Ein Bild aus Berlin 17

Während man hätte vermuten dürfen, dass die Berliner Kunst-Werke in der Auguststraße nach der zweiten Berlin-Biennale sanft in eine sommerliche Siesta wegdämmern würden, zeigt man dort sommerliche Spezialitäten. Doch an der Jahreszeit allein liegt es kaum, dass die derzeitigen Ausstellungen in der Auguststrasse zu den Besten gehören, die dort seit der Gründung der Institution zu sehen waren. Eher ist es die Frucht einer einige Zeit gereiften Rezeptur, die die derzeitigen Ausstellungen ebenso leicht bekömmlich wie intellektuell sättigend werden lässt.

Die Grundidee dieses Rezepts, die von der Anfang des Jahres begonnenen Reihe „Bildarchive“ in Anschlag gebracht wird, ist die, dass Kulturen sich weniger durch das auszeichnen, was sie selbst für repräsentativ erachten, als durch die verborgenen Bedingungen, die dazu führen, dass sie dieses oder jenes als repräsentativ betrachten. Künstler sollten sich nach dieser Idee, die sich ebenso auf Walter Benjamin wie auf Michel Foucault zurückführen lässt, eher in den verborgenen Archiven einer Kultur umschauen als in deren offensichtlichen Spiegeln, sie sollten eher in den Mülleimern wühlen als in Museen.

Der junge Berliner Künstler Christoph Keller beispielsweise, dem nach Santiago Sierra die zweite grossartig präsentierte Einzelposition in den Kunst-Werken gewidmet ist, hat sich nicht in der Kunstgeschichte umgeschaut, sondern in der Wissenschafts- und Medizingeschichte. Bewaffnet mit dem begrifflichen Instrumentarium Foucaults verwandelt Keller das gesamte Untergeschoss des Hauses in ein Grossarchiv inklusive Bibliothek, Datensammlung und Findbüchern. Als Grundlage dienen ihm verschiedene wissenschaftliche Archive wie Konrad Lorenz „Encyclopaedia Cinematographica“, die die Bewegungen allen irdischen Lebens per Filmkamera festhalten wollte oder eine Auswahl von Filmen aus der medizinhistorischen Sammlung der Berliner Charité. Mit pseudowissenschaftlichen Methoden macht Keller die Wissenschaft zum Objekt der Kunst, die als klandestine „Ethnologie der eigenen Kultur“ (Michel Foucault) verschiedene Wissensgebiete durchforstet.

Wenn Keller wissenschaftliche Archive manipuliert und als ready mades in den Kunstkontext befördert, wenn er Straussen possierlich in der Prärie umherrennen läßt oder aufgeschnittene Hirne und Karzinome zeigt, geht es weniger um die Ausstellung der wissenschaftlichen Errungenschaften als um das Problem jeder medial kontrollierten Gesellschaft: dass nur das Aufgezeichnete als real gilt und das Reale aber weder in seiner Vollständigkeit noch in seiner Tatsächlichkeit aufzuzeichnen ist.

Während man die unteren Stockwerke der Kunst-Werke den Youngstern unter den künstlerischen Archivaren gelassen hat – in den zwei Etagen über Christoph Kellers wissenschaftlichen Archiven breitet das Künstlerduo Alexa Kreissl und Daniel Kerber sein Architekturarchiv aus – haben sich die Altmeister unter den Archivkünstlern in die beiden Dachgeschosse des Hauses zurückgezogen. Während Kreissl/ Kerber in der Etage drunter noch munter-trashig die Tonleiter der mit Alltag und Technik vollgestopften Jungkunst rauf- und runter buchstabieren, setzen die Routiniers der Ausstellung Glanzlichter auf.

Vor allem die erstmals in Berlin gezeigte sagenumwobene „Sichtbare Welt“ des Schweizer Künstlerduos Fischli und Weiss zeigt die Kontinuität und Tradition – aber auch die Abgründigkeit und den Humor – in der das Thema des Archivs in der Kunst steht. In einem abgedunkelten Kabinett des Hauses zeigen sie eine Auswahl von 2800 aus über 40000 touristischen Schnappschüssen aus aller Welt: vom Fujijama bis in die Tropen, von Manhattan bis in die Gletscherwelten und von einsamen Stränden bis nach Berlin Mitte lassen sie ihren professionell touristischen Blick schweifen.

Wer von den zwei Tagen hört, die die Beiden vor den Pyramiden in Gizeh verbrachten, nicht um das esoterisch-individuelle , sondern um das absolut anonyme Bild in Postkartenformat zu schiessen, erfährt in dieser schmunzelnden Huldigung an den Allerweltsgeschmack einiges über jenes humorvoll scheiternde Projekt, die Mannigfaltigkeit der „sichtbaren Welt“ visuell zu bewältigen. In diesem mit der Präzision von Profis produzierten fotografischen Verzeichnis der Allerweltsblicke dieser Welt steckt viel von der Erfahrung der Unmöglichkeit, im Anderswo dieser Welt nicht Tourist zu sein.

Auf Fischlis‘ und Weiss‘ erschöpfendes Archiv der unbewegten Bilder folgt im renovierten Speicher des Hauses die Sammlung der bewegten Bilder der Welt: Harun Farocki und Antje Ehmann haben in den Kunst-Werken auf unbestimmte Zeit ein relaxtes „Bed of Film“ eingerichtet, das nicht nur aus einer Filmsammlung der letzten 100 Jahre besteht, sondern netterweise auch aus einer fast 60 Quadratmeter grossen Liegewiese, auf der man die versäumte sommerliche Siesta nachholen kann.

