut“, „Blow Job“ und „Maria
Banana“.

KONSERVATORENFÜHRUNGEN
In Ergänzung zu den wöchentlichen Ausstellungsführungen finden an
ausgewählten Terminen Führungen mit Konservatoren und Kuratoren des
Museum Brandhorst und der Pinakothek der Moderne durch „Yes!Yes!Yes!
Warholmania in Munich“ statt.
DI 07.07., 15.00 Uhr | Corinna Thierolf, Konservatorin Kunst ab 1945,
Pinakothek der Moderne
DI 14.07., 15.00 Uhr | Achim Hochdörfer, Direktor, Sammlung Brandhorst
DI 21.07., 15.00 Uhr | Bernhart Schwenk, Konservator für Gegenwartskunst,
Pinakothek der Moderne
DI 04.08., 15.00 Uhr | Patrizia Dander, Kuratorin, Museum Brandhorst
DI 08.09., 15.00 Uhr | Tonio Kröner, Assistenzkurator, Museum Brandhorst

SONDERFÜHRUNG
DO 09.07., 18.30 Uhr | Ein Ausstellungsbesuch mit Katja Eichinger
In einem Rundgang durch die Ausstellung stellt die Autorin Katja Eichinger,
Initiatorin von „Yes!Yes!Yes! Warholmania in Munich“ im Museum Brandhorst und
am Filmfest München, ihren persönlichen Blick auf das „Phänomen Andy Warhol“
vor. Warhol hat nicht nur als Maler die Kunstgeschichte verändert, sondern mit
seinen Illustrationen, Filmen und Fernsehsendungen unsere Ästhetik, unsere
Wahrnehmung von Realität und unser Verständnis von Identität im
Konsumzeitalter maßgeblich geprägt.
WEITERE BEGLEITVERANSTALTUNGEN
SO 28.06., 15.30 Uhr
GLENN O’BRIEN MEETS… Warhol Panel
Pinakothek der Moderne
DI 30.06., 19.00 Uhr
KATJA EICHINGER. Ein Interview mit Glenn O’Brien
Black Box/Gasteig

FIRE AND FORGET. ON VIOLENCE

„Fire and Forget“ ist ein im Militärjargon gebräuchlicher Begriff für Waffensysteme, die aus gefahrloser Distanz zum Feind ausgelöst werden und eigenständig ihr Ziel erreichen. Die Gruppenausstellung FIRE AND FORGET. ON VIOLENCE nimmt den militärischen Ausdruck zum Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit den geläufigen Vorstellungen von Krieg und Gewalt in der zeitgenössischen Kunst.

Begleitet von einem umfangreichen Rahmen- und Vermittlungsprogramm, darunter mit den Gästen Antonia Baum, Ulrich Matthes und Rosa von Praunheim, präsentiert die Ausstellung Werke von Marina Abramović und Ulay; Ron Amir; Julius von Bismarck; Roy Brand, Ori Scialom und Keren Yeala Golan; James Bridle; Luis Camnitzer; Mircea Cantor; Jota Castro; Chto Delat; Marcelo Cidade; Jem Cohen; Martin Dammann; Öyvind Fahlström; Harun Farocki; Daniil Galkin; Rudolf Herz; Damien Hirst; Clara Ianni; Emily Jacir; Hunter Jonakin; Joachim Koester; Korpys/Löffler; Barbara Kruger; Armin Linke; Robert Longo; Jazmín López; Kris Martin; Ana Mendieta; Michael Müller; Timo Nasseri; NEOZOON; Katja Novitskova; Jon Rafman; Pipilotti Rist; Robbert&Frank Frank&Robbert; André Robillard; Julian Röder; Henning Rogge; Martha Rosler; Hrair Sarkissian; Santiago Sierra; Timur Si-Qin; Tal R; Javier Téllez; Sharif Waked; Gillian Wearing; He Xiangyu; Amir Yatziv und Ala Younis.
Kuratiert von Ellen Blumenstein und Daniel Tyradellis

 

 

