Ein Teil sein von skulptur projekte münster 07

Kunstwerke werden im städtischen Außenraum, in der Auseinandersetzung mit einem
Ort geschaffen: Das ist eine der wesentlichen Besonderheiten von Skulptur Projekte.
Die Besucherinnen und Besucher, aber vor allem die Bewohner der Stadt werden so
zu aktiven Beteiligten der Ausstellung. Bereits seit 30 Jahren und nunmehr zum
vierten Mal findet Skulptur Projekte in Münster statt und ist spätestens seit 1997 auch
im Herzen der Bürger angekommen.
Für skulptur projekte münster 07 realisiert der britische Künstler Mark Wallinger ein
Projekt, bei dem es auf die Unterstützung Vieler ankommt. Über 60 Gebäude und
etwa 130 Bewohner werden in seine Arbeit einbezogen sein – noch nie waren so viele
Bürger der Stadt an einem künstlerischen Projekt beteiligt. Die Kuratorin der
Ausstellung, Brigitte Franzen, hat aus diesem Grund betroffene Bewohner zu einem
Ortstermin an das beteiligte Wohnhaus von Dieter Sieger, am Kreuztor 1 eingeladen
und das künstlerische Vorhaben erläutert: „Mark Wallinger plant für Münster ein sehr
subtiles und hintergründiges Projekt, in dem es um das Thema Grenzziehung, also
Eingrenzung aber auch Abgrenzung geht“, erklärt Brigitte Franzen, Kuratorin der
Ausstellung. Ebenfalls in den Kreis von Mark Wallinger eingebunden ist das Gebäude
der LBS West, dessen Direktor Dr. Hans-Ulrich Gruß vor Ort die Verbundenheit zu
dieser ungewöhnlichen Arbeit ausdrückt.
Der britische Künstler Wallinger wird eine 0,6 Millimeter dünne Angelschnur in einem
kreisrunden Umfang von fünf Kilometern und einer Mindesthöhe von 4,5 Metern durch
die Stadt spannen. Fünf bis zweihundert Meter liegen zwischen den
Befestigungspunkten an den Häusern, die sich auf diesem Kreis befinden. Den
Mittelpunkt des Kreises bildet dabei eine kleine Verkehrsinsel vor dem Büro von
skulptur projekte münster 07. Um die Subtilität und Transparenz der Arbeit zu
unterstützen, erfolgt die Anbringung durch eine dezente Haken- und
Dübelbefestigung. „Selbstverständlich gewährleisten wir, dass die Befestigung wie
auch die spätere Abnahme der Fixierung von uns fachmännisch durchgeführt werden
und keine Spuren an Ihren Häusern zurückbleiben“, versichert die Projektleiterin
Christine Litz den betroffenen Eigentümern.
Mit seiner Idee, durch das Spannen einer Angelschnur sehr subtil einen Raum zu
markieren, bezieht sich der Brite auf drei Phänomene. Zum einen auf ein Verfahren
jüdisch orthodoxer Gemeinschaften, das das Bewegen von Gegenständen am Sabbat
aus dem privaten Raum regelt (Eruv). Da der Talmud dies eigentlich verbietet, wird
durch die Markierung realer oder symbolischer Grenzen eine Erweiterung des privaten
Raums in den öffentlichen erreicht. Zum anderen beschäftigt er sich mit dem aus der
englischen Geschichte des 14. Jahrhunderts stammenden Begriff Pale. Diese Zone
beschreibt ein in sich geschlossenes Herrschaftsgebiet, das Sicherheit bedeutet,
indem es sich sich nach Außen abgrenzt. Und schließlich spricht Wallinger auch das
Phänomen des Ghettos an, ein Bereich, der vor allem die Ausgrenzung einer
bestimmten Bevölkerungsschicht bezeichnet. Die Arbeit des Künstlers bezieht so
kulturelle, politische und gesellschaftliche Fragestellungen mit ein.
„Ich finde es gut, wenn man als Bürger der Stadt in die Skulptur Projekte integriert
wird – so wird man zum Teil der Ausstellung. Schließlich ist es ein spannendes
Projekt, das für Münster viel bedeutet. Irgendwie ein Stück Zeitgeschichte“, beschreibt
Helmut Lassahn, einer der betroffenen Eigentümer, am Informationsabend seine
Haltung zum Projekt des Künstlers. Beate Wethkamp, ebenfalls eine der
Eigentümerinnen, erinnert an den alten Begriff des Paohlbürgers: „Innerhalb oder
außerhalb des Promenadenrings zu wohnen heißt etwas – deswegen ist die Idee des
Künstlers für Münster so sinnvoll. Ich wohne knapp außerhalb des Promenadenrings.
Wenn man außerhalb wohnt, sagt man immer noch: Ich gehe in die Stadt, obwohl es
nur 200 Meter sind. Wallinger macht diese Grenzen noch bewußter.“ Und Rudolf
Söbbeke meint: „Ich finde es faszinierend, dass so viele Privatleute für so ein Projekt
zusammen kommen. Es ist für mich ein Denkanstoß, der mich in meiner persönlichen
Freiheit nicht einschränkt.“
Das Projekt von Mark Wallinger wird von der West LB gefördert. Träger der
Ausstellung skulptur projekte münster 07 sind der Landschaftsverband Westfalen-
Lippe (LWL), die Stadt Münster und das Land Nordrhein-Westfalen.

