Hartz kills arts

Der arme Poet verheizt seine Schriften. Den gesegneten Künstler lädt das Gericht. So die Klischees. Dazwischen der Profikünstler. Waren, Erbauung, Lizenzen. Man kennt sich oder man kennt sich nicht. Daneben die Hobbykünstler des gesonderten Brotberufs.
Dass nur Bankiers über Kunst reden, Künstler aber übers Geld, behauptete Oskar Wilde nicht ganz zu Unrecht. Nur wird die Kunst da zur Projektionsfläche des Geldes, das stets einer bedarf, da der Kopierkunst auf den Banknoten allein wenig zu trauen ist. Für den derart berühmten Künstler fällt immer etwas ab, für den Anfänger selten. Dagegen scheint man versichert. Schien. Doch tatsächlich war es nie so. Es gibt keine Kunstförderung außerhalb der Kunstförderung. Es gibt Aufträge, Verkäufe und Kopien.
Auf dem Lande sahen die Sozialämter genauer hin. Da wusste man auch, wer Hilfeempfänger war und wer Künstler. Allerdings bin ich mir da nicht so sicher. Ich werde hinfahren und nachfragen. In den Städten geschieht gerade dies: Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer Umbauagenda mittels der Hartz IV genannten Eskalationsstufe den Broterwerb verbindlich vorgeschrieben. Bela oder Anda hätte es eigentlich heißen sollen. Egal. Unter anderem betroffen ist die unfreiwillige Kunstförderung. Wer bislang zum Beispiel malte oder sang und von der Stütze lebte, der soll sich nun Arbeit suchen. Darunter leide die Kunst. Hartz kills arts.
In Köln, zur kleinen Montagsdemonstration am 10. Januar, riefen Hundertdreißig unter roter Fahne auf zum Widerstand gegen die Zerschlagung der Kultur. So redet man dort. Ich berichte aus dem individualistischeren Berlin. Vorerst.
Der Hartzkünstler, pardon, der seinen Lebensunterhalt nicht und nicht dazu verdienende Künstler ist leicht misszuverstehen und bedarf der Rechtfertigung. Es geht ihm nicht, nie und nimmer, darum, unterstützt zu werden. Nur zu gerne erzielte er Gewinn. Sein Anliegen ist die Vermeidung des Freizeitkünstlertums. Mal Taxifahren ja, täglich ins Büro nie. Als echter Künstler gilt mit Ausnahme des reichen Erben, wessen Beruf die Kunst ist, wer sie beruflich treibt, der Profi. Wer tagsüber verwaltet und nachts Verse ersinnt, der ist Laie, kann\’s nicht, stümpert herum.
Das sieht man dann gleich. Matthias Most, frei erfunden, täglich acht Stunden an edler Leinwand, zwei oder drei Ausstellungsbesuche, eine Party (mit Schal und Gespräch über Jenny Holzer), der Künstler. Und Herr Meier oder so, Polizeibeamter des gehobenen Dienstes, häufige Überstunden, wochenends mit Dispersionsfarbe Sperrholz salbend, der Laie eben. Würde M.M. Beamter, gäbe es einen Künstler weniger im Land. Bzw. in der Stadt.
Dass es in der echten Kunst darum geht, echte Einnahmen zu erzielen, ist bekannt. Der Profi handelt nicht umsonst. Herr Meier kann ein Bild verschenken. M.M. nicht. Das könnte sich nun gegen ihn kehren, wenn er sagt: ich brauche den Freiraum materieller Sicherheit weiterhin, dafür gebe ich meine Kunst. Auch hier tut also Aufklärung not. Nein, er kann wirklich nicht verschenken. Professionalität ist das Preisschild unter dem Bild. Auch wenn niemand kauft. Was würde er denn verschenken, wenn er schenkte? Hobbymalerei!
Nicht einmal in der Künstlersozialkasse käme M.M. (bisher vom Sozialamt versichert) unter, würde er Sachbearbeiter oder Straßenfeger. Kein Stipendium stünde ihm mehr offen, keinen Preis könnte er fortan erringen, keine anerkannte Galerie würde seine Bilder zeigen. Herr Meier weiß das ebenso, sagt, wenn ihn einer fragt, er sei Polizeibeamter.
Vergessen wir die Geschichte (der Künste), schauen wir nach Berlin. Zweitausend, dreitausend oder zehntausend Künstler weniger auf einen Schlag. Die Arbeitslosen in gleicher Zahl vermehrt. Sachbearbeiter werden gerade keine gesucht. Wem wäre damit geholfen? Wo bliebe die lebendige Kultur? Auswüchse – die Frage ist nur: wovon? Umgebaut wird die Ordnung des Sozialstaates, nicht die der Künste. In Sachen der Kultur dauert alles länger. Das Schulsystem etwa wird nicht umgebaut, nur wieder aufgebaut. Von gleichem Alter ist die Ordnung der Künste mit ihren drei Kasten Hobbykunst, Gebrauchskunst und Kunst. Wobei Gebrauchskunst nicht das Entertainment meint, das ist Kunst, sondern die Reklame und das Design, die von Grenzüberschreitungen reden. Anders, als ein Hauptschüler es kennt. Oder der Fernsehkünstler, der, wie man weiß, schon seit jeher zwischen den Drehtagen sich arbeitslos meldete.
