Ein Bild aus Berlin 27

In jüngster Zeit begegnet man wieder häufiger der Aussage, daß Wissenschaft und Künste mehr verbindet, als es die Getrenntheit der Disziplinen behauptet. Zwar wurde das Credo der Einheit von Wissenschaft und Kunst seit Aufklärung und Romantik schon oft vorgetragen; doch mindestens genauso oft, wie es intoniert wurde, wurde es auch wieder vergessen. So bot zuletzt die modernistische Rede von der Ausdifferenzierung einzelner Wissenschaftszweige, der Ausbildung getrennter Wissenschaftskulturen Anlass, eine Grenze erneut aufzuheben, die de facto nie bestand: Wahrscheinlich hat es immer Künstler gegeben, die ihre Arbeit als eine Produktion von visuellem Wissen betrachtet haben, wie es ebenso wahrscheinlich immer Wissenschaftler gegeben hat, die ihrer Arbeit distanziert genug gegenübergestanden haben, um sie emphatisch oder provokativ als Kunst zu deklarieren.

In der Behauptung, daß Wissenschaft und Kunst enger verschwistert sind als gemeinhin auch nicht bezweifelt wird, liegt wohl kaum der Zündstoff einer Veranstaltungsreihe, die gemeinsam vom Hamburger Bahnhof und dem in Berlin ansässigen Zentrum für Literaturforschung (ZfL) ausgerichtet wird. Eher ist es die ungewöhnliche Kooperation zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Institutionen, die bemerkenswert ist. Denn während das ZfL sich bereits durch die inter- und transdisziplinäre Analyse diverser Wissenstransfers zwischen unterschiedlichsten Wissenschaftskulturen international einen Namen gemacht hat, hat man im Hamburger Bahnhof bislang eine konservativere Politik verfolgt. Mit dem ZfL scheint man nun jedoch den richtigen Partner gefunden zu haben, um einer nicht mehr ganz neuen These zu ungekanntem Glanz zu verhelfen.

Daß die Reihe WissensKünste im Hamburger Bahnhof doch nicht durch offene Türen rennt, hat zwei Gründe: Die Konstellationen zwischen den Gästen und das Profil der Reihe. Denn wenn Oswald Wiener auf den Künstler Stelarc traf oder wenn Thomas Macho mit Antony Aziz und Sammy Cucher diskutierte, so befleißigten sich die Wissenschaftler keineswegs in der Kunst des Kommentars. Es geht der Reihe nicht um das, was man einmal Kritik genannt hat. Eher wird der gemeinsame starke Grund vorgeführt, der Wissenschaftler und Künstler zusammenführt: Die simultane Produktion des Wissens.

So hatten sich am vergangenen Donnerstag Abend der amerikanische Künstler Dan Graham und der Neurophysiologe Olaf Breidbach im Hamburger Bahnhof verabredet. Mit Graham, von dem unter anderem auch die zusammenrückende Schreibweise der WissensKünste stammt, hatte man natürlich einen dankbaren Gast, was die Migrationsbewegungen des Wissens anbelangt: Seit er in den fünfziger Jahren von seinem Studium der Literatur und Philosophie in die Kunst gewechselt war, betätigte sich Graham wechselweise als Galerist und Kritiker, als Performer und Filmer. Als Doppelagent in unterschiedlichen Kulturen des Wissens unterwegs, läßt sich Graham nur durch sein Thema erkennen, das stets wiederkehrt: die obsessive Reflexion auf das Kunstwerk und seine externen Bedingungen. So überraschte es nicht, daß Graham gleich zu Beginn seines Vortrages immer wieder den Begriff der „artworld“
evozierte: Die Kunstwelt ist die Bedingung des modernen Kunstwerks, eine radikal immanente Struktur, die sich durch ihre Binnenhaftigkeit auszeichnet.

Genau diese Binnenobsession war auch der Ansatzpunkt von Olaf Breidbach. Der Neurophysiologe und Wissenschaftshistoriker am Ernst Haeckel- Haus in Jena zeigte sich ebenso wie Graham besessen von einer „Binnentextur“, die jedoch diesmal das menschliche Hirn betraf und nicht die „artworld“: Genausowenig wie die Kunst ein Reproduktionsapparat ist, die die äußere Welt einfach abschildert, genausowenig sei es das menschliche Hirn. Das Hirn bildet keine Außenwelt ab, sondern es gestaltet die Außenwelt nach der Maßgabe seiner Innenwelt. Vermutlich war das der Grund dafür, dass sich das Anschauungsmaterial, das Künstler und Wissenschaftler mitgebracht hatten, aus der Ferne gesehen gar nicht so sehr unterschied.