AUFRUHR IN AUGSBURG

Deutsche Malerei der 1960er bis 1980er Jahre

Georg Baselitz | Walter Dahn | Jiři Georg Dokoupil | Rainer Fetting |Karl Horst Hödicke | Jörg Immendorff | Martin Kippenberger | Bernd Koberling | Markus Lüpertz | Helmut Middendorf | Albert Oehlen | Markus Oehlen | A.R. Penck | Salomé | Volker Tannert

Zwei Generationen deutscher Künstler der Nachkriegszeit stehen sich in
der Ausstellung „Aufruhr in Augsburg“ mit Hauptwerken aus den
Sammlungsbeständen der Pinakothek der Moderne gegenüber. Was sie
vereint, ist die Tendenz zur figürlichen Malerei, die weder persönliche
noch politische Kommentare ausklammert und damit den Ansätzen der
Concept Art und Minimal Art begegnet.
Dieses ausdrückliche Interesse für Malerei bei gleichzeitiger kritischer
Hinterfragung von Inhalt und Stil vereint bereits die Generation der 1938
bis 1945 geborenen: Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz
und A. R. Penck. Ihre Revolutionierungen und Neudefinitionen wirken auf
die nachfolgende Generation der sogenannten „Neuen Wilden“, darunter
Walter Dahn, Rainer Fetting, Markus Oehlen und Salomé, die zu einer
noch intensiveren und farbintensiven Bildsprache finden.
In der Nachkriegszeit suchten deutsche Künstler nach Erneuerung der
Malerei, – neben der Aktions- und Objektkunst, dem Environment, der
Performance und anderen innovativen Medien. Beispielhaft dafür ist
Georg Baselitz (*1938 Deutschbaselitz). Er findet in der Methode der
Fragmentierung und Umkehrung der Motive eine Loslösung von
vorherrschenden Wahrnehmungsmechanismen, wie es das Werk „Der
Adler“ (1978) zeigt: Das Sinnbild der deutschen Geschichte und des
Reiches steht Kopf.
Die Gemälde und Skulpturen von Markus Lüpertz (*1941 Reichenberg)
zeichnen sich durch eine archaische Monumentalität aus, in der
Gegenständliches und Abstraktion zu einer eigenen Formensprache
werden. Jörg Immendorff verfolgt wiederum einen erzählerischen wie
kritischen Ansatz. Das Werk „Café Deutschland VII“ (1980) widmet sich der
deutsch-deutschen Geschichte nach dem 2. Weltkrieg, der Trennung in
Ost und West, die in exemplarischem Dialog zwischen Immendorff und
seinem aus Dresden stammenden Künstlerkollegen A. R. Penck geführt
wurde. Während jedoch Immendorff eine narrative Bildsprache entwickelt,
eröffnet Penck dem Betrachter eine Welt mit individuell entwickelten,
chiffrenhaften und archaisch anmutenden Zeichen.
Etwa gleichzeitig bilden sich in Berlin, Köln und Hamburg Zentren mit
Vertretern einer rund zehn Jahre jüngeren Generation. Bei aller
stilistischen Vielfalt vereint sie die Beschäftigung mit einer spontanen,
oftmals subjektiven Bildsprache. 1977 gründen Kunststudenten in Berlin,
darunter Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Salomé eine
Selbsthilfegalerie am Moritzplatz. Die persönlichen Erfahrungen in der
geteilten Großstadt werden zu ihrem Sujet, das sie in dynamischen
Pinselstrichen bewältigen. Salomé (*1945 Karlsruhe) besticht in seinem
Gemälde „Sumo-Angriff“ von 1982 mit der Gegenüberstellung von zwei
Kämpfern. Die flüssige Malweise und die Darstellung der ruhenden
Körper, die gleichwohl zum Angriff bereit sind, geraten zum Sinnbild
polarer Kräfte im ästhetischen wie im politischen Sinne.
Die in Köln entstehenden Werke zeigen eine Tendenz zur symbol- oder
chiffrenhaften Verschlüsselung von Inhalten. So zeigt Walter Dahn (*1954
Krefeld) in dem Gemälde „Die Mülheimer Freiheit (Zeitungsleser)“ von
1981 einen Lesenden, dessen Kopf hinter dem unbeschriebenen Papier
verschwindet, während daneben gleich sechs weitere Köpfe als Säule
übereinander dargestellt sind. Wie der Lesende selbst blickt auch der
Betrachter auf die leere Fläche der Zeitung, die es zu füllen gilt.
Eine gänzlich andere Bildsprache entwickeln die Protagonisten der wilden
Malerei in Hamburg. Während Kippenberger sich mit scharfsinniger Ironie
auf die Geschichte der Kunst (u.a. Picasso bis Pop Art) und akute soziale
Fragen bezieht, entwickelt Albert Oehlen eine irritierende
Ausdrucksweise, die gegenständliche Identifikation fast unmöglich
erscheinen lässt und sie doch auf subtile Weise evoziert. Dabei werden
Errungenschaften historischer Stilrichtungen vom Kubismus bis hin zur
Farbfeldmalerei neu definiert.
Die Vielfalt der künstlerischen Handschriften und die Individualität der
Errungenschaften sind an den Werken der Sammlung exemplarisch zu
beobachten. Die Arbeiten zeugen von einem inspirierenden, bis heute
nicht zur Ruhe kommenden Gegen- und Miteinander. Im Glaspalast wird
diese bewegte Zeit lebendig – Aufruhr in Augsburg.

