Ein Bild aus Berlin 3

Zur Jahreswende werden auch im Kunstviertel Mitte die Taschen umgestülpt: Kassensturz. Sind die Werte der neuen Kunst-Economy ebenso gefallen wie in der restlichen Wirtschaft? Oder hat sich der junge Berliner Kunstmarkt konsolidiert? Eine Bestandsaufnahme zwischen den Jahren.
Viele der jungen Trend-Galeristen, die aus Köln oder anderswo nach Berlin gekommen sind, um hier eine Galerie aufzumachen, erzählen gern, daß Berlin für sie derzeit die interessanteste Stadt der Jungkunst auf der ganzen Welt sei. London? Von gestern. Paris? Von vorgestern. Allenfalls New York sei dem Berliner Galerienboom rund um die Auguststraße vergleichbar. Dort würde auch alle paar Jahre ein neues Kunstviertel aus dem Boden gestampft werden – erzählen einem die Jungunternehmer der Neuen Mitte. Bei ihren Erzählungen vom Goldrausch in der Auguststraße weiß man nie so recht, ob die Vorlage ihrer Erzählung eigentlich Sacramento oder die Berliner Roaring Twenties sind, die ja auch nur importiert wurden. Jedenfalls fragt man sich nach einiger Zeit, ob ihre Begeisterung nun der Eigenwerbung dient oder ob sie ernst gemeint ist – ob man sich nun in einer provinziellen selbstaufgeblasenenen Kunst-Seifenblase befindet oder tatsächlich in einem der Kunstzentren der neuen Kunst-Economy. Wahrscheinlich kann man das ohnehin nicht mehr unterscheiden. Jeder lebt in seiner Vision und jeder ist jetzt in Berlin dabei. Und erzählt von dem Hype, dem Berliner Kunst-Boom und wie aufregend das alles sei: Total unglaublich, daß dort, wo vor einigen Jahren noch kulturelles Brachland war, wo einige Häuser leerstanden und andere zusammenbrachen, heute eine der aufgewecktesten und hippsten Kunstszenen der Welt beheimatet ist. So erzählen es einem die Gründerväter des Berliner Kunstmythos – und es ist kein Zweifel, daß ihre Geschichte Geschichte machen wird oder bereits gemacht hat.

Denn besucht man das Galerienviertel um die Auguststraße heute, so unterscheidet das Viertel in der Tat nichts mehr vom internationalen Kunstviertel-Format: Galerie neben Café neben italienischem Deli neben Bar neben Modeladen. Aber zuerst eben die Galerie. In der jüngsten Zeit sind auch noch ein paar Medien-, Werbe- oder sonstige Agenturen dazugekommen, die den geschäftsträchtigen Schick des Viertels prägen. Aber vor allem sind es die Touristen, die – wie in den Vorlagen des internationalen Kunstszene-Formats, Greenwich Village oder SoHo – das Straßenbild bestimmen. Und wo Touristen sind, da gibt es Gift Shops, und wo Gift Shops sind, da gibt es … Und so geht es immer weiter.

Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer und einige Jahre nach der Eröffnung der Kunstmeile Auguststraße ist klar, daß Mitte es geschafft hat. Die Berliner Galerienszene rund um die Auguststraße hat sich etabliert. Berlin hat als Kunststadt wieder internationales Format erreicht. Man hat in nur wenigen Jahren zur internationalen Spitze aufgeschlossen und wird nun als heiße Galeriestadt in einem Atemzug mit London oder New York genannt – jedenfalls von den Galeristen im Village, wie das kleine Viertel mit seinem dörflichen Charme von seinen neuen Bewohnern genannt wird. Denn alte gibt es kaum noch.

