REBECCA HORN

Black Moon Mirror

Rebecca Horn (*1944) gehört heute sicherlich nicht nur in ihrem
Geburtsland Deutschland, sondern auch international zu den
bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart. Zahlreiche große
Ausstellungen in den wichtigsten Museen weltweit und viele
renommierte Kunstpreise belegen dies eindrucksvoll. Daher ist es
eine besondere Freude für die Galerie Thomas Modern, Rebecca
Horn in Deutschland zu präsentieren und eine von der Künstlerin
eigens für die Räume der Galerie konzipierte umfangreiche
Ausstellung zeigen zu können.
Wie kaum eine andere Künstlerposition der Gegenwart zeigt das Werk der
Künstlerin Rebecca Horn nicht einzelne Arbeiten, sondern einen ganzen Strom
von Werken, die alle untereinander in Resonanz und Bezug stehen. Seit ihren
Anfängen verbindet sie Performances, Skulpturen, Filme, Malereien und
Gedichte, die immer wieder ihre Bilder und auch ihre choreographischen
Raumkompositionen aus beweglichen Skulpturen begleiten und längst in
eigenen Gedichtbänden erschienen sind.
Für die Galerie Thomas Modern hat Rebecca Horn eine eigene
Ausstellung konzipiert, die nicht nur ungewöhnlich umfangreich,
sondern in einer neuen Form theatralisch aufgebaut ist. Eine erste
große skulpturale Komposition, Konzert der Seufzer, bildet den ersten
großen Raum. Diese Arbeit gehört zum Werk von Rebecca Horn seit
ihrer Teilnahme an der Biennale von Venedig 1997 und wird
manches Mal an ausgesuchten Orten neu gefasst, denn die Substanz,
der eigentliche Körper der Skulptur wird zusammengetragen aus
Baumaterialien der jeweiligen Stadt. Sodass die Kupferröhren und
–trichter, in denen dann die Seufzer zu hören sind, aus einer
gegenwärtigen Schichtung herauswachsen. Ein babylonisches
Sprachgewirr, ein Konzert aus Stimmen ist zu vernehmen – so etwa die
Stimmen des englisch-irischen Schauspielers David Warrilow, des
Interpreten und Freundes von Samuel Beckett; des amerikanischen
Schauspielers Taylor Mead, des Freundes von Andy Warhol,
Cinéma Vérité 2005
oder auch der jugoslawischen Künstlerin Marina Abramovic. Kubanische, chinesische, französische, spanische
Stimmen vermischen sich zu einem Klangteppich von Klagen und Alpträumen, die Rebecca Horn auf ihren Reisen
gesammelt hat.
Im zweiten Raum der Ausstellung erlebt der Betrachter eine
Befreiung aus diesem Traumknäuel, wenn er in großer Stille vor
dem schwarzen Bassin des Cinéma Vérité steht, das dieser
Ausstellung den Titel gibt, nämlich Black Moon Mirror.
Wie verzaubert erlebt der Besucher, wie die glatte Wasseroberfläche
von einer winzigen Bewegung gestört wird: vom
Rand her schnellt eine feine Kupferschlange vor und berührt sie.
Die Wasserringe werden mit einem einzigen Lichtstrahl als
konzentrisch sich ausdehnende Wellen auf die Wand projiziert.
Nichts ist erfunden, nichts hinzugefügt und doch entsteht auf
der Wand ein Tanz fremder Zeichen.
Ein dritter Raum dieser Ausstellung schließlich reflektiert die
Transformation eines abgebrochenen in Bronze gegossenen
Astes. Diese Skulptur birgt in ihrer Mitte einen Kranz metallener
Stäbe, die in ihrer Bewegung für einen Augenblick nur einen
leeren Innenraum bilden. Die leere Mitte wird zu einem
Ausgangpunkt, einem verborgenen Ort, den es zu schützen gilt.
Der Baum zentriert im Sonnengeflecht von 2014, erinnert
daran, welche Energie darin liegt, sich für einen Moment mit
seinem eigenen Zentrum zu verbinden.
Diese drei Räume werden begleitet von den großen Malereien und Gouachen, die mit ihren Schwingungen von
Zeichen und fliegenden Pinselsetzungen ganz andere Sphären öffnen, sodass die skulpturalen Ereignisse in neue
übergreifende Dimensionen überführt werden. Wer durch diese Ausstellung geht, wird begreifen, dass dieses
Werk aus einer beständigen Bewegung lebt, alles ist Teil eines großen Stroms, alles ist Teil eines großen sich
immer wieder wandelnden Raumgefüges.
Text: Doris von Drathen

RealSurreal. Meisterwerke der Avantgarde-Fotografie

Das Neue Sehen 1920 – 1950. Sammlung Siegert

Bildet Fotografie die Wirklichkeit naturgetreu ab, oder ist sie ein inszeniertes Bild? Das Kunstmuseum Wolfsburg
beantwortet die Frage im 175. Jubiläumsjahr der Erfindung der Fotografie mit einem umfas¬senden Blick auf die
Avantgarde-Fotografie zwischen 1920 und 1950. Präsentiert werden mit der Aus¬stellung RealSurreal rund
200 Meisterwerke aus der in diesem Umfang noch nie gezeigten, bedeutenden Münchner Sammlung Siegert zur
Fotografie des Neuen Sehens zwischen Neuer Sachlichkeit und Surrealismus in Deutschland, Frankreich und der
Tschechoslowakei. Ausgehend von einem Prolog mit beispielhaften Fotografien des 19. Jahrhunderts lässt sich im
Kunstmuseum Wolfsburg anhand seltener Originalabzüge bedeutender Fotografen die Bandbreite und Vielschichtig-
keit der Fotografie zwischen real und surreal neu entdecken. Dazu machen historische Fotobücher und Zeitschriften
sowie seltene Künstlerbücher und Beispiele avantgardistischer Umschlaggestaltungen den neuen Blick auf die Welt
erlebbar. Einige berühmte Filmbeispiele von Luis Buñuel, László Moholy-Nagy, Hans Richter u. a., die in einem
45-minütigen Loop permanent in der Ausstellung gezeigt werden, machen auf die fruchtbare Wechselbeziehung zwischen
Avantgarde-Fotografie und dem Kino dieser Zeit aufmerksam.

REKORDAUKTION MIT ZEITGENÖSSISCHER KUNST

Weltrekord für Maria Lassnig sowie Giuseppe Uncini im Dorotheum

Martin Kippenberger, Ohne Titel erzielter Preis € 873.000, Paolo Scheggi, Zone riflesse € 454.400, Robert Indiana, NUMBERS ONE through ZERO € 969.419, Lucio Fontana Concetto spaziale, Attese  € 769.500, Maria Lassnig, „Der Wald“ € 491.000 Weltrekord

Die Abendsession zeitgenössischer Kunst am 26. November 2014 war die beste Auktion dieser Sparte in der Geschichte des Dorotheum. Nahezu alle der rund 100 internationalen wie österreichischen Kunstwerke fanden nach langen Bietgefechten, vor allem am Telefon, neue Besitzer.