Denn ebenso wie die Wissenschaft interessiert sich Graham für Beschreibungen dritter Ordnung: Weder die Ich-Perspektive, noch die Betrachterperspektive wird von seiner Arbeit thematisiert. Es ist die Betrachtung von Betrachtern, das Phänomen der „spectatorship“, wie es Graham nannte, das ihn seit Jahrzehnten fesselt, wie man an der langen Liste der Arbeiten studieren konnte, die er im Hamburger Bahnhof vorführte. All seine ausgeklügelten Projektionsmechanismen, all die selbstreflexiven Performances, und schließlich auch die Spiegelräume und Pavillons, mit denen er berühmt wurde, funktionieren nach diesem Prinzip, die Gesetze der Sichtbarkeit sichtbar zu machen. Dafür stülpt Graham unablässig die Innenwelt des Betrachters aus oder die Außenwelt ein ­ eine Verschränkung, die von Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literaturforschung und neben Sabine Flach Initiatorin der Reihe, mit den Bewegungen des „outside in“ und „inside out“ beschrieben wurde, die Graham und Breidbach, Kunst und Wissenschaft auszeichne. Damit war gesagt, daß nicht nur die Kunst Dan Grahams, sondern eben auch das menschliche Hirn ungefähr so funktionieren, wie die Camera Obscura des Althanasius Kircher von 1646, die Breidbach am Anfang gezeigt
hatte: Als Innenschachtel, auf der andere Türme und Bäume sichtbar werden, als die, welche durch die Außenschachtel eingedrungen waren.

Nächste Veranstaltungen: 25.4. Jake & Dinos Chapman/ Louis Bec, 23.5. Chatherine Wagner/ Benjamin Buchloh, 27.6. Laurie Anderson/ Hillel Schwartz, jeweils 19:30 im Aktionsraum des Hamburger Bahnhofs, Invalidenstraße 50-51.

Ein Bild aus Wien 8

ZOOM – KINDERMUSEUM

Ausstellungsbesuche sind in der kindlichen Vorstellungskraft meist nicht mit großem Unterhaltungswert und spannenden Attraktionen verbunden. Obwohl eine pädagogische Kinderbetreuung mittlerweile zum Serviceangebot nahezu aller größeren Ausstellungshäuser gehört, kostet ein Familien-Besuch oder gar die alleinige Teilnahme des Sprößlings an einer „geführten“ Kindergruppe intensive Überzeugungsarbeit und ein anschließendes „Zuckerl“ zur Belohnung.
Daß es auch nachahmenswerte Ausnahmen gibt, die aus dem üblichen Angebot hervorstechen, beweist das vielfältige Angebot des ZOOM-Kindermuseums. Die lobenswerte Einrichtung besteht nun bereits seit sieben Jahren. Das überzeugende Konzept wurde im Zuge der Umgestaltung des Museumsquartiers mit neuen, nun insgesamt 1.500 m2 großen Räumlichkeiten in den ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen belohnt.