Wovon man lieber nicht spricht, sind die Opfer des Village-Gefühls. In dem Viertel zwischen Oranienburger-, Tor- und Rosenthaler Straße – also in der Spandauer Vorstadt – hat seit zehn Jahren deutlicher als anderswo ein Prozeß stattgefunden, der ebenso unumkehrbar ist wie er nur noch auf urbanistischer Ebene zu diskutieren ist: Denn Urbanisten kennen das Phänomen, daß Künstler in ein marodes Stadtviertel ziehen, die Galerien nachziehen, dann die Cafés und dann und dann… steigen vor allem die Mieten. Die Häuser werden saniert, die ansässige Bevölkerung zieht aus, einige Künstler bleiben noch wohnen, die anderen ziehen ebenfalls um. Gentrification nennen Urbanisten das Phänomen, das auch vor der Spandauer Vorstadt nicht haltgemacht hat – und das dazu geführt hat, daß das Viertel rund um die Auguststraße heute ein schickes Luxusviertel für alle Besserverdienenden ist – nur nicht für die Künstler, die den Prozeß einmal in Gang gesetzt haben.

Aber derlei Ironien des Fortschritts gehören in Mitte zum Alltag. Über solche Peanuts redet heute kein Galerist mehr. Zu dem astronomisch gewachsenen Format der Berliner Galerienszene gehört auch, daß man diesen schwindelerregenden Prozeß bestenfalls zynisch kommentiert. Denn zum Zynismus hätten eigentlich einige Galeristen Anlaß, sind sie doch ebenso wie die Künstler Opfer des Prozesses, den sie selbst in Gang gesetzt haben. Ebenso ungern, wie man über die anderen Opfer des Kunstbooms spricht, spricht man über die eigenen. Dabei ist es kein Geheimnis, daß in Berlin mit Kunst nicht viel – oder nur von wenigen überhaupt – etwas zu verdienen ist. Während einige wenige Galerien wirklich zu den Nutznießern des unvergleichlichen Runs auf die Auguststraße gehören, sind die meisten ziemlich leer ausgegangen. So erzählt einem jeder Galerist gleich weiter, was für wahnsinnig junge und gute Künstler in der Stadt leben und wie viel ständig immer überall los sei – daß es aber kaum Kapital gibt, um dieses Leben zu erhalten, wird lieber verschwiegen. Ein Großteil der Ausstellungen, die ständig und jedem Abend allüberall rund um die Auguststraße eröffnen, wird von Künstlern und Galeristen aus der eigenen Tasche bezahlt. Derzeit funktionieren große Teile der Berliner Kunstszene – und das unterscheidet sie vor allem von der Kölner Kunstlandschaft – nach dem olympischen Motto: Dabeisein ist alles.

Und wie im olympischen Dorf der Kunstszene, dem Village rund um die Augustraße, sind Fragen verpönt, die nach den realen Kosten der Begeisterung fragen: Handelt es sich bei dem Kunstboom um einen ideellen Boom? Ist die Galeriekonzentration in Mitte zu halten? Handelt es sich um ein künstliches Gesellschaftsspiel, bei dem die Verlierer über kurz oder lang rausfliegen werden? Kassensturz in Mitte. Nach der fünften Berliner Kunstmesse artforum und vor dem Jahreswechsel werden noch ein paar Ausstellungen eröffnet, noch ein paar Preise vergeben – ansonsten wird die Jahresbilanz erstellt. Die Bilanz fällt bei den meisten Galerien nüchtern aus, aber nicht beängstigend. Auch wenn nur die wenigsten Galeristen in Mitte bislang reich geworden sind, so ist doch klar und unbestreitbar, was vor einigen Jahren noch bezweifelt wurde: daß die Mühen des Anfangs überstanden sind.

Egal ob ideeller Boom, Seifenblase oder nicht – Tatsache ist, daß die Selbstüberzeugungsstrategie gewirkt hat. Es ist tatsächlich eine neue Sammlerschicht herangewachsen, die sich von der Euphorie in der Auguststraße hat verführen lassen. Es ist tatsächlich ein Berliner Kunsthandel – wenn auch auf niedrigem Niveau – gewachsen, der einige Galerien ernähren kann. Die anderen gehen in der Freizeit jobben oder machen Art-Consulting. Die neuen Sammler – die vielleicht auch nur Teil der Seifenblase sind: Wer weiß? – sind jünger als ihre potenten Kollegen aus dem Rheinland. Sie sind so alt wie die Künstler, die sie kaufen, also Anfang/Mitte dreißig. Es heißt, sie wachsen mit ihnen, und diese Vorstellung gefällt allen.

