100 Notizen – 100 Gedanken in Beirut am 24. April 2012, 20 Uhr

Jetzt erhältlich: Die vierte Lieferung mit 30 Notizbüchern, sowohl in gedruckter und gebundener Form wie auch als E-Book.
Die Notiz ist eine Möglichkeit, Schreiben passieren zu lassen.
Befreit man eine Funktion wie die des Schreibens von einer alten Pflicht, dann wird sie erfinderisch – und wenn erst einmal die Sprache transformiert ist, ist alles transformiert.
Man liest keine Notizen. Man betrachtet sie, wie man auch jedes andere Lebewesen betrachtet. Wie Gras oder einen Baum oder Hunde oder Vögel oder Fische, Fliegen oder Mücken. Man betrachtet eine Notiz aber auch so, wie man einen Stein betrachtet, Ablagerungen oder einen Felsen oder ein Tal oder einen Berg oder wie die kleinen Pflanzen, die in manchen Städten aus den winzigen Ritzen im zerbrochenen Mörtel oder aus den Rissen im Beton der Häuser wachsen. Notizen stellen das monotone Wesen des geschriebenen Textes ebenso in Frage wie den konstruierten Diskurs; sie bringen spielerische Synkopen und unkoordinierte Hoquetierungen in den Text ein, weil sie eine Polyphonie unentwirrbarer Rhythmen erzeugen, die sich gegenseitig so durcheinanderbringen, dass tonale Kadenzen zu wuchern beginnen. Bis zu welchem Grade kann eine Notiz – hundert Gedanken in Form von Notizen – dieses Wegdriften der Theorie-Praxis heraus aus den klassischen Regulativen der Analyse und Textkomposition vorantreiben?
Notizen stellen sich dem juristischen Bemühen entgegen, das von den geschriebenen Formen in Anschlag gebracht wird, um das Vergnügen an einer Idee, die in Schwingung versetzt, zu unterdrücken, sowie versucht, die wagemutigen Gesten, Sätze und Sprünge der mannigfaltigen Geschichtenerzähler zum Schweigen zu bringen.
Die Frage, die all diesen Notizen gemeinsam ist und die sie auch mit den Werken gemeinsam haben, die auf der dOCUMENTA (13) gezeigt werden, lautet folglich „Was und wie denken wir, wenn wir wissen?“ statt „Was wissen wir, wenn wir denken?“
Nach den Notizen kommen die Kunstwerke. Hier endete unsere Rede und andere sind nun an der Reihe sich zu erheben und uns – entweder auf der Bühne, auf dem Rückzug, im Belagerungszustand oder im Zustand der Hoffnung – andere Geschichten zu erzählen, andere Engagements vorzuschlagen und andere Verkörperungen. Im Augenblick, da aus Notizen und Absichten Kunstwerke werden.
Im Workspace von Ashkan Alwan in Beirut werden Carolyn Christov-Bakargiev, Künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13), und Chus Martínez, Leiterin der Abteilung und Mitglied der Agenten-Kerngruppe der dOCUMENTA (13), die Reihe 100 Notizen – 100 Gedanken vorstellen. Dies ist die neunte öffentliche Präsentation; vorangegangen waren die Premiere in Kairo im April 2011 sowie Präsentationen in New York, Buenos Aires, Thessaloniki, Paris, Oslo, London und Mumbai. Im Anschluss daran gibt es ein Gespräch mit dem Notizbuch-Autor Salah M. Hassan zum Thema Politik des Schreibens.
Salah M. Hassan ist Direktor des Africana Studies and Research Centers und leitet das Insitute for Comparative Modernities. Auch hält er einen Lehrstuhl für African and African Diaspora Art History am Institut für Kunstgeschichte und Visual Studies an der Cornell University, USA. Hassan ist Kurator und hat mehrere Bücher verfasst. Zu letzteren gehören (unter anderen) Darfur and the Crisis of Governance in Sudan (2009) und Diaspora, Memory, Place (2008). Er ist Mitglied der dOCUMENTA (13) Berater-Gruppe und Autor des Notizbuchs Nr. 091 der Reihe 100 Notizen – 100 Gedanken. Es trägt den Titel: How to Liberate Marx from His Eurocentrism: Notes on African/Black Marxism.
Ashkal Alwan, ein libanesischer Verband für bildende Kunst, ist eine gemeinnützige Organisation in Beirut, Libanon und wird von Christine Tohme geleitet. Seit der Gründung 1994 verpflichtet sich der Verband der Produktion, Förderung und Verbreitung künstlerischer Praktiken. Ashkal Alwan befindet sich in der Jisr el Wati, Straße 90, Gebäude 110, 1. Stock, Beirut 2066 8421, Libanon. Richtung: Gegenüber von IMPEX; in Nachbarschaft zum Beirut Art Center und unweit des Souk Al Ahad (Sonntagsmarktes).
Die Notizbücher erscheinen in drei verschiedenen Formaten (A6, A5, B5) und haben jeweils einen Umfang von 16 bis 48 Seiten. Die Beiträge entstammen diversen Bereichen – Kunst, Wissenschaft, Philosophie, Psychologie, Anthropologie, politische Theorie, Literatur und Dichtung. Zu den Autoren dieser vierten Lieferung von Notizbüchern gehören: Vyacheslav Akhunov und Leeza Ahmady, Nanni Balestrini, Hrach Bayadyan, Bruno Bosteels, Judith Butler, Critical Art Ensemble, Abraham Cruzvillegas, Lydia Davis, Durs Grünbein, Michael Hardt, Graham Harman, Alanna Heiss, Brian Holmes, Furio Jesi und Andrea Cavaletti, Christian Kuhtz, Dinh Q. Lê gemeinsam mit Huynh Phuong Dong, Nguyen Thu, Quang Tho, Le Lam, Vu Giang Huong, Duong Anh und Truong Hieu, Jolyon Leslie, David Levi Strauss und Joseph Beuys, Mark Lombardi, Raimundas Malašauskas und Ruth Robbins, W. J. T. Mitchell, Claire Pentecost, Pascal Rousseau, Hannah Ryggen und Marta Kuzma, Song Dong, Rosemarie Trockel, Eduardo Viveiros de Castro, Eyal Weizman sowie Anton Zeilinger.
Beauftragt von der Künstlerischen Leiterin der dOCUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev, sowie der Leiterin der Abteilung und dem Mitglied der Agenten-Kerngruppe, Chus Martínez, wird diese Reihe von Bettina Funcke, Leiterin der Publikationsabteilung, herausgegeben.

Link: http://www.hatjecantz.de/documenta13