Das ZOOM präsentiert sich mit einem breiten Angebot und richtet sich an Kinder zwischen 0-12 Jahren. Die ganz Kleinen können mit ihren Eltern in den ZOOM Ozean eintauchen. Zauberhafte Wesen aus der Unterwasserwelt warten hier auf Kinder zwischen 0-6 Jahren. Das Rotterdamer Designbüro ZEE gestaltete eine Erlebniszone, die mit zahlreichen Attraktionen zum Entdecken, Ausprobieren und spielerischen Lernen einlädt. Am Fuße eines Leuchtturms tauchen die jungen BesucherInnen gemeinsam mit ihren erwachsenen BegleiterInnen in eine Unterwasserlandschaft. Auf einer Insel für die Allerkleinsten oder in Höhlen für die kühneren ForscherInnen sollen Körpergefühl und Sinnesorgane angesprochen und damit Bewegungs- und Sprachentwicklung gefördert werden. Ein Seeanemonen-Handschuh-Theater und ein Korallenriff mit bunten Pflanzen, Tieren und anderen Dingen zum Hören und Tasten und schließlich das Schiffsdeck, mit Maschinenraum und einer Kapitänskajüte mit Navigationsinstrumenten, laden zum gemeinsamen Erkunden verschiedener Bereiche ein. Zwischen zwei Abenteuern kann man in der einer Dünenlandschaft nachgestalteten Erholungszone eine Pause einlegen. Falls es noch Platz gibt. Denn es könnte sein, daß es sich hier schon einige Eltern gemütlich gemacht haben, die in aller Ruhe ein Auge auf ihren seefahrenden Nachwuchs werfen.
Gleich daneben wurde das ZOOM Atelier eingerichtet, ein schöner lichtdurchfluteter Raum, in dem Kinder von 3 bis 12 Jahren gemeinsam mit jungen KünstlerInnen arbeiten.
Das Herzstück des ZOOM Kindermuseums ist eine Themenausstellung, die im Längstrakt und damit im größten Bereich des Areals untergebracht ist. Mit der Einweihung des neuen Hauses eröffnete Raum für Raum für Kinder von 7 bis 12 Jahren – eine Ausstellung, in der Raum als Erlebnis, aber auch als gedankliche Hilfskonstruktion unserer Wahrnehmungen bewußt gemacht, entdeckt und erfahren wird. Klangräume, Spiegellabyrinthe, schiefe Ebenen, bunte, neonbeleuchtete Gänge, die sich beim Durchschreiten verengen, 3-D-Projektionen, die vergebens nach den Wänden des virtuellen Geschehens greifen lassen und schaumstoffgefüllte Passtücke à la Franz West, die sich die Kinder über Köpfe, Rücken und Bäuche binden können, ermöglichen die Erkenntnis, daß Raum immer ein subjektives Erlebnis ist und damit von Menschen verschieden empfunden wird.

Ergänzt wird das Angebot durch eine Lesebar, den Jausenraum „Blaue Pause“, ein Forum als Ort für Vorträge und Diskussionen und schließlich das ZOOMlab, in dem Kinder ab 7 Jahren mit Hilfe modernster High-Tech-Ausstattung Trickfilme und 3-D-Bilder entstehen lassen können, die anschließend ins Web wandern. In diesem für Europa richtungsweisenden Multimedialabor bewegen sich die Kinder an der Schnittstelle zwischen realer und virtueller Welt und werden zu RegisseurInnen, Soundmastern, AutorInnen und AkteurInnen ihrer eigenen Geschichten.
Mit der Ausstellung „Idea“ zum Thema Design und einem damit verknüpftem Workshop startet das Kindermuseum ab 4. April die Frühjahrssaison. Junge europäische DesignerInnen entwickeln zum Thema Design verschiedene interaktive Stationen. Dabei wird es um folgende Fragen gehen: Was steckt hinter einem Objekt, wozu benützt man es, welche physischen Qualitäten hat es? Welche Aufgabe hat ein Designer und wo beginnt bei einem Objekt Design?
Bereits ab Ende März sammelt das ZOOM den Inhalt von Hosentaschen von Kindern, mit einem neuen, extra für das Museum angefertigten Hosentaschenscanner. Die gesammelten Daten fließen anschließend in eine virtuelle Hosentaschen-Sammlung. Im Herbst folgt dann die Ausstellung „Jacke wie Hose“, in der es um das Thema Kleidung geht und damit inhaltlich zusammenhängende Workshops.
Wer sich über das aktuelle Angebot informieren möchte, dem sei die vorbildlich gestaltete Website www.kindermuseum.at empfohlen.

