22.05.2012 - 23:03 Uhr
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03.08.2011
DAS MAXIMUM

von: Kirsten Bauerdorf M.A.

Wow! Da, wo früher kruder Maschendrahtzaun den Blick auf stillgelegte Fabrikanlagen inmitten von  stereotyper  Wohnhausarchitektur der 50er Jahre verstellte, prangen heute in  Traunreut drei plakativ farbig gehaltene Gebäude, die ein spektakuläres neues Kunstmuseum DAS MAXIMUM beherbergen und somit die oberbayerische Industriestadt in die Sphäre des Hortus für Weltkunst erhebt.

Initiiert wurde das grandiose Museum von dem legendären Galeristen Heiner Friedrich, der eine bedeutende Galerie für zeitgenössische Kunst erst in München und später in New York betrieb, die Dia Art  oder Ayn- Foundation gründete und anlässlich der Dokumenta  1977 in Kassel das spektakuläre Kunstwerk von Walter de Maria den vertikalen Erdenkilometer unterstützte.

Gleich neben dem Eingang prangt als amüsantes Entre´e ein flottes „Spatz“- Automobilexemplar, schräg-dynamisch im Glaskasten präsentiert, und erinnert nicht nur den einen oder anderen Traunreuter daran, daß hier auf den stillgelegten Fabriklieferstraßen minderjährige Einwohner unbehelligt das Autofahren erlernen konnten, sondern vor allem, daß hier auf dem ehemaligen Fertigungsgelände Spatzautos von der Firma  Harald  Friedrich, dem Gründer der Alzmetall Werke, und Vater des Galeristen Heiner Friedrich produziert wurden.

Sinnfällig- witzig und ex negativo werden dazu im ersten Haus zusammengepferchte Edelstahlteile von demolierten Autowracks - teils bemalt teils verchromt-  von dem Nouveau