Bei der Einschätzung der Lage in Der Auguststraße darf man vor allem nicht den Fehler machen, Köln mit Berlin zu vergleichen. Köln gegen Berlin hieß es noch vor wenigen Jahren in jeder Galerie. Köln war die alte Kunsthauptstadt, Berlin sollte die neue sein. Der Ton war kämpferisch; jeder Kölner Neuzugang wurde gefeiert. Während Berlin für den Aufbruch der neuen jungen Kunst stand, repräsentierte Köln die alte saturierte Bundesrepublik mit ihren Starkünstlern und rheinischem Großkapital, mit RichterPolkeBaselitz und dem Schokoladenfabrikanten Ludwig als Saatchi der deutschen Kunst. Während Köln das Kapital hatte, das kulturelle und symbolische, hatte Berlin das Recht des Neuen. In einer modischen Kunstwelt mit ihrem Neuheitszwang und Avantgardedruck hat das Neue per Definition alle Rechte. Deshalb war in Berlin möglich, wovon jede Avantgarde träumt: eine Kunstswelt bei Null aus dem Boden zu stampfen. Die Kontingenz alles Geschichtlichen wollte es, daß der Neuanfang in Berlin zusammenfiel mit dem Dekadenumbruch: Weil die Galerienszene Mitte in den achziger Jahren noch nicht existierte, war Berlin prädestiniert dafür, zu der Kunststadt der neunziger Jahre zu werden – ein Slogan, mit dem die Kunstmesse artforum jedes Jahr aufs Neue wirbt.

Per Recht des Neuen sieht die Kunststadt Berlin noch immer ziemlich gut aus. Hier sieht noch immer alles jung und trendy aus. Doch was ist, wenn der Glanz des Neuen weicht? Was ist, wenn der Boom einmal verschwindet? Wenn die Nineties veralten? Die ersten Galerien suchen schon das Weite. Es ist abzusehen, daß die Mieten zu teuer, der Giftshops zu häßliche und der Touristen einmal zu viele sein werden. Es wird sein wie in New York, wo man nach ein paar Jahren die Koffer packt, und nach einem neuen Quartier Ausschau hält. In Berlin ist das jedoch noch nicht in Sicht. Noch niemand hat bisher den Sprung in ein anderes Viertel gewagt. Und wird es vermutlich auch solange nicht tun, solande der Trend anhält und sich die Galeristen ihre Galerien gleich als Eigentum kaufen. Die Auguststraße ist noch alternativlos. Auch wenn sich die avanciertesten Galerien schon Quartiere außerhalb der berüchtigten Meile mit ihrem Reisebuscharme suchen, bleibt die Auguststraße doch in Sichtweite.

(c) Knut Ebeling, 29.11.2000

Ein Bild aus Berlin 4

In Berlin bricht gegen Jahresende das große Heulen aus: Während die Kulturpolitik um Michael Naumann trauert, weinen die Künstler derzeit flächendeckend über die Leiden ihres Daseins. Während in der letzten Kolumne Miguel Rothschild in der Museumsakademie seine „Killer-Tränen“ losließ, geht es nach Weihnachten hin etwas sanfter zu: Olaf Nicolai zeigt sich selbst als „A Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus“. Doch seine Tränen sind so rätselhaft, daß er den Besuchern der Galerie Eigen + Art in der Auguststraße eine Rede dazu gibt.

