On Kawara – Weltreisender und Tagebuchführer

Biographie

1932 geboren in Aichi-ken, Japan

60er Jahre schwere Identitätskrise. Danach hat er sich, vermutlich als Therapie, zur Selbstfindung einige systematische Übungen auferlegt. Telegramme mit kurzen Texten wurden von ihm an Freunde in aller Welt gesandt. Er konzipierte seit dem Ende der 60er Jahre weiter serielle Werke, in denen die Hauptfrage von Raum und Zeit eingefangen wurde.

1965 geht von Japan nach New York

Das Frühwerk On Kawaras, welches zum erstenmal in 1994 in Deutschland, gezeigt wurde, umfasst Gemälde und Bleistiftzeichnungen in teils vieleckigen Formaten. Es zeigt Arbeiten eines meisterhaften Zeichners und Malers mit surrealistischen Tendenzen. 1958 haben Breton und Max Ernst dem Künstler angeboten, an einer Gruppenausstellung der Surrealisten teilzunehmen. Man sieht auf seinen Bildern, Figuren die von Krankheit und Verstümmelung gekennzeichnet sind, unter dem Einfluss von Hiroschima und Nagasaki, in Gegenüberstellung von Gebrauchsgegenständen wie Eimern, Schüsseln, Spiegeln u.a.. Oft lösen sich in seinen Werken die Figuren in Einzelteile auf, die sich schwerekraftlos in gekachelten Bädern abheben. Sie sind angelegt in sadistischer-surreallister Perspektive. Räume, die ihre Dimensionen im Dickicht bambusähnlicher Formen zu sprengen scheinen, zeichnete der Künstler in der Reihe „Rhythmen“. Beeinflusst wurde der junge Maler auch von seiner Literatur: Phänomologie, KyotoSchule, „Sein und Zeit“. Eine beklemmende Aktualität geht von diesen Bildern aus. So stellt das Frühwerk Fragen an die Date-Paintings und umgekehrt. Ist es der Augenblick einer fixierten Zeit, die den Moment oder den Tag noch nicht fassen kann?

Date Paintings von 1966-1990

Am 4.1.66 malt On Kawara seine ersten „Datumsbildern“ in der „Today-Serie“. In den sechziger Jahren entstand fast täglich ein Bild, später in Abständen von Tagen oder Wochen. Seitdem schwankt die Jahresproduktion zwischen 37 und 241 Bildern. Der Künstler malt ein durchaus persönliches Tagebuch im Hier und Jetzt, jedoch ohne autobiografische Details. Die eigene Lebenszeit wird zum Inhalt seiner Kunst. Seine Arbeiten entstehen und bestehen aus der strengen, in sich logischen und konsequenten Anwendung seiner konzeptionellen Dokumentationsmethode. Das geht soweit, dass On Kawara eine Arbeit vernichtet, die nicht genau an dem Tag, dessen Datum sie trägt, vor 24 Uhr beendet ist. Daraus resultieren die unterschiedlichen Jahresproduktionen. Das heißt auch, dass es sehr von den persönlichen und zeitlichen Umständen des Künstlers abhängt, ob ein Bild entsteht. Da es zu keinem Bild kommt, kann es kein allgemeines Zeichen für ein individuelles, sich nicht in der Zeichenproduktion erschöpfendes Lebens geben. Meint On Kawara das, wenn er über sich sagt: „I am not existing“? In der amerikanischen Konzeptkunst bilden seine Datumsbilder eine Ausnahme, da sie zwar in numerischen Systemen erststellt sind, aber mit der eigenen Person verbunden sind.

Auf einer monochromen, matten, dunklen Grundierung malt er mit weißer Acrylfarbe das aktuelle Datum in einer klaren Typographie in der Schreibweise bzw. Abkürzung der Landesprache, wo er sich gerade aufhält. Der starke Hell-Dunkel-Kontrast erinnert an die Gegensätzlichkeit von Tag und Nacht.