Sozialamt Berlin-Friedrichshain, Anfang 2005. Die Künstlerexistenz wird zur Hinrichtung in ein Jobcenter gesandt. Ein offensichtlich nicht mehr arbeitsfähiger älterer Herr dagegen empfiehlt Halbtagsarbeit im Callcenter. Da lerne der Künstler das Verkaufen. Das machen Sie dann am Telefon. Jede Woche ein Bild, das müsste doch reichen. Der Künstler nennt das Zynismus. Dreißig Minuten und 500 Meter weiter ein Sprayer mit schwarz, rot und gelb. Der ist schon einmal eingeladen worden, gegen Geld eine Lagerhalle zur Straße hin zu bebildern. Macht er aber nicht. Bei mir kann man nichts kaufen. So einfach ist es also nicht.
Ich hingegen besuche das Bezirksamt Berlin-Mitte. Ich möchte Fritz Cremers Bronzepaar Aufbauhelferin und Aufbauhelfer gegenüber dem Roten Rathaus putzen, von Oxydschichten befreien. Als Künstler? Nein, als Bürger. Ach so, da brauchen Sie eine Genehmigung. Das muss ja fachgerecht ausgeführt werden. Im letzten Sommer trafen sich hier Demonstranten gegen Hartz IV. Gewerkschafter, Arbeitnehmer, ein paar Altlinke aus dem Westteil der Stadt und die Künstler, kaum Arbeitslose. Jede Arbeit, tönte es aus dem Megaphon, sei nun zumutbar. Jede außer sittenwidriger. Am Abend in der Kneipe an der Neuköllner Hasenheide. Sittenwidrig sei zum Beispiel Zwangsarbeit. Auch gäbe es Gewohnheitsrechte. Keiner würde die Notwendigkeit von Kunst bezweifeln. Künstler unter sich. Bis auf mich, ich unterrichte und werde darum nicht ganz ernst genommen. Ich könnte sagen, dass ich keine Kunst bräuchte, hätte ich nichts anderes zu tun, lasse es und merke mir, dass kunstferne Brotberufe sich durch Vokabeln wie vorläufig, vorübergehend oder gelegentlich veredeln lassen.
Später bietet einer Gedichte an. Kommt rein, geht von Tisch zu Tisch, in altmodischem Parka, sagt: ein Euro. Tritt auf, performt nicht. Lass mal sehen. Nee – erst zahlen. Das ist Kunst, Mann, das kostet. Da sind sich alle einig, aber auch empört, über Hartz IV, bestellen noch ein Bier und bemerken kaum, dass der Dichterling weitergeht mit seinen Zetteln, ohne dass jemand einen gekauft hätte. Wovon auch kaufen, wenn man kein Geld hat? Kunst gehört nicht zum Lebensnotwendigen. Für den Ankauf von Bildern, Noten und Büchern ist kein Betrag im Hartz-Warenkorb vorgesehen. Die Kunst sei jetzt, keinen Job zu kriegen. Hilft nix. Offiziell biste doch arbeitslos. Was ändert sich eigentlich?
An diesem Abend an der Hasenheide, wo sich früher einmal das Land zum Turnen hin veränderte, wird das nicht sichtbar. Erinnerungen werden für später fortgeschrieben. Von den Ein-Euro-Jobs ist kaum die Rede, worin diese Künstler in Schulen, Kindergärten und Kiezprojekten das Künstlerische an sich denen, die schon darauf warten, näher bringen können oder überhaupt. Ein Euro fünfzig sagt man in Berlin. Und spart das wieder ein bei der Kulturförderung. Job ist Job, erstickt die Kunst wie jeder andere. In der Erfolglosigkeit wird die immer elitärer. Frechheit, ruft einer durch den Raum. Sieht man gar nicht, wer.
Man sieht, dass nichts zu sehen ist.
Wo es nicht genügend Arbeitsplätze gibt, sollen die einen bekommen, die wirklich wollen. Wie wäre es mit einem Künstlerfreistellungsbescheid? Denn nicht nur Kunst, auch Künstler fürs Volk ist eine soziale Aufgabe. Das gute Gedicht im Auftrag der Komintern. Brüderlichkeit. Auch auf dem Land. Da hatte ich aber schon erzählt, dass man dort manchmal keinen Eintritt nimmt zu Ausstellungen und Lesungen. So weit darf das nicht führen. Lernen vom Land heißt Lust gewinnen am Untergang. Gut, ich werde nachfragen.
Allerdings nicht bei den Künsten, sondern bei der Politik. Ist der Traum vom künstlerischen Leben eine Lauge und die Kunst reine Säure, so gilt es doch beiden reichlich Wasser zuzusetzen, zur Sicherheit. Wasser ist schließlich Geld.