Die Ausstellung zeigt rund 40 Werke Hauptwerke aus den
Sammlungsbeständen der Pinakothek der Moderne, darunter Arbeiten
aus der Michael und Eleonore Stoffel-Stiftung und dem Wittelsbacher
Ausgleichsfonds.

Utopian Pulse – Flares in the Darkroom

KünstlerInnen
4taxis, Halil Altindere, Marco de Ana / Javiera de la Fuente / Rudolf Rostas, AND
AND AND, Oreet Ashery, Barat Ali Batoor, Zanny Begg, Irene Bude / Steffen Jörg /
Olaf Sobczak, Bürgerchor Stuttgart, Constant / PIE flamenco, Margit Czenki / Renée
Tribble, Ines Doujak, Pilar Mata Dupont, Katharina Duve
/ Ted Gaier / Timo Schierhorn & Die Goldenen Zitronen, Echohäuser, Etcétera, Israel Galván / Manuel
Soler, María García Ruiz, Mariam Ghani, Isaías Griñolo / Los Flamencos, Miguel A.
López, Antonio Marín Márquez, Rocío Márquez / Jorge Martínez. Charo Martín,
Megafonchor (Svenja Baumgart, Sylvi Kretzschmar), Mindj Panther, Nobodycorp.
Internationale Unlimited, Daniela Ortiz, Tomás de Perrate / Amador Gabarri, Oliver
Ressler, Pedro G. Romero / Máquina P.H., Christoph Schäfer, The Silent University,
Bert Theis, Undrawing the Line, Videoccupy (Özge Çelikaslan), Stefan Voglsinger,
Wealth of Negations, Katarzyna Winiecka und andere
Ein Projekt von Ines Doujak und Oliver Ressler
in Zusammenarbeit mit
Iris Dressler und Hans D. Christ
KokuratorInnen: Zanny Begg, Pedro G. Romero / Máquina P.H., Christoph Schäfer
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Das von den beiden österreichischen KünstlerInnen Oliver Ressler und Ines Doujak
initiierte Projekt, das im letzten Jahr in der Wiener Secession stattfand, erkundet
utopische Projektionen entlang konkreter gesellschaftspolitischer Zustände. Utopie
wird hier verstanden als eine immer schon unvollständige Alternative, als eine
innerhalb des Bestehenden erfolgende Anrufung von etwas, das mit dem
Bestehenden unvereinbar ist: Utopie als Behauptung des Unrealisierten im Realen
und gegen das Reale.
Die Ausstellung lotet die Grenzen und Möglichkeiten utopischer Entwürfe im
Kontext des umkämpften städtischen Raums – konkret am Beispiel von Hamburg
und Istanbul –, der Flucht bzw. Fluchthilfe sowie der Kulturen des Flamencos aus.
Neben der Ausstellung, an der als weitere KokuratorInnen Zanny Begg (Sydney),
Christoph Schäfer (Hamburg) und Pedro G. Romero (Sevilla) beteiligt sind, wird es ein
dichtes Programm aus Performances, Vorträgen und Workshops geben, dessen
„Bühne“ bzw. räumliches Display ein Zirkuszelt inmitten der Ausstellung darstellt. Zu
den Besonderheiten dieses performativen Charakters der Ausstellung zählt überdies
die tägliche Lesung eines utopischen Manifests durch Mitglieder des Stuttgarter
Bürgerchors.
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Einführung
Vom 20. Juni bis 16. August 2015 zeigt der Württembergische Kunstverein in Stuttgart die