Wendet sich ein Künstler einmal direkt mit einem Statement an die Öffentlichkeit, dann ist das ein bißchen so wie wenn der Bundeskanzler seine Weihnachtsansprache hält: Das Licht wird gedämmt, der Ton schwillt an, die Inhalte versiegen. In diesem Moment sind nicht neue Ideen gefragt, sondern die öffentliche Beschwörung von Szenen und Bildern, an denen man sich gemeinsam festhalten kann: Urszenen des gesellschaftlichen Lebens. „Bei Fragen von einschneidender Bedeutung ist der Stil, nicht die Ehrlichkeit ausschlaggegebend“ (James Joyce).
Beides, das Joyce-Zitat aus A Portrait of the Artist as a young Man, und die Weihnachtsansprache, sind die milden Gaben, die Olaf Nicolai seiner aktuellen Ausstellung bei Eigen + Art beigegeben hat. Die Ansprache kommt, natürlich legerer als beim Kanzler, per Fax als Pressemitteilung ins Haus. Beendet und eingerahmt wird es von dem Joyce-Zitat, dem Nicolai den Titel für seine aktuelle Show – wie beim Kanzler handelt es sich um nichts anderes – entlehnt: A Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus.

Gemäß ihrem literarischen Titel besteht die neue Arbeit Nicolais aus nichts anderem als einem Narziß, dem die Tränen aus den Augen kullern. Nicolai hat ein Double seiner Person angefertigt, einen zeitgemäßen Narziß, der mit modischen Turnschuhen und Schlag in der Jeans auf allen vieren über einer Pfütze kniet. Die Pfütze – die wiederum auf einer kleinen Insel steht – wird gefüllt von seinen eigenen Tränen. Warum weint Olaf Nicolai? Über einen Mißerfolg? Trauert er um den Verlust seiner Unschuld? Geht es um die Kunst oder den Künstler? Oder um beides – oder um alles?

Eine so merkwürdige Arbeit hat man von Nicolai – einem Darling des Berliner Kunstbetriebes – noch nie gesehen. Nicolai, der es mit seinen intelligenten Versteckspielchen um Natur und Kultur bis auf die letzte documenta gebracht hat und seine eigen-ethnologische Kunst seither um den Globus touren läßt, hat noch nie ein Statement – geschweige denn ein Bekenntnis – zur eigenen Person abgegeben. Nie wußte man, wie es um den Seelenhaushalt dieses Künstlers bestellt war. Und plötzlich sieht man ihn vor sich, auf allen vieren, weinend.
Erklärungsbedarf scheint gegeben, eine Ansprache von Nicolai ans Künstlervolk vonnöten, um die drohenden Mißverständnisse auszuräumen. Lieber Olaf, was wolltest Du uns damit sagen? Hast Du zum Ursprung der Kunst zurückgefunden? Ist alles wirklich zum heulen? Olaf Nicolai hält sich in seinem Statement genauso bedeckt wie der Bundeskanzler vor der Presse. Er wiederholt, was wir ohnehin schon wissen, er beweihräuchert, statt zu antworten. Er redet davon, wie problematisch es doch ist, heute ein Künstler zu sein, berichtet von dem wohlwollenden Desinteresse von Partygästen, die lieber start-up-stories als Künstlerprobleme teilen wollen. Und beobachtet, daß der narzistische Charakter des Künstlers im heutigen Kunstbetrieb eher ein Produktmerkmal als eine Eigenschaft darstellt.

Damit ist Nicolai im Zentrum seines Problems. Allein die Rezeption seiner Arbeit demonstriert das Phänomen, mit dem Nicolai als romantischer Künstler in der modernen Zeit zu kämpfen hat: Der Künstler muß empfinden, um Kunst zu machen; doch die Kunst macht etwas anderes aus seinen Tränen, das mit seiner ursprünglichen Empfindung nichts mehr zu tun hat: ein Produkt, einen Wert, eine Corporate Identity. Deswegen weint Nicolai in die Pfütze seines Kunstwerks – in der er sich aber nicht wiedererkennt. Denn dieselben Tränen, die er weint, zerstören das Spiegelbild, in dem er sich als Weinenden sehen könnte. So bleibt ihm am Schluß die melancholische Erkenntnis, daß es als Künstler unmöglich ist, gleichzeitig zu weinen und sich zu erkennen, daß man nicht gleichzeitig Kunst machen und sich darin wiederfinden kann. Wie die Pfütze vor Nicolais Knien ist die Kunst ein Zerrspiegel, in dem verschwimmt, was man in ihn hineintut.