skulptur projekte münster 07 – Pae White –


Die amerikanische Künstlerin Pae White verbindet in ihrem Projekt für Münster, „my-fi“, Bestandteile ihrer kulturellen kalifornischen Lebenswirklichkeit mit den Traditionen und Gegebenheiten, die sie vor Ort vorgefunden hat. Bereits bei ihrem ersten Besuch in Münster fielen ihr die verschiedenen Glockenspiele in der Innenstadt auf, die sie als typischen Bestandteil der hiesigen Kultur wahrnahm. Drei dieser fünf Glockenspiele wird die Künstlerin für die Dauer der Ausstellung mit für sie bedeutenden Liebesliedern aus den 70er Jahren bespielen. Der auf dem Prinzipalmarkt flanierende Besucher gelangt so von einem Klangraum in den nächsten. Ergänzt werden die Glockenspiele durch drei einzelne, etwa einen Meter große Glocken, die deutliche emotionale Spuren aufweisen. Die monumentalen Glocken werden auf Münsters Prinzipalmarkt an gebogenen Masten aufgehängt, die denen des kalifornischen Camino Real nachempfunden sind. Die in einem aufwändigen Verfahren von Nymphenburg hergestellten Glocken wurden vor wenigen Tagen in der Münchner Manufaktur von der Künstlerin umarmt. Dissonante Klänge sind die Folge dieser durch die Umarmung entstandenen Verformungen. Pae White erweitert den kulturellen Transfer durch einen dritten Schritt: Im Schaufenster der Konditorei Kleimann werden Marzipanimitationen kalifornischer Esskultur ausgestellt, die nach einer Vorlage der Künstlerin angefertigt werden. Tacos aus Marzipan werden in der Auslage auf amerikanischen Fast-Food-Trucks angeboten und können ab Ausstellungsbeginn vom Besucher erstanden werden.


Immer mehr Projekte  sind in der Realisierung: die Arbeiten von Martin Boyce, Marko Lehanka und Manfred Pernice entstehen im Stadtraum

Gregor Schneiders performatives Debüt im Magazin der Staatsoper Berlin

Das von Gregor Schneider konzipierte Projekt für das Magazin der Staatsoper Unter den Linden erschließt sich aus der Perspektive der Erfahrung der Ungewissheit. Der Projekttitel »19-20:30 Uhr 31.05.2007« umschreibt die Zeitklammer des Geschehens, ein Geschehen, das allerdings niemandem bekannt ist. Damit thematisiert Schneider mit subtilen, kaum wahrnehmbaren Eingriffen grundsätzliche Fragen zum Raum und stellt Emotionen, Erinnerungen und Ängste des Betrachters in den Mittelpunkt seiner Raumerfahrung.


Mit Gregor Schneiders einmaliger Aufführung »19-20:30 Uhr 31.05.2007« setzen Thyssen-Bornemisza Art Contemporary und die Staatsoper Unter den Linden ihre 2005 begonnene Zusammenarbeit, performative Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern zu fördern, fort. Nach »Jonathan Meese ist Mutter Parzival« (März 2005), »Don’t Trust Anyone Over Thirty« (Juni 2005) und »John Bocks Medusa im Tam Tam Club« (September 2006) ist »19-20:30 Uhr 31.05.2007« das vierte Projekt der interdisziplinären Programmreihe, in der bildende Künstler im Performance-, Theater- und Musiktheaterkontext experimentieren und neue Grenzen erforschen.