ZOOM Kindermuseum
MuseumsQuartier Wien
Museumsplatz 1
A-1070 Wien
Tel.: 0043 – 1- 524 79 08

Idea – Eine Ausstellung zum Thema Design
4. April bis Ende Juli

Jacke wie Hose?
Eine Ausstellung zum Mitmachen zum Thema Kleidung
17. September bis März 2003

75 Jahre Paula Modersohn-Becker Museum

Am 2. Juni 1927 wurde in der Bremer Boettcherstrasse das sogenannte „Paula-Becker-Modersohn-Haus“ eroeffnet, ein expressionistisches Bauwerk mit – so wuerde man heute sagen – multifunktionaler Nutzung. Zunaechst im Dachgeschoss war der „Paula-Becker-Modersohn-Saal“ untergebracht, der in einer staendigen Praesentation die Werke der Kuenstlerin aufnahm, die Ludwig Roselius zusammengetragen hatte. Dieser Ausstellungsraum ist der Nukleus nicht nur des ersten Kuenstlermuseums der Moderne in Deutschland, sondern des ersten Museums weltweit, das dem Werk einer Kuenstlerin gewidmet worden
ist:

In diesem Jahr feiert das Paula Modersohn-Becker Museum seinen 75. Geburtstag. Bereits die Architektur des „Becker-Modersohn-Hauses“ machte das Museum seit seiner Eroeffnung unuebersehbar. Der Kaffee HAG-Unternehmer Ludwig Roselius hatte dem Bildhauer und Kunsthandwerker Bernhard Hoetger
(1874-1949) freie Hand gelassen, der Kuenstlerin mit seinem Bau die Ehre zu erweisen. „Hoetger hat mehr als den zweckmaessigen Bau – er hat ein Kunstwerk geschaffen, das fuer Paulas Kunst den rechten Rahmen gibt“, merkte der Maezen zur Einweihung des Hauses an und umschreibt damit die eigenwillige Gestaltung des Bauwerks, das die persoenliche Handschrift des Kuenstlers traegt. Hoetger hat mit der gebauten Hommage an Paula Modersohn-Becker zugleich eines der wenigen Bauwerke des Expressionismus geschaffen. Architekturgeschichtlich wird es heute zusammen mit Erich Mendelsohns Potsdamer Einstein-Turm und Fritz Hoegers Chile-Haus in Hamburg genannt. Dass Hoetgers subjektive Handschrift sich dennoch den kunstgeschichtlichen Zuschreibungen entzieht, machte schon die zeitgenoessische Diskussion ueber seine Bremer Bauten deutlich.

Waehrend Roselius in Hoetgers Schoepfung eine zeitgemaesse Fortsetzung „nordischer“ Formgebung sah, verglichen die „Monatshefte fuer Baukunst“ Hoetgers Backstein-Expressionismus mit suedtunesischen Ziegelbauten und kritisierten die „ungeheuerliche Verbindung von Ziegel, Beton und Eisen“ als „albern, verspielt und kitschig“. Der Kunsthistoriker Karl With – die Klarheit und Sachlichkeit des ,Neuen Bauens‘ vermissend – sah in Hoetgers Paula-Becker-Modersohn-Haus eine „Mischung von Heimatstil, Expressionismus und Filmzauber“: „Verzweifelt sucht das Auge nach einem Halt, nach einer messbaren Groesse, nach irgendeiner sinnvollen Ordnung.“ Fuer Walter Mueller-Wulckow hingegen, auch er Kunsthistoriker und Mentor des Neuen Bauens, war das „Paula-Becker-Modersohn-Haus“ gerade aufgrund seiner organischen Gestaltung und Durchbildung von programmatischer Bedeutung: „Das innere, beherrschte Leben des Bauorganismus tritt sozusagen in einem Zucken und Vibrieren der Muskulatur zutage (…). Daher elektrisiert dieses Bauwerk jeden damit in Beruehrung Gelangenden, die ungewoehnliche Erregung wird verstaendlich, die es ausloest.“

Sowohl der expressionistische Bau als auch die Werke Paula Modersohn-Beckers wurden – nach anfaenglichen Richtungskaempfen zu Beginn des Dritten Reiches – seit 1936 von den Nationalsozialisten verfemt. Auf dem Nuernberger Parteitag verurteilte Hitler die „Boettcherstrassen-Kultur“, und noch im selben Jahr wurde die staendige Ausstellung von Werken der Kuenstlerin offiziell geschlossen. Als Museum in privater Traegerschaft blieb die Praesentation der Werke dennoch bestehen, und auf Nachfrage erhielten Besucher weiterhin Zugang zur Kunstschau des „Becker-Modersohn-Hauses“. Waehrend in zahlreichen oeffentlichen Museen die Werke der Kuenstlerin als „entartet“ beschlagnahmt wurden, waren die Arbeiten im Privatbesitz von Ludwig Roselius vor staatlichem Zugriff sicher. Ganz anders war es dem – kurz nach der Eroeffnung der Bremer Sammlung gegruendeten – zweiten modernen Künstlermuseum in Deutschland ergangen: Das Christian Rohlfs-Museum im westfaelischen Hagen war Ende 1928, zum 80. Geburtstag des Kuenstlers, eroeffnet worden und das erste Museum in Deutschland, das einem lebenden Kuenstler, einem Expressionisten noch dazu, gewidmet war. 1936 wurde jedoch auch Rohlfs das Ausstellen verboten, und der Kuenstler musste miterleben, dass das ihm gewidmete Museum wieder in „Haus der Kunst“ umbenannt wurde. 400 seiner Werke wurden im folgenden Jahr als „entartet“ beschlagnahmt.

