Biografie von Roger M. Buergel künstlerischer Leiter der documenta 12

ROGER M. BUERGEL, künstlerischer Leiter documenta 12 *1962, Ausstellungsmacher und Autor, zwei Kinder. Kuratierte Dinge, die wir nicht verstehen (mit Ruth Noack, Generali Foundation, Wien, 2000); Gouvernementalität. Kunst in Auseinandersetzung mit der internationalen Hyperbourgeoisie und dem nationalen Kleinbürgertum (Alte Kestner Gesellschaft Hannover, 2000), The Subject and Power – the lyrical voice (CHA Moskau, 2001); Die Regierung (mit Ruth Noack, Kunstraum der Universität Lüneburg; MACBA-Museu d’Art Contemporani de Barcelona; Miami Art Central; Secession, Wien; Witte de With, Rotterdam, 2003–05). Künstlerischer Leiter der documenta 12 (2007).

Rush Hour, Morning and Evening, Cheapside

Menschen unterwegs, auf den Kopf gestellt: nur ihre Schatten treffen beiläufig aufeinander. Es ist Hauptverkehrszeit: Jede/r eilt zur Arbeit. Und später nach Hause.
Schatten sind HauptdarstellerInnen des vom Autor und Filmemacher Mark Lewis im Londoner Financial District aufgenommenen Alltagsbildes. Sie führen den Perspektivwechsel der PassantInnen im urbanen Raum herbei. Dabei kann man sich an Gustave Caillebottes Ölbild „Straße in Paris an einem regnerischen Tag“ (1877) genauso wie an Fotografie im urbanen Raum erinnert fühlen. Mit den Schatten als ProtagonistInnen wird zudem auf das Medium Film bzw. seine Aufzeichnungsmethoden Bezug genommen. So reflektiert Mark Lewis des Öfteren in seiner Arbeit das Motiv des Schattenbildes in seinem Einfluss auf visuelle Kultur: „In der Geschichte der Malerei wurde von dem Moment an, als der Schatten auf den Wänden erkannt wurde, der Versuch unternommen, Bewegung zu verstehen und diese in der Unbeweglichkeit der Bilder darzustellen.“ (Lewis) In gewisser Weise realisiere der Film die Ambition von Malerei, (sich) zu bewegen; gleichzeitig stelle er das in Frage, was herkömmlich als Bild definiert wird.
Was die documenta 12 an Bildern präsentiert, Unbekanntes und (scheinbar) Vertrautes, Verstörendes und Lustvolles, Gezeichnetes und Digitales ? all das bringt auch der/die Betrachter/in selbst mit. Denn die auf dem Spiel formaler Korrespondenzen basierende „Migration der Formen“ (Roger M. Buergel) beruht auf keiner bloß formalen Migration, sondern bietet dem Publikum die Chance, eine andere Art von Partizipation zu erfahren. In dem Moment, in dem die BetrachterIn nach Erklärungen sucht, beginnt die eigene Infragestellung. An dem Punkt, an dem keine Bedeutung mehr entsteht, provoziert das „Andere der Bedeutung“(Buergel) eine Krise: Sie fragt die BesucherInnen, ob sie bereit seien, sich auf die ästhetische Erfahrung einzulassen, d.h. sich ihr zu überantworten – ohne genaue Kenntnis über das Ziel der Reise.
Durch den Perspektivwechsel fordert die documenta 12 eine Selbstveränderung heraus. Dabei können die BesucherInnen jedoch auch schlendern – im Gegensatz zu den eilenden Schatten-Passanten in Mark Lewis‘ Trailer. Sie können sich treiben lassen von Form zu Form, sich auf Begegnung nach Begegnung einlassen, um letztlich in jenen lustvollen Krisenzustand zu geraten.
Wir wünschen entdeckungsreiches Reisen und herausforderndes Schlendern.
documenta 12-Trailer, Ausschnitt aus Rush Hour, Morning and Evening, Cheapside (2005), 35 mm, übertragen auf HD, 4 Minuten
Film von Mark Lewis, mit freundlicher Genehmigung des Museum of Modern Art, New York, Fund for the Twenty-First Century
Ab 29. Mai 2007 läuft der Trailer deutschlandweit in Programmkinos.
Mark Lewis, *1957, geboren in Hamilton, Ontario, Canada, lebt und arbeitet in London.Der Künstler Mark Lewis arbeitet als Redakteur bei Afterall Journal und Afterall Books und schrieb den Artikel „Ist die Moderne unsere Antike?“ für die erste Ausgabe der documenta 12 magazines. Lewis kuratierte zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit.

