Tsunami in Barrydale?

Tsunami in Barrydale? Eine Frage, die tatsächlich in einem Telefonat aus Deutschland gestellt wurde: In den Nachrichten wurde berichtet, dass die große Welle Tsunami auch die Küste Afrikas erreicht und verwüstet hat. Habt ihr in Barrydale auch was abgekriegt? Nun ja, Somalia liegt in Afrika, aber sicher so 5000 km von Barrydale entfernt an der Ostküste, am Horn von Afrika. Die UN versuchen gerade das Ausmaß des Desasters in diesen unzugänglichen Küstengebieten in Zahlen zu bringen. Die kleine Katastrophe, die die Städte, Dörfer und Weiler entlang der Route 62 heimgesucht hat, findet nur lokale Aufmerksamkeit. Heute, den 30. Dezember 2004 berichtet die Cape Times endlich von dem kleinen Desaster, das ein zweitägiger Dauerregen in der Gegend zwischen Worcester bis Heidelberg hinterlassen hat: fortgespülte Brücken, zerstörte Wasserleitungen, überschwemmtes Farmland. Inzwischen sei die Infrastruktur in den betroffenen 11 Städten und Gemeinden wiederhergestellt, nur in Heidelberg arbeite man noch an der Wasserversorgung. Schweren Schaden hätte allerdings die Brücke am Fuße des Tradouw-Passes genommen; die Verkehrverbindungen zwischen Barrydale, Suurbraak und der Kreisstadt Swellendam unterbrochen, ab nächsten Montag werde mit dem Bau einer Behelfsbrücke und der Reparatur der Hauptbrücke begonnen. Trostreich das zu lesen: Temporary repairs are to be carried out next Monday to give traffic access via a low water bridge while the main bridge is repaired. Andererseits: Wir leben hier in Afrika. Ankündigungen solcher Art heißen im allgemeinen nicht, dass übermorgen schon alles erledigt ist; vielleicht erst viel später. Aber sie werden was tun, sie müssen was tun, denn die gegenwärtige Situation ist nervig: In Swellendam liegt das Gemeindezentrum, Anwälte, Gerichte, Hospital, Ärzte, Archtitekten, Supermärkte, Werkstätten und Arbeitsplätze. Statt 45 km über den Tradouw-Pass nach Suurbrak und dann nach Swellendam zu fahren muss man nun nach Montagu, von dort nach Ashton und über die Route 60 zum Ziel, macht schlichte 120km. Wohlhabende Weiße können das noch schultern; für die arme, auf teure und langsame Taxis angewiesene Mehrheit ist die Situation weitaus schwieriger. Die jährliche Niederschlagsmenge für Barrydale beträgt offiziell 200mm pro Jahr. In der Nacht vom 21. zum 22. Dezember sind davon etwa die Hälfte niedergegangen. Nach drei Überschwemmungen in einem Jahr sind Zweifel an der Menge angebracht. Die Zahl der Tage mit Sonnenschein mag zutreffen. Aber nach jedem Unwetter sind die vier Brücken über den kleinen Fluß, der Barrydale teilt,für zwei Tage überschwemmt und unpassierbar. 

Tsunami in Barrydale?


Nach der letzten Flut wurde die größte Brücke an der Baine Street schwer beschädigt und monatelang instandgesetzt. Die neue, höher gelegte Konstruktion hat, wie man sieht, nur teilweise standgehalten.

Tsunami in Barrydale?

Sackgasse?

