AND AND AND Solidarität mit der Besetzungs-Aktion der Wall Street

AND AND AND / EVENT 10 / Solidarität mit der Besetzungs-Aktion der Wall Street / New York / Besetzung begann am 17. September 2011 und dauert an
AND AND AND ist eine Künstlerinitiative, die den Zeitraum bis zur dOCUMENTA (13) im Jahr 2012 nutzen wird, um gemeinsam mit anderen KünstlerInnen und Gruppen aus der ganzen Welt die Rolle von Kunst und Kultur und der adressierten Öffentlichkeiten in der heutigen Zeit zur Diskussion zu stellen. Die so entstehende Serie künstlerischer Interventionen und Ereignisse ist Teil der dOCUMENTA (13). Sie leistet eine Bestandsaufnahme unterschiedlichster zeitgenössischer Positionen und bietet verschiedene Anknüpfungspunkte für eine Auseinandersetzung.

Aus Solidarität mit der Besetzungs-Aktion der Wall Street kehrt AND AND AND für ihr zehntes Event in die USA zurück.

Im Rahmen ihrer Bestrebungen, die Kommunikationsweise des Pressebüros der dOCUMENTA (13) zu hinterfragen und zu variieren, hat AND AND AND uns gebeten, den unten stehenden Brief an die Generalversammlung und Bezugsgruppen von Occupy Wall Street zu versenden.

Datum: Die Besetzung begann am 17. September 2011 und dauert an.

dOCUMENTA (13) ist nicht verantwortlich für die Faktizität, die Künstler und Kunstwerke beanspruchen, die sie aus- und darstellt.

An die Generalversammlung und Bezugsgruppen von Occupy Wall Street,

Vor vierzehn Monaten besuchte eine Gruppe aus der New Yorker Beaver Street, die nur wenige Häuserblöcke südlich Eurer Besetzungs-Aktion verläuft, das Amerikanische Sozialforum in Detroit. Sie war auf der Suche nach Anregungen für neue Formen von Kultur. Diese Reise zu einem Knotenpunkt der heutigen sozialen Bewegungen war nicht nur symbolischer Natur.

Die Stadt Detroit ist so etwas wie der Inbegriff von Apokalypse und der Verlassenheit, die jeden erwartet, der glaubt, dass sowohl der Kapitalismus als auch unser Planet diese Krise überleben könnten. Die Frage, die unsere Reise beherrschte, war: Wo und wie kann sich die Kunst in gesellschaftlichen Bewegungen verorten?

Im 2011 hat ein neues Zeitalter begonnen, und wir haben versucht, uns einen Begriff davon zu machen. Wer geglaubt hatte, dass Veränderungen nur von außen kommen würden, erlebte, dass die Menschen im Innern der Maschine zum Aufstand bereit sind. Wie sonst lässt sich ein Phänomen wie Wikileaks verstehen? Hier haben Menschen ihr Leben riskiert, um aufzudecken, dass die Systeme, in denen wir leben, auf vielen Ebenen korrupt sind. Danach waren die Revolutionen in Tunesien und Ägypten ein Weckruf für den Eintritt in eine neue Epoche. Diejenigen, die sich den Befreiungskämpfen gegen eine globale Mafia anschließen, die alles – von unseren Wohnungen bis zum Weizen in unserem Brot – privatisieren und zu Geld machen will, stellen sich der Geschichte entgegen.

So werden die Selbstmorde von »Märtyrer«-Operationen überwunden, sie gehören einer früheren Ära an: Ihr Kampf gegen Rassismus, Armut, Ungleichheit und neue Grenzziehungen hat sich als machtlos erwiesen. Letztlich stärkten sie nur einen weltweiten bewaffneten Sicherheitsstaat, der stets bereit ist, neue Mauern zu errichten und jeden Widerstand gegen seine Herrschaft als Terrorismus zu bezeichnen. Der Anbruch dieses neuen Zeitalters brachte die Annäherung von Körpern mit sich, die nun nicht im Namen irgendeines zukünftigen Lebens, sondern für das Leben im Hier und Jetzt kämpfen. Was kann man schon erwarten? Das nackte Überleben von Millionen Menschen ist schließlich täglich dem Schicksal eines sinnentleerten Scheinmarkts ausgeliefert – einem Spielplatz blutgesättigter Vampire, die sich »Hedgefondsmanager«, »Milliardeninvestor« oder »Vorstandsvorsitzender« nennen.

Die Gleichung, die diese Vampire aufgestellt haben, erscheint uns unhaltbar: Privatisiere die Gewinne, so heißt es, und vergesellschafte die Verluste.

Von Libyen, Syrien, Bahrain, Jemen, Jordanien bis in das besetzte Palästina, ja sogar bis nach Israel hat sich ein revolutionärer Flächenbrand ausgebreitet. Die Funken sind bis nach Portugal, Griechenland und Spanien geflogen, dann zurück nach Griechenland und in die Straßen von London. Nun zünden sie in einer weiteren Hauptstadt des Kapitals, vielleicht DER symbolischen Schaltzentrale der Finanzmafia: in der Wall Street. An all diesen Orten haben wir in verschiedenen Varianten den Ruf »ES REICHT« vernommen.

Man muss es in einer Zahl ausdrücken: »Wir sind die 99 Prozent.« Man muss es in einer Zahl ausdrücken: »Die 1%.« Ihr habt mit allen erdenklichen Mitteln versucht, eine Sprache zu finden und einen Prozess zu formulieren, der der Demokratie eine mögliche Bedeutung verleiht. In einer trügerischen Opposition kämpfen politische Parteien um die Macht, das Schiff sinken oder den Zug vor die Wand fahren zu lassen. Ihr aber fordert, den Zug anzuhalten oder das Schiff ans Ufer zu steuern. Wir müssen unsere Koordinaten ändern: Die Zahlen stimmen nicht, und in den Gleichungen scheint immer das Wichtigste zu fehlen.

Euer Mangel an Forderungen reagiert auf die Vielzahl von Forderungen und Anordnungen, denen unser Imaginäres tagtäglich nachgibt.
Euer Mangel an Forderungen lässt Raum für Diskussionen und Ideen, die sich während der gemeinsam verbrachten Zeit entwickeln können.
Euer Mangel an Forderungen verweigert sich der Tatsache, dass das Schiff nicht von jenen abstrakten Algorithmen und ökonomischen Gesetzen gesteuert wird, die auf wundersame Weise immer nur dem einen Prozent zu nutzen scheinen.