Sarafina!

Sarafina!


Wenn man einige Wochen in Barrydale am Rande der kleinen Karoo gelebt hat und das Dorf bis auf Fahrten in die Kreisstadt oder die stillen Täler des Tradouw nicht verlassen hat, ist die Freude groß, wenn man nach Kapstadt eingeladen wird, um ein Musical wiederzusehen, das in den späten achtziger Jahren Aufsehen erregte.
Auf der langen Fahrt auf der N2 durch die weiche, hügelige Landschaft des Overberg findet man Zeit, um nachzudenken, wie das damals wohl war in Südafrika, Mitte der achtziger Jahre, als das Werk entstand.
Mbogeni Ngema und Hugh Masakela haben es komponiert und mit Darstellern aus den Townships aufgeführt im Jahr 1986, dem Jahr in dem die eher zurückhaltende Reformpolitik des Präsidenten  P.W. Botha zu anhaltenden, gewalttätigen Protesten  der schwarzen Bevölkerung führte. Bis dahin hat Südafrika so etwas wie einen Prager Frühling erlebt. Rian Malan, beschreibt die Zeit um 1985 in seinem 1990 veröffentlichtem Buch „My Traitors Heart“ (Mein verräterisches Herz, S.168) als eine, in der die Rede- und Handlungsfreiheit erstaunlich und die „Cape Times“ gnadenlos in ihren Angriffen gegen die Regierung Botha war, politisch explosive Artikel über Folter in Gefängnissen veröffentlichte und sich über das Verbot hinwegsetzte, im Exil lebende Vertreter von Befreiungsbewegungen zu zitierten. Sie berichtete von zahlreichen Demonstrationen und Protestveranstaltungen gegen die Regierung und wurde trotzdem immer noch morgentlich auf den Straßen verteilt.


In dieser Zeit also entstand Sarafina!, ein Musical, das die Geschichte des schwarzen Schulmädchens Sarafina aus Soweto erzählt, das im Jahr 1976 an den Schülerprotesten teilnahm, die sich gegen die Anordnung der Regierung richteten, dass aller Unterricht ab sofort in der Sprache der Buren, dem Afrikaans,  stattzufinden habe.
Der kürzlich verstorbene Autor der autorisierten Biografie Mandelas, Anthony Sampson, beschreibt dieses Jahr in „Nelson Mandela“: „Die Gewalt des Aufstands im Juni 1976 überraschte alle. Als die Schüler in Soweto gegen den Afrikaansunterricht streikten, demonstrierten vor der Schule zehntausende junge Schwarze, um ihre Solidarität zu bekunden. Die Polizei feuerte auf die Demonstranten und tötete dabei einen dreizehnjährigen Jungen, Hector Pietersen. Die Schüler probten den Aufstand; dabei wurden zwei Weiße getötet. Soweto wurde ein blutiges Schlachtfeld, das von Panzerwagen und Hubschraubern angegriffen wurde. In den folgenden Tagen dehnten sich die Streiks und Aufstände bis zum Kap aus. Bis zum Jahresende wurden zwischen 500 und 1000 Menschen getötet…..Mandela war freudig erregt über das Ausmaß des Aufstandes von Soweto und das Widererwachen des Widerstandes nach den „stummen Sechzigern“.“
In diesen Gedanken nähern wir uns Kapstadt, gleiten über den Sir Lowry´s Pass hinab nach Somerset Wes um Kilometer und Kilometer auf der N2 an dem endlosen Elend der Townships von Khayelitsha, Mitchell´s Plain, Kwanga und Guguletu entlangzufahren.