Und so beendet Nicolai sein trübsinniges Kabinettstündchen mit Einblick in eine Urszene der Kunst so galant und herzlich wie der Bundeskanzler seinen Weihnachtsreigen mit den Worten: „Bei Fragen von einschneidender Bedeutung ist der Stil, nicht die Ehrlichkeit ausschlaggegebend“.

Eigen + Art, Auguststraße 26, Di-Fr 14-19, Sa 11-17 Uhr, bis 27.1.2001

(c) Knut Ebeling, 29.11.2000

Ein Bild aus Berlin 5

„It’s killer“ ­ hört man derzeit besonders anglophile Besucher der Berliner
Museumsakademie neben den Hackeschen Höfen ausrufen. Der Grund ihrer
Erregung ist jedoch kein tatsächlicher, sondern nur ein künstlerischer
serial killer: Der tritt auf in einer Installation von Miguel Rothschild,
Berliner Künstler aus Argentinien: Ein mißachteter Künstler rächt sich an
seiner Umwelt ­ und zwar mit Tränen, die aus seinen Augen wie Geschosse
hervorschießen, sobald jemand seine geniale Kunst nicht mag. So werden
harmlose Besucher genauso dahingerafft wie der Polizist, der Rothschild im
Showdown am Ende von Killer Tränen den Todesschuß verpaßt.

Killer Tränen, eine Installation aus 73 Daumenkinos und unter
http://www.vitaminb.de/killertears auch online zu bewundern, heißt der letzte von
Rothschilds mythenbildenden Künstlergeschichten, die der Berliner Künstler
erzählt. Der plot ist immer derselbe: Der Jüngling opfert sein Leben für die
Kunst ­ und erhält im Tausch für das verfehlte Leben Genie, Unsterblichkeit
und die gewisse Art von Heiligkeit, die die Moderne ausschließlich für den
Künstler reserviert hat. Man vermag kaum abzuschätzen, wie viele junge und
gealterte Künstler diesem bis heute machtvollen tragischen Künstlermythos
zum Opfer gefallen sind. Die Geschichte dieses gigantischen Opferaltars
bleibt noch zu schreiben.

Rothschild, von Name und Berufs wegen Spezialist in Sachen Künstlermythen,
schreibt weder die Geschichte dieser Opfer, noch fällt er ihr zum Opfer.
Vielleicht um den Mythos zu entlarven, vielleicht aber auch um ihn zu
bannen, erzählt er die Geschichte vom tragischen Künstler in Helen Adkins
Museumsakademie in der ersten Person nach ­ und noch in der mehrfach
ironisch gebrochenen Form der Nacherzählung kann man sich der anrührenden
Wirkung der Mythe kaum entziehen.

Unter dem Titel „Rothschild fordert sein Erbe ein“ hat der Berliner Künstler
1992 seine erste Künstlermythe erzählt: „Sie werden Zeuge einer Geschichte,
der Geschichte Miguel Rothschilds, Künstler aus Buenos Aires, der sich eines
Tages entschließt, sein ärmliches Schicksal zu wenden.“ In der Form einer
nostalgischen musikbegleiteten Diainstallation zeigt er sich als armen aber
begabten Künstlerteufel, der sein Genie gegen ein sorgenfreies Leben mit
einer schönen und reichen Rothschild eintauscht. „Sich der Kunst widmen
bedeutet völlige Selbstaufgabe, Elend, Unverständnis, Zurückweisung. Wie
schwer ist die Schöpfung!“ lautet das Credo der Geschichte ­ die es will,
daß sobald Glück, Macht und Einfluß des Künstlers wachsen, seine
Schaffenskraft zu schwinden beginnt. Am Ende sieht man Rothschild als
Porträtzeichner auf dem Kudamm sitzen: Wie schwer ist die Schöpfung!
Im Zentrum der Ausstellung steht Rothschilds zweite Mythe vom Künstler von
der traurigen Gestalt. „Killer Tränen“ wird in der Form eines 73-teiligen
Daumenkinos erzählt, das an den Wänden der Galerie verteilt ist und schon in
der Form eine gewisse mediale Nostalgie verbreitet. So blättert man sich
durch den tränenreichen Lebensroman eines Künstlers. Der ist ebenso rührend
und ebenso tragisch wie der erste: Angefangen von der Geburt unter
sonderbaren Umständen über schwere Kindheit und unglückliche Jugend, enthält
Rothschilds nachgestellte Geschichte alle Ingredienzen, die den Mythos zu
einem solchen machen. Viele Leiden muß man ertragen, damit ein echter
Künstler aus einem wird. Rothschild erträgt alle ­ ein Buster Keaton der
Kunst ­ ohne ein Lächeln.