Pressemitteilung: documenta 12

Johanna Maria Huck-Schade

documenta 12 Magazine No. 2: Life!

‚Life!‘ ist der Titel des ‚documenta 12 Magazine No 2‘. Hinter diesem Titel verbirgt sich die Frage des zweiten Leitmotivs der documenta 12, was denn mit dem Begriff vom „bloßen Leben“, der in vielen ästhetischen und politischen Diskussionen von heute eine zentrale Denkfigur geworden ist, gemeint sein kann.
In den essayistischen, theoretischen und visuellen Beiträgen begegnet man u. a. den Eltern des Künstlers Dmitri Gutov, wie sie beim Ballspielen in einer typisch russischen Landschaft Schmerz und Leidenschaft mimen, die „jener professioneller Fußballspieler in nichts nachsteht“ (Gutov). Man verfolgt ‚Erzähl mal, Young-il!‘ – eine Comic-Serie von Ko Young-il, der auf kritisch-spielerische Weise die studentische Protestbewegung in Korea der 1990er Jahre demontiert. Man blättert zurück und erfährt von den seltsamen Reaktionen der Armbanduhr von Adania Shibli – je nach dem, ob sie aus Palästina abreist oder wieder zurückkommt. Oder man betrachtet den ‚Künstler bei der Arbeit‘ (Mladen Stilinovic), anno 1978, als er feststellte, dass es ohne Faulheit keine Kunst geben kann.
Ebenso deutlich werden die lokalen Perspektiven der jeweiligen Autoren auf das zweite Leitmotiv: Nidhi Eoseewong, einer der bedeutendsten thailändischen Intellektuellen der Gegenwart, stellt die Ethik der Regierenden und die Legitimation ihrer Befehle in Frage; der Philosoph und Medienaktivist Ovidiu Tichindeleanu denkt über die ganz unterschiedlichen Konzeptionen des Raumes in der postsozialistischen Welt und ihre Bedeutungen für die ästhetische Wahrnehmung nach. Die Macht des dokumentarischen Bildes behandelt das Essay der britischen Fotografin Jo Spence. Den Blick durch die Kamera wählt auch die Künstlerin Simryn Gill, die seit 1999 in ihrer Heimat Malaysia die Veränderung des Landes zwischen Indien, China und der westlichen Welt fotografisch festhält.
Die Beiträge zeigen, dass das bloße Leben viele Facetten, auch unerwartete, leichte, lyrische oder sogar heitere haben kann.
Das ‚documenta 12 Magazine‘ erscheint bei TASCHEN und ist im Buchhandel sowie im Internet unter www.documenta.de und www.taschen.com erhältlich.
Sprache deutsch/englisch, Umfang 224 Seiten, Preis 12,- Euro, ISBN 978-3-8365-0058-6

Pressemitteilung documenta 12

Alte Kunst bei der documenta 12

Buergel will auf der documenta 12 neben der zeitgenössischer Kunst auch die „alte Kunst“ zeigen. Ein Drittel der Exponate sollen aus dem Fundus der Kunstgeschichte stammen.
100 Tage vor Beginn der documenta 12 in Kassel sagt er: „Zeitgenössische Kunst kapiert man nur, wenn man weiß, wo sie herkommt. Dann hat man auch eine Ahnung davon, wo sie hingeht.“ Oder: „Warum sollte es darauf ankommen, wann ein Kunstwerk entstanden ist? Wichtig ist doch nur, dass es uns heute aktuell erscheint.“
Das älteste Stück stamme aus dem 14. Jahrhundert. Eine persische Miniatur, Künstler unbekannt, aus den Archiven der Berliner Museen: „An dem Stück aus dem 14. Jahrhundert sieht man, wie sich persische Künstler eine chinesische Formengrammatik zu Eigen gemacht haben. Das sagt faszinierend viel aus über die Entwicklung der Kunst“so Buergel „Der Künstler war von Persien aus nach China gereist, und das zeigt sich auf dem Bild auch: Der Fluss und die Felsen sind in ihren geschwungenen Linien chinesisch, der Künstler hat sie hineinmontiert in seine persische Landschaft. “

