Ein Bild aus Berlin 26

In den letzten Jahren ist eine Form der Kunst entstanden, die mit den boygroup-Phänomenen der Popmusik einiges gemeinsam hat. Sie ist zugleich milchgesichtig und charmant, postpubertär und durchtrieben, unbedarft aber komplex. Das ist beispielsweise der Fall der Arbeiten von Christian Jankowski, dem geek der deutschen Nachwuchskunst: Jede seiner Ausstellungen ist so schlaubergerhaft wie ein Lehrbuch zur Kunst und dabei so zynisch wie ein besoffener Kunstprof.

Womit Jankowski schon bei seinem aktuellen Thema wäre. Offenbar ist ihm aufgefallen, dass im Zuge der künstlerischen Selbstthematisierung en, die Kunstausstellungen seit zehn Jahren den Interessantheitsgrad eines Impressums zuteil werden lassen, ein nicht unwesentlicher Aspekt des Kunstbetriebs übersehen wurde: Die Ausbildung und Schulung junger Künstler und Künstlerinnen an hiesigen Hochschulen und Kunstakademien. Irgendwoher müssen die Künstler ja gelernt haben, dass man heute über sich selbst reden muss, um im Kunstbetrieb erfolgreich zu sein. Denn um Erfolg geht es nicht nur ihnen, sondern auch Christian Jankowski.

Doch weil Jankowski weiß, dass Erfolg nur der Effekt einer strategischen Planung ist und weil er noch dazu die ausbildungstechnische Leerstelle aller Kontext-Kunst bemerkt hat, thematisiert er in seiner aktuellen Ausstellung bei Martin Klosterfelde nichts anderes als diesen blinden Fleck. Alle Arbeiten der Ausstellung kreisen um die Themen Ausbildung, Lehre und Karriere, die sie souverän bespielen. Dabei ist bespielen der richtige Ausdruck, denn alle drei Arbeiten wirken in ihrer leicht ungeschickten und schwer didaktischen Art so unbemüht und hingerotzt wie Popsongs. Jankowski wirkt so peinlich akademisch, dass der Akademismus, den man Künstlern früher vorgeworfen hat, unweigerlich nett wirkt – vermutlich hat er auch das an seiner Kunstakademie gelernt. Man sollte deren Adresse empfehlen, denn immerhin hat ihn das weit gebracht; Jankowski war Teilnehmer an der letzten Biennale in Venedig; seine Arbeiten kursieren seitdem zwischen New York, Berlin und Hamburg – wo Jankowski studierte.

Weil er weiß, dass jede seiner schulmeisterlichen Ausstellungen aus einem Videolehrgang stammen könnte und weil er noch dazu (vermutlich in einem Videolehrgang) gelernt hat, dass moderne Kunst sich selbst thematisieren muss, hat er jetzt mit Unterstützung eines Seminars der Leipziger Kunstakademie einen Videolehrgang angefertigt. Der Titel der jüngsten Arbeit der Ausstellung musste einer sein, der selbst als Motto seiner gesamten Arbeit dienen konnte: Und wirklich, der „Schulungsfilm“ mit dem Video-Seminar „Selbstpositionierung im Kunstfeld“ passt zu Jankowski wie die Faust aufs Auge.

Um im akademischen Feld zu bleiben, hat er die Klasse der Kunstprofessorin Beatrice von Bismarck dazu eingeladen, mit ihm ein solches Seminar im Videoformat zu entwickeln. Und weil verschachteln solchen Spass macht, hat das Seminar im Seminar wiederum ein paar Gäste aus dem aktuellen Berliner Kunstbetrieb eingeladen, mit denen sie sich schon immer mal unterhalten wollten. Der Clou des Video-Seminars besteht aber darin, dass die Gespräche mit den Berliner Gästen simuliert sind. Die Berliner Prominenz – unter anderem Waling Boers vom Büro Friedrich, Mehdi Chouakri aus der gleichnamigen Galerie, Manfred Eichel aus dem Fernsehen – sagt nicht das, was sie denkt, sondern was die Leipziger Gastgeber ihnen in den Mund gelegt haben. Da im Kunstbetrieb ohnehin jeder nur eine Rolle spielt, deren Position er besetzt, ist die Differenz zwischem eigenem und fremdem Text ohnehin nicht eben groß. So palavert man mit der eigenen fremden Stimme und spricht über den Kunstmarkt und Erfolgsstrategien, Publicity und Geld. Am Ende ist nur eines klar: dass der Erfolg im Kunstfeld von allem abhängt, aber nicht von der Kunst. So irrt Jankowski in den Labyrinthen des Kunstsystems umher und kommt immer an die selbe Stelle.

So richtig interessant wird dieses Labyrinth jedoch erst, als über des Pudels Kern, also über die Person Christian Jankowski geredet wird. Denn der hat das professionelle Video mit Moderator und allem Schnickschnack natürlich nur aus einem Grund gemacht: Weil auch er Erfolg haben will. Und weil Jankowski als everybodies darling auch weiß, wie Erfolg funktioniert, kann er sich von seiner Mutter und Beatrice von Bismarck im Duett nach Belieben entlarven lassen. Von ihrem „beliebten, begabten Sohn“ ist da die Rede und von einer „besonders scheußlichen Idee“. Jedes böse Wort ist ein gutes Wort, jede Kritik ist eine gute Kritik. Jeder Angriff macht den Angegriffenen nur um so unangreifbarer. So zeigt Jankowskis Experiment am Ende nichts anderes als das Paradox, dass das Kunstsystem immer stabiler wird, je mehr man es in Frage stellt. Das ist dann nicht mehr charmant. Und das ist auch nicht mehr Pop. Aber treffsicher ist es doch.