Das Format der Bilder ist auf wenige Grundmaße zwischen 20,5cm x 25,5cm und 152,5 cm x 222.5 cm beschränkt. Das ergibt sich aus den Platzverhältnissen des jeweiligen Aufenthaltsorts des Künstlers. Es ist die Frage, ob das Bild durch den 4 cm tiefen Keilrahmen und der Bemalung der Seitenflächen zum Objekt wird?

In den Aufbewahrungsschachteln der Bilder, sind die Zeitungsausschnitte der jeweiligen lokalen Tagespresse auf deren Böden geklebt, die so eine Aussage über die Gegebenheiten des Tages machen. Sie sind eine Bild-Zugabe, die nach Anweisung des Künstlers ausgestellt werden können, aber nicht müssen. Zwischen 1966 und 1972 haben die Bilder Untertitel: Meldungen aus diesen Zeitungsartikeln. Ab 1973 besteht der Untertitel aus den Namen des jeweiligen Wochentages in der Landessprache seines Aufenthaltsortes.

Das Datum: Es bezeichnet die Gegenwart, erinnert an die Vergangenheit und schließt die Zukunft ein und wird Geschichte. On Kawara ist es ein Anliegen, im Bewusstsein des Betrachters Assoziationen, Erinnerungen und Erkenntnisse auszulösen und Überlegungen in Gang zu setzen: über subjektives Zeitempfinden und objektive Zeit, über die Zusammenhänge von Raum und Zeit, das individuelle Leben zwischen Geburt und Tod, über die Bewegung von Zeit, die Gegenwart in Vergangenheit und Zukunft mit hineinnimmt und aus welcher der erlebte Augenblick „außer der Zeit“ sich verliert.

Beispiel:

„Monday, Date Painting Nov. 13 1978“ (180cm x 220cm eines der größten Bilder)

Im handgefertigten Pappkarton zu diesem Bild gibt ein Artikel der „New York Times“, den Hinweis auf den Ort, an dem das Bild entstanden ist. Die Zeitung schildert die Ereignisse des Tages.

Mappenwerke (Alben)

In mehreren Langzeitprojekten verschickte On Kawara von seinen unterschiedlichsten Aufenthaltsorten (bis 1992 war er bereits an 89 Städten produktiv geworden) Telegramme und Postkarten:

„I got up“ – Postkarten in gleichen Formaten, mit dieser Zeile, einem Stempelabdruck mit der Uhrzeit, wann er aufgestanden ist, Adressat und Absender. Oft benutzte er die gleichen Briefmarken.

„I am still Alive“ Telegramme, die seit 1970 an Freunde in aller Welt gesandt wurden mit diesem kurzen, das Dasein betreffend Satz.

Ferner gibt es seit 1968 regelmäßige Aufzeichnungen über seine tägliche Zeitungslektüre, die von ihm täglich zurückgelegten Wege und getroffene Leute:

„I Read“ – Zeitungsausschnitte mit Tagesmeldungen

„I went“ – Land- und Stadtkarten auf denen er seine täglichen Wege mit einem roten Kugelschreiber markiert hat. Für den Stillstand wird ein Punkt eingetragen. (Der Wanderer durch die Kontinente.)

„I met“ – Tagesblätter auf denen er mit der >Maschine sachlich die Namen der Personen notierte die er getroffen hat

Karge, banale tagebuchähnliche Notizen, die sich als grundlegend und sehr allgemein erweisen. Sie bringen im künstlerischen Prozess, gleichzeitig die gemeinsame Lebenszeit und sein verzerrtes Lebensbild in Einklang. Folgt man den Orten seiner Reisen, fragt man sich, wie er diese Reisen zeitlich und finanziell abwickelt hat.