Auguststrasse 69, Di, Mi, Do, So 12-18 Uhr, Fr, Sa 12-20 Uhr, alle Ausstellungen bis 4.10.

Ein Bild aus Berlin 16

Jeder kennt die Situation, in der er aus dem Haus geht und sich fragt, ob er das Gas abgedreht hat. Oder das Licht ausgemacht. Diese alltäglichen Situationen weisen darauf hin, dass wir nicht immer und bei allem voll dabei sind. Ganz im Gegenteil scheint unsere Wahrnehmung durchlöchert zu sein von getrübten Momenten und kleinen Abwesenheiten, von blinden Flecken und grauen Staren. Paul Virilio hat aus dieser Befindlichkeit vor einiger Zeit eine Filmtheorie entwickeln wollen; der Berliner Künstler Les Schliesser hat aus den Wahrnehmungslücken eine kleine feine Filmserie gemacht, die derzeit bei griedervonputtkamer zu sehen ist.

In einem Streifen der „gap stories“ läuft ein Mann vom Büro nach Hause. Auf dem Weg putzt er sich gedankenverloren die Schuhe auf einem weissen Blatt Papier ab, noch bevor er zu Hause angekommen ist. In einem zweiten Film kommt eine junge Frau nach Hause, putzt sich ebenso gedankenverloren die Zähne, bis sie schliesslich aus ihrer alltäglichen Trance wieder aufwacht, woraufhin sie in einem Schwall ihr Zahnputzwasser ausspuckt. Ein dritter Streifen der Lückengeschichten zeigt einen Typ in einem Auto auf der Autobahn. Der gleichförmige Wechsel von Blick auf die Autobahn, Blick in den Rückspiegel, Blinker rechts, Blick aufs Tacho inszeniert einen einschläfernden Rhythmus. Eigentlich passiert nichts. Oder doch? Hat man vielleicht etwas verpasst, nicht wahrgenommen?

Plötzlich merkt man an den wiederkehrenden Streckenbegrenzungen, dass der Typ immer wieder dasselbe Stück passiert. Seine Autobahnfahrt ist eine ewige Wiederholung des Immergleichen: ein ewiger Aussetzer. Doch zwischen der Veränderung des Fortkommens und der Wiederholung der Strecke öffnen die „gap stories“ plötzlich einen merkwürdigen Raum. Zwischen dem Öffnen und dem Schliessen der Augen wird eine Dimension entdeckt, die weder dem Wahrgenommenen noch dem Abwesenden, weder dem Schlaf noch dem Wachen, weder der Realität noch der Fiktion angehört. Alle Filme Schliessers, die aus einer Lückensammlung im Internet entstanden sind (http://www.lesschliesser.de/gap.html), stellen ein äusseres Setting bereit für eine Reise ins Innere, die weder das Eigentliche noch das Uneigentliche zeigt.

Dabei ist das äussere Setting alles andere als unwichtig; Schliessers Reisen ins Innere verdampfen nicht in artikulationsloser Esoterik. Allein die Tatsache, dass der Künstler Mitbegründer der Designer/ Künstler/ Fotografen-Kooperative „soup“ ist, weist darauf hin, dass ihm das Erscheinungsbild nicht ganz egal sein kann. Aber auch die aufwendige Inszenierung der „gap stories“ und deren Arrangement im Galerieraum sagen einem, dass jede Lücke in Beziehung steht zu den Wänden, die sie umgrenzen. Frei nach dem Motto ‚keine Lücke ohne Raum‘ liess Schliesser sowohl Film als auch den Galerieraum von anderen Mitgliedern der soup-Kooperative ausstatten.

Im Galerieraum führte dieses Motto zu einer hübschen Wandbemalung, die in den Innenraum per verschlungener Symbolik den Regen hineinzaubert,der sonst dem Aussenraum vorbehalten ist. Spaziert man an diesem Einbau einer Aussenwelt in eine Innenwelt vorbei, gelangt man zu einer weiteren Innenwelt aus Wänden. Diese weitere innere Schale umgrenzt den eigentlichen Videoraum wie ein Allerheiligstes, das durch die Filmbilder wieder zu einem Aussenraum gerät. Ein Aussenraum des Innenraums des Aussenraums der Wahrnehmung: Das ist die Analogie, die Schliessers labyrinthische Galerieeinbauten an den verlorenen Raum der Wahrnehmungslücke bindet. In dieser Lücke wird weder das Äussere noch das Innere sichtbar, sondern die Grenze zwischen ihnen, die beide formatiert.

Ebenso wie dem Galerieraum sieht man den Filmen an, dass sie von professionellen Designern ausgestattet wurden. Der Mann verlässt einen ultraschicken Glaspalast, die Frau beim Zähneputzen befindet sich in einer ultramodernen Wohnung und der Typ im Auto sieht auch irgendwie ultrainszeniert aus. Die Inszenierungen weisen nicht nur darauf hin, dass Schliesser und seine „soup“-group offensichtlich ultracoole Designer sind. Ebensowenig wie er selbst sich an das Nachstellen der – übrigens im Internet unter www.lesschliesser.de/gap reportierten – Wahnehmungslücken machen würde, geht es um deren Nachempfindung. Eher geht es darum, modellhafte Situationen zu generieren, die den blinden Fleck darstellen, der jeder Darstellung flieht. Zwischen Lifestyle und Traumästhetik, fühlen sich Schliessers Bilder an wie die unmerklichen Momente des Eintauchens und Abtauchens aus einem frischen Swimmingpool – die man kaum wahrnimmt (Videoinstallation: Preis auf Anfrage; Stills in Auflage DM 1800,-; Sitzmöbel „soup ab DM 900).

griedervonputtkamer, Sophienstrasse 25, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 11. August