„Eines Tages war der Druck der jahrelang aufgestauten Tränen nicht mehr
auszuhalten. Die schreiende Traurigkeit durchbrach den Widerstand aus seinen
Augen schossen Killertränen“ Die todbringenden Killertränen, mit denen
sich der verkannte Künstler an den Verkennern rächt, bringen Rothschild ­
nach all den Einbußen und Rückschlägen, der Verachtung der Eltern und der
Frauen, nach der endlichen Anerkennung in der Liebe und dem späten Erfolg in
der Kunst ­ schließlich doch um die Früchte seines Schaffens. Im Showdown
der Story wird Rothschild von einem Polizisten abgeknallt ­ und damit in die
heroischen Spalten der Kunstgeschichte befördert. Der Künstler hat sein
Leben geopfert und wird dafür von der Nachwelt heiliggesprochen.
Rothschilds Geschichten wären nur halb so amüsant, wenn es sich nicht in
Wirklichkeit so verhielte, wie der Mythos vermeint. Am Rande der
Trivialität, mit den minderwertigen Genres von Kitsch und Melodram, von
B-Movie und Fotoroman spielend, gelingt es Rothschild, herzzerreißende
Geschichten aus dem Leben eines Künstlers zu erzählen ­ und sie gleichzeitig
zu dekonstruieren. Dabei sind es weder die ikonographischen Versatzstücke
der Kunstgeschichte ­ von wirkungsmächtigen Tränen bis zu gefesselten
heiligen Sebastians bringt Rothschild alles unter ­ , mit denen Rothschild
sein Mythen-Remix veranstaltet, die ihm Leichtigkeit und Schwere zugleich
geben. Noch ist es die geschickt ausgeklügelte Ökonomie des Opfers, das alle
Geschichten beherrscht. Es ist die Doppelung aus Nähe und Distanz, die durch
Überlagerung von Selbstironie und Selbstmitleid zustandekommt, die eine
unvermittelte Rezeption des Mythos auch heute ermöglicht. So gelingt
Rothschild das wertvolle Kunststück des Lebens in der Popkultur, eine
Geschichte zu dekonstruieren und ihr gleichzeitig vollen Glauben zu
schenken.

Museumsakademie Berlin, Rosenthaler Straße 39, Di-Sa 14-19 Uhr, bis 13.
Januar 2001, zwischen 24.12. und 1.1. geschlossen.

Events im Dezember:

2.Dezember 2000 Galerienrundgang Mitte, 17-21 Uhr

6.12. um 19 Uhr im Neuen Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128: Susanne
Paesler und Joachim Reck: Malerei Zwischen den Medien

Do 7.Dezember, 18-21 Uhr, Kunstbank, Brunnenstraße 188
Vortrag von Susanne Paesler und Joachim Reck

2.12. 20 Uhr, Rampe 003, Rosa Luxenburg-Platz Gudrun Widlock, Privatbesitz,
Eröffnung