Eure Handzettel, eure Communiqués und Flugblätter sind daher nicht einfach eine Forderung an die Herrschenden. Sie wollen nicht einfach neue Privilegien, Rechte oder Schutzmaßnahmen. Sie sind Leuchtfeuer der Hoffnung, Liebe, Verweigerung und Solidarität – Gedichte für eine Multitude, die sich in einem der Zentren des Empire einen gemeinschaftlichen Raum erschafft und neu bedenkt, wie ein gemeinsamer Horizont aussehen könnte. Die Wälder, unser Wasser, unsere Luft, unsere Erde, unsere Meere sind unsere Gemeingüter. Unsere Arbeit, unsere Ideen, unsere Worte, unsere Beziehungen ebenfalls. Sie können weder einem Staat noch einem privaten Unternehmen gehören, da sie weder von einer Grenze umschlossen, noch von einer einzigen Organisation kontrolliert werden können; sie bilden die Grundlage des Lebens. Doch von uns wird erwartet, toxische Schulden und toxischen Müll als gemeinsames Schicksal akzeptieren.

Joseph Beuys behauptete, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Und Robert Filliou betonte: »Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst.« In diesen und in vielen anderen Hinsichten begreifen wir euch als Künstler. Doch wir möchten diesen Statements noch eine weitere Behauptung hinzufügen: Kunst kann auch ein kreativer Schub sein, der den Bereich, in dem er zunächst entsteht, überschreitet. Und obwohl für uns feststeht, dass das, was ihr tut und was jene Millionen tun, die von Tunis und Kairo bis nach Athen und Madrid hinter euch und an eurer Seite stehen, Politik ist: Wir verstehen diese Aktionen auch als eine Deterritorialisierung der Politik, die wir in den zurückliegenden Jahrzehnten erlebt haben.

Wir haben von Bemühungen gehört, Künstler im Namen einer »Occupenial« an die Wall Street zu holen. Auch wenn wir alle Anstrengungen unterstützen, auf euer Unternehmen aufmerksam zu machen und es zu legitimieren, glauben wir, diese Gelegenheit nutzen zu müssen, die Künstler und das Künstlerische innerhalb dieser aufstrebenden Bewegung zu erkennen. Die Kunst ist nicht außerhalb dieser Bewegung oder von ihr abgetrennt, sondern ereignet sich an jedem Tag, an dem ihr beharrlich diesen gemeinsamen Raum und diese gemeinsame Zeit gestaltet.

Wir dürfen die Forderungen dieses historischen Moments nicht verpassen: Wir brauchen keine expliziten künstlerischen Bezeichnungen, um dieser Bewegung zusätzliche Legitimität zu verschaffen, wir brauchen die Multitudes, die wie auch immer gearteten Singularitäten, die dunkle Materie, die Hacker, die Tagelöhner, die »Dienstleister«, das Prekariat, das Kognitariat, die Hausverwalter – das heißt: die allgemeine Intelligenz, die in mannigfaltigen virtuellen, materiellen und unsichtbaren Netzwerken entsteht und entstanden ist, um ihr spezifisches Know-how und Know-what in politisches Handeln zu übersetzen.

Wie lässt sich diese gewaltige gemeinschaftliche Intelligenz in politisches Handeln übersetzen? Das ist eine entscheidende Frage dieses noch jungen Jahrhunderts. Die Prozesse, die jetzt rund um den Globus Gestalt annehmen und von denen ihr ein Teil seid, stellen den Versuch einer Antwort dar. Kunst, die politisch werden will, muss – besonders in Momenten des Aufstands – die Fähigkeit, das Bewusstsein und den Anstand haben, wahrnehmbar zum Teil der Bewegung zu werden.

In einem Vortrag vom 22. Februar 1969 beendete Michel Foucault seine Bemerkungen zur »Autor-Funktion« mit der Überlegung, dass die Autor-Funktion in dem Moment verschwindet, in dem sich die Gesellschaft zu verändern beginnt, und schloss mit einem Zitat von Samuel Beckett: »Wen kümmert’s, wer spricht?«

Heute stellt die Anonymität die Tyrannei der Benennung infrage: Diese läuft Gefahr, jede politische Handlung oder Äußerung als das Eigentum oder das spektakuläre Spiel um die Aufmerksamkeit für eine bestimmte Person zu klassifizieren. Und ihr alle, die ihr anonym und kollektiv die Straßen von Tunis, Athen, Madrid, Kairo, London, New York und anderen Städten mit Texten plakatiert und besetzt, habt ein neues Spiel in die Politik eingeführt. Diese Bewegung hat keine Autoren und keine Anführer. Welche neuen Regeln dieses Spiel hat, muss erst noch herausgefunden werden. Aber eines ist sicher: Die alten Tricks, mit denen man versucht hat, molekulare Prozesse Individuen oder Parteien zuzuschreiben oder sie auf diese zu reduzieren, werden darin keinen Platz haben.

Dies ist nicht nur ein Spiel mit dem äußeren Schein, es ist auch ein Spiel mit Konsequenzen. Und die wichtigsten politischen Akteure und Künstler dieses neuen Jahrhunderts erkennen diese Tatsache an. Das Schicksal eines Planeten mit all seinen Lebens- und Kulturformen steht auf dem Spiel.

Wir bleiben inspiriert von eurer Fähigkeit, euch über Kontinente hinweg zu verbreiten und eine beharrliche neue gesellschaftliche, kulturelle und politische Bewegung zu entwickeln. Wenn Politik eine Ästhetik hat, dann seid ihr die Ästhetiker einer neu entstehenden Politik. Und damit seid ihr machtvolle Mitstreiter einer neuen Kraft nicht nur in der Politik, sondern auch in der politischen Kunst dieses neuen Jahrhunderts.

In Solidarität und Singularität und Multiplizität,

and … and … and …

 

Chus Martínez Leiterin der kuratorischen Abteilung der dOCUMENTA (13)

Die dOCUMENTA (13) freut sich bekannt geben zu dürfen, dass Chus Martínez, seit 2009 Agentin der dOCUMENTA (13), ihre Tätigkeit für documenta ausweiten wird, indem sie die Leitung der kuratorischen Abteilung in Kassel übernehmen wird.

Dazu Carolyn Christov-Bakargiev: "Jetzt, wo Chus Martínez uns in und von Kassel aus begleiten wird, freue ich mich, den Austausch mit ihr weiter zu vertiefen. Gemeinsam mit ihr werden wir auch den Dialog mit den anderen Agents der dOCUMENTA (13) auf der ganzen Welt intensivieren, deren Beiträge für unser Projekt so facettenreich und wertvoll sind."