Ausstellung und Veranstaltungsreihe Utopian Pulse – Flares in the Darkroom (Utopischer
Impuls – Flackern im Darkroom).
Das von den beiden österreichischen KünstlerInnen Oliver Ressler und Ines Doujak
initiierte Projekt, das im letzten Jahr in der Wiener Secession stattfand, erkundet entlang
konkreter gesellschaftspolitischer Zustände utopische Projektionen, die der Abspaltung
von der konkreten Gegenwart und dem Widerstand gegen dieselbe dienen könnten.
Utopie wird hier verstanden als eine immer schon unvollständige Alternative, als eine
innerhalb des Bestehenden erfolgende Anrufung von etwas, das mit diesem unvereinbar
ist, ja ihm feindlich gegenübersteht. Es handelt sich um eine Negation des Bestehenden,
um die Feststellung, dass etwas fehlt, aber auch um ein – zwangsläufig unvollkommenes
– Bekenntnis zu dem, was (noch) nicht ist: Utopie als Behauptung des Unrealisierten im
Realen und gegen das Reale.
Utopian Pulse – Flares in the Darkroom wurde in Wien in Form von acht
aufeinanderfolgenden einwöchigen Salons gezeigt – jeweils konzipiert von weiteren
internationalen KokuratorInnen. Vier dieser Salons werden in Stuttgart parallel, jedoch in
veränderter und in das Format Ausstellung übertragener Form präsentiert: Der Salon
Klimbim (Fahim Amir und Ines Doujak), der Salon Public Happiness (Öffentliches Glück,
Christoph Schäfer), der Salon Fluchthilfe (Zanny Begg) und Cuartos de Utopía (Räume der
Utopie; Pedro G. Romero / Máquina P.H.).
Im Zentrum der Ausstellung befindet sich ein großes Zelt aus bunten Stoffstreifen, das
gemeinsam mit einer Discokugel und einer Reihe von Podesten das Display des Salon
Klimbim bildet. In Wien diente es als Rahmen der Auftaktveranstaltung von Utopian Pulse
ein gleichermaßen rauschendes Fest und politisches Manifest, das in Stuttgart in Form einer
filmischen Dokumentation präsent sein wird. In Stuttgart liefert es die Bühne und das Display
für ein dichtes Programm aus Vorträgen, Workshops und Performances, das um
künstlerische und aktivistische Entwürfe, Projektionen und Projekte des Utopischen kreist.
Zu den Besonderheiten dieses performativen Charakters der Ausstellung zählt überdies die
tägliche Lesung eines utopischen Manifests durch Mitglieder des Stuttgarter
Bürgerchors.
Die drei weiteren Salons loten die Grenzen und Möglichkeiten utopischer Entwürfe im
Kontext des umkämpften städtischen Raums – konkret am Beispiel von Hamburg und
Istanbul (Salon Public Happiness) –, der Flucht bzw. der Ansätze eines radikalen
Offenseins dem Anderen gegenüber (Salon Fluchthilfe) sowie der Kulturen des
Flamencos (Cuartos de Utopía) aus.
Ein weiteres Element der Ausstellung sind 14 künstlerisch gestaltete Banner, die für die
Ausstellung in Wien entstanden sind.