Julia Scher: always there ­ surveillance bed, Auguststraße 91, Di-Sa 11-18
Uhr

(c) Knut Ebeling, 29.11.2000

Ein Bild aus Berlin 2

Michel Houllebecq war nicht da, aber dafür Chus López Vidal. Wer von den Besuchern der ausverkauften Volksbühne an jenem Freitagabend Ende Oktober rechtzeitig bemerkte, dass das wirkliche Event des Abends nicht in der Volksbühne stattfand, sondern im nahegelegenen Pavillon der Volksbühne, der suchte bald die Ausstellung der Rampe 003 auf (http://www.rampe003.de, Rampe 003 am Rosa-Luxenburg-Platz, Do-Sa 18-20 Uhr, bis 18.11). Anstatt sich über das Konzert ohne Frontmann zu ärgern und über die Anziehungskraft des Namens Houllebecq zu sinnieren, der die skandalhungrigen Besuchermassen hatte in die Volksbühne strömen lassen, konnte man lieber in einer Ausstellung der Spanierin Chus López Vidal über das Mirakel der Identität nachdenken.

In ihrer Arbeit „Ea/ID“ stellte sich die Spanierin in unterschiedlichen Identitäten nach, deren Requisiten im Pavillon zu sehen sind; sie zeigt sich als Japanerin, als Russin und als Deutsche in den jeweiligen Formaten der unterschiedlichen Reisepassdokumente. The ID makes your identity, so könnte das Motto der Ausstellung lauten. Im Österreichischen heisst der Personalausweis übrigens Identitätsausweis.Nur schade, dass sie es nicht mit Houellebecq versuchte. Dann hätte sie mit Perücke und falschem Ausweis die Bühne der Volksbühne stürmen können und der Houellebecq-hungrigen Masse geben können, wonach sie verlangte: Identity. Und wenn man sie gefragt hätte, ob sie wirklich Houellebecq sei, so hätte sie ihren gefakten Ausweis gezeigt, und gesagt: My ID makes my Identity!

Wer an diesem Abend keine Lust mehr hatte, sich zu fragen, wer er eigentlich ist, konnte noch in der Galerie Koch und Kesslau vorbeischauen. Auf einem von Stefan Beuchel kunstvoll-montagnemäßig drapierten Teppich liess es sich wunderbar abhängen. Dabei will seine Ausstellung „Indoor“ (http://www.kochundkesslau.de, Weinbergsweg 3, Mi-Sa 15-20 Uhr, bis 25.November) den Kunstraum in Beziehung setzen zum bürgerlichen Wohnzimmer, dessen Konturen sich unter dem Teppich abzeichneten. Doch wenn Beuchel den Teppich weggenommen und die Sofas und Sessel real dagestanden hätten, hätte man nicht dieses tolle flauschige Ambient-Gefühl gehabt, das alle Gegenstände ineinander zerfließen ließ. Am Ende hätte die gemütliche Besuchermasse noch fast die Vitrine gestürmt, in der Beuchel aus dem Material der Salzstange einige Jäger-Hochsitze als Landschaftszubehör gebastelt hatte.

Weniger wohnzimmerlich, dafür ungemein rasant präsentierte sich Stefan Hoischen bei seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Kapinos (http://www.kapinos.de, Gipsstraße 3, Di-Sa 13-19 Uhr, bis 25.November). Der Newcomer, der schon bei German Open in Wolfsburg dabei war, ist mit einer Arbeit mit dem wohlklingenden Titel „Übel“ bekanntgeworden, die in museal-ungewöhnlicher Tonlage die Äußerungen einer Couch-Potatoe zu Medienbildern von Gewalt und Elend verbreitet hatte. Bei Kapinos drückt Hoischen vollends auf die Prolet-Tube und stellt einen unfertigen Prototyp eines Super-Turbo-Rennautos in den Galerieraum: Tiefgetönte Scheiben, Breitreifen, Drecksspuren. Prolliger geht’s kaum. Wie um das Gepöbel der „Übel“-Arbeit noch zu übertrumpfen, wirkt das Ding noch übler, noch fieser, noch machohafter. Die Krönung des überlebensgroßen Monstrums im Maßstab 1:120 sind absurde meterhohe Spoiler – allein bei dem Wort „Spoiiiiler“ denkt man unversehens: „Üüüübel.