Chus Martínez wurde 1972 in Ponteceso (La Coruña), Spanien, geboren und hat Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Sie ist Leiterin der Abteilung und Mitglied der Agenten-Kerngruppe der dOCUMENTA (13). Sie ist außerdem assoziierte Kuratorin am MACBA, Barcelona, wo sie von 2008 bis 2010 Chefkuratorin war. Davor war sie Direktorin des Frankfurter Kunstvereins (2005–2008) und Künstlerische Leiterin der Sala Rekalde, Bilbao (2002–2005). Für die 50. Biennale di Venezia (2005) hat Martínez den Zyprischen Pavillon kuratiert, 2010 war sie kuratorische Beraterin der 29. Bienal de São Paulo. Sie unterrichtet regelmäßig und hat zahlreiche Katalogtexte und Zeitschriftenartikel veröffentlicht.

 

Teilnehmerliste Stand 25.10.11

Folgende Teilnehmer sind bereits in die dOCUMENTA 13 eingebunden
z.B. bei der Publikationsserie: 100 Notizen – 100 Gedanken

Adnan, Etel
Ahmady, Leeza
Anastas, Ayreen
Appadurai, Arjun
Ashford, Doug
Ault, Julie

Bang Larsen , Lars
Bartolini, Massimo
Bellatin, Mario
Berardi Bifo, Franco
Blazwick, Iwona
Bosteels, Bruno
Brivanlou, Ali
Buck-Morss, Susan

Castillo Deball, Mariana
Castoriadis, Cornelius
Christov-Bakargiev, Carolyn

Faivovich & Goldberg
Funcke, Bettina

Gabri, Rene
Galison, Peter L.
Gamboni, Dario
Garcia Torres, Mario
Ghani, Ashraf
Ghani, Mariam
Goldsmith, Kenneth
György, Péter

Haraway, Donna
Hassan, Salah M.
Hernández Chong Cuy, Sofía
Hoheisel, Horst
Huyghe, Pierre

Jacir, Emily
Jodorowsky, Alejandro

Kentridge, William
Kim, Sunjung
Kleinman, Adam
Kluge, Alexander
Kouoh, Koyo
Krysa, Joasia
Kurenniemi, Erkki
Kuzma, Marta

Lee, Pamela M.
Lukács, György

Malani, Nalini
Malasauskas, Raimundas
Martínez, Chus
Menke, Christoph
Moreton, Romaine
Moritz, Julia

Páldi, Lívia
Papastergiadis, Nikos
Penone, Giuseppe
Perkins, Hetti
Petzet, Michael
Pollock, Griselda

Rifky, Sarah
Rolnik, Suely
Ryan, Paul

Sadr Haghighian, Natascha
Sauzeau , Annemarie
Scharrer, Eva
Scott, Kitty
Sepahvand, Ashkan
Shiva, Vandana

Tamás, G. M.
Tarakhovsky, Alexander
Taussig, Michael
Taylor, Jane
Toufic, Jalal

Viliani, Andrea

Wagner, Roy
Wallace, Ian
Weiner, Lawrence

Zeilinger, Anton

 

AND AND AND Event 9

Mit der neunten Veranstaltung präsentiert AND AND AND die zweite Intervention des in den USA lebenden  mexikanischen Künstlers Pedro Lasch. Für die AND AND AND Serie hat Lasch drei Jahresberichte zum 11. September (2010, 2011,2012) vorgelegt, die jeweils Bezug auf die Initiative Twin Towers Go Global (TTGG) nehmen. Der zweite Bericht wertet den kürzlich erfolgten »Open Call« von TTGG aus: ein Wettbewerb, zu dem Vorschläge eingereicht werden sollten, wie ein Wiederaufbau der Twin Towers an verschiedenen Orten in der ganzen Welt aussehen könnte. Fast 60 Vorschläge wurden zwischen dem 31. Juli und dem 2. September 2011 eingereicht. Fünf Gewinner wurden von einer Jury ausgewählt und weitere fünf von der Öffentlichkeit nominiert. Die zehn Finalisten wurden inzwischen anlässlich der Eröffnung von Laschs Ausstellung Phantom Limbs in New York  bekannt gegeben

AND AND AND EVENT 10

Aus Solidarität mit der Besetzungs-Aktion der Wall Street kehrt AND AND AND für ihr zehntes Event in die USA zurück.

Im Rahmen ihrer Bestrebungen, die Kommunikationsweise des Pressebüros der dOCUMENTA (13) zu hinterfragen und zu variieren, hat AND AND AND uns gebeten, den unten stehenden Brief an die Generalversammlung und Bezugsgruppen von Occupy Wall Street zu versenden.

Datum: Die Besetzung begann am 17. September 2011 und dauert an.

dOCUMENTA (13) ist nicht verantwortlich für die Faktizität, die Künstler und Kunstwerke beanspruchen, die sie aus- und darstellt.

An die Generalversammlung und Bezugsgruppen von Occupy Wall Street,

Vor vierzehn Monaten besuchte eine Gruppe aus der New Yorker Beaver Street, die nur wenige Häuserblöcke südlich Eurer Besetzungs-Aktion verläuft, das Amerikanische Sozialforum in Detroit. Sie war auf der Suche nach Anregungen für neue Formen von Kultur. Diese Reise zu einem Knotenpunkt der heutigen sozialen Bewegungen war nicht nur symbolischer Natur.

Die Stadt Detroit ist so etwas wie der Inbegriff von Apokalypse und der Verlassenheit, die jeden erwartet, der glaubt, dass sowohl der Kapitalismus als auch unser Planet diese Krise überleben könnten. Die Frage, die unsere Reise beherrschte, war: Wo und wie kann sich die Kunst in gesellschaftlichen Bewegungen verorten?

Im 2011 hat ein neues Zeitalter begonnen, und wir haben versucht, uns einen Begriff davon zu machen. Wer geglaubt hatte, dass Veränderungen nur von außen kommen würden, erlebte, dass die Menschen im Innern der Maschine zum Aufstand bereit sind. Wie sonst lässt sich ein Phänomen wie Wikileaks verstehen? Hier haben Menschen ihr Leben riskiert, um aufzudecken, dass die Systeme, in denen wir leben, auf vielen Ebenen korrupt sind. Danach waren die Revolutionen in Tunesien und Ägypten ein Weckruf für den Eintritt in eine neue Epoche. Diejenigen, die sich den Befreiungskämpfen gegen eine globale Mafia anschließen, die alles – von unseren Wohnungen bis zum Weizen in unserem Brot – privatisieren und zu Geld machen will, stellen sich der Geschichte entgegen.