Ein Europäer älteren Semesters fühlt sich Barrydale zurückversetzt an die wunderschönen ruhigen Dörfer, die man überall in Südeuropa finden konnte. Landschaften wie die Provence, Toskana, spanische Küstenabschnitte wie die Costa Brava, Costa del Sol, Costa de la Luz und ihr Hinterland waren in den 60er und frühen 70er Jahren Zufluchtort für meist junge Eurpäer, die versuchten ihren ruhelosen, vom kalten Krieg gezeichneten Gesellschaften zu entkommen. Sie waren nicht alle Aussteiger, obgleich es einige unter ihnen gab. Der südliche Gürtel Europas hat später nicht nur ausländische Touristen als Touristen oder Ferienhausbesitzer angezogen, sondern auch moderne Industrien und manche Regionen haben es dadurch zu mehr Wohlstand gebracht als manche altindustrielle Regionen in West, Mittel- oder Osteuropa. Um heutzutage zu den historischen Zentren der alten Kleinstädte des Südens zu gelangen muss man sich lange durch ausgedehnte Industrie- und Wohngebiete quälen, um am Ziel die historischen Anlagen und Gebäude im Lärm und Gestank von tausenden von Autos, Motorrädern, Bussen oder Lastwagen zu finden. Eine Zukunft, wie die oben skizzierte ist für Barrydale nicht in Sicht. Südfrika unterscheidet sich nicht nur in Bezug auf die Jahrhunderte währende Tradition von Kolonialismus und Apartheid und nicht nur weil es ein Stück Afrikas und seiner Menschen ist sondern auch durch seine Geographie. Das betrifft vor allem die ländlichen Regionen und deren städtische Zentren wie all diese lieblichen Kleinstädte wie Swellendam, Montagu, Heidelberg, Ladismith, Bredasdorp, Bonnievale, Robertson etc.. In den dazugehörigen Townships, leben die Menschen, die weder schwarz noch weiß waren, die Mischlinge, die aus der Vermischung des Blutes der Ureinwohner des Kaps, des San-Volkes mit dem der weißen Einwanderer wie auch dem der vom Norden her zuwandernden schwarzen Stämme hervorgingen. Sie wurden in den Jahrzenten der Apartheid systematisch umgesiedelt. In jedem der hübschen Städtchen findet man auch seine Kehrseite: die Township.. Auch wenn eine wachsende Wirtschaft die ländlichen Gegenden erreichen wird, wird diese Teilung Bestand haben. Das Bevölkerungswachstum wird trotz HIV in den Townships größer sein, als in den weißen Zentren. Arbeitsplätze sind nicht in Sicht; im Gegenteil, die Farmen setzen mehr und mehr Arbeiter frei. Kein Investor aus dem Ausland wird kommen um Fabriken hochzuziehen oder gar Call Center einzurichten. Mit Ausnahme weniger, die den Aufstieg als selbständige Kleinunternehmer geschafft haben, arbeiten die meisten, die einen Job haben für die örtlichen Weißen als Bauarbeiter, Gärtner, Handlanger, Lastwagenfahrer, Erntehelfer, Fruchtpacker oder als Cowboys auf den Rinderfarmen. Selten können sie das nötige Kapital aufbringen, um sich unabhängig zu machen. Wenn die Mühe der Woche vorüber ist und die Menge mit ihren Wochendeneinkäufen auf den Ladeflächen zahlreicher Pick-up´s verschwunden ist und der letzte Einkaufsbeutel seinen Weg nach Smitsville gefunden hat, hängt dieses kleine soziale Problem wie eine Wolke über den leeren Straßen von Barrydale. Die Township Smitsville, die hinter einem Berg, der die Wasserreserve der Stadt trägt, angelegt wurde, ist für das weiße Barrydale unsichtbar. Mit diesem Bild vor Augen sehen wir zurück auf die wundervollen Städte des mediterranen Europas: Aix-en-Provence, Avignon, Gerona, Granada oder Neapel, Sorento usw. und finden sie umringt von Vorstädten. Menschen leben in winzigen Appartments in hässlichen Hochäusern wie überall auf der Welt von Hongkong, Peking, Taipeh, Moskau, Berlin bis St. Paul-Minneapolis. Nichtsdestoweniger machen sich Millionen in Afrika auf, um in die südeuropäischen Ghettos zu gelangen, die ein Produkt „normaler“ Einwanderungspolitik sind und nicht das Ergebnis einer systematischen Politik der Rassentrennung. Zehn Jahre nach der Machtübernahme durch die schwarze Mehrheit zeigt auch Smitsville das Vermächtnis dieser Politik. Wie kann auch der Kapitalismus ein soziales Problem lösen das konsequente Folge kapitalistischer Entwicklung ist? Bis vor wenigen Jahren hat der real existierende Sozialismus die Nationen Europas gezwungen die sozialen Erschütterungen auszugleichen. Seit diese Nationen ihre Wirtschaft den neuen Bedingungen auf den Weltmärkten anpassen geraten die Haushalte unter Druck. Da ist weniger an die Armen, Behinderten und wachsende Zahl alter Menschen zu verteilen. Und es sieht so aus, als soll sich dieser Trend endlos fortsetzen. Irgendjemand muss die Zinsen auf das investierte Kapital aufbringen: der Markt wird es nicht tun und letztlich schafft nur Arbeit Mehrwert. Arbeit ist jedoch billiger und produktiver in anderen neuen Wirtschaftsräumen. Was können die Leute hier also tun, um ihrer Township zu entkommen? Dahinziehen wo sie eher Arbeit finden können? Wo aber dann leben? In einer anderen Township mit anderen Unsicherheiten und anderem Elend? Diese soziale Falle ist jedoch nicht typisch für Barrydale: sie ist eine Bedingung des Lebens nicht nur in Afrika..