Die Auktion wurde zu einem fulminanten Erfolg für das Werk Maria Lassnigs: Den Weltrekordpreis von 491.000 Euro erreichte ihr Gemälde „Der Wald“ von 1985, mit 417.800 Euro war ein Stillleben mit rotem Selbstporträt erfolgreich, drei weitere Gemälde der Künstlerin wechselten ebenfalls nach hohen Ansteigerungen die Besitzer.

Das Titellos des Auktionskataloges, Robert Indianas Skulpturenserie NUMBERS ONE through ZERO erreichte hervorragende 969.419 Euro, für Martin Kippenbergers Gemälde aus der Serie „Fred the Frog“ gab es 873.000 Euro. Weitere Spitzenpreise: 769.500 für Lucio Fontanas „Concetto spaziale“, 588.533 Euro für eine Arbeit von Sigmar Polke.

295.800 Euro für ein 1961 entstandenes Stahlbeton-Zement-Eisenbild von Giuseppe Uncini bedeuten einen Weltrekordpreis für diesen Künstler.
Pressemitteilung Dorotheum

Etel Adnan. Berge schreiben

Mit der Ausstellung Berge schreiben stellt das Museum der Moderne Salzburg
das Werk der international renommierten Künstlerin und Schriftstellerin Etel
Adnan erstmals umfassend in Österreich vor.
Das Museum der Moderne Salzburg präsentiert als
erste Institution in Österreich das vielseitige Werk von Etel Adnan, die 1925 in Beirut
(Libanon) geboren wurde und nach Stationen in Paris, New York und Sausalito in
Kalifornien derzeit wieder in Paris lebt. Adnan hat sich als Schriftstellerin, Dichterin,
Künstlerin und Kulturredakteurin international einen Namen gemacht. Zu Adnans
wichtigsten Büchern zählen Sitt Marie-Rose (1977), Arabische Apokalypse (1980)
und Reise zum Mount Tamalpaïs (1986).
Bereits 1959 beginnt Adnan, sich parallel zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit der
bildenden Kunst zu widmen. Anhand einer Auswahl von rund zweihundert Werken
zeichnet die Ausstellung die künstlerische Entwicklung Etel Adnans von den 1960er-
Jahren bis heute nach und umfasst Medien wie Malerei, Arbeiten auf Papier,
Tapisserie und Film. Tonaufnahmen sowie eine Auswahl ihrer Publikationen, die in
zahlreichen Sprachen erschienen sind, komplettieren die Werkschau. „Seit ihrer
beeindruckenden Präsentation auf der Documenta 13 2012 in Kassel ist das
malerische Werk von Etel Adnan in aller Munde und wird in Ausstellungen auf der
ganzen Welt gezeigt. Ich freue mich daher, dass die Künstlerin unserer Einladung
gefolgt ist und wir ihr erstmals in Österreich eine umfangreiche Ausstellung widmen
können“, so Sabine Breitwieser, Direktorin des Museum der Moderne Salzburg. „Wir
zeigen damit erneut, wie verstrickt die verschiedenen Disziplinen miteinander sein
können, und wie bereichernd ein künstlerischer Blick aus einer hier noch weniger
bekannten Perspektive sein kann.“ Kuratorin Tina Teufel erläutert „das Schreiben
wird im arabischen Raum als magische Kunst angesehen. Für Etel Adnan ist es
außerdem eine Art zu zeichnen. Die Ausstellung Berge schreiben unterstreicht diese
enge Verbindung zwischen dem Literarischen und Bildkünstlerischen.“
Den Großteil der Ausstellung nehmen Adnans kleinformatige Gemälde ein. Ihr durch
Farbflächenmalerei geprägtes Frühwerk, das an Architektur erinnert, wird oft mit dem
von Nicolas de Staël verglichen. Werke von Paul Cézanne, Paul Klee und Pablo
Picasso finden darin stilistischen Widerhall. „Malen ist für mich die Liebe zur Welt“,
sagt Etel Adnan. Seit jeher üben Berge eine besondere Faszination auf Etel Adnan
aus und stellen daher das Leitmotiv in der Ausstellung dar. Eine wichtige Quelle ihrer
Inspiration ist der Mount Tamalpaïs nördlich von San Francisco, den Etel Adnan
tagtäglich von ihrem Arbeitszimmer aus beobachten konnte und der für sie zu einer
Art „Zuhause“ wurde. Dieser Berg steht Pate für ihre Auslotung kontrastreicher
Farben und der Grenzen zur Abstraktion. So wirken Adnans Bilder wie Seelenlandschaften,
in denen die poetische Sprache der Künstlerin eine visuelle
Entsprechung findet. Durch ihre flüchtige Arbeitsweise repräsentieren Adnans Werke
die Unmittelbarkeit ihres ästhetischen Ausdrucks. Sie sind Studien zu Farbe und
Form sowie Skizzen zu Landschaften, insbesondere zum Mount Tamalpaïs. Über die
Jahre entstanden so tausende Arbeiten, die den Berg in unterschiedlichen Farben,
Lichtsituationen, Jahres- und Tageszeiten zeigen.
Einen besonderen Stellenwert innerhalb ihres Schaffens nehmen seit 1964
Leporellos ein. Adnan empfindet das Schreiben als eine Art zu zeichnen. Auf
japanischem Papier, das wie traditionelle Emakimonos harmonikaartig in Buchform
gefaltet wird, vereint die Künstlerin Schrift und Bild, Text und Zeichnung. Etel Adnan
greift hier meist auf Gedichte zeitgenössischer arabischer Dichter, wie Badr Shakir
Al-Sayyab, zurück. Selten wählt die Künstlerin eigene Texte für ein Leporello, wie in
Reise zum Mount Tamalpaïs (2008) das in der Ausstellung zu sehen ist.
Seit den späten 1950er-Jahren gestaltet Adnan auch Teppiche und Tapisserien. Ein
Großteil ihrer Entwürfe entstand für öffentliche Gebäude, unter anderem für die
Bibliothek des Dominican College in San Rafael (Kalifornien), in dem die Künstlerin
Philosophie unterrichtete. Daher betrachtet sie Adnan als eine Form von Kunst im
öffentlichen Raum. Technisch entsprechen die Tapisserien den klassischen,
gewobenen Kelims aus dem Vorderen und Mittleren Osten, die auf eine
jahrhundertelange, vorislamische Tradition zurückgehen. Besonders wichtig ist ihr, in
Anlehnung an Wassily Kandinsky, die Bewegtheit der Farben sichtbar zu machen.
Das Einfangen ihrer persönlichen Wahrnehmung ist Thema in etwa siebzig
Kurzfilmen, die Etel Adnan in den 1980er-Jahren auf Super-8-mm-Film gedreht hat.
In dem insgesamt etwa zweistündigen Filmmaterial zeichnete sie scheinbar
unbedeutende Augenblicke und Beobachtungen auf: den Mount Tamalpaïs, den
Pazifischen Ozean, Vögel bei ihrem Flug über den Berg. In New York stand Adnan
ein Apartment im 34. Stock zur Verfügung, von dem aus sie mehr als sieben Brücken
sehen konnte. Sie filmte diese Brücken, den Fluss und vorbeiziehende Schiffe.
Ebenso nahm sie Naturphänomene wie Sonnenuntergänge, Wasserfälle oder den
Nebel auf. Den Fokus legt sie dabei nicht auf das Sujet, sondern auf das
eingefangene Licht, die Farben und die Bewegung.
Mit ihren Arbeiten setzt sich Etel Adnan vielseitig über sprachliche, kulturelle und
geografische Grenzen hinweg. Dessen unterschiedliche Ausdrucksweisen stellen
Facetten ihrer Identität dar, welche die Künstlerin als einen sich ständig wandelnden
Prozess ansieht.
Kuratorin: Tina Teufel, Kuratorin, Museum der Moderne Salzburg