Journale

Fast buchhalterisch zeichnet er seine Jahresproduktion der „Date Paintings“ in Ringbücher auf. Immer in der Sprache und auf einem Kalender des Landes in dem On Kawara zu Jahresbeginn lebt. Akribisch wird festgehalten:
Größe und Datum der gemalten Bilder
Muster der Originalfarben
eine Auswahl von Schwarzweißfotos dokumentieren die Bilder im Atelier bzw. die Entstehungsorte der Bilder

Außerdem werden die Datumsbilder im Journal nach Monaten aufgelistet, durchnummeriert und mit dem jeweiligen Untertitel versehen.

Bücherreihen:

ONE MILLION YEARS – PAST

Zwischen 1969 und 1970 entstand dieses 10 bändige Werk, welches von 1969 AD (n.Chr.) bis in das Jahr 998031 BC (v.Chr.) zurückreicht

ONE MILLION YEARS –Future

Ab 1980 bis 1987 entstand dieses ebenfalls 10 Bände umfassende Werk: Es beginnt 1981 AD (n.Chr.) und endet im Jahr 1001980 AD (n.Chr.)

On Kawara sagt dazu: „Ich möchte die Zahlen einer Millionen Jahre tippen und in einem Buch zusammenfassen! Wenn ich 500 Jahre auf einem Bogen Papier festhalten kann, dann benötige ich für diese Arbeit 2000 Blatt, und die Geschichte der Menschheit findet sich lediglich auf den letzten zehn Seiten wieder!“ Die arabischen Zahlen sind fein säuberlich in immer gleichen Reihen von zehn Spalten, jeweils ein Jahrzehnt pro Zeile mit der Schreibmaschine geschrieben. Jedes Jahrhundert wurde vom vorherigen, wie bei Absätzen eines Textes, leicht abgesetzt. Der Künstler verfügt sicher über eine Besessenheit um so eine Arbeit auszuführen. Sieht man die Zahlenreihen beim Durchblättern der Bände, wird einem die Unendlichkeit der Zeit bewusst.

Tonbandaufzeichnungen:

Anlässlich einer Ausstellung im Dia Center für The Arts in New York unter dem Titel: „One Thousand Days One Million Years“1993 veränderte On Kawara die Bände „One Million Years (Future) in eine Tonbandaufzeichnung. In dieser Ausstellung sollten zentrale Werke des Künstlers gezeigt werden, u.a die zehn Bände „One Millionen Years (Past), Date-Paintings aus den Today- Serien und die Tonbandaufzeichnung. Auf dem Band, zählten abwechselnd eine weibliche und eine männliche Stimme ohne Pause die Jahreszahlen der Zukunft aus „One Million Years (Future)“ auf. Durch diese Ausstellung veränderte sich On Kawaras Thema, d.h. die Überzeugung, dass Zeit und Dauer obwohl objektiv nach standardisierten Systemen und Vorstellungen festgelegt sind, doch immer subjektiv wahrgenommen werden. Erfahrungen können nicht identisch wiederholt werden, die Erinnerung sind oft verwischt, Voraussagen sind an den ungefähren Erwartungen des Moments gebunden und die Zukunft ist nicht beeinflussbar. Durch den Wechsel vom Geschriebenen zur Sprache hat der Künstler das Verstreichen der Zeit in seinem Werk „verewigt“. Der stimmungsvoll Klang der Stimmen, die vom unvermeidlichen Ablauf der Jahre sprechen, bewirken die Erkenntnis, der Sinnlosigkeit jedes Versuchs die Zeitlichkeit zu überwinden. Im Kontrast zu den strengen, diktierten Zahlenreihen in den zehn Bänden verwandelt der Tonfall der gesprochenen Version die Daten in eine noch nicht erfassten Geschichte der Menschheit, fast ein Klagelied über die Zukunft.

Mit seinen reduzierten Zeit-Bildern stellt On Kawara Fragen, die zu allen Zeiten von Philosophen und Naturwissenschaftlern gestellt und unterschiedlich beantwortet wurden. Die Verknüpfung von Lebenszeit und Lebensraum wird im bildnerischen Ansatz des Künstlers greifbar.

Johanna Maria Huck-Schade – Juli-2002