Alois Riedl Auf der Suche

Alois Riedl, 1935 im oberösterreichischen St. Marienkirchen geboren, bekennt sich, in Abwandlung des berühmten

Satzes von Pablo Picasso, er suche nicht, er finde, bewusst zu seiner künstlerischen Suche. Diesem Suchen und
Finden spürt die Ausstellung im Passauer Museum Moderner Kunst nach und folgt einem über 40 Jahre
währenden Weg vom Gegenstand über die Zeichenhaftigkeit zum Objekt. Nach Ausstellungen in den Jahren 1994
und 2005 widmet sich die diesjährige Präsentation im MMK nun erstmals den großformatigen Arbeiten Riedls und
zeigt bisher noch nie ausgestellte Werke des Künstlers aus seinem Besitz.
Alois Riedl erweist sich bereits in jungen Jahren als talentierter Zeichner, absolviert jedoch zunächst eine
Ausbildung als Schneider und arbeitet später als Zoll
beamter, ehe er sich ab den 1960er Jahren der Kunst
zuwendet und autodidaktisch fortbildet.
Surrealistische Zeichnungen und Landschaftsdarstellungen stehen am Beginn seiner Künstlerlaufbahn. Stillleben
und Interieurs bilden weitere wichtige Themen, aus denen
er dann intensiv beobacht
ete Einzelgegenstände, vor
allem Polstermöbeln, isoliert. In prozeßhaftem Arbeiten gelangt er durch eine immer stärkere Fokussierung auf
Details zur malerischen Auflösung der gegenständlichen Form.
Ab den 1980er Jahren abstrahiert Riedl dazu Dinghaftes zu voluminösen Körpern, um diese in der Folge in
gestischer Malerei zu verselbständigen. Dabei entstehen in den ausgehenden 1980er und frühen 1990er Jahren
großformatige Werke auf Papier, die in einem überraschend heftigen Duktus gemalt sind. Zumeist sind diese
Arbeiten in Schwarzweiß gehalten, mit vereinzelten zurückhaltendenden, farblichen Betonungen.
Parallel zu diesen kraftvoll komponierten Blättern entwickelt Riedl ordnende Strukturen, die den stilllebenhaften
Körperformen der frühen 1980er Jahre zu entstammen scheinen. Diese Werke sind trotz der Beruhigung der
Malweise ähnlich großzügig angelegt, wie die gestischen Arbeiten.
Seit den späten 1990er Jahren beherrschen kontemplative Scheibenformen das Werk Riedls, die als Motiv sowohl
in farbigen, skulpturalen Objekten wie in den Gemälden bestimmend sind.
Alois Riedl, 1976 mit dem Kulturpreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet, stellte vielfach im In- und Ausland
aus, u.a. in der Albertina in Wien, im Rupertinum in Salzburg, im Oberösterreichischen Landesmuseum Linz und
dem MMK Passau.
Das MMK präsentiert in einer retrospektiv angelegten Ausstellung ca. 80 zum Teil großformatige Werke, Gemälde
auf Leinwand und Papier, Zeichnungen und Objekte, aus über vierzig Jahren.
Am 2. August, um 11 Uhr liest Alois Riedl aus seinen Texten, mit denen er seit Jahrzehnten sein künstlerisches Schaffen begleitet und reflektiert.

Future Light und Individual Stories

Future Light
Pauline Boudry / Renate Lorenz.
LOVING, REPEATING

MUSEUMSQUARTIER    11/6 2015    4/10 2015

Als Teil der von Maria Lind für die VIENNA BIENNALE 2015 kuratierten Ausstellung Future Light präsentieren die Künstlerinnen Pauline Boudry und Renate Lorenz in der Kunsthalle Wien eine raumgreifende Videoinstallation: Auf drei großformatigen Screens zeigen sie ihre in den vergangenen Jahren entstandenen Filme Opaque (2014), To Valerie Solanas and Marilyn Monroe in Recognition of their Desperation (2013) und Toxic (2012). Gerahmt von Vorhängen und skulpturalen Requisiten entsteht ein filmischer Parcours, der neuen Formen von Subjektivität und Begehren eine Bühne bietet.
Kuratorin: Maria Lind, Direktorin Tensta Konsthall, Stockholm

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Individual Stories. Sammeln als Porträt und Methodology