Lynn Hershman Leeson – CIVIC RADAR

Lynn Hershman Leeson gilt als eine der ersten und einflussreichsten MedienkünstlerInnen. Innerhalb
der vergangenen vier Jahrzehnte hat Lynn Hershman Leeson in den Bereichen Fotografie, Video, Film,
Performance, Installation sowie interaktiver wie auch netzbasierter Medienkunst Wegweisendes geleistet.
Ihre Werke wurden weltweit in mehr als 200 großen Ausstellungen gezeigt und befinden sich in den
Sammlungen namhafter Museen und privater Sammler. In enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin
realisiert das ZKM | Karlsruhe nun die erste, umfassende Retrospektive ihres bisherigen Schaffens.
Die Ausstellung, die von Peter Weibel und Andreas Beitin kuratiert wurde, gibt einen Überblick über die
verschiedenen Schaffensphasen der Künstlerin. Sie gewährt erstmals nicht nur einen Blick auf ihre frühen
Werke, die noch nie ausgestellt wurden, sondern präsentiert auch die neuesten Produktionen der innovativen
Künstlerin.

Karl der Große

1200 Jahre Mythos und Wirklichkeit

Die Ausstellung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt findet anlässlich des 1200sten Todesjahres Karls des Großen 2014 statt und ist damit Teil einer Reihe nationaler und internationaler Ausstellungen über den Karolinger in seinem Jubiläumsjahr.

Inhaltlich setzt sich die Ausstellung mit der Rezeption, der anhaltenden Wirkungsgeschichte Karls des Großen als Person, als Idee oder als Mythos durch die Jahrhunderte auseinander. Wie ist er heute in unserem Bewusstsein verankert und auf welche Weise wird er im öffentlichen Leben wahrgenommen? Die Geschichte seiner Rezeption wird auf vielfältige Art von historischen und zeitgenössischen Objekten belegt sowie durch den Einsatz neuer Medien belebt.

Vier Themenbereiche, die inhaltlich und chronologisch aufeinander aufbauen und miteinander verbunden sind, prägen die Ausstellung. Sie zeichnen eine Abfolge der Rezeption Karls des Großen vom Kunsthandwerk über Reformen, über verschiedene Literaturauffassungen in Frankreich und Deutschland, über den Historismus, die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus bis heute zum Kult um seine Person als „Vater Europas“ nach.

Dr. Bernhard Pinsker, Kustos für Archäologie und Kurator der Ausstellung

Annette Zeeb M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin

 

 

 

Paul Sharits + Eric Baudelaire

Paul Sharits
Eine Retrospektive
23.11.14 – 22.02.15

“I wish to abandon imitation and illusion and enter directly into the higher drama of: celluloid, two-dimensional strips; individual rectangular frames; the nature of sprockets and emulsion; projector operations; the three-dimensional light beam; environmental illumination; the two-dimensional reflective screen surface; the retinal screen, optic nerve and individual psycho-physical subjectivities of consciousness.”
Paul Sharits, 1967

Aus exakt komponierten 16-mm-Filmen schuf der US-amerikanische Experimentalfilmer Paul Sharits (1943–1993) einzigartige Filmräume, die in ihrer Komplexität und Dichte einmalig in der Kunstgeschichte sind. Seine Installationen aus Mehrfachprojektionen (locational film pieces) lassen Film nicht nur zu einer visuellen, sondern auch zu einer körperlichen Erfahrung werden. Akribisch arrangierte Farbkompositionen (Shutter Interface, 1975), irreführende Film-im-Film-Darstellungen (3rd Degree, 1982) sowie von drastischen Motiven durchschossene Abstraktionen (Epileptic Seizure Comparison, 1976) bilden die Grundlage seines Nachdenkens über die Funktionen und Bedingungen des Mediums Film. Sharits vereint in seinem Werk eine die Sinne durchdringende Intensität gekonnt mit Reflexionen über die filmische Illusion und die Mechanismen des Sehens.
Ganz auf seine Grundbestandteile reduziert, lässt Sharits in seinen Frozen Film Frames den Film schwebend zur Skulptur gefrieren: Zwischen hängende Plexiglasscheiben sind dicht an dicht liegende Filmstreifen montiert, deren Abfolge sowohl vertikal als auch horizontal betrachtet werden kann. Sharits führt den Film auf seine Grundbestandteile Zelluloid und Licht zurück und entzieht ihm gleichsam seine Grundbedingungen Zeit und Bewegung.
Analog zu seinen filmischen Arbeiten setzt er sich auch in zahlreichen grafischen Partituren intensiv mit analytischen wie rhythmischen Farbkompositionen auseinander. Mit seinen aus Millimeterpapier und Filzstift gefertigten Diptychen und Serien stellt er den Filmen Studien beiseite und erschafft zugleich eine ganz eigene Notation des Films.
Anfang der 1980er Jahre wendet sich Sharits in seinem künstlerischen Schaffen wieder verstärkt seinen Ursprüngen in der Malerei zu. Auch hier stehen für ihn die Funktion und die Bedingungen des Mediums im Vordergrund und abstrakte Kompositionen finden sich im Wechsel mit drastischen gegenständlichen Darstellungen.
Die Retrospektive von Paul Sharits vereint erstmals vier Filmräume (locational film pieces) in einer Ausstellung. Neben einfachen Filmprojektionen, diversen Frozen Film Frames und zahlreichen Zeichnungen werden auch das malerische Spätwerk sowie viele noch nie präsentierte Arbeiten gezeigt. Das Fridericianum widmet Paul Sharits die weltweit erste umfassende Retrospektive.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König. Neben Beiträgen von Paul Chan, Tony Conrad, Birgit Hein, Bruce Jenkins, Branden W. Joseph, Helen Marten, Jonas Mekas, Susanne Pfeffer und Melissa Ragona enthält die Publikation Schriften und zum Teil unveröffentlichte filmtheoretische Essays von Paul Sharits sowie ein umfangreiches Werkverzeichnis.