Diese Townships sind nicht geschrumpft in den zehn Jahren der Demokratie. Im Gegenteil: Je mehr das 1 Millionen Häuserprogramm der ANC-geführten Regierung realisiert wird, desto mehr Menschen siedeln sich wild an. Die Mehrheit kommt nicht mehr aus den ländlichen Gebieten Südafrikas, sondern flieht, seit der Öffnung des Grenzzauns der zu Apartheidzeiten das Land gegen Afrika absperrte, aus den Katastrophenregionen Afrikas in die neue Republik. Da direkt gegenüber von Guguletu und Kwanga der Internationale Flughafen Kapstadts liegt, hat man die N2 gegen das quirlige Leben dieser Townships durch einen soliden Betonzaun gesichert.


Das Elend verschwindet im Rückspiegel und die N2 führt direkt weiter in die glitzernde Skyline der City Bowl von Kapstadt. Wir wollen unseren Hund für den Abend bei Freunden abgeben, die am Ocean Drive in Bantry Bay, einem der mondänen Villenvororte wohnen. Man durchquert also die City Bowl, indem man über Strand driekt in die High Level Road fährt. Am Berg entlang fährt man hoch über Hafen und Meer, um nach wenigen hundert Metern in den Ocean Drive einzubiegen. Nun ist man noch etwas höher am Berg und die Häuser immer atemberaubender. Da Grundstücke hier Mangelware und sehr teuer sind werden auf  Grundstücksgrößen von 500-1000 qm bis zu fünf Etagen in den Berg gebaut.


Sarafina!


Sarafina!


Sarafina!

Sarafina!


 


Der Pool sitzt je nach Hanglage im ersten oder vierten Stock und findet keine Grenze gegenüber Himmel und Meer. Im Erdgeschoss ist die Einfahrt zu großen Garagen für bis zu vier Fahrzeuge, denn auf der schmalen Straße gibt es keine Parkplätze. Die Grundstückpreise befinden sich in ebenso schwindelnden Höhen wie die Häuser: 20 bis 30 Millionen Rand sind keine Ausnahme mehr. Aber das trifft nicht nur auf Bantry Bay zu. Der Boom der letzten Jahre hat zu einem drastischen Anstieg der Immobilienpreise geführt: Die Preise in Kapstadt wie in Johannesburg haben sich seit 2000 vervierfacht. Ein eigenes Haus außerhalb der Townships wird für die Mehrheit der Bevölkerung  unbezahlbar.


Wir genießen kurz die atemberaubende Aussicht auf die Küste bis nach Clifton, lassen unseren Hund dort und gleiten zurück in die Stadt zum Opera House im Gebäudekomplex von Artscape in der D.F. Malan Street, benannt nach Daniel Francoise Malan, der 1948 an die Macht gekommen, das Apartheidsystem begründete. Man wundert sich, dass der Straßennamen nicht verändert wurde, aber das liegt vielleicht daran, dass die Provinz Western Cape bis zu den Wahlen im April 2004 von der Neuen Nationalpartei regiert wurde. Die NNP entstand wie die PDS nach der Wende aus der SED, nämlich aus der Nationalpartei des D.F.Malan. Also im Opernhaus, früher einer der Festen weißer bürgerlicher Kultur werden wir uns heute Sarafina! anschauen, ein Stück über eine kleine schwarze Schülerin aus Soweto, die von den Weißen misshandelt und gefoltert dennoch unbeugsam zum Kampf um die Rechte ihres Volkes und die Einheit der Nation aufruft.


Sarafina!