jhs

Zweimal leben. Das documenta 12 Filmprogramm

„Der Ort des Films auf der documenta 12 ist das Kino: eine schlichte Antwort auf die Debatten der letzten Jahre, wie Laufbilder im Kunstkontext wohl am besten darstellbar wären.“ (Alexander Horwath)
Knapp drei Wochen vor Ausstellungsbeginn stellt documenta 12 das Filmprogramm der 100 Tage vor: 50 Programme aus der „zweiten Hälfte des Kinos“, von den 1950er Jahren bis heute, werden jeweils an zwei unterschiedlichen Tagen gezeigt. Insgesamt werden 96 Filme im Gloria Kino in Kassel zu sehen sein. Dieses klassische Programmkino wurde übrigens im selben Jahr wie die erste documenta (1955) eröffnet.
Die Auswahl von Alexander Horwath, Leiter des Österreichischen Filmmuseums, hat das ganze Kino im Blick: alle Gattungen und Genres – populärer Spielfilm, Avantgardefilm, Dokumentarfilm, Kunstfilm (im Sinne des europäischen Autorenfilms) – den „Normalfall des Kinos“ eben.
Zu sehen sind Klassiker wie Roberto Rossellinis ‚Viaggio in Italia‘ oder Guru Dutts ‚Pyaasa‘, Underground-Kino wie Ken Jacobs ‚Star Spangled to Death‘ oder ‚IXE‘ von Lionel Soukaz, experimentelles Kino wie Marie Menkens ‚Lights‘ oder ‚Spiral Jetty‘ von Robert Smithson ebenso wie populäres, etwa ‚Land of the Dead‘ von George A. Romero oder David Cronenbergs ‚Existenz‘ – sowie drei Uraufführungen: ‚A Pitcher of Colored Light‘ von Robert Beavers, ‚Casting a Glance‘ von James Benning und ‚Halcion‘ von Dietmar Brehm.
Das documenta 12 Filmprogramm läuft täglich während der 100 Tage der Ausstellung. Der Spielplan enthält 50 abendfüllende Programme, die an zwei unterschiedlichen Tagen gezeigt werden.
Die Vorstellungen beginnen um jeweils 20:30 Uhr und der Eintritt kostet 6,50 EUR (ermäßigt 6 EUR).
Der Katalog zum documenta 12 Filmprogramm, der für 2 EUR auf der Ausstellung zu erwerben sein wird, gibt einen Überblick zu allen 50 kuratierten Programmen.
Der documenta 12 Filmprogrammfolder mit dem Spielplan und den wichtigsten Rahmendaten zum Filmprogramm sowie entsprechende Abbildungen stehen Ihnen zum Download unter www.documenta.de zur Verfügung. Weitere Informationen finden Sie hier, sowie auf der Webseite www.gloriakino.de.
Erstmalig gibt es übrigens auch einen Kinotrailer zur documenta 12, der regelmäßig während der 100 Tage in etwa 100 Programmkinos in Deutschland und in ausgewählten Programmkinos in Großbritannien ab Anfang Juni gezeigt wird. Der ca. 40sekündige Trailer ist ein Ausschnitt aus dem Film ‚Rush Hour, Morning and Evening, Cheapside‘ des Künstlers Mark Lewis.