So werden die Selbstmorde von »Märtyrer«-Operationen überwunden, sie gehören einer früheren Ära an: Ihr Kampf gegen Rassismus, Armut, Ungleichheit und neue Grenzziehungen hat sich als machtlos erwiesen. Letztlich stärkten sie nur einen weltweiten bewaffneten Sicherheitsstaat, der stets bereit ist, neue Mauern zu errichten und jeden Widerstand gegen seine Herrschaft als Terrorismus zu bezeichnen. Der Anbruch dieses neuen Zeitalters brachte die Annäherung von Körpern mit sich, die nun nicht im Namen irgendeines zukünftigen Lebens, sondern für das Leben im Hier und Jetzt kämpfen. Was kann man schon erwarten? Das nackte Überleben von Millionen Menschen ist schließlich täglich dem Schicksal eines sinnentleerten Scheinmarkts ausgeliefert – einem Spielplatz blutgesättigter Vampire, die sich »Hedgefondsmanager«, »Milliardeninvestor« oder »Vorstandsvorsitzender« nennen.

Die Gleichung, die diese Vampire aufgestellt haben, erscheint uns unhaltbar: Privatisiere die Gewinne, so heißt es, und vergesellschafte die Verluste.

Von Libyen, Syrien, Bahrain, Jemen, Jordanien bis in das besetzte Palästina, ja sogar bis nach Israel hat sich ein revolutionärer Flächenbrand ausgebreitet. Die Funken sind bis nach Portugal, Griechenland und Spanien geflogen, dann zurück nach Griechenland und in die Straßen von London. Nun zünden sie in einer weiteren Hauptstadt des Kapitals, vielleicht DER symbolischen Schaltzentrale der Finanzmafia: in der Wall Street. An all diesen Orten haben wir in verschiedenen Varianten den Ruf »ES REICHT« vernommen.

Man muss es in einer Zahl ausdrücken: »Wir sind die 99 Prozent.« Man muss es in einer Zahl ausdrücken: »Die 1%.« Ihr habt mit allen erdenklichen Mitteln versucht, eine Sprache zu finden und einen Prozess zu formulieren, der der Demokratie eine mögliche Bedeutung verleiht. In einer trügerischen Opposition kämpfen politische Parteien um die Macht, das Schiff sinken oder den Zug vor die Wand fahren zu lassen. Ihr aber fordert, den Zug anzuhalten oder das Schiff ans Ufer zu steuern. Wir müssen unsere Koordinaten ändern: Die Zahlen stimmen nicht, und in den Gleichungen scheint immer das Wichtigste zu fehlen.

Euer Mangel an Forderungen reagiert auf die Vielzahl von Forderungen und Anordnungen, denen unser Imaginäres tagtäglich nachgibt.
Euer Mangel an Forderungen lässt Raum für Diskussionen und Ideen, die sich während der gemeinsam verbrachten Zeit entwickeln können.
Euer Mangel an Forderungen verweigert sich der Tatsache, dass das Schiff nicht von jenen abstrakten Algorithmen und ökonomischen Gesetzen gesteuert wird, die auf wundersame Weise immer nur dem einen Prozent zu nutzen scheinen.

Eure Handzettel, eure Communiqués und Flugblätter sind daher nicht einfach eine Forderung an die Herrschenden. Sie wollen nicht einfach neue Privilegien, Rechte oder Schutzmaßnahmen. Sie sind Leuchtfeuer der Hoffnung, Liebe, Verweigerung und Solidarität – Gedichte für eine Multitude, die sich in einem der Zentren des Empire einen gemeinschaftlichen Raum erschafft und neu bedenkt, wie ein gemeinsamer Horizont aussehen könnte. Die Wälder, unser Wasser, unsere Luft, unsere Erde, unsere Meere sind unsere Gemeingüter. Unsere Arbeit, unsere Ideen, unsere Worte, unsere Beziehungen ebenfalls. Sie können weder einem Staat noch einem privaten Unternehmen gehören, da sie weder von einer Grenze umschlossen, noch von einer einzigen Organisation kontrolliert werden können; sie bilden die Grundlage des Lebens. Doch von uns wird erwartet, toxische Schulden und toxischen Müll als gemeinsames Schicksal akzeptieren.

Joseph Beuys behauptete, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Und Robert Filliou betonte: »Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst.« In diesen und in vielen anderen Hinsichten begreifen wir euch als Künstler. Doch wir möchten diesen Statements noch eine weitere Behauptung hinzufügen: Kunst kann auch ein kreativer Schub sein, der den Bereich, in dem er zunächst entsteht, überschreitet. Und obwohl für uns feststeht, dass das, was ihr tut und was jene Millionen tun, die von Tunis und Kairo bis nach Athen und Madrid hinter euch und an eurer Seite stehen, Politik ist: Wir verstehen diese Aktionen auch als eine Deterritorialisierung der Politik, die wir in den zurückliegenden Jahrzehnten erlebt haben.

Wir haben von Bemühungen gehört, Künstler im Namen einer »Occupenial« an die Wall Street zu holen. Auch wenn wir alle Anstrengungen unterstützen, auf euer Unternehmen aufmerksam zu machen und es zu legitimieren, glauben wir, diese Gelegenheit nutzen zu müssen, die Künstler und das Künstlerische innerhalb dieser aufstrebenden Bewegung zu erkennen. Die Kunst ist nicht außerhalb dieser Bewegung oder von ihr abgetrennt, sondern ereignet sich an jedem Tag, an dem ihr beharrlich diesen gemeinsamen Raum und diese gemeinsame Zeit gestaltet.

Wir dürfen die Forderungen dieses historischen Moments nicht verpassen: Wir brauchen keine expliziten künstlerischen Bezeichnungen, um dieser Bewegung zusätzliche Legitimität zu verschaffen, wir brauchen die Multitudes, die wie auch immer gearteten Singularitäten, die dunkle Materie, die Hacker, die Tagelöhner, die »Dienstleister«, das Prekariat, das Kognitariat, die Hausverwalter – das heißt: die allgemeine Intelligenz, die in mannigfaltigen virtuellen, materiellen und unsichtbaren Netzwerken entsteht und entstanden ist, um ihr spezifisches Know-how und Know-what in politisches Handeln zu übersetzen.

Wie lässt sich diese gewaltige gemeinschaftliche Intelligenz in politisches Handeln übersetzen? Das ist eine entscheidende Frage dieses noch jungen Jahrhunderts. Die Prozesse, die jetzt rund um den Globus Gestalt annehmen und von denen ihr ein Teil seid, stellen den Versuch einer Antwort dar. Kunst, die politisch werden will, muss – besonders in Momenten des Aufstands – die Fähigkeit, das Bewusstsein und den Anstand haben, wahrnehmbar zum Teil der Bewegung zu werden.