Das Opernhaus entspricht in Architektur und Ausstattung internationalen Maßstäben. Foyers und Zuschauerraum sind hell erleuchtet, das Publikum bunt gemischt. Schwarze, Weiße, Farbige, Inder sitzen ungetrennt auf allen Rängen. Der Vorhang hebt sich und enthüllt ein Bühnenbild von minimalistischer Strenge: Ein hoher Stacheldrahtzaun, wie er um die Townships gezogen war, begrenzt den Bühnenraum. Dahinter ein Panzer und ein Podest für die Musiker. Die Musiker eilen im Kampfanzug zu ihren Plätzen auf Podest und Panzer. Sie sind wie alle Mitwirkenden schwarzer Hautfarbe. Selbst die weißen Polizisten werden von Schwarzen dargestellt. Auf dem Panzer nehmen die Trompeter Platz. Keyboards, Gitarren und Schlagzeug auf dem Podium. Es ist die auch für Hugh Masekela typische Besetzung.
Die Overtuere  setzt ein und alsbald füllt sich der Bühnenraum vor dem Stacheldraht  mit Schulmädchen und Schuljungen im hierzulande üblichen Schulanzug. Unter ihnen Sarafina, gespielt von Leleti Khumalo, die seit der Premiere fast zwanzig Jahre älter geworden, noch immer die 16jährige Sarafina darstellen kann.


Die Truppe wirbelt zur Mbaqanga Musik, die in den schwarzen Townships  populär wurde und in den achtziger Jahren weltweit Beachtung fand, über die Bühne. Die Jungs necken die Mädels, aber im Mittelpunkt steht die Politik, die mit dem Erlass des Unterrichts in Afrikaans, der Sprache ihrer weißen Unterdrücker, ihnen nicht nur ihre eigene Sprache Zulu, sondern auch ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Bewusstsein nehmen soll. Die Lehrerin „Miss it´s a Pity“, hinreißend gespielt von der groß gewachsenen Velephi Mnisi, hat ihre liebe Mühe, den Kindern zu erklären, warum englische Gedichte wie Wordsworth „Westminster Bridge“ gelernt werden müssen, aber die Geschichte der schwarzen Führer, die den Widerstand gegen die Kolonisten geführt haben und gegen das Apartheidsystem weiterführen  nicht auf dem Stundenplan steht. Als Sarafina ein Lied singt, in dem sie Nelson Mandela zum Helden erklärt und die Regierung als ein Stück Scheiße bezeichnet, landet sie im Gefängnis. Als sie zwei Monate später zurückkehrt, zeigt sie die Narben der dort erhaltenen Schläge, zeigt sich aber ungebrochen, ja noch überzeigter als zuvor.


Doch die Handlung schreitet voran: Auf dem Unterrichtsplan stehen die erdölproduzierenden Länder. Die Schüler antworten der Lehrerin: Angola, Nigeria, Venezuela, Algerien, Texas, Irak. Schließlich erwähnt einer Libyen. Ein Polizist erscheint im Klassenzimmer: „Was hast Du gesagt?“ „Libyen, wo Ghaddafi regiert,“ antwortet der Schüler. „Kommunist! Sie unterrichten Kommunismus?“ fragt er die Lehrerin und schlägt sie zu Boden. „Wie können Sie Ghaddafi in Soweto unterrichten“ fragt er. „Aber sie unterrichtet doch die erdölproduzierenden Länder und Libyen ist eines von denen“, sagt Sarafina. Der Polizist ist unbeeindruckt und beginnt zu schießen. Die Schüler rennen durcheinander, der Polizist schießt weiter, einige Schüler bleiben tot liegen.
Auf der Trauerfeier spendet der schwarze Priester merkwürdigen Trost: „Gott hat gegeben und die Polizei hat genommen. Was diesen Kindern passiert ist, ist nicht ungewöhnlich.“ Er kann nicht verhindern, dass aus der Beerdigung, wie oft in Soweto geschehen, eine Demonstration wird. Die Schüler singen „Was tut die Polizei in Soweto?“: „Die jungen Männer sind alle tot; oh mein Gott, die Kinder weinen, unsere Väter schmachten im Gefängnis, unsere Mütter sind alle allein. Wo ist Mandela, Mxemge und Sobukwe? Wo ist Mandela, Mbeki und Sisulu? Antworte mir, wenn Du kannst! Es gibt keine Hoffnung mehr für Frieden! Menschen sterben, Menschen schreien, oh nein, die Menschen können das nicht so einfach wegstecken.“
Ende des ersten Aktes.