Kuratiert von Susanne Pfeffer

Eric Baudelaire
FRMAWREOK
FAMREWROK
FRMAEOWRK
FOMARERWK
23.11.14 – 22.02.15

Die Filme, Fotografien und Installationen von Eric Baudelaire (* 1973) inspizieren die Rahmenbedingungen von Geschichtsschreibung. Wie formen die Produktionsprozesse, die einem Filmbild, einer Geschichte, einem Porträt oder einem Dokument zugrunde liegen, die Realität, die sie darstellen? In Baudelaires Arbeiten werden die versteckten Fundamente der Medien, Dokumentvorlagen und Ideologien, mit denen wir Geschichte, Gegenwart und Zukunft konstruieren, in Bewegung versetzt und selbst Teil des Bildes. Dabei entstehen fiktive Dokumentationen und dokumentarische Fiktionen: Ein Dokument verwandelt sich in ein gerahmtes Bild, eine Filmimprovisation kollidiert mit ihrem ausgestellten Drehbuch, ein dokumentarisches Filmporträt zeigt keine Porträtbilder der Porträtierten, ein analytisches Diagramm wird zu einem Tapetenornament.
Baudelaires erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland zeigt drei Kapitel von Arbeiten, die sich mit den Beziehungen der japanischen Nouvelle Vague und der Japanischen Roten Armee, zwischen Tokio und Beirut, revolutionärem Filmschaffen und terroristischem bewaffnetem Kampf auseinandersetzen. In Zusammenarbeit mit Masao Adachi – einem Protagonisten der japanischen Avantgarde-Filmbewegung und ehemaligen Ideologen der Japanischen Roten Armee – hat Baudelaire zwei Filme realisiert, die den Verstrickungen von militanter Politik und Ästhetik nachgehen: Die Anabasis von May and Fusako Shigenobu, Masao Adachi und 27 Jahre ohne Bilder (2011) und The Ugly One (2013).
Mit FRMAWREOK FAMREWROK FRMAEOWRK FOMARERWK schafft Baudelaire ein neues Kapitel zu den Arbeiten und ihren Installationen, eine Ebene, die den Ursprung seines Interesses an diesen Fragestellungen buchstäblich in den Vordergrund rückt. Auf über 200 Meter langen Tapetenbahnen präsentiert der Künstler und Politologe seine enorme Sammlung sozialwissenschaftlicher Grafiken und Tabellen, die das schwer fassbare Phänomen des Terrorismus zu ergründen suchen. Diesen Bilderfundus lässt Baudelaire auf seine mit anderen Mitteln aber ähnlichem Ziel produzierte künstlerische Bildwelt treffen.

Kuratiert von Nina Tabassomi

HAUS-RUCKER-CO

ARCHITEKTURUTOPIE RELOADED

HAUS-RUCKER-CO

Haus-Rucker-Co, Environment Transformers, Vienna , 1968 © Haus-Rucker-Co, Gerald Zugmann

Aufbruch und Lebenseuphorie wichen in den 1970er Jahren Horror-Szenarien von Umweltschäden und Luftverpestung, die die Überlebenschance auf der Erde über kurz oder lang nur noch mit Atemgeräten oder in abgeschlossenen Schutzreservaten möglich erschienen ließen. Das Vertrauen in Technik und Kreativität waren jedoch so groß, dass selbst diese Bedrohungen lösbar erschienen.
Haus-Rucker-Co begann 1967 in Wien an einem radikal neuen Architekturbegriff zu arbeiten. Die zunächst drei und später vier Beteiligten Laurids Ortner, Günter Zamp Kelp und Klaus Pinter, die ab 1971 durch Manfred Ortner und Carol Michaels unterstützt wurden, hatten die Wiener Hochschule gerade hinter sich. Die Gruppe entwickelte utopische Objekte zur Erweiterung von Wahrnehmung und Kommunikation. Ihre interaktiven „Mind-Expander“ und pneumatischen Luft-Architekturen sorgten Ende der 1960er Jahre für großes internationales Aufsehen. Heute wird die ver-rückte Welt („Rucker“ = Weiter-rücken) von Haus-Rucker-Co vielfach von jüngeren Zeitgenossen wie Tomás Saraceno, Ólafur Elíasson, Hussein Chalayan, RAUMLABOR u.a. zitiert und weitergedacht.

„Architekturutopie Reloaded“ wirft einen ausführlichen Blick auf die innovative Kraft der Gruppe Haus-Rucker-Co zwischen 1967 und 1977. Dabei stammen die Leihgaben größtenteils aus den inzwischen in Berlin befindlichen Archiven der Architekten und Gründer der Gruppe, Günter Zamp Kelp, Ortner & Ortner. Mit begehbaren pneumatischen Räumen, Zeichnungen, Dokumentationen und originalem Filmmaterial vermittelt die Ausstellung die heute wieder aktuelle Atmosphäre nachhaltiger Gestaltung im Raumfahrt Stil der 1960er Jahre. Im begleitenden Katalog werden die Ursprünge der Labor- und Weltraumästhetik der 1960er bis in die 2000er Jahre zurückverfolgt, sowie nach der heutigen Relevanz von HRC gefragt.

Ausstellung Günter Zamp Kelp und Katja Blomberg
Ko-Kurator Ludwig Engel

Katalog Deutsch und Englisch, hrsg. Katja Blomberg, Verlag Walther König. Mit Beiträgen von Florian Heilmeyer und Ludwig Engel.
Gefördert aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, durch das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin; aus Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten; Freunde und Förderer des Hauses am Waldsee e.V.
Medienpartner