Dead end street?

Dead End Street? Coming from Europe Barrydale reminds an elderly European person of the quiet villages you once could find all around Southern Europe. Landscapes as Provence, Tuscany, Spanish coasts like Costa Brava, Costa del Sol, Costa de la Luz and their hinterlands where harbours for Europeans trying to escape their restless cold-war societies in the 60ies. They were not all drop-outs, but many have been among them. The southern belt was then not only attracting foreigners as tourists or holiday home-owners, but even modern industries and made some regions wealthier than regions in the former old industrialised regions in middle or northern Europe. To catch a glimpse of the old south´s beauty one has today to cruise through large industrial and residential areas to find historical centres surrounded and filled by noise and exhaust of thousands of cars, motorbikes, trucks, buses a.s.o.
There is not a view to the future of Barrydale like above. South Africa is very different not only by the long centuries of colonialism and apartheid policy and not only because it is a piece of Africa not only by population but even by geography and that concerns almost rural regions and their urban centres like all these lovely little towns like Swellendam, Montagu, Ladismith, Heidelberg, Bredasdorp, Bonnievale, Robertson a.s.o. Related townships where the coloured people were forced in during apartheid times accompany each white centre like other side of a coin. Even with an expanding economy reaching rural pockets this division will remain. Population growth will be despite HIV greater in townships than in related white centres. And there are no new jobs for all these people growing up or loosing their jobs on nearby farms. No foreign investors will show up to build factories or call centres. Except some newcomers most township people are dependent on local whites as builders, gardeners, handymen, truck-drivers, fruit-packers or cowboys. They rarely can show up the little capital needed to become self-employed. This little social problem is hanging like a cloud over the empty streets of Barrydale when the day-work is done and the crowd of weekend shoppers climbed the bakkies to bring their food back to their miserable shacks on the farms or the last shopping-bag found his way up the steep road to Smitsville, the perfect township because out of view of white Barrydale hidden behind a mountain carrying Barrydale´s water-reserve on top.
Look now back to Europe´s lovely cities like Aix-on-Provence, Avignon, Gerona, Granada or Naples, Sorento a.s.o you find them surrounded by suburbs. People live packed in tiny appartments in ugly high-risers like anywhere in the world from Hong-Kong, Beijing, Taipei, Moscow, Berlin or St.Paul-Minneapolis. Nevertheless millions try to escape Africa and start a new life in any of these southern European ghettos, which were produced by “normal” policy and are not result of a systematic policy of apartheid. Ten years after Smitsville still shows the legacy of that policy. But how can capitalism solve a social problem which is also a consequent result of capitalist development? Until recently real existing socialism forced European nations to balance social repercussions. Since economies of these nations have to adapt to new conditions on world markets budgets come under stress. There is less to distribute to the poor, disabled or growing numbers of old age people. And it seems this trend will procrastinate endlessly. Somebody has to pay interest on invested capital: market will not pay and only labour can add value. And labour is cheaper and more productive in other emerging economies. So what people here can do to escape their townships? Move to where they can find work? Where? Where to live than? Another township, insecurity, misery? This social trap is not typical for Barrydale – it´s a condition of life not only in Africa.