MUSEUMSQUARTIER   26/6 2015    11/10 2015
Fotos, Bücher, Krimskrams: Künstler/innen sammeln aus formalen, ästhetischen oder konzeptionellen Interessen heraus eine Vielzahl von Dingen. Sie legen nicht nur unabhängig von ihrem eigenen Kunstschaffen persönliche Sammlungen an, sondern erstellen auch Sammlungen, denen eine künstlerische Methode zugrunde liegt oder die sogar selbst den Status eines Kunstwerks erlangen. Individual Stories versteht das Sammeln als Porträt der jeweiligen Sammler, aber auch als künstlerische Methode. Es ist Ausdruck von Neugier, flanierendem Entdeckertum oder der methodischen Annäherung an besondere Objektwelten. Das Ergebnis ist eine Sammlung individueller Sammlungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Kurator/innen: Luca Lo Pinto, Nicolaus Schafhausen, Anne-Claire Schmitz
Künstler/innen: Saâdane Afif, Jacques André, Marie Angeletti, Thomas Bayrle, Barbara Bloom, Herbert Brandl, Andrea Büttner, Hans-Peter Feldmann, Camille Henrot, Michaela Maria Langenstein, Pierre Leguillon, Hanne Lippard, Maurizio Nannucci, G.T. Pellizzi, Max Renkel, Michael Riedel, Hubert Scheibl, Yann Sérandour, John Stezaker, Johannes Wohnseifer

Tino Sehgal in zwei Häusern

Werkschau: Martin-Gropius-Bau
28. Juni bis 8. August 2015
Einzelwerk: Haus der Berliner Festspiele/Foreign Affairs
25. Juni bis 5. Juli 2015

Erstmals ist Tino Sehgals Arbeit umfassend in Berlin zu sehen. Er präsentiert seine Kunst in zwei Häusern: mit einer Werkschau im Martin-Gropius-Bau und einer Arbeit, die während des internationalen Festivals Foreign Affairs im Haus der Berliner Festspiele gezeigt wird.

Wie kein anderer Künstler seiner Generation steht der Berliner Tino Sehgal für eine radikale Neubestimmung der Kunst und ihrer Erfahrung. Sehgal konstruiert Situationen anstatt materielle Objekte. Sein Medium sind die menschliche Stimme, körperliche Bewegungen und soziale Interaktion. Er war Vertreter Deutschlands bei der Biennale 2005, nahm an der Documenta 13 teil und wurde 2013 mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet.

Martin-Gropius-Bau

Im Martin-Gropius-Bau wird Tino Sehgal das Erdgeschoss des Ausstellungshauses vom 28.06. – 08.08.2015 mit einer Inszenierung bestehend aus fünf Werken bespielen. Die Ausstellung ist Mi-Mo 10:00 Uhr bis 19:00 Uhr geöffnet. Dienstag ist geschlossen. Online-Tickets für die Ausstellung erhalten Sie unter www.gropiusbau.de/tickets

Haus der Berliner Festspiele

Im Haus der Berliner Festspiele ist im Rahmen des internationalen Theater-und Tanzfestivals Foreign Affairs ein weiteres Werk von Tino Sehgal zu sehen:
„This Progress“, Do 25.06. bis So 05.07.2015, 17:00 Uhr bis 21:00 Uhr (außer 29.06.)
Tickets sind nur an der Abendkasse des Hauses der Berliner Festspiele erhältlich.

 

 

THE DAY WILL COME WHEN MAN FALLS

PHILLIP TOLEDANO UND WERKE AUS DER SAMMLUNG F.C. GUNDLACH

HAUS DER PHOTOGRAPHIE

Die Deichtorhallen Hamburg zeigen zwei
Ausstellungen im Rahmen der 6. Triennale der Photographie. Im Fokus
stehen verschiedene Werkgruppen des New Yorker Fotografen Phillip
Toledano, der gesellschaftsrelevante und persönliche Zukunftsvisionen
entwickelt. Ergänzt wird die Schau durch eine Kabinettausstellung mit
rund 50 Porträts aus der Sammlung F.C. Gundlach, dem Initiator der
Triennale der Photographie in Hamburg. Auf dem Deichtorhallen-Platz
wird zudem in Form eines Container-Dorfs das Zentrum des
Fotografie-Festivals sein.