Isa Genzken. Neue Werke

Das Museum der Moderne Salzburg stellt eine neue sensationelle Werkgruppe
der deutschen Künstlerin Isa Genzken als weltweite Premiere vor.
In dieser Fokusausstellung wird erstmalig eine neue
Werkgruppe aus rund zwanzig Skulpturen und Wandarbeiten präsentiert, die die
international gefeierte deutsche Künstlerin Isa Genzken eigens für diesen Anlass
geschaffen hat. Isa Genzken (geboren 1948 in Bad Oldesloe, lebt in Berlin) ist eine
der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen, die ihr Werk im Kontext
Nachkriegsdeutschlands in einem kritischen Dialog mit der europäischen und der
US-amerikanischen Kunst entwickelte. „Über einen Zeitraum von inzwischen vier
Dekaden hat sie ein Werk geschaffen, das sich gleichermaßen durch permanente
Erneuerung und innerhalb der unterschiedlichen Werkgruppen durch eine überaus
spezifische künstlerische Arbeitsweise und eine unverwechselbare Sprache
auszeichnet“, fasst Sabine Breitwieser, Direktorin am Museum der Moderne Salzburg
und Kuratorin der Ausstellung, zusammen. Sie konnte Isa Genzken, deren Werk seit
den 1970er-Jahren in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen auf der ganzen
Welt präsent ist, aufgrund ihrer langjährigen Zusammenarbeit für diese Premiere in
Salzburg gewinnen. Bereits 1996 widmete sie Genzken eine große Werkschau in der
Generali Foundation. Genzkens jüngste, überaus erfolgreiche Retrospektive in den
Vereinigten Staaten, die – von Sabine Breitwieser ko-kuratiert – am Museum of
Modern Art in New York ihren Ausgang nahm und anschließend ans Museum of
Contemporary Art in Chicago tourte, ist derzeit noch bis Anfang Januar 2015 am
Dallas Art Museum zu sehen.
Mit ihren in regelmäßigen Abständen völlig neu konzipierten Werken löst Isa
Genzken stets Diskussionen aus. Ihre einzelnen Werkgruppen treten auf wie
Protagonisten in einem Spiel mit offenem Ende, in dem Elemente des Persönlichen,
Autobiografischen und Fiktiven sich in einer bislang ungekannten Dialektik
zusammen mit technisch-wissenschaftlichen Prinzipien und dem Konstruktiven
formieren. In der jüngsten Retrospektive entfaltete sich jedoch ein Gesamtwerk, das
sich als in sich schlüssig erwies. Auch die neue Werkgruppe schließt, trotz aller
Überraschungseffekte, an die Suche der Künstlerin nach einer zeitgemäßen Skulptur
an. Die Ausstellung umfasst 16 freistehende Skulpturen, zwei Boden- und sieben
Wandarbeiten, die ungewöhnlich inszeniert sind. Sie bilden eine Art Prozession, die
die Besucher_innen vom Treppenhaus bis in den Skulpturenbereich auf Ebene 2
führt, wo der Parcours mit Wandarbeiten aus Spiegelfolie und Klebebändern endet.
In den 1970er-Jahren suchte Genzken – als Reaktion auf den russischen und
sowjetischen Konstruktivismus und den amerikanischen abstrakten Expressionismus
– nach einer zwar europäischen, aber doch international relevanten Antwort auf den
Minimalismus. Sie schuf in aufwendigen Arbeitsprozessen hergestellte Skulpturen,
bis zu zehn Meter lange Ellipsoide und Hyperbolos aus Holz in unterschiedlich
behandelten Oberflächen und Farben, die den Boden nur am Mittelpunkt oder an den
beiden äußersten Punkten berühren. Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Formen und
Dimensionen konnten diese Skulpturen nie vollständig von einem Punkt im Raus aus
erfasst werden. Die Betrachter_innen wurden dazu veranlasst, ihr Verhältnis zu den
Arbeiten in Form einer räumlichen Begehung zu bestimmen. In scheinbar völliger
Abkehr vom Prinzip der auf mathematischen Berechnungen basierenden und auf die
Ausführung durch Spezialist_innen angewiesenen Werke begann Genzken in den
1980er-Jahren, mit Gips- und Betongüssen zu arbeiten – sie entschloss sich damit zu einem künstlerischen Arbeitsprozess, den sie allein kontrollieren konnte. Diese an
Ruinen erinnernden Skulpturen nahmen Architekturformen wie Fenster und Türen an
und fanden später in Epoxidharzgüssen, die die innere Metallstruktur offenlegten,
ihre Fortsetzung. In dieser Zeit begann Genzken, auch Arbeiten für den öffentlichen
Raum zu entwickeln und mit Film zu arbeiten. Parallel zu ihrer bildhauerischen Arbeit
hat sich Genzken auch immer mit Malerei und Fotografie beschäftigt. Ihre Gemälde
aus den Basic Research- und MLR-Serien, die in Frottage- und Sprühtechnik
entstanden sind, sowie ihre Fotoarbeiten auf Basis von Röntgenbildern nehmen
inzwischen den gleichen Stellenwert wie ihre Skulpturen ein.
Von hier war es ein relativ kleiner Schritt zu jener Arbeitsweise, die Genzken seit den
2000er-Jahren verfolgt, nämlich zur Herstellung von Werkensembles in Form einer
von ihr eigens entwickelten Assemblage-Technik: Skulpturen und Wandarbeiten aus
Materialien aus dem Baumarkt oder aus Dekorgeschäften werden zu Dioramen
zusammengefügt und mit Sprühfarbe akzentuiert. „Ich wollte immer den Mut haben,
etwas ganz anderes, ganz und gar Verrücktes und Unmögliches oder auch Falsches
zu tun. (…) Film ist für mich die Verbindung von allen Künsten und möglicherweise
auch die öffentliche Kunst, d. h. die am meisten gesehene. Das macht den Film so
attraktiv, um für ihn wirklich neue Ideen zu entwickeln“, deklariert sich Isa Genzken in
einem Interview Mitte der 1990er-Jahre. In zahlreichen Assemblagen der letzten
Dekade, wie zum Beispiel in Empire/Vampire. Who Kills Death (2002–2004) oder in
der Serie Kinder Filmen (2005) und in ihren Schauspielern (2012) – den Vorläufern
zur neuen Werkgruppe, die in Salzburg Premiere hat – führt sie uns Film als Diorama
und Filmset von seltsamen, der Konsum- und Warenwelt entnommenen Gestalten
und Formen vor. Wie sie selbst sagt, will sie „Skulpturen machen, die eine Filmszene
darstellen, also Modellcharakter haben, nicht Skulpturen im traditionellen Sinn,
sondern in einer Bewegung der Figuren und der Perspektive“.
Die Ausstellung ist eine Koproduktion von Museum der Moderne Salzburg und MMK
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main.
Kuratorinnen: Sabine Breitwieser, Direktorin, Museum der Moderne Salzburg;
Susanne Gaensheimer, Direktorin, MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am
Main

EL GRECO EXPRESSIV

Mit El Grecos »Entkleidung Christi« ist zum ersten Mal ein Werk der Alten Pinakothek in der Pinakothek der Moderne zu sehen. Das Gastspiel führt ein denkwürdiges Phänomen vor Augen: Um 1910 feierte eine junge expressionistische Malergeneration El Greco begeistert als Propheten der Moderne.

München hatte an dieser Sicht auf El Greco gewichtigen Anteil. Die »Entkleidung Christi« wurde bereits 1909 für die Alte Pinakothek erworben und 1911 ebenda mit weiteren Gemälden El Grecos in der einflussreichen Ausstellung der Sammlung Nemes präsentiert. Das beim Publikum sehr beliebte Bild trifft nun – während der sanierungsbedingten Teilschließung der Alten Pinakothek – an neuem Ort auf eine Reihe von Werken expressionistischer Künstler, die sich ausdrücklich mit der Malerei El Grecos identifizierten. Dazu zählen etwa Heinrich Maria Davringhausen, Robert Delaunay, Wilhelm Lehmbruck und Franz Marc.

El Greco in München
Doménikos Theotokopoulos, genannt El Greco (»Der Grieche«) wurde 1541 auf Kreta geboren und verbrachte die längste Zeit seines Lebens in Spanien. In diesem Jahr wurde weltweit des 400. Todestages des Künstlers am 7. April 1614 gedacht.