Pressemitteilung: documenta 12

Johanna Maria Huck-Schade

Sakarin Krue-On, Terraced Rice Fields Art Project

Der thailändische Künstler Sakarin Krue-On begibt sich mit dieser ortspezifischen Arbeit auf neue Pfade. Zum ersten Mal wird Reis in Deutschland im Außenraum angebaut. Auf dem hügeligen Gelände des Bergparks unterhalb des Schlosses Wilhelmshöhe werden Reisterrassen angelegt. Damit erweist die künstlerische Leitung dem „Themenpark“ der Aufklärung eine zeitgenössische Reverenz.
Sowohl die Terrassenanlage als auch der Reisanbau werden nach traditionellem Vorbild durch Krue-On und sein thailändisches Team, darunter ein erfahrener Reisbauer, Experten aus der Region Kassel sowie documenta-MitarbeiterInnen realisiert. Dabei wird man so weit als möglich auf den Einsatz von Maschinen verzichten, auf überlieferte Methoden setzen und die Arbeiten mit einfachen Geräten wie Spaten, Gabeln und Hacken per Hand ausführen. Wird der kommende Sommer ausreichend warm und trocken, könnte der Reis schon im Juni blühen, im Juli Rispen zeigen und im September Früchte tragen. Dominiert jedoch Regen die 100 Ausstellungstage, wird der Reis vielleicht nicht einmal blühen.
Hier zeigt sich das Prozessuale, das Experimentelle der Arbeit. Bereits in der Planung und Realisierung der Arbeit stoßen kulturell unterschiedliche Arbeitsmethoden aufeinander, die in einem Übersetzungs- und Verständigungsprozess verhandelt werden müssen. Kollektive Zusammenarbeit trifft auf moderne Arbeitsteilung, tradiertes Wissen auf wissenschaftliche Expertise, Ackerbau auf Parkpflege. Weniger die Resultate, das Wachstum oder die Ernte interessieren, sondern vielmehr der Weg, die Arbeit, der Anbau. Und vor allem das pittoreske Bild der Reisterrassen vor dem Schloss in der gepflegten Parklandschaft. Kultivierte Natur, neu gesehen.
Die ortsbezogene Installation, eindeutig auch ein Bezug auf die Kaskaden im Bergpark, inszeniert symbolisch das Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen: Das Schloss Wilhelmshöhe – von Status, Gestalt und Symbolkraft ein architektonisches Monument eindeutig westeuropäischer Provenienz – und das Reisfeld – Zeugnis der Aneignung von Natur und ihrer Nutzung für den Lebensunterhalt sowie Symbol für Wachstum, Entwicklung und Zusammenarbeit. Sind sie gleichwertige Partner oder ist das eine Kulisse des anderen? Sakarin Krue-On will Fragen stellen und hofft, dass die Besucher Antworten finden werden.
Die ersten Vorbereitungsarbeiten für das Reisfeld haben am 07.05.2007 begonnen.

Quelle: Pressemitteiltung documenta12

Ferran Adrià bringt documenta 12 in die Cala Montjoi

„Ich habe Ferran Adrià eingeladen, weil er es geschafft hat, seine eigene Ästhetik hervorzubringen, die sich in etwas sehr Einflussreiches in der internationalen Szene verwandelt hat. Daran bin ich interessiert, und nicht, ob die Leute es nun für Kunst halten oder nicht. Es ist wichtig zu sagen, dass künstlerische Intelligenz sich nicht in einem bestimmten Medium manifestiert, dass man Kunst nicht nur mit Fotografie, Skulptur und Malerei etc. identifizieren muss, auch nicht mit dem Kochen im Allgemeinen; jedoch, unter gewissen Umständen, kann es auch Kunst sein.“ Roger M. Buergel
Die Einladung von documenta 12 bedeutet für Ferran Adrià, „die Form seines künstlerischen Beitrags von Null auf zu entwickeln“.
Die Form, die Ferran Adrià fand, um die kulinarische Welt der avantgardistischen Küche mit der Welt der Kunst zu verbinden, besteht darin, dass sein Restaurant elBulli in Cala Montjoi (dt.: kleine Bucht Montjoi) kurzerhand zum Ausstellungsort von documenta 12 wird. Jede andere Form, die auf die einzigartige Erfahrung eines Besuchs von elBulli verzichtet hätte, wäre Ferran Adriàs komplexer Kochkunst nämlich nicht gerecht geworden. Denn laut Adrià „kann nur verstehen, wer auch isst“.
Damit werden über 100 Tage die 50 Gäste, die Adrià allabendlich im stets ausgebuchten elBulli empfängt, auch zu BesucherInnen der Ausstellung.
Aber wie wird das elBulli dann konkret in documenta 12 in Kassel eingebunden? Das geschieht, indem Roger M. Buergel willkürlich BesucherInnen von documenta 12 auswählt und fragt, ob sie nicht Lust auf die authentische Erfahrung eines Abendessens bei elBulli und eine kurze Reise in die Cala Montjoi hätten.
Für Ferran Adrià gehören außerdem die Reflexionen und Diskussionen zwischen verschiedenen Menschen aus den Bereichen Kunst und Kochkunst zu seiner Intervention dazu. An der Entwicklung der Arbeit beteiligt waren neben Ferran Adrià auch Marta Arzak, stellvertretende Leiterin der Kunstvermittlung des Guggenheim Museums in Bilbao und Josep Maria Pinto, Mitautor des Katalogs „El Bulli 1998 – 2002“.