Die Aufführung im Magazin der Staatsoper ist die erste Präsentation des weltweit gefeierten Künstlers in Berlin nach 13 Jahren und soll einen Neuansatz in Gregor Schneiders Kunstschaffen markieren, der über das Bauen von Räumen hinausgeht. Auch in dieser neuen Arbeit sucht Schneider die Konfrontation des Betrachters mit sich selbst über die dramaturgische Schaffung einer »stummen Gewöhnlichkeit«, die auf Abwesenheit und Verunsicherung abzielt und ein unerreichbares Geschehen suggeriert, das möglicherweise uneingelöst bleibt.


Wie bei jeder Aufführung und Performance aktualisiert sich die Arbeit erst in der direkten Konfrontation zwischen dem ästhetischen Rahmen der Produktion und der Erwartungshaltung und Präsenz des Besuchers. Das ist das Grundprinzip der Theatralität, das sich in der bildenden Kunst mit den Mitteln der »totalen Installation« erfüllt. Theatralisierung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Besucher selbst auf die Bühne geschickt wird, zum Schauspieler gemacht wird, ohne dass er sich dieser Rolle bewusst ist.


Bei Schneider tritt der Betrachter/Besucher in das Kunstwerk ein, oftmals ohne konkrete Handlungsanweisungen zu erhalten. Er wird völlig allein gelassen, muss das Werk »von innen« sehen lernen und seine eigene Rolle darin erkennen. Er wird dabei weitgehend gesteuert, ohne aber die Steuerung direkt zu erfahren. Die Orientierung der Sinne auf Sichtbarkeit, Hörbarkeit und Tastbarkeit erweitert sich bei Schneider durch die Aufmerksamkeit für den Bewegungssinn als eine spezifische Form der Erfahrung von Raum und Zeit. Durch das Betreten der »Bühne« erschließt sich dem Betrachter/Akteur der Raum als »geschehend«, sprich als aktiviert, animiert. Das asymmetrische Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, Darsteller und Betrachter wird dabei aus seiner hierarchischen Verankerung gehoben und unter Umständen eine völlige Verschmelzung gesucht. Erst als Irrender und fragend Suchender hat der Besucher die Möglichkeit, jene Erfahrung zu machen, die seinen Sinn für Narration und seine eigene Rolle darin schärfen.


Mit diesen Prinzipien experimentiert der deutsche Künstler, der auf der Biennale von Venedig 2001 mit »Totes Haus u r« im Deutschen Pavillon vertreten war und mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, seit längerer Zeit. Seit bereits zwanzig Jahren baut er das Haus seines Vaters in seiner Heimatstadt Rheydt zu einem totalen Kunstwerk um. Ein totales Kunstwerk, in dessen Mittelpunkt – wie stets bei Schneider – der Raum an sich stand: kleine und große Räume, abgeschiedene und offene, verschlossene und versteckte; Räume, in denen Schneider Decken und Böden versetzt, Fenster verschiebt, Fußböden verdoppelt und hinter doppelten Wänden versteckt.


Karten: 15 EUR im Vorverkauf und ab 18 Uhr an der Abendkasse.
Infos unter Tel +49 30 20 35 45 55.
Der Eintrittspreis beinhaltet die Zusendung eines Programmheftes mit Beiträgen von Thomas Macho und Thomas Raab, das im Juni 2007 erscheint.


»19-20:30 Uhr 31.05.2007«
Aufführung von Gregor Schneider im Rahmen der Projektreihe „Relation in Movement“ am Donnerstag, 31. Mai 2007 um 19 Uhr im Magazin der Staatsoper Unter den Linden, Unter den Linden 7, 10117 Berlin


Eine Auftragsarbeit von Staatsoper Unter den Linden, Berlin und Thyssen- Bornemisza Art Contemporary, Wien. Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.


Anmerkung der Redaktion:


Die schiere Neugier trieb das erwartungsvolle Kunstpublikum nun am Donnerstagabend kurz vor sieben vor das große Tor des Opernmagazins…… Mehr im taz, Artikel v. 2. 6. 07 
 

Im Blickfeld – Werke der Sammlung Brandhorst

Das Museum Brandhorst wird im Herbst 2008 eröffnet. Zur Steigerung der Vorfreude auf dieses mit Spannung erwartete Kulturereignis zeigt die Pinakothek der Moderne nach Präsentationen aus den reichen Beständen von Andy Warhol, Cy Twombly und der Arte Povera weitere Highlights dieser Sammlung.