Die Münchner »Entkleidung Christi« ist eine im Format kleinere Wiederholung des berühmten Altarbildes in der Sakristei der Kathedrale von Toledo. 1909 wurde die Münchner Fassung vom damaligen Direktor der staatlichen Galerien in Bayern Hugo von Tschudi erworben und sofort in die Dauerausstellung integriert; schon zu dieser Zeit galt sie als die beste der bekannten Repliken.

Von Juni 1911 bis Januar 1912 hing das Bild in der legendären Ausstellung der Sammlung des Ungarn Marczell von Nemes im Spaniersaal der Alten Pinakothek – neben acht Gemälden El Grecos aus Nemes’ Besitz sowie El Grecos »Laokoon« (heute Washington, National Gallery) als Leihgabe aus einer weiteren Privatsammlung. Viele Künstler haben sich in München vor der »Entkleidung Christi« und in der Ausstellung Nemes erstmals eine konkrete Vorstellung von der Malerei El Grecos gebildet.

El Greco im Expressionismus
Eine Reihe von Malern deutete Charakteristika der Werke El Grecos expressionistisch aus – etwa die überlängten Körper, die eigenwilligen, nicht mehr illusionistisch dargestellten Bildräume oder die dramatisch flackernden Lichtinszenierungen. Die Künstler sahen in El Greco einen visionären Außenseiter und legitimierten seine stilistischen Manierismen als genialen Protoexpressionismus.

EL GRECO EXPRESSIV stellt der »Entkleidung Christi« acht Werke von Künstlern des Expressionismus und Nachexpressionismus gegenüber. Darunter findet sich mit »Tirol« von Franz Marc ein Meisterwerk des »Blauen Reiter«. Auch weniger bekannte Künstler wie der Niederländer Adriaan Korteweg oder der Rheinländer Heinrich Maria Davringhausen lassen sich neu entdecken. Davringhausens spektakulärer »Weiblicher Akt in Architekturen« von 1916 wurde jüngst mit Unterstützung von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V. erworben und kann im Rahmen dieser Ausstellung nun erstmals in der Pinakothek der Moderne präsentiert werden.

Kuratoren: Dr. Elisabeth Hipp, Dr. Oliver Kase

EL GRECO EXPRESSIV

El Greco (Doménikos Theotokópoulos) (1541-1614)
und Werkstatt, Entkleidung Christi, zw. 1580 und 1595,
Öl auf Leinwand, 165 x 98,8 cm
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen,
Alte Pinakothek, München

Courbet > Daubigny

Das Rätsel der »Schleuse im Tal von Optevoz«

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das jüngst restaurierte Gemälde »Schleuse im Tal von Optevoz«, das vor mehr als hundert Jahren als Werk Gustave Courbets erworben wurde, und die Dokumentation seiner überraschenden, ungewöhnlichen Geschichte. Das Bild zeigt eine markante, felsige Landschaft mit einem Schleusentor, ein Stück Natur aus dem ländlichen Frankreich fernab der Metropole Paris. Die Schleuse im Tal des Amby bei Optevoz liegt im Südosten des Landes, etwa vierzig Kilometer östlich von Lyon.

An Courbet erinnern die nüchterne Auffassung der Landschaft und die pastose Ausführung einzelner Bildpartien wie Felsen und Wasser. Auch die etwas düstere, melancholische Stimmung und nicht zuletzt die Signatur Courbets haben dem Bild seit seiner Erwerbung für die Neue Pinakothek im Jahr 1909 einen festen Platz in der Courbet-Literatur gesichert. Das Motiv und die Komposition jedoch sind untrennbar mit dem Werk Charles-François Daubignys verbunden, vor allem mit der großen Fassung der »Schleuse im Tal von Optevoz« in Rouen, die 1855 im Pariser Salon ausgestellt war.

Erste Zweifel
Die Überzeugung, es hier mit einer frühen Landschaft Gustave Courbets zu tun zu haben, wurde bereits in den 1990er Jahren erschüttert, als bei einer Untersuchung des Gemäldes neben der deutlich lesbaren Signatur Courbets eine zweite, nur im Infrarotreflektogramm sichtbare Signatur Daubignys zum Vorschein kam. Daubigny hat sich mit dem Motiv der Schleuse in mehreren Werken besonders intensiv auseinandergesetzt, während man von Courbet nicht weiß, ob er diese Gegend überhaupt jemals besucht hat. Dieser Fund warf die Frage nach der Autorschaft des Gemäldes auf. Stammt es wirklich von Courbet, oder gibt es einen zweiten Maler? Jüngste Untersuchungen erwiesen dann, dass der schwere, etwas düstere Charakter der Landschaft hauptsächlich von einer Übermalung herrührt, die nicht zum ursprünglichen Bestand des Bildes gehörte, sondern nachträglich aufgebracht wurde. Dieser obersten Schicht der Übermalung gehörte jedoch auch die Signatur Courbets an.

Ab 2011 konnte mit Unterstützung der Fondation BNP Paribas und BNP Paribas Deutschland die Restaurierung des Gemäldes fortgesetzt und abgeschlossen werden. Bei der Maßnahme wurde die Übermalung in zeitaufwendiger Präzisionsarbeit unter dem Stereomikroskop vollständig abgenommen. Dabei kamen weitere Funde zum Vorschein. So zum Beispiel Streifen von Zeitungspapier, die als Randanstückung bei der Doublierung vor der Übermalung verwendet wurden, Seiten einer Pariser Tageszeitung mit Börsenkursen. Für die Frage, wann die Doublierung mit der entstellenden Übermalung erfolgt ist, konnte dies ein entscheidender Hinweis sein. In den wenigen lesbaren Fragmenten fanden sich denn auch Unternehmen und Aktiengesellschaften genannt, die erst ab den 1880er und 1890er Jahren an der Börse gehandelt wurden. Es wurde klar, dass diese Veränderung des Bildes frühestens 1894 und damit erst lange nach dem Tod Courbets erfolgt sein kann – der Künstler starb 1877. Also ursprünglich ein echter Daubigny, der postum in einen falschen Courbet verwandelt wurde?

Spannende Provenienz
Nun gehört das Gemälde aber zu jenen Werken der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts in der Neuen Pinakothek, deren Erwerbung mit dem Namen Hugo von Tschudis verknüpft ist, dem legendären Direktor der Münchner Sammlungen, der in den nur zwei Jahren seiner Tätigkeit bis zu seinem frühen Tod 1911 die Weichen für eine Öffnung der Sammlung hin zur französischen Moderne gestellt hat. Zu den Werken, die Tschudi angekauft oder deren Erwerbung durch Mäzene er in die Wege geleitet hat, gehören Meisterwerke wie Manets »Le déjeuner« und van Goghs »Sonnenblumen« – und eben auch die »Schleuse im Tal von Optevoz«. Hinzu kommt, dass das Gemälde aus einer renommierten Pariser Sammlung stammt: jener von Théodore Duret, dem namhaften Kunstkritiker, Autor und Sammler, einem Freund der Künstler, mit Courbet seit 1862 persönlich bekannt. Ein solches Bild, von einem der besten Kenner erworben, aus einer Sammlung, die für größte Authentizität zu bürgen schien, soll zweifelhaft sein?