Pressemitteilung: documenta 12

Johanna Maria Huck-Schade

Fairytale – Das Märchen ist zu Ende

Die letzte Gruppe der 1.001 Chinesen ist abgereist. Am Montag haben sie sich auf den Weg in ihre Heimat gemacht – nach Peking, Shanghai und in die Provinzen. Fairytale endet damit. Im Gepäck haben unsere chinesischen Gäste Fotos auf ihrem USB-Stick, Bilder und Eindrücke im Kopf und einige Mitbringsel für zu Hause.
Während sich auf dem Gelände der Gottschalkhallen Grüppchen von Abreisenden bilden und Berge von Koffern häufen, frühstückt Shuyu Chen, Architektin aus Peking, zum letzten Mal im provisorischen Versorgungszelt. Zu Hause will sie allen ihre „Wahrheit“ über Fairytale erzählen. Sie erinnert sich, dass sie viele Bilder von Westeuropa und Deutschland im Kopf hatte, als sie hier ankam. Obwohl sie zum ersten Mal nach Europa gereist ist, hat sie sich deshalb von Anfang an nicht als Fremde gefühlt. Und nun ist sie selbst ein Teil davon geworden, ist sie selbst auf diesen Bildern zu sehen. Jeden Tag hat sie lange Spaziergänge durch Kassel unternommen und dabei vor allem viele Bilder von der Stadt gemacht. Die sei sehr schön, freut sie sich, und beschreibt die Landschaft und die gastfreundlichen Menschen. Einige Leute haben sich bei ihr z.B. für das schlechte Wetter entschuldigt. Der größte Unterschied zu ihrer Heimat sei der Augenkontakt auf der Straße, den man in China nicht habe. Hier hat sie den Augenkontakt gesucht und genossen. Auf die Frage, was das Kunstprojekt für sie bewirkt hat, antwortet sie: „Vielleicht ist Fairytale die Grenze, die ich zwischen den Kulturen überschritten habe.“ Darüber hinaus hat die Architektin natürlich die Ausstellung besucht: „Ich habe die documenta 12 als ein Medium benutzt, um auf mich selbst zu schauen und auf den Weg, den ich gehen werde.“
„Das ist wirklich wie ein Märchen!“, schwärmt Yue Luan. Sie steht mitten auf dem Hof in einem bodenlangen, hellblauen Kleid und scheint von den Vorbereitungen zur Abreise noch unbeeindruckt. Lieber erzählt sie begeistert von den Eindrücken der letzten Tage. Wie eine Schauspielerin in einem Märchen habe sie sich in Fairytale gefühlt. Und dass sie bei einer Performance auf dem Friedrichsplatz in traditionellem chinesischen Kleid getanzt habe. Wenn sie zu Hause zurück ist, will sie ihrer Mutter und Großmutter davon erzählen. „Ich war wirklich eine Prinzessin!“, schwärmt Yue Luan, „Alle Leute haben ein Foto von mir gemacht!“ Europa erscheint ihr sympathischer, als sie es sich vorgestellt hatte. Die Leute seien so freundlich, grüßen schon von Weitem.
Xuan Lei und Li Danfeng dagegen sind schon zur Abreise bereit. Neben ihrem Gepäck warten sie auf einer Treppe bei der Ausfahrt. Beide sind schon öfter in Deutschland und Europa unterwegs gewesen, weshalb ihnen Fairytale nicht ganz wie ein Märchen erscheint. Das Projekt jedoch sei etwas ganz Besonderes und für die documenta richtungsweisend, glaubt Xuan Lei. Die beiden Männer sind stolz, dass sie teilnehmen durften. Ein jeder würde die Stadt Kassel und die documenta 12 nur noch mit diesem Projekt verbinden, ist er sich sicher. Nach den kulturellen Unterschieden gefragt, denken sie sofort an die deutsche Küche. Das Essen hat ihnen nicht geschmeckt. Zum Abschied möchte Xuan Lei den Kasselern noch einmal Danke sagen – für die vielen Fahrräder, die sie bereitgestellt haben.
Li Gui Fen aus Ji Nan war zum ersten Mal in Deutschland. Aber die Zeit war viel zu kurz. Sie will unbedingt wiederkommen. Wenn sie zurück ist, wird sie ihren Kindern ihre Erlebnisse ganz langsam wie eine Geschichte erzählen. Denn sie hat Fairytale tatsächlich gleich einem Märchen erlebt und jede Nacht einen märchenhaften Traum gehabt, erzählt sie. Und sie hat eine Vision: In zehn Jahren könnten ihre Kinder hier an der Universität studieren. Ihnen nimmt sie ein Fernglas mit nach Hause. Stark beeindruckt hat Li Gui Fen eine kleine Kirche in Hann. Münden, die sie bei einem Ausflug dorthin besichtigt hat. Begeistert ist sie außerdem, wie viele ihrer Landsleute, von der Sauberkeit in den deutschen Städten. Diese Botschaft nimmt sie mit nach China: „Schützt die Natur!“, ruft sie aus und lacht zuversichtlich.
Während Ai Weiwei die letzten Fotos mit einer kleinen Digitalkamera schießt, bildet sich eine Reihe lachender junger Chinesen hinter identischen Koffern. Wen Sheng Dong (selbst Künstler) und Hai Qiang Fang scheinen sehr glücklich. Fairytale sei ein interessantes und wichtiges Projekt der documenta 12, erzählen sie. Es zeige die documenta aus einer vollkommen neuen Perspektive, da sich die Art des Kunstwerks so stark von bisherigen unterscheide, sind sie überzeugt. Wenngleich vor allem die Medien auf das Projekt fokussiert sind, handele es sich beim Einzelnen jedoch auch um ein sehr emotionales Erlebnis. Vor der Reise nach Kassel habe er geglaubt, Deutsche und Chinesen seien sehr verschieden, erzählt Hai Qiang Fang und die Deutschen eine sehr geschlossene Gesellschaft. Aber die Reise hat neue Eindrücke gebracht: Hai Qiang Fang hat viel Gemeinsamkeiten entdeckt, auch bezüglich der Art „wie wir denken“, sagt er. Ein Märchen sei allein die Tatsache, wie sie herkommen durften, da es für Chinesen sehr schwer ist, Visa zu bekommen, um nach Deutschland zu reisen. Und einige Absonderlichkeiten moniert er dann doch: deutschen Tee, Brot und dass alle so groß seien. Dann müssen sie los.
Gefragt, ob er ein wenig wehmütig sei, jetzt wo alle abgereist sind, antwortet Ai Weiwei: „Nein, alle sind noch hier – in der Erinnerung.“