Der 1968 in London geborene und seit mehr als zwanzig Jahren in New
York lebende Fotograf Phillip Toledano beschäftigt sich mit Sujets,
die in der inneren Landschaft alltäglicher Gedanken zwar fest
verankert sind, aber gern weiträumig umschifft, verdrängt oder
gänzlich ausgeblendet werden. Alter und Abschied, verschüttete und
ans Tageslicht gezerrte Erinnerungen, gesellschaftliche Isolation, die
Möglichkeiten, der Sterblichkeit mit Hilfe medizinisch-technischen
Fortschritts zu trotzen: In seinen sorgfältig und hoch artifiziell
inszenierten fotografischen Bildserien beschäftigt sich Phillip
Toledano mit aktuellen Themen, die herausfordern und oft stark
konfrontativ nachwirken.

So begleitet Toledano in seiner Serie Days With My Father (2006-2009)
tagebuchartig die letzten drei Jahre im Leben seines an Demenz
erkrankten Vaters, wobei immer wieder Aspekte der einstmals vitalen,
ehrgeizigen und attraktiven Persönlichkeit im nun pflegebedürftigen
und hilflosen Vater aufscheinen. Die Serie Phonesex (2008-2009)
inszeniert Telefonsex-Operateure im privaten Ambiente ihrer Wohnung,
die zugleich Arbeitsplatz ist. Die begleitenden Interviewsequenzen
geben vor dem Hintergrund der illusionären sexuellen Komplizenschaft
mit dem Kunden erstaunliche Einblicke in ihr Selbstverständnis und
ihre Kreativität. Die Protagonisten der Serie A New Kind of Beauty
(2008-2010) haben durch plastische Chirurgie tiefgreifende und
irreversible Veränderungen bis zur nahezu kompletten Überstaltung
des gesamten Körpers an sich vornehmen lassen. Für seine Serie Maybe
(2011-2015) erarbeitete Toledano auf der Basis von DNA-Tests und
Gesprächen mit Psychologen und Wahrsagern über mögliche
Zukunftsperspektiven mittels eines Teams von Maskenbildnern und
Schauspielunterricht aufwendige fotografische Szenarien und kurze
Filmsequenzen, in denen er sich selbst in unterschiedlichste
Lebensstadien und -situationen versetzt.

Toledanos Arbeiten wirken direkt und provokativ, weil sie die
Charakteristik einer sich durch den stetigen Zuwachs narzisstischer
Tendenzen auszeichnenden westlichen Welt entlarven. Oft von
begleitenden Texten pointiert, durchkreuzen seine teilweise narrativ,
teilweise filmisch angelegten Bildstrecken nicht nur wirkungsvoll
Selbstdefinitionen wie Erfolg, Macht, Jugendlichkeit, Schönheit und
Konsum, sondern unterlaufen und betonen sie.

Die Ausstellung umfasst etwa 160 Arbeiten aus sechs ausgewählten,
teils noch nie vorher ausgestellten Bildserien sowie sechs Kurzfilme
und einen im Jahr 2015 fertiggestellten Dokumentarfilm, der auf dem
Tribeca Filmfestival in New York City diesen April Premiere feierte.

Ergänzend und kommentierend ist die begleitende Kabinettausstellung
mit Werken aus der Sammlung F.C. Gundlach angelegt. In der Auswahl der
Selbstportraits von Andy Warhol, Cindy Sherman, Nan Goldin, Lee
Friedlander und John Coplans offenbart sich das Spiel mit dem
Selbstbild der Fotografen im Sinne bewusst gewählter
Selbstinszenierung. Höchste Subtilität durchsetzt die Portraits wie
sie von Diane Arbus, August Sander, Nicholas Nixon, aber auch
Katharina Bosse, Erwin Blumenfeld oder Pepa Hristova in Reaktion auf
die abgebildete Person und ihr Umfeld entstanden. Die zum Großteil
frontal wiedergegebenen Portraitierten werfen dabei konfrontativ
nachwirkend immer wieder interessante Fragestellungen nach der
jeweiligen Position und Befindlichkeit des Betrachters auf.