Die Ausstellung geht diesen Fragen nach und präsentiert neben dem frisch restaurierten Gemälde der Neuen Pinakothek weitere Werke Daubignys aus französischen und deutschen Sammlungen, die das künstlerische Umfeld beleuchten. Die große Version der »Schleuse« aus dem Musée des Beaux-Arts in Rouen sowie zwei weitere Fassungen des Motivs aus dem Louvre und der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ermöglichen es, das Münchner Bild mit anderen für Daubigny gesicherten Versionen zu vergleichen. Zusätzlich veranschaulicht eine zweite große Landschaft Daubignys, das »Tal bei Optevoz« aus dem Schloss in Compiègne, die Bedeutung Daubignys als einer der Begründer der realistischen Landschaftsmalerei in Frankreich. Weiterhin sind einige der frühen Radierungen Daubignys und frühe Fotografien aus der Gegend von Optevoz des Malers und Fotografen François-Auguste Ravier zu sehen, beeindruckende Dokumente der künstlerischen Erkundung dieser Landschaft auf der Suche nach unberührter, zivilisationsferner Natur in der französischen Provinz, wie es für die Maler der Schule von Barbizon kennzeichnend ist.

Die Restaurierung der »Schleuse im Tal von Optevoz« wurde gefördert durch die Fondation BNP Paribas und BNP Paribas Deutschland.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hirmer Verlag mit Beiträgen von Côme Fabre, Eva Ortner und Herbert W. Rott, 104 Seiten mit 95 Abbildungen, im Museum 16,80 Euro.

Kuratoren: Herbert W. Rott, Eva Ortner

Courbet > Daubigny
Charles-François Daubigny, Schleuse im Tal von Optevoz, um 1855
Öl auf Leinwand, 63,5 x 84,5 cm
© Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek München

Original bis … Fälschungen zwischen Faszination und Betrug

Das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) stellt in dieser umfassenden Form erstmals in Deutschland das Phänomen Kunstfälschung vor. Im Kern stehen drei legendäre Fälle, die in den Jahren 1932, 1947 und 2012 aufgedeckt wurden.

Fälschungen entstehen im Verborgenen. Gelten sie noch als Originale, werden sie bewundert und verehrt, sind sie als Fälschungen entlarvt, verschwinden sie in den Depots der Museen oder den Asservatenkammern der Polizei. Die Ausstellung zeigt die Corpora Delicti und wirft Licht auf dieses Phänomen der Wirtschaftskriminalität.
Eingeleitet wird die Exposition von Beispielen für Produkt- und Markenfälschungen, mit denen Konsumenten konfrontiert sind und bei denen sie im täglichen Leben Entscheidungen treffen müssen: Original oder Fälschung. Weitere Ausstellungsteile beschäftigen sich, beginnend mit Stücken aus dem 18. Jahrhundert, mit Antiken- oder Kunsthandwerkfälschungen oder – noch weiter in die Vergangenheit zurückreichend – mit Falschgeld.
Zentraler Teil der Ausstellung sind die Beispiele von Otto Wacker, Han van Meegeren und Wolfgang Beltracchi, die verdeutlichen, wie das System Kunstfälschung funktioniert. Otto Wacker eröffnete im Berlin der Weimarer Republik seine nach ihm selbst benannte Galerie. Er debütierte mit einer viel beachteten Ausstellung von Originalen des teuer gehandelten Vincent van Gogh. Nach seiner Entlarvung stritt sich ein internationales Experten-Gremium über die Echtheit der Werke – ohne Ergebnis. So wurden erstmalig naturwissenschaftliche Untersuchungen zum Nachweis der Fälschung angewandt. Diese galten in den Niederlanden der 1930er Jahre als Standard in Museen zur Überprüfung von Neuankäufen. Der Fälscher Han van Meegeren tüftelte in seiner französischen Villa in Roquebrune ein Verfahren aus, diese Prüfungen zu überstehen. Es entstanden Fälschungen, die in ihrer Substanz mit Bildern von Jan Vermeer identisch erschienen. Bei seiner Entlarvung wollte niemand glauben, dass diese Bilder gefälscht seien – van Meegeren musste seine Autorenschaft beweisen. Hatte van Meegeren seinerzeit die naturwissenschaftlichen Untersuchungen unterlaufen können, so ist der Fälscher Wolfgang Beltracchi an ihnen gescheitert. Er verwandte Pigmente, die nicht zum Alter seiner Fälschungen passten. Doch auch andere Ungereimtheiten hinsichtlich Stil und Provenienz der Werke führten zu seiner Entlarvung.
Ein gewichtiger Teil der Ausstellung widmet sich den Techniken, Fälschungen aufzudecken. Dieser Bereich stellt auch die Arbeit des Alexej von Jawlensky-Archivs in Locarno als paradigmatisches Beispiel im Vorgehen gegen Fälschung vor. Forscher haben sich in einem pluridisziplinären Beirat zuammengeschlossen. Stilanalyse, Provenienzforschung und Naturwissenschaften gehen zur Wahrung der Werkintegrität des Œuvres seit 15 Jahren erfolgreich Hand in Hand.
Fälschungen sind für den Kunstbetrieb ein schwieriges Thema, weil es an den Grundfesten unserer Vorstellungen von Originalität rüttelt. Es ist eine wichtige Aufgabe für ein Museum, sich diesem Thema zu widmen und es öffentlich zu machen. Zugleich führt die Ausstellung in die für die Kunst zentralen Fragen von Echtheit, künstlerischer Qualität und ihrer Vermittlung ein.  Die Ausstellung wurde ermöglicht durch die Unterstützung der Halleschen Wohnungsgesellschaft mbH und wird begleitet von einem Katalog und einem Programm von Vorträgen, Lesungen, Filmvorführungen sowie museumspädagogischen Angeboten.

Fakten:
Zu sehen sind über 200 Stücke: jeweils 4 Werke der Fälscher Wacker, Van Meegeren und Beltracchi; 2 Gemälde in der Art von Jawlensky; 6 Skulpturen und Plastiken; 27 Grafik-Fälschungen; 7 Geldscheine; 79 Münzen und Geldzeichen; 26 Produktfälschungen; 13 schriftliche Zeugnisse (z. B. Kataloge); 52 Utensilien und technische Exponate; eine Projektion; jeweils ein Dokumentarfilm über Van Meegeren und Beltracchi

Leihgaben kommen vom:
Rijksmuseum, Amsterdam; dem Museum de Fundatie, Heino/Wijhe en Zwolle; dem Kröller-Müller Museum in Otterlo; den Staatlichen Museen Berlin, Nationalgalerie und Zentralarchiv; der Kunsthalle Emden; dem Jawlensky-Archiv, Locarno; der Kulturstiftung DessauWörlitz; dem Archäologischen Museum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; dem Antikenmuseum der Universität Leipzig; der Polizeihistorischen Sammlung beim Polizeipräsidenten zu Berlin; den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg und Bayern; von privaten Leihgebern

Die Ausstellung wird begleitet von einem umfangreichen interessanten Programm.