Galerie Martin Klosterfelde, Zimmerstraße 90/91, 10117 Berlin, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 8. März 2002.

Ein Bild aus Wien 6

LOIS RENNER

Photojobs

Kerstin Engholm Galerie, Wien

18.Januar – 3.März 2002

Bereits zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren präsentiert Kerstin Engholm in ihrer Galerie in der Wiener Schleifmühlgasse Fotografien von Lois Renner.
Die im Hauptraum und im angrenzenden Kabinett ausgestellten Großfotos des 1961 in Salzburg geborenen Künstlers, zeigen Arbeitssituationen, wie man sie gemeinhin – mit einem undurchschaubaren, vielschichtig gestaffelten In- und Durcheinander von Arbeitstischen, Bildern und Malmaterialien – aus den Produktionsstätten von Künstlern zu kennen glaubt.
„Jetzt neu“ (1991/2002) zeigt exemplarisch für alle anderen ausgestellten Exponate einen weiß getünchten, neon bestrahlten Raum, mit Heizkörpern, Holzböcken, Regalen, Objekten auf grob gezimmerten Holzsockeln und an die Wand gelehnten Leinwänden. Der vorgestellte Raum entspräche einer „klassischen“ Ateliersituation, gäbe es nicht eine quer auf dem Boden liegende Neonlampe, die mit ihren, im Verhältnis zu den übrigen Gegenständen, gigantischen Ausmaßen das Zimmer dominiert und die Aufmerksamkeit des Blickes auf sich zieht.

Auch alle weiteren Exponate zitieren Situationen aus Ateliers, mit den darin erwartungsgemäß anzutreffenden Requisiten – Materialien, Werkzeugen, Geräten, Möbeln, Abfall, sowie in Arbeit befindlichen oder vollendeten Werken. Der Blick bemüht sich, das Durcheinander zu ergründen, bleibt hängen an scheinbar zufällig und gleichsam kunstvoll zusammen gezimmerten Aufbewahrungsmöbeln, bis er sich schließlich an einem Details stößt, einer Leiter etwa, einem Strahler oder einem Feuerlöscher, Gegenstände, die – aufgrund ihrer Größe oder ihrer Anordnung im Raum, nicht in das übrige Gefüge zu passen scheinen. An diesem Punkt verrät sich jede der Atelieraufnahmen von Lois Renner als gefälschte, als eine Konstruktion, die mittels des altehrwürdigen Prinzips der Collage, die Wirklichkeit sowohl nachempfinden, als auch auf einer doppelten Reflexionsebene zu hinterfragen sucht.

Ausgangspunkt der unterschiedlichen Arrangements ist meist das Salzburger Atelier Renners, das der Künstler maßstabsgetreu und mit einer obsessiven Präzisionsmanie detailgerecht nachgebildet hat, um diese Guckkastenbühne seit Jahren mit den unterschiedlichsten Requisiten zu bestücken. Banale Alltagsgegenstände werden gemeinsam mit Kunstwerken traditioneller Art und mit bewußter Nichtrücksichtsnahme auf ihre „wirkliche“ Größe arrangiert. Auf diese Weise gelingt es Renner, die klaren Relationen zwischen großen und kleinen Gegenständen, bzw. zwischen den Objekten und ihrer räumlichen Situation zu verwischen. Die Verwirrung des Betrachters vermag Renner durch die Optik der raffiniert ausgewählten Blickwinkel der jeweiligen Arrangements noch zu steigern. Zwischen dem ganz vorne und dem ganz hinten Angeordneten gibt es kaum jene Differenzierung durch Schärfe und Unschärfe, wie man sie gemeinhin von Fotografien kennt. Der Effekt einer visuellen Vereinheitlichung stellt sich ein, den Renner bewußt nutzt, um das Erfahrungspotential des Betrachters immer wieder aufs Neue zu irritieren. Auf diese Weise entzieht der Arrangeur Begriffen wie Wirklichkeit und Illusion, Realität und Nachahmung das Übereinkommen ihrer Bedeutung.

In seinen neuen Inszenierungen erreicht Renner eine kompositorische Balance, die im Vergleich zu früheren Werken, auf spektakuläre Zusammenstellungen verzichtet. Sieben der insgesamt elf ausgestellten Werke sind zwar bereits Anfang, beziehungsweise Mitte der 90er Jahre entstanden, jedoch erst in diesem Jahr für die aktuelle Ausstellung ausgearbeitet worden. Im Vergleich mit anderen Arbeiten von Lois Renner, die noch bewußt mit dem verrätselten, zuweilen äußerst komischen Effekt spielten, den ein realer Gegenstand in einem Puppenhaus-Ambiente auszulösen vermag, wirkt das Geflecht von Raum und Gegenständen, von zu Großem und zu Kleinem, von Vorder- und Hintergründen, von Gemaltem und Gebautem der heuer ausgestellten Arrangements schon beinahe zu perfekt. Neudings komponiert der Künstler seine Bühnen, nicht zuletzt mittels der verfeinerten Technik der digitalen Nachbearbeitung am Computer und des hochauflösenden Lambda-Druckverfahrens, nahezu ohne Brüche und Nahtstellen zu einem illusionistischen Raum, denen sich der Betrachter mit einem weniger belustigten, als zunächst distanziertem, weil erst nach längerem Schauen irritiertem Blick, nähert.

Kerstin Engholm Galerie

Schleifmühlgasse 3

A-1040 Wien

Telefon: 0043 – 1- 585 73 37