In einem Vortrag vom 22. Februar 1969 beendete Michel Foucault seine Bemerkungen zur »Autor-Funktion« mit der Überlegung, dass die Autor-Funktion in dem Moment verschwindet, in dem sich die Gesellschaft zu verändern beginnt, und schloss mit einem Zitat von Samuel Beckett: »Wen kümmert’s, wer spricht?«

Heute stellt die Anonymität die Tyrannei der Benennung infrage: Diese läuft Gefahr, jede politische Handlung oder Äußerung als das Eigentum oder das spektakuläre Spiel um die Aufmerksamkeit für eine bestimmte Person zu klassifizieren. Und ihr alle, die ihr anonym und kollektiv die Straßen von Tunis, Athen, Madrid, Kairo, London, New York und anderen Städten mit Texten plakatiert und besetzt, habt ein neues Spiel in die Politik eingeführt. Diese Bewegung hat keine Autoren und keine Anführer. Welche neuen Regeln dieses Spiel hat, muss erst noch herausgefunden werden. Aber eines ist sicher: Die alten Tricks, mit denen man versucht hat, molekulare Prozesse Individuen oder Parteien zuzuschreiben oder sie auf diese zu reduzieren, werden darin keinen Platz haben.

Dies ist nicht nur ein Spiel mit dem äußeren Schein, es ist auch ein Spiel mit Konsequenzen. Und die wichtigsten politischen Akteure und Künstler dieses neuen Jahrhunderts erkennen diese Tatsache an. Das Schicksal eines Planeten mit all seinen Lebens- und Kulturformen steht auf dem Spiel.

Wir bleiben inspiriert von eurer Fähigkeit, euch über Kontinente hinweg zu verbreiten und eine beharrliche neue gesellschaftliche, kulturelle und politische Bewegung zu entwickeln. Wenn Politik eine Ästhetik hat, dann seid ihr die Ästhetiker einer neu entstehenden Politik. Und damit seid ihr machtvolle Mitstreiter einer neuen Kraft nicht nur in der Politik, sondern auch in der politischen Kunst dieses neuen Jahrhunderts.

In Solidarität und Singularität und Multiplizität,

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Eine Reise der dOCUMENTA (13) durch deutsche Kunstakademien

Im Herbst 2011 begibt sich Carolyn Christov-Bakargiev, künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13), auf die Reise zu sechs verschiedenen Kunstakademien in Deutschland. In ihrem für Kunststudierende exklusiven Workshop diskutiert Carolyn Christov-Bakargiev verschiedene Aspekte ihres Konzepts.

An diese Workshops wird sich jeweils ein öffentlicher Vortrag anschließen. Im Gespräch mit den jeweiligen Vertreterinnen und Vertretern der gastgebenden Hochschulen gewährt Carolyn Christov-Bakargiev Einblick in ihre kuratorische Herangehensweise, die – getragen von einem grundsätzlichen Skeptizismus und einem prozessorientierten Vorgehen – das Ziel verfolgt, das Verhältnis von Kultur und Politik neu zu denken. Gleichzeitig berichtet sie von ihren aktuellen Aktivitäten, den Publikationen und Veranstaltungen auf dem Weg zur dOCUMENTA (13) und gibt so einen Ausblick auf das, was uns im Sommer 2012 in Kassel erwarten könnte. Vortrag und Gespräch finden in Englisch statt.

17. Oktober 2011
Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

18. Oktober 2011
Kunstakademie Münster. In Kooperation mit dem LWL Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Münster

19. Oktober 2011
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. In Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart (Vortrag findet im Kunstmuseum statt)

02. November 2011
Hochschule für bildende Künste Hamburg. In Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg, der Hamburger Kunsthalle und dem Kunstverein Hamburg

03. November 2011
Kunstakademie Düsseldorf. In Kooperation mit der Kunsthalle Düsseldorf

30. November 2011
Kunsthochschule Kassel

Die Workshops mit und für Kunststudentinnen und Kunststudenten finden jeweils um 17 Uhr statt, die öffentlichen Vorträge um 19 Uhr.

communication@documenta

maybeeducation@documenta.de

 

Moscow Research Porgramm im ehemaligen Moskauer Atelier Ilya Kabakovs

Das »Moscow Research Program« ist eine konzentrierte dreitägige Veranstaltungsreihe mit Künstlern und Intellektuellen, die im Rahmen der Vorbereitungen und als Hinführung zur dOCUMENTA (13) vom 3. – 5. Oktober 2011 im ehemaligen Moskauer Atelier von Ilya Kabakov stattfindet.

Carolyn Christov-Bakargiev, Künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13), und Raimundas Malašauskas, Agent der dOCUMENTA (13) und Mitglied der Agenten-Kerngruppe, werden sich mit der Erforschung der Praktiken verschiedener Künstlerinnen und Künstler sowie anderer Intellektueller beschäftigen. Eingeladen zur Teilnahme sind die Künstler Viktor Alimpiev, Alexandra Galkina, Alina Gutkina, Alice Ioffe, Taus Makhacheva, Alexandra Paperno, Sergey Sapozhnikov, Alexandra Sukhareva, David Ter-Oganyan, Anya Titova, Arseniy Zhilyaev sowie Alexei Penzin und Keti Chukhrov von der Gruppe Chto Delat. Weitere Eingeladene sind die Kuratorin Daria Parkhomenko, der Genetiker und Samenexperte Konstantin Sidoruk, der Experte für Solar- und alternative Energien Alexander Gordienko, der Mathematiker und Neurowissenschaftler Mikhail Burtsev, die Psychologin und Psychotherapeutin Natalya Rivkina, die Hypnose und Techniken zur Trance in ihrer Arbeit nutzt, der Theremin-Experte und Urenkel von Leo Theremin, Peter Theremin, und die Biologin sowie Forscherin der Affensprache Anna Smirnova.

Die Veranstaltungen werden in der Wohnung stattfinden, in der sich von 1968 bis 1988 das Atelier des renommierten russischen Künstlers Ilya Kabakov befand, bevor dieser die Stadt verließ und nach Long Island, NewYork, emigrierte, wo er heute lebt. Das Atelier befindet sich derzeit im Besitz des Moskauer Künstlerbunds und wird von Joseph Backstein, dem Mitveranstalter des »Moscow Research Program«, verwaltet. Kabakov hatte das Atelier 1968 im Dachgeschoss des Gebäudes am Sretensky Boulevard im Stadtzentrum, nur einen Kilometer vom Kreml entfernt, eingerichtet. Das Atelier fungierte bis 1988 als einer der wichtigsten Treffpunkte für die Moskauer Underground-Kunstszene. Regelmäßig fanden dort Seminare, Meisterklassen und andere Aktivitäten statt, und Kabakov lud häufig Freunde und Kollegen ein, ihre neuen Projekte – Alben, Malerei, Installationen und Performances – vorzustellen.