Eine Geschichte der Kuenstlermuseen ist noch nicht geschrieben worden. Den 75. Geburtstag des Paula Modersohn-Becker Museums nehmen die Kunstsammlungen Boettcherstrasse daher zum Anlass, auf ihre eigene Geschichte zurueck zu blicken.

Als Hommage an Hoetgers Programmbau in der Boettcherstrasse ist im Paula Modersohn-Becker Museum noch bis zum 21.4., verlaengert bis zum 5.5., der Zyklus der expressionistischen Architekturansichten Lyonel Feiningers zu sehen, die dieser 1929-31 in Halle schuf. Am 2. Juni, dem 75. Geburtstag des Museums, wird die Ausstellung „Marke und Maezen“ eroeffnet, die den Weg von der kuenstlerischen Gestaltung und den wirtschaftlichen Erfolg der Marke Kaffee HAG ueber die Neuerrichtung der Boettcherstrasse bis zu den Sammlungen des HAG-Unternehmers Roselius nachzeichnet. Zu diesem Datum erscheint ein Buch ueber die Geschichte der Boettcherstrasse im Verlag Aschenbeck & Holstein.

Kunstsammlungen Boettcherstrasse
Paula Modersohn-Becker Museum
Boettcherstrasse 6-10
28195 Bremen
info@pmbm.de

Atelierbesuch 1

Schon von weitem fällt der Atelierbau auf: steil ragt das spitze Dach des Ausstellungspavillons durch die Bäume der Vorgärten an der Spitzwegstraße in Ottobrunn.
Neben dem kubistisch schimmernden Gebäude mit seiner gewölbten Außenhaut aus transparenter Folie und dem sich anschließendem Atelier, einem durchscheinenden Kubus aus Stahlgestell und Plexiglasplatten kauert ein Häuschen am Waldrand, umgeben von einem Garten, der wild scheint, aber gut sortiert ist.

Atelierbesuch 1

Vor fast zehn Jahren wurde das neue Ateliergebäude nach einem rauschenden Eröffnungsfest in Betrieb genommen. Zahllose Plastiken, große wie kleine, alleinstehende und gesellige, Menschen, Tiere und Märchengestalten sind seitdem hier entstanden. Das spricht sich so leicht „entstanden“! Auch wenn hier nicht das Klopfen des Hammers davon kündet, wie die Gestalt dem schweren Material entrungen wird, so sind doch auch die Gestalten, die die Bildhauerin hier schuf, Ergebnisse eines zähen Ringens mit dem Material und seinem Eigenleben. Gips wird nicht mit Hammer und Stößel bearbeitet, sondern vornehmlich mit den Händen: er wird glatt aufgestrichen, die Hände passen ihn der Form des Originals an. Ein eher stiller Arbeitsvorgang, vom Plätschern des Wassers in kleinen Bottichen, in den die Gipsbinden getaucht und feucht herausgezogen werden, dem Streichen der Hände über die feucht aufgelegten Gipsbinden und den Gesprächen, Schweigen oder Lachen der hier arbeitenden begleitet. Doch häufig füllt Musik den großen, lichten Atelierraum und gelegentlich ächzt der CD-Spieler unter der Last des Gipsstaubes, der den Leselaser trübt. Dann hustet die CD, als ob ein unsichtbarer DJ sie betätigt. Eine gipsweiße Hand kommt dann herbei und drückt NEXT oder OFF.