PAUSE. Alles strömt in die Foyers. Mit einem Glas steht man auf der Terasse und blickt auf die hellen Plätze und den lebhaften Verkehr Kapstadts. Wie schaffen die Menschen es heute mit dieser Vergangenheit zu leben, zehn Jahr nach den ersten freien und allgemeinen Wahlen?
Alles scheint aufgeräumt: Die neue Verfassung gewährt allen ihre Rechte, Die Kommission für Wahrheitsfindung und Wiederversöhnung hat die Verbrechen der Zeit der weißen Vorherrschaft ebenso wie die, die innerhalb des schwarzen Widerstandes oder Anfang der neunziger Jahre zwischen der Zulu-Partei Inkatha und dem ANC verübt wurden an die Öffentlichkeit gebracht. Es kam zu Verurteilungen wie Entlastungen. Bei der Lektüre der hiesigen Zeitungen wundert man sich gelegentlich, wie viele der Mörder, die sich auf die Ausübung von Befehlen beriefen, auf freiem Fuß sind und ihrem bisherigen „Beruf“ als Angestellte international operierender Sicherheitsunternehmen etwa für die USA im Irak weiter nachgehen.
Mit solchen weniger erbaulichen Gedanken geht man zurück in den zweiten Akt, um zu sehen, wie es nach dem Massaker weitergeht: Die Schüler gehen wieder zur Schule und bereiten sich auf den Abschluss des Schuljahres vor. Und siehe da, der Traum, der sich 1994 erfüllte, ist bereits 1976 präsent: Der Traum von der Rückeroberung des eigenen Landes unter der Führung von Nelson Mandela.


Diesen Traum wählen sich die Schüler im zweiten Akt, als das Thema, das sie zur jährlichen Schulabschlussfeier darstellen wollen: Den Tag der Befreiung, wenn Mandela aus dem Gefängnis entlassen, die Führung des Landes übernimmt. Natürlich spielt Sarafina den freigelassenen Mandela und hält eine Rede, von der sie denkt, dass Mandela sie bei seiner Freilassung halten würde: „Mein Volk, heute bin ich frei. Wir wurden aus dem Gefängnis entlassen, weil ihr uns nicht vergessen habt. Ihr habt unentwegt unsere Freilassung gefordert und den Kampf fortgeführt. Wir sind heute hier nicht um zu rächen oder zu zerstören, sondern um eine Zukunft aufzubauen, in der all von uns, schwarz und weiß, zusammenkommen können, um die Vergangenheit zu vergessen und um unser Land zu befreien. Wir sollten uns daran erinnern, dass nur wenn Südafrika frei ist, ganz Afrika frei sein kann.“


Mandelas Rede am Tag seiner Entlassung klang deutlich anders, aber der Geist der Rede, die Sarafina für ihn 1976 in Soweto hält, entspricht Mandelas Geist der Versöhnung. Nun klären sich auch die Verhältnisse auf der Bühne: Die Schüler erscheinen in Stammestracht und sie singen in ihrer Sprache von ihrem Land und ihrer Sehnsucht nach Freiheit: „Freedom is coming tomorrow.“
Die Freiheit ist angekommen, sinniert man auf dem Weg in die Tiefgarage. Die Nation ist eins, die Politiker besonnen und die Rassen zum Staatsvolk der Regenbogen Nation vereint;  die Schüsse der Zeit des Kampfes wie seine Schreie verhallt. Was bleibt ist die Erinnerung und sie muss gepflegt werden, soll der Aufbau der Nation Bestand haben. Sarafina! trägt dazu in einer Art und Weise bei, die sehr südafrikanisch ist. Südafrika ist wie viele Länder ein Land mit einer langen Tradition an Gewalt und die Kriminalitätsrate ist wie in vielen Ländern mit großer sozialer Schieflage hoch. Das Musical Sarafina! geht mit diesem Thema mit spielerischer Leichtigkeit um ohne dass die Rolle der Gewalt im Prozess der Revolution verniedlicht wird.
 
Das Musical wurde 1988 am Broadway erfolgreich aufgeführt, 1989 folgte der Dokumentationsfilm „Voices of Sarafina“ und der 1992 gestartete Film „Sarafina“ mit  Whoopi Goldberg als Miss it´s a Pitty und Leleti Khumalo wurde zigmal preisgekrönt. Nach der Premiere in Kapstadt geht die Neuinszenierung von Sarafina! demnächst auf Tournee durch die Großstädte Südafrikas. Gastspiele in Europa sind eingeplant. Darrell James Roodt, der Regisseur des Fimls „Sarafina“ berichtet in seinem letzten Oscar-nominierten Film „Yesterday“ von der Katastrophe, die AIDS über Kwa-Zulu-Natal bringt. Und Khumalo spielt drain die Hauptrolle!


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