»Es ist ein Vergnügen und eine Ehre, Künstlern in Ilyas früherem Atelier zu begegnen«, erklärt Christov-Bakargiev. »Ich liebe die Atmosphäre dort, die Privatheit und Poesie; es ist ein Rückzugsort, der Konzentration, Intensität und die Möglichkeit erzeugt, Ideen im Geist der Neuaufführung und Invokation zu teilen. Es ähnelt ein wenig einem Notizbuch.«

»Obwohl die ›documenta‹ als ein historisches Ereignis konzipiert ist, das alle fünf Jahre stattfindet«, erklärt Malašauskas, »findet sie in einem Kontext vollkommener Zugänglichkeit von historischem und unendlichem Material in Echtzeit statt. Im Post-Studio-Zeitalter im Internet zu surfen ist kein Ersatz für die Intensität, sich gemeinsam in einem Raum mit einer offenen Tür zur Geschichte aufzuhalten. Gäste, darunter die Zeit, sind eingeladen, hereinzukommen anstatt auszufliegen. Das, was bereits geschehen ist, ist dazu bestimmt, sich mit dem verbinden, was gerade geschieht oder sich als Möglichkeit zu eröffnen beginnt. Im Kontinuum der dOCUMENTA (13) sind diese Akte paralleler Bewegungen bewegliche Klänge und Räume der Ausstellung in Kassel. Was in Moskau passieren wird, wird nicht in Moskau bleiben.«

Statement der Künstlerischen Leiterin zur dOCUMENTA (13):

»dOCUMENTA (13) widmet sich künstlerischen Recherchen, Denkweisen und Vorstellungen, die Materialien, Dinge, Verkörperungen und aktives Leben in Verbindung mit Ideen erforschen, ohne sich diesen unterzuordnen. Dabei handelt es sich um Gebiete, auf denen die Politik nicht zu trennen ist von einer sinnlichen, energetischen und weltlichen Verbindung zwischen der aktuellen Forschung auf verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Feldern sowie anderen, historischen wie zeitgenössischen Erkenntnissen. dOCUMENTA (13) ist von einer ganzheitlichen, ökofeministischen und nichtlogozentrischen Sichtweise getragen, die von den belebten und unbelebten Weltenschöpfern, darunter auch Menschen, geteilt wird und deren Wissen sie anerkennt.« C. Christov-Bakargiev

Dieses performative Forschungsereignis wird realisiert in Zusammenarbeit mit der V-A-C Foundation (VICTORIA — the Art of being Contemporary) und der Moskauer Biennale.

VICTORIA — the Art of being Contemporary ist eine junge Institution, die 2009 in Moskau gegründet wurde und sich der Förderung zeitgenössischer Kunst in Russland widmet. Die V-A-C Foundation konzentriert sich auf die zeitgenössische Kunst und kulturelle Praxis und zielt darauf ab, Grundlagen für Kreativität im weiteren Sinn des Wortes schaffen; sie strebt an, die künstlerische Produktion und die Entwicklung der Kunstvermittlung aktiv zu unterstützen und junge russische Kunst zu fördern. 

 

Julia Moritz ergänzt das Team der dOCUMENTA (13)

dOCUMENTA (13) heißt Julia Moritz willkommen und freut sich auf die Entwicklung und Umsetzung der vielfältigen Aufgaben in enger Zusammenarbeit mit der künstlerlischen Leiterin, Carolyn Christov-Bakargiev, und den Beteiligten der Ausstellung. Mit der Einrichtung der Abteilung für Vielleicht Vermittlung und andere Programme wird die dOCUMENTA (13) neue Wege der Vermittlung gehen.

Die Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Julia Moritz war zuletzt an der Universität Lüneburg tätig, wo sie neben Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekten im Kunstraum der Universität in den kulturwissenschaftlichen Lehrbetrieb eingebunden war. Im Rahmen postgradualer Studien in Wien, New York und Bilbao verfasste sie ihre Dissertation zu Fragen institutioneller Bedingungen im Kunstbetrieb. Zuvor war sie für die Manifesta 7 in Trentino /Alto Adige (2008) und den Deutschen Pavillon auf der 52. Biennale di Venezia (2007) tätig.

Ein gemeinsam mit Nicolaus Schafhausen bei Sternberg Press veröffentlichter Band, Die Frage des Tages (2007), gibt Einblick in Moritz‘ langfristige und grundlegend dialogische Befragung von Formaten von Kunstproduktion und -rezeption.

Vielleicht Vermittlung und andere Programme der dOCUMENTA (13)

Ein wesentlicher Teil jeder documenta ist das Erlebnis der Ausstellung während des Besuchs in Kassel. dOCUMENTA (13) bietet eine Vielzahl von Aktivitäten, um verschiedene Besuchergruppen aktiv zu beteiligen, ihnen das Projekt näherzubringen und mit ihnen die verschiedenen Aspekte und Bedeutungen zu befragen.

Diese Aktivitäten werden Vielleicht Vermittlung und andere Programme genannt, denn sie sind eingebunden in den übergreifenden experimentellen Ansatz der dOCUMENTA (13), in die Wechselbeziehungen verschiedener Wissensbereiche und in die besonderen Ansätze und Entwicklungsprozesse der Vermittlung von Kunst und Wissenschaft. Der Bereich der Vielleicht Vermittlung und andere Programme der dOCUMENTA (13) ist geprägt von einer grundlegenden Ergebnisoffenheit. Auf diese Weise wird eine sorgfältige Auswahl möglicher Erfahrungen zusammengestellt: eine Recherche-Plattform auf der Webseite der dOCUMENTA (13), vielfältige, von Künstlerinnen und Künstlern initiierte und geleitete Aktivitäten, eine Reihe von Kongressen und Gesprächen, ein Filmprogramm, speziell für Kinder und Schulklassen entwickelte Angebote sowie verschiedene begleitete Touren durch die Ausstellung, genannt dTOURS.

Die dTOURS werden von geschulten Personen geleitet, den »worldly companions«. Diese kommen hauptsächlich aus Kassel, haben aber ganz unterschiedliche Hintergründe und Wissensfelder und müssen nicht zwingend über eine professionelle Ausbildung im Bereich der Kunst verfügen. Die dTOURS konzentrieren sich auf jeweils einen bestimmten Ausstellungsort und behandeln die dort in den Kunstwerken vorrangigen Themen. Zusätzlich wird es eine Reihe besonderer Touren geben, die das Konzept der Führung noch stärker der Vorstellung öffnen.