Quelle:documenta12

Johanna Maria Huck-Schade

Blog der Dokumenta 12

Der documenta12blog.de berichtet tagesaktuell über die Ausstellung und sucht stets Schreiber, Fotografen, Videocaster und Podcaster, die sich am „virtuellen Bild“ der documenta beteiligen möchten.Gastbeiträge in Form von Text, Ton und/ oder Bild als auch KommentatorInnen im Blog sind ebenfalls gerne gesehen. Der documenta12blog soll nach Aussage der Gründer und Betreiber, Rolf Lobeck und Lars Roth, als eine Art Youtube oder Flickr der documenta

Johanna Maria Huck-Schade

Documenta 12 Magazines Online Journal

Das Online Journal von documenta 12 magazines ist ein Magazin der Magazine. Es vereinigt alle Beiträge der über 100 internationalen documenta 12 magazines Netzwerk-Redaktionen, die zu einem der drei documenta 12 Leitmotive erschienen sind. Die Artikel erscheinen in Originalsprache sowie in englisch. Aus diesem umfangreichen Pool können Sie sich ihr persönliches documenta 12 Magazine erstellen, es drucken und veröffentlichen. Oder aber Sie surfen einfach durch das Online Journal.
Die documenta 12 bietet darüber hinaus die Möglichkeit, bei den täglich um 13:00 Uhr stattfindenden Lunch Lectures oder auch Workshops in der documenta 12 Halle einige der internationalen documenta 12 magazines Herausgeber im Diskurs vor Ort zu erleben. Um einen Überblick über die Vielfalt der documenta 12 Veranstaltungen zu erhalten, werfen Sie einfach einen Blick in unseren Kalender.