Und natürlich sind Gips und Gipsbinden nicht das einzige was in diesem Atelier verarbeitet wird. Und es geht auch nicht immer so samtig zu wie manchmal beim Eingipsen: da knirscht die Schere beim Ausgipsen, da kreischt die Elektrosäge oder Flex beim Zuschneiden der Einzelteile. Beate Schubert erschafft zwar realitätsgetreue Figuren, aber nicht auf einmal: der Körper einer Figur wird aus Unterkörper, Oberkörper, Armen, Händen, Füssen und Kopf zusammengesetzt. Denn schließlich müssen die Hohlformen aller Einzelteile noch ausgegossen werden. Das ist selbst mit kleinen Teilen noch eine langwierige und mühselige Arbeit. Es dauert eben lange bis eine Figur fertig montiert ist, bis die Gesichtszüge, die Haare, das Outfit stimmen und sie so realitätsnah wie der Nachbar von nebenan unter den anderen Figuren im Ausstellungspavillon des Atelier Mimesis steht.
Doch da stehen nur wenige der kleinen und großen Plastiken, die Beate Schubert in den zwanzig Jahren ihres Bildhauerinlebens geschaffen hat. Der überwiegende Teil ihrer Arbeiten waren Auftragsarbeiten: für Messestände, für Museen, für Foyers von Unternehmen und öffentlichen Gebäuden, für Schaufenster und Ausstellungen. Die Auftragsanforderungen sind manchmal sehr präzise, manchmal besteht nur eine vage Vorstellung, die sich erst in Gesprächen konzeptualisiert. Oft muß sich die Bildhauerin durch Kataloge wälzen, um das Ambiente, die Kleidung, die Haltung einer Figur in einem historischen oder sozial fremdartigen Kontext zu erarbeiten.
Wenn man die Fülle ihrer Arbeiten überblickt wird man trotzdem klar erkennen, dass in vielen Plastiken etwas steckt, was ganz deutlich an die Antike oder an Rodin erinnert. Das kommt nicht von ungefähr, dann das sind geachtete Lehrmeister der Bildhauerin. Aber davon allein, das heißt von der Klassik im klassischen Gewande könnte sie weder als Auftrags- noch als Kunstbildhauerin überleben und das im doppelten Sinn des Wortes. Auch Beate Schubert will deutlich mehr, als nur eine handwerklich perfekte Plastik möglichst unter Zeitdruck an den Auftraggeber abzuliefern: Auch ein zeitungslesender Mann von der Straße, ein Kellner oder die Büste eines Mädchens können in Proportion, Mimik und Gestik von antiker Statur sein, dem Ideal der klassischen Bildhauerei entsprechen und eine einmalige Individualität wiederspiegeln.
Der Realismus der ideologischen Bildhauerei, der versuchte den Kriterien der klassischen Ästhetik zu entsprechen und dabei das Ziel verfolgte, die einmalige Individualität durch die soziale Ikone zu ersetzen, hat die Entwicklung der realistischen Bildhauerei Europas in die Moderne um Jahrzehnte verzögert. In Amerika ging das alles rascher und vielfältiger von sich. Zu Beate Schuberts Vorbildern gehört deshalb auch Duane Hanson, der in den späten sechziger Jahren demonstrierte, wie es geht, die Herausforderung, die die Moderne an die klassische Bildhauerei in offenen, hochentwickelten Industriegesellschaften stellt, anzunehmen und positiv umzusetzen.