 

AND AND AND Veranstaltung 5

Für die fünfte Veranstaltung lädt AND AND AND den in New York lebenden georgischen Künstler Vladimir Volnovik ein. Für die AND AND AND Serie nutzt Volnovik die Tatsache seiner Rückkehr in seine Heimatstadt Tiflis und seine Teilnahme an der dortigen Veranstaltung „Gefrorene Momente: Die Architekturspricht zurück“, um den Blick zurück auf die Stadt, ihre architektonische Entwicklung, ihre sozialen und politischen Bedingungen zu werfen. Er und weitere seine KollegInnen berufen sich dabei auf die „20/20 Vision“. Volvonik behauptet: „Wir haben 20 Jahre im sogenannten Kommunismus und 20 Jahre im sogenannten Kapitalismus gelebt, und vielleicht ist jetzt der beste Moment, in dem wir die Dinge klar erkennen können.“

 

AND AND AND Veranstaltung 4

Für die vierte Veranstaltung hat AND AND AND den in den USA lebenden mexikanischen Künstler Pedro Lasch eingeladen. Lasch wird drei spezielle Reports erstellen, die jeweils den Jahrestag des 11. September 2010, 2011 und 2012 aufgreifen. Alle drei beziehen sich auf die kürzlich erfolgte Benennung von Lasch, als Teilnehmer der Twin Towers Go Global (TTGG)-Initiative mitwirken zu dürfen. Pedro Lasch geht es darum, die Bemühungen zeitgenössischer Künstler zu würdigen, Brücken zu bauen zu offiziellen Organisationen, um konkrete Eingriffe in die reale Welt möglich zu machen. Er selbst sagt dazu: “Ich freue mich sehr, für den TTGG zu arbeiten. Künstler können heute nicht einfach teilnahmslos am Rande sitzen und zuschauen, während anderswo das Schicksal der Welt entschieden wird. Sollte jemand entschieden haben, dass die New Yorker Twin Towers in verschiedenen Städten in aller Welt dupliziert werden, warum sollten dann nicht Künstler oder Architekten involviert werden, um sicher zu stellen, dass alles seinen richtigen Weg geht? Die Idee von TTGG zu helfen, Pläne für neue WTC Gebäude, zum Beispiel in New Orleans oder Kabul, zu entwickeln, ist sehr faszinierend.“ – Das vollständige Statement von Pedro Lasch und die Erklärung zu seiner Ernennung durch TTGG findet man als Anhang oder auch unter den angegebenen Links.

 

 

AND AND AND Veranstaltung 03

Der Zerfall der sozialistischen Länder und der Sowjetunion hat massive Veränderungen zur Folge gehabt, die noch in vollem Gange sind. In den Augen von AND AND AND sind die „bonbonfarbenen Revolutionen, durchsetzt mit wachsenden fabrizierten Konflikten, die extremsten Manifestationen dieser Auseinandersetzungen und Uneinigkeiten, die ein immanenter Bestandteil dieser Prozesse bleiben werden. In jedem dieser Länder haben die Versuche, – oftmals basierend auf der jeweiligen nationalen Identität – Geschichte wie Zukunft neu zu formulieren, dazu geführt, dass die Kultur zu einem zentralen Entscheidungsmoment auf ihren Schlachtfeldern geworden ist." Solche Projektionen haben eine Veränderung des Curriculums, ja eine Veränderung der Produktions- und Rezeptionsbedingungen künstlerischer Praktiken und manchmal auch die Konstruktion neuer Kunstinstitutionen zur Folge gehabt.

Ausgehend von diesen umfassenden, die jeweiligen Veränderungen betreffenden Fragestellungen, andererseits von dem spezifischen Fokus des diesjährigen Sommerseminars hat AND AND AND dazu eine Roundtable-Diskussion im Center for Contemporary Experimental Art (NPAK) in Eriwan initiiert. Diese Diskussionsrunde bezieht Künstler und Organisatoren innerhalb des armenischen Kontextes mit ein, die in den letzten Jahrzehnten versucht haben, neue Institutionen für die zeitgenössische künstlerische Praxis aufzubauen. Ihre Aktivitäten reichen von Zentren für zeitgenössische Kunst über Kunstschulen bis zu Biennalen oder weniger offiziellen Einrichtungen. Die hier verhandelten Fragestellungen sollen auch die nach der Rolle, die solche Institutionen innerhalb der aktuellen umfangreichen Umwälzungen und Auseinandersetzungen spielen – oder zumindest zu spielen versuchen, aufgreifen.

Wo hat die zeitgenössische Kunst heute ihren Ort? Was kann eine Kunstschule oder ein Zentrum für zeitgenössische Kunst an einer Stadt wie Eriwan in Armenien überhaupt ausrichten – basierend einerseits auf seiner Geschichte bzw. seinen Geschichten, seinen spezifischen Anliegen und den Auseinandersetzungen, wie sie die Gegenwart bestimmen, andererseits auf seinem Anteil an regionalen und globalen Prozessen?

 

AND AND AND Veranstaltung 02

Zu ihrer zweiten Veranstaltung hat AND AND AND den in Berlin lebenden kolumbianischen Künstler François Bucher eingeladen. Für die AND AND AND Reihe wird Bucher zu seiner zweiten Expedition zu einem Ort aufbrechen, den er das "photographische Plateau" genannt hat – inspiriert durch die jahrelange Forschung (1952-1960) des weitgehend unbekannten Autors namens Daniel Ruzo. Ruzo entdeckte die Felsformationen in den Bergen als Skulpturen, die ihre versteckten Bildwelten nur zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten zu erkennen geben, abhängig vom Stand der Sonne und des Betrachters. Dieser Typus einer "verschwindenden Figuration" suggeriert eine epistemologische Metapher für Bucher, die ihn wiederum zu einem anderen Forscher führt: dem Mexikaner Jacobo Grinberg-Zylberbaum, Wissenschaftler der Universidad Nacional Autónoma de México. Grinberg-Zylberbaum verschwand 1994 spurlos, nachdem er an der Bedeutung einer "informativen Matrix" geforscht hatte, die das Phänomen des Schamanismus, den er selbst aktiv betrieb, erklären sollte. Die Verbindung zwischen Ruzo und Grinberg wird für Bucher zum Fokus seiner aktuellen Expedition zum sog. „Photographischen Plateau“.