Dabei läßt Hoischen zunächst dahingestellt, ob es sich bei dem Bild der Geschwindigkeit – das vom Titel seiner Show „Abrieb und Beschleunigung“ noch unterstrichen wird – um seine eigene Geschwindigkeit im Kunstbetrieb handelt:Immerhin war er einer der jüngsten Teilnehmer bei den German Open; jetzt präsentiert er seine erste Einzelausstellung bei Kapinos. Mit Vollgas auf den Kunstmarkt?

Das glasfaserne Ding steht da in seiner Unfertigkeit, als hätten es Bankräuber reingefahren und stehengelassen; wie das leicht verrutschte Modell eines Tatfahrzeugs aus „Aktenzeichen XY“ scheint es sich selbst zu fragen, ob es einen Kommentar zum Thema der allgemeinen Jugendeuphorie und Beschleunigungskultur darstellt. Auf den ersten Blick gibt es keinen Zweifel: Hier drückt ein Thirty-Something zynisch aufs Vollgaspedal des Kunstmarktes. Wo es darum geht, mit möglichst viel Power möglichst schnell zu werden, stellt man am besten sofort das Vehikel der Beschleunigung aus. Bevor man lange um den heißen Brei herumredet, sagt man lieber gleich, wo’s langgeht. Als Fetisch von Erfolg und Potenz steht das Auto da wie der Erlkönig einer Künstlerkarriere. Man muß nur einsteigen. Und los geht’s.

Wenn da nicht die Sache mit dem Abrieb wär. Plötzlich entdeckt man Bremsspuren und Lackschäden an der Karosserie, und denkt neben den aufheulenden Drehzahlen des fiebergläsernen Boliden auch an Verbandsmaterial, an Unfall und Zerbrechlichkeit. Handelt es sich um einen melancholischen Kommentar zu den zahllosen Opfern des Kunstbetriebes? Das unausweichliche Scheitern, das Unglück im Geschwindigkeitsrausch? Der Kunstbetrieb als Monstrum der Beschleunigung, das seine Insassen verschleißt? Oder hat da einfach einer keinen Bock mehr auf die hochtheoretische Diskurskultur, die jedes triviale Werk ästhetisch umwebt? Einfach eine auf die Fresse oder was? Man weiß es nicht. Man kann keiner Lesart des metaphysischen Rennwagens den Zuschlag geben. Hoischen verschanzt sich hinter den getönten Scheiben seines getunten Monsters und prollt weiter rum.

Doch was auf den ersten Blick so prollig daherkommt, ist stets nach dem selben Verfahren der Kontextverschiebung gearbeitet. Der neue prollige Ton in der Kunstszene ist ein alter; seit Duchamp und Kippenberger besteht der Trick darin, in den Kunstkontext Elemente einzuschleusen, die in ihm absolut verpönt sind – und gerade deshalb skandalös und reizvoll wirken. Im Unterschied zum Proletkult der klassischen Avantgarden beinhalten die aktuellen Verschiebungen jedoch keine politische oder moralische Geste mehr; eher geht es um eine zynische Koketterie mit dem diskreten Charme des Proletarischen. Den Prototypen dieses Verfahrens hat Hoischen bereits 1997 an die Wand der Projektgalerie SOMA gepinselt: In infantiler Schreibschrift stand da schlicht und einfach „Klinsmann“ – Mal sehen, wann das erste Schultheiss auftaucht.

Events im November:

Beatrice Wrobel, Une vie plus ordinaire, Eröffnung am 15.11, 20-22 Uhr, Tucholskystr. 31, Mitte

Look and Feel-Screening: Inventory, 23.November, 20 Uhr, Büro Friedrich, Gipsstraße 5, Mitte

Thomas Ravens, Nature is what green is, 10.11.19 Uhr, WBD, Brunnenstraße 9, http://www.webede.com

(c) Knut Ebeling, 2.11.2000