Atelierbesuch 1

Der Realismus von Beate Schubert kennt keine Lager oder Grenzen, ist aus sich heraus global. Er schlägt ohne Rücksicht auf nationale, religiöse oder soziale Sortierung eine Brücke zwischen dem individuellen und dem kollektiven Leid, zwischen dem lokalen und dem globalen Elend. Die große Figurengruppe „Talking Silence“ der im Elend trauernden Menschen um die zerbrochene Erde spielt nicht nur mit Trauer und Entsetzen, um krass zu verdeutlichen, wie dünn die schmale Schale ist, auf der wir tanzen. Trauer und Entsetzen sind persönlich nah und greifbar und wer in der Ferne krankt wird plötzlich unser Nächster.
Auf der anderen Seite entdeckt man in ihrem Werk eine mit den Mitteln des Surrealismus, der Pop-Art oder des Dadaismus überhöhte Realität, die ebenso ganz in der Tradition der Moderne steht. So steht etwa, betont ostentativ am Ateliereingang aufgestellt die Skulptur einer auf einer großen Kugel balancierenden abstrakten Figur im Stile des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer. Doch auch manch andrer Pate der Moderne hat seine Spuren hinterlassen: Die diversen Büsten, und Köpfe des bayerischen Märchenkönig Ludwig I. in tiefem Blau mit kleinen Glühlämpchen besetzt, mit einem rotierenden Schwanenkranz um die Stirn, längs in schmale Einzelscheiben zersägt oder mit knallebunten Farben psychedelisch bemalt, hätten Andy Warhol, dem sie auch gewidmet sind, sicher gefallen. Die fünf rätselhaften, schweigsam leeren Kanus ergäben durch sinnvolle Beigaben erweitert eine hübsche an Beuys erinnernde Installation. Die fröhlichen Hasen, der große himmelblaue Weihnachtsmann mit Reh oder die übergroße Erdbeere hätten auch Walt Disney gefallen und auch der gehört, mit Verlaub, inzwischen in den Kanon der Geschichte der Kunst in hochentwickelten, medial vernetzten Industriegesellschaften der dritten Generation.
Beate Schubert ist als Künstlerin ihrer Zeit trotz starker Bindung an das antike Ideal für jede Herausforderung zu haben. Delphine? Wie viele, welche Größe? Pinguine? Auch. Panda´s? Kann man auch nicht eingipsen, was gibt’s da an Fotos? Im Internet? Reicht alles nicht für maßstabs- und detailgetreue Nachbildung, da muß man nach Berlin fahren, um im Zoo selber Bilder zu machen. Realität denkt man sich da, Realität ist etwas, was uns umgibt, man muß sie nur finden und wer nicht sucht wird nicht gefunden.
So gefunden hat die Realität die Bildhauerin während eines Urlaubsaufenthaltes in Sri Lanka. Natürlich hat sie Urlaub gemacht, aber dann trat eines Tages etwas an sie heran, was sie nicht mehr losließ: die Gestalten alter Menschen in einem Altersheim. Zierliche Figuren mit einer Menge an gelebten Leben in den Körpern, Haltungen und Gesichtern. Und weil sie das nicht mehr losließ hat sie alles daran gesetzt um dieses ferne Stück Leben in Gips zu setzen und mit nach Deutschland zu bringen. Es gelang ihr ohne Sprachkenntnisse, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen und sie von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Auch Gipsbinden und Werkzeug konnte sie beschaffen. So gewann sie die Gestalten für die Figurengruppe Nirwana, die sie als Gipsformen in eine Holzkiste gepackt, auf dem Rückflug nach Deutschland begleiteten. Mehrfach zusammen mit einer kleinen hellen Buddha-Installation ausgestellt, hat diese tiefe Ruhe ausstrahlende Gruppe die Besucher magnetisch angezogen.

Atelierbesuch 1

Das Wissen um das Nichts und seine Beziehung zum Sein gibt der Künstlerin die Kraft solche Gruppen zu schaffen, aber mit gleicher Vehemenz einen Zug Soldaten aus dem ersten Weltkrieg detailgetreu bis hin zu Koppel und Schnurrbart für das bayerische Armeemuseum Ingolstadt aufzustellen. Lebensgroß, versteht sich. Mit diesen Soldaten lebte sie dann einige Wochen und Monate im Atelier in sozusagen stummer täglicher Tuchfühlung. Und für so ein tägliches Leben inmitten der Gestalten von gestern und mitten in der Arbeit an neuen Gestalten, die man sich selten aussuchen kann, die die Auftragslage so hereinbringt, traurige, fröhliche, aufrechte, gebeugte, sitzende oder tanzende, schwarze, gelbe, nackte, weiße oder bekleidete Gestalten, na ja für so ein Leben braucht man tiefe Ruhe. Das ist die Ruhe, die aus der Figurengruppe Nirwana strahlt und die Besucher magnetisch anzieht und das muß die Ruhe sein, in der die Bildhauerin sich findet, wenn ein Werkstück abgeliefert, der Auftraggeber zufrieden ist und das Atelier für die nächste Arbeit gesäubert und vorbereitet werden muß.