Quelle: documenta 12
http://magazines.documenta.de/frontend/
http://www.documenta12.de/kalender.html?&L=0
Johanna Maria Huck-Schade

documenta-dock.net – questions about art – explore, ask, inspire

documenta-dock.net ist eine besucherorientierte Website für SchülerInnen und interessierte Erwachsene, die den theoretischen ‚Überbau‘ der documenta 12 vermittelt. Entwickelt wurde sie im Rahmen eines interdisziplinär angelegten Projektes an der Kunsthochschule Kassel.
Das Projekt ist ein Experiment, mit dem erforscht werden soll, ob sich das Internet mit seinen spezifischen Möglichkeiten und Modalitäten anbietet, insbesondere die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit zeitgenössischer Kunst zu fördern. Dafür wurde primär auf der Basis von Video-Interviews gearbeitet, die über eine inhaltliche Verschlagwortung miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Projektziel ist ein Fundus von spannenden, erkenntnisreichen Aussagen und künstlerischen Beiträgen, die als Videoclips präsentiert werden und die durch das spielerisch konzipierte Interface und die semantische Verschlagwortung ein müheloses Eintauchen in die gedanklichen Weiten zeitgenössischer Kunst ermöglichen sollen.

Johanna Maria Huck-Schade

Künstler der Documenta 12

Ferran Adrià
Saâdane Afif
Ai Weiwei
Halil Altindere
Eleanor Antin
Aoki Ryoko
David Aradeon
Ibon Aranberri
Monika Baer
Maja Bajevic
Yael Bartana
Mária Bartuszová
Ricardo Basbaum
Johanna Billing
Cosima von Bonin
Trisha Brown
Graciela Carnevale
James Coleman
Alice Creischer
Danica Dakic
Juan Davila
Dias & Riedweg
Gonzalo Díaz
Atul Dodiya
Ines Doujak
Lili Dujourie
Lukas Duwenhögger
Harun Farocki
León Ferrari
Iole de Freitas
Peter Friedl
Poul Gernes
Andrea Geyer
Simryn Gill
David Goldblatt
Sheela Gowda
Ion Grigorescu
Grupo de artistas de vanguardia (Archivio Tucumán Arde)
Dmitri Gutov
Romuald Hazoumé
Hu Xiaoyuan
Sanja Ivekovic
Luis Jacob
Jorge Mario Jáuregui
Amar Kanwar
Mary Kelly
Bela Kolárová
Abdoulaye Konaté
Bill Kouélany
Jirí Kovanda
Sakarin Krue-On
Zofia Kulik
KwieKulik
Louise Lawler
Zoe Leonard
Lin Yilin
Lee Lozano
Lu Hao
Churchill Madikida
Iñigo Manglano-Ovalle
Kerry James Marshall
Agnes Martin
John McCracken
Nasreen Mohamedi
Andrei Monastyrski
Olga Neuwirth
J.D. Okhai Ojeikere
Anatoli Osmolovsky
George Osodi
Jorge Oteiza
Annie Pootoogook
Charlotte Posenenske
Kirill Preobrazhenskiy
Florian Pumhösl
Yvonne Rainer
CK Rajan
Gerhard Richter
Alejandra Riera
Gerwald Rockenschaub
Sonia Abian Rose
Lotty Rosenfeld
Martha Rosler
Luis Sacilotto
Mira Schendel
Dierk Schmidt
Katerina Šedá
Allan Sekula
Ahlam Shibli
Andreas Siekmann
Nedko Solakov
Jo Spence
Grete Stern
Hito Steyerl
Imogen Stidworthy
Mladen Stilinovic
Jürgen Stollhans
Shooshie Sulaiman
Oumou Sy
Alina Szapocznikow
Tanaka Atsuko
David Thorne, Katya Sander, Ashley Hunt, Sharon Hayes und Andrea Geyer
Guy Tillim
Tseng Yu-Chin
Lidwien van de Ven
Simon Wachsmuth
Xie Nanxing
Yan Lei
Zheng Guogu
Artur Zmijewski

Biografien und Links unter: Cyberday – Künstler (eine große KünstlerInnenliste mit ca. 500 Einträgen)

Johanna Maria Huck-Schade