Karl Schmidt-Rottluff. Landschaft – Figur – Stilleben

Als Karl Schmidt-Rottluff anläßlich seines 80. Geburtstags im Jahre 1964 dem Land Berlin 75 seiner Werke schenkte, legte er damit den Grundstein zu einer herausragenden, allein den Arbeiten der Künstlergruppe „Brücke“ gewidmeten Sammlung, die im speziell dafür erbauten und 1967 eröffneten Brücke-Museum Berlin aufbewahrt wird.

Mit der Ausstellung „Landschaft, Figur, Stilleben“ würdigt das Brücke-Museum das künstlerische Wirken des überzeugten Individualisten sowie sein Engagement für die Kunst und zeigt eine Auswahl an Gemälden, die die signifikantesten thematischen Werkgruppen umfassen. Bilder aus dem ehemaligen Konvolut der Schenkung sind dabei mit einem besonderen Hinweis versehen. Die ausgestellten Gemälde stammen aus allen Schaffensperioden Schmidt-Rottluffs: von den heftig-ungestümen Anfängen in der Gemeinschaft der Künstlergruppe „Brücke“ über die beruhigte Ausdrucksweise der 20er und 30er Jahre bis zum Spätwerk mit seinen leuchtend, monumentalen Kompositionen, die den Künstler einmal mehr als den „Magier der Farbe“ ausweisen. Diese besondere Werkschau (ent)führt die Museumsbesucher in einen einzigartigen Kosmos aus Formen und Farben und eröffnet einen repräsentativen Einblick in das Werk des ehemaligen „Brücke“-Malers, das auch heute noch die Kunstwelt begeistert.

TERRY WINTERS

DAS DRUCKGRAPHISCHE WERK 1999-2014
Staatliche Graphische Sammlung München in der Pinakothek der Moderne

Seit über dreißig Jahren hat der Maler und Zeichner Terry Winters
(* 1949 in New York) auch als einer der erfindungsreichsten und
produktivsten Meister seiner Generation auf dem Feld der druckgraphischen
Künste zu gelten.
Die Vorstellung dieses peintre-graveurs war seit Anbeginn intensiv vom
Nachdenken über Räume und Systeme jenseits des Sichtbaren geprägt. In
sämtlichen von ihm beherrschten Gattungen war Terry Winters schon immer
auf der Suche nach einer Metaphysik verborgener Wirkkräfte und Energien,
die auch den schöpferischen Prozess transzendieren. Die spezifische
Herausforderung, welche die Druckgraphik für Winters bis heute bedeutet,
gründet in der engen Verbindung von zu respektierenden Zwängen, die in
der Natur des Mediums wurzeln und zugleich in den unerwarteten
Freiheiten, die es immer von neuem provoziert.
Es ist nicht nur die enge Interaktion zwischen Zeichnung und Malerei, die
das Werk von Winters belebt, sondern seit Jahrzehnten auch diejenige
zwischen der Malerei und der Druckgraphik, die als gleichwertige Kraft
dieses Werk in einem Maß inspiriert, dass der Künstler zurecht von »cross
breeding« zwischen beiden Gattungen sprechen konnte.
Winters’ vor Jahren auf seine Intentionen als Zeichner gemünztes Postulat
»invent, test, and play« trifft wie eine Anleitung auch den Kern seines
experimentellen Umgangs mit der Druckgraphik. Gemessen an den Usancen
des klassischen peintre-graveurs bezieht Terry Winters seine
Metamorphosen nicht aus dem Vorgang des Überarbeitens von Platten im
Sinne mannigfacher Zustandsdrucke, sondern im spielerischen Erproben
von Mechanismen, die Maßstäbe und Muster ambivalent machen und neue
Bilder hervorbringen, welche Assoziationen möglichst vieldeutig lassen.
Gerade das Medium der Druckgraphik erlaubte es dem Künstler, seinen
Transformationen der unterschiedlichsten Codes in neue, sinnliche
Bildzusammenhänge durch komplexe Übertragungs- und Druckprozesse
jenen unentbehrlichen Grad an Entpersönlichung und Abstraktion zu verleihen.
Nach der Münchner Schau der Zeichnungen von Terry Winters im Jahr 2003
präsentiert die Ausstellung nun mit ca. 150 Blättern sein druckgraphisches
OEuvre seit 1999, wobei ein Catalogue Raisonné den Bestand der vergangenen 15 Jahre dokumentiert (mit einem Essay von Michael Semff
und detaillierten Werkbeschreibungen von Elisabeth Finch, Colby College
Museum of Art, Waterville, Maine, Prestel Verlag, New York).
Die Ausstellung wird in enger Zusammenarbeit mit dem Colby College
Museum of Art, Waterville, Maine veranstaltet.
Sie wird anschließend an München vom 18.06.–30.08.2015 im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, gezeigt.
Gefördert durch PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V. und einem Mitglied des Kuratoriums der Pinakothek der Moderne, das ungenannt bleiben möchte.

Viviane Sassen + Peter Piller

Viviane Sassen –
In and Out of Fashion
13. Dezember 2014 bis 15. Februar 2015
Fotomuseum Winterthur (Sammlungsräume)
Ihre auffallend originellen und oft provokativen Bilder machen Viviane Sassen (*1972 in Amsterdam) zu einer der aufregendsten Fotografinnen Europas. In and Out of Fashion ist die erste grosse Retrospektive ihrer Modefotografie, die sie neben ihrer künstlerischen Arbeit entwickelt. Gezeigt wird eine Auswahl von mehr als 300 Bildern aus den letzten siebzehn Jahren. Sassen ist bekannt für ihren verspielten und kreati¬ven Stil, aber auch dafür, dass sie mit vielen Klischees der Modeindustrie bricht.

Peter Piller
Belegkontrolle
13. Dezember 2014 bis 22. Februar 2015 !
Fotomuseum Winterthur
(Halle)
Auto berühren oder Schiessende Mädchen – so heissen Serien aus dem über 7000 Bilder umfassenden Fotoarchiv Archiv Peter Piller, in welches das Fotomuseum Winterthur nun Einblick bietet. Mitte der 1990er Jahre arbeitete Peter Piller während des Kunststudiums bei einer Medienagentur. Für Werbekunden prüfte er, wo und in welcher Form ihre geschalteten Anzeigen tatsächlich erschienen waren. So blätterte sich der deutsche Künstler täglich durch die Presse und stiess dabei immer wieder auf besondere Bilder, die er sammelte und in thematische Werkgruppen kategorisierte.