Gerhard Richters »Familie nach altem Meister«, ein Schlüsselbild des Künstlers von 1965, verstärkt pointiert einen neu eingerichteten Richter-Raum. Richter geht es hier um die Darstellung von Erinnerung, ihrer spezifischen Unschärfe zwischen individuellen Gedächtnis und vermeintlich objektivem Dokument.


Darüber hinaus unterstreichen die fünf hier präsentierten Werke von Eric Fischl das außergewöhnlich reiche künstlerische Spektrum der Sammlung Brandhorst.


Die Bilderwelt von Eric Fischl (geboren 1948 in New York) hält mit stupender malerischer Kraft Gegenständlichkeit und Abstraktion, Banalität und Pathos, alltägliche Szenen gekleidet in große Form, in unauflösbarer Schwebe. Extreme Überzeichnungen, Maßstabsänderungen, Kombinationen unterschiedlicher Raumansichten, Montage und Inszenierung charakterisieren Fischls neuen, spezifisch amerikanischen Realismusbegriff, der auf Edward Hopper aufbauend die Grundlage für eine eigene ästhetische Tradition bietet.


»Daddy’s Girl« (1984) zeigt diesen Ansatz in verstörender Deutlichkeit. Die vermeintlich harmlose Szene – auf einem Liegestuhl umarmt ein nackter Mann ein gleichfalls nacktes, blondlockiges kleines Mädchen – läuft kaum merklich aus dem Ruder. Die auf Meer und Himmel fluchtende Perspektive lässt das Haus bedrohlich über der Tiefe schweben, die dunklen Raumhöhlen und der extrem deutliche Schatten unter dem Liegestuhl, insbesondere jedoch der am Fuß des Vaters balancierende Pantoffel und das auf der äußersten Kante eines spitzwinklig gezeigten Pflanzenkübels positionierte Glas unterstreichen die Brüchigkeit und Gefährdung der dargestellten Situation.


2002 entstand im und für das Haus Ester in Krefeld der Zyklus »Krefeld Project«. Eric Fischl versetzte das heute museal genutzte Gebäude, das mit dem benachbarten Haus Lange zu den Klassikern der Wohnhaus-Architektur Mies van der Rohes gehört, kurzfristig in seine Funktion zurück. Es wurde entsprechend möbliert und zwei Schauspieler agierten in einem Drama, das alltägliche zwischenmenschliche Beziehungen behandelt. Eine digital bearbeitete Auswahl der etwa zweitausend dabei entstandenen Fotos bildete die Grundlage des Zyklus, der mit dem hier gezeigten Bild »Living Room. Scene 3« beginnt.


Eine selbstvergessen tanzende Frau in rotem Seidenkimono wird scheinbar von einem auf dem Sofa sitzenden Mann in dunklem Anzug fixiert. Jedoch sind seine Augen blicklos, seine Haltung verkrampft, fast linkisch. Zwischen Beiden öffnet sich schwarze, unüberwindliche Leere, hinterfangen von einem Esszimmer, das mit dem strengen Bauhausmobiliar des gesamten Ambientes korrespondiert. Die kühle Atmosphäre, die dem Thema zu widersprechen scheint, erfährt durch die Schlaglichter und eine an den Rändern sich verwischende Malerei eine Steigerung. Dieses Stilmittel setzt Fischl immer wieder zur Potenzierung des Ephemeren und zugleich Brüchigen seiner Werke ein, die von alltäglichen »Bestrebungen und Sehnsüchten« und deren Scheitern handeln: »Es hört sich großartig an, aber für mich haftet immer etwas Tragisches an allem, was ich tue, so dass seine Größe damit irgendwie pathetisch wirkt. Es geht darum, etwas großartig zu machen, was nicht großartig ist; oder grandiose Formen zu verwenden, die eigentlich nicht grandios sind. Es fällt immer wieder auseinander. Ich möchte, dass man von meinen Bildern weggeht mit einem Gefühl von Tragik.« (Eric Fischl, 1986)


In dieser Ambivalenz liegt die besondere Kraft von Fischls bildnerischem Ansatz, der die Malerei der letzten Jahrzehnte markant erweitert. Er zeigt zugleich, wie vielstimmig die Sammlung Brandhorst orchestriert ist, wie sich dies auch durch zahlreiche andere Neukonstellationen verdeutlichen lässt.


Die Pinakothek der Moderne freut sich, Ihnen damit eine unter vielen Präsentationsmöglichkeiten und Gewichtungen im neuen Museum Brandhorst schlaglichtartig vorstellen zu können.