Art Review Liste 2011 der 100 wichtigsten Personen in der Kunst

 Das Art Review Magazin hat seine Liste für 2011 der 100 wichtigsten Personen in der Kunstwelt veröffentlicht:

1. Ai Weiwei
 2. Hans Ulrich Obrist & Julia Peyton-Jones
 3. Glenn D. Lowry
 4. Larry Gagosian
 5. Anton Vidokle, Julieta Aranda & Brian Kuan Wood
 6. Nicholas Serota
 7. Cindy Sherman
 8. Iwan Wirth
 9. David Zwirner
 10. Beatrix Ruf
 11. Gerhard Richter
 12. Alfred Pacquement
 13. Adam D. Weinberg
 14. Carolyn Christov-Bakargiev
 15. Marc Glimcher
 16. Klaus Biesenbach
 17. Eli Broad
 18. RoseLee Goldberg
 19. François Pinault
 20. Marc Spiegler & Annette Schönholzer
 21. Mike Kelley
 22. Barbara Gladstone
 23. Marina Abramovic
24. Matthew Slotover & Amanda Sharp
25. Patricia Phelps de Cisneros
26. Bice Curiger
 27. Marian Goodman
 28. Peter Fischli & David Weiss
 29. Bernard Arnault
 30. Nicholas Logsdail
 31. Jay Jopling
 32. Liam Gillick
 33. Ann Philbin
 34. Dominique Lévy & Robert Mnuchin
 35. Victor Pinchuk
 36. Franz West
 37. Maja Hoffmann
 38. Agnes Gund
 39. Tim Blum & Jeff Poe
 40. Dakis Joannou
 41. Rosemarie Trockel
 42. Iwona Blazwick
 43. Udo Kittelmann
 44. Monika Sprüth & Philomene Magers
 45. Matthew Marks
 46. Gavin Brown
 47. Takashi Murakami
 48. Jeffrey Deitch
 49. Adam Szymczyk
 50. Anish Kapoor
 51. Emmanuel Perrotin
 52. Okwui Enwezor
 53. Boris Groys
 54. Artur Zmijewski
 55. Michael Morris & James Lingwood
 56. William Wells & Yasser Gareb
 57. Anne Pasternak
 58. Michael Ringier
 59. Steve McQueen
 60. Sadie Coles
 61. Daniel Buchholz
 62. Toby Webster
 63. Germano Celant
 64. Damien Hirst
 65. Slavoj Zizek
 66. Jeff Koons
 67. Thaddaeus Ropac
 68. Brett Gorvy & Amy Cappellazzo
 69. Tobias Meyer & Cheyenne Westphal
 70. Chang Tsong-zung & Claire Hsu
 71. Yana Peel & Candida Gertler
 72. Christine Tohme
 73. Richard Chang
 74. Helga de Alvear
 75. Walid Raad
 76. Bernardo Paz
 77. Tim Neuger & Burkhard Riemschneider
 78. Massimo De Carlo
 79. Mario Cristiani, Lorenzo Fiaschi & Maurizio Rigillo
 80. Massimiliano Gioni
 81. Dasha Zhukova
 82. Vasif Kortun
 83. David Hammons
 84. Philip Tinari
 85. Miuccia Prada
 86. Shirin Neshat
 87. Jason, Jennifer, Mera & Don Rubell
 88. Christoph Büchel
 89. Elena Filipovic
 90. Sheikh Saud bin Muhammad bin Ali Al-Thani/Sheikha Al-Mayassa bint Hamad bin Khalifa Al-Thani
 91. Maureen Paley
 92. Christian Boros & Karen Lohmann
 93. Victoria Miro
 94. Anita & Poju Zabludowicz
 95. Kaja Silverman
 96. Johann König
 97. Nicolai Wallner
 98. Franco Noero & Pierpaolo Falone
 99. Leonid Mikhelson
 100. Gregor Podnar

 


 

VERSCHIEDENE ANSICHTEN TEILEN – KUNST IN DER STADT

 11.11.2011 ab 11:00 Uhr – 12.11.2011, 19:00 Uhr
 VERSCHIEDENE ANSICHTEN TEILEN – KUNST IN DER STADT
 
IBA-Labor Kunst/Stadt in Hamburg Wilhelmsburg
 
Im November 2011 wird Hamburg Wilhelmsburg zum Diskussionsraum über das wachsende Interesse der zeitgenössischen Kunst an der Stadt. Immer mehr Künstler/-innen finden ihre Arbeitsfelder ganz selbstverständlich mitten in der Stadt und ermöglichen unerwartete ästhetische Erfahrungen an den verschiedensten urbanen Orten. Die Akademie einer anderen Stadt hat dazu – in Kooperation mit der HafenCity Universität und der HfbK Hamburg – Künstler, Architekten, Kuratoren und Kunstwissenschaftler aus Deutschland, Kamerun, Venezuela, der Schweiz und Österreich nach Wilhelmsburg eingeladen, um ihre Ansätze und Projekte dort an drei verschiedenen Orten vorzustellen: im Haus der Jugend Kirchdorf, in der Universität der Nachbarschaften (HafenCityUniversität) und im Bürgerhaus Wilhelmsburg. Die Bewegung durch den Stadtraum gehört mit zum Programm, das neben Vorträgen auch Aktionen, Screenings, Rundgänge, eine Ausstellung mit Projektdokumentationen und eine Book-Release-Party umfasst. Den Abschluss bildet eine Podiumsdiskussion, in der über die fehlende Spielräume für Kunst in der Stadt, Veränderungen von Ausbildungssituationen und konkrete Möglichkeiten der Vernetzung der Kultur-, Wissenschafts-, Bildungsbehörden mit der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt gesprochen wird.
 
Referent/-innen und Panelteilnehmer/-innen sind:
 Gabriela Christen / Nika Spalinger (Luzern), Didier Schaub (Douala, Kamerun), feld72 (Wien), Uli Hellweg (IBA Hamburg), Knowbotiq / Christian Hübler und Yvonne Wilhelm (Zürich), Bettina Kiehn (Bürgerhaus Wilhelmsburg, Hamburg), Martin Köttering (HfbK Hamburg), Andrea Knobloch (Düsseldorf), Clemencia Labin (Hamburg), Seraphina Lenz (Berlin), Michaela Ott (HfbK Hamburg), Silke Riechert (Berlin), Skulpturenpark Berlin_Zentrum / Markus Lohmann und Harry Sachs (Hamburg, Berlin), Mustafa Tazeoglu und Christine Bleks (Duisburg), Ute Vorkoeper (Hamburg), Gesa Ziemer (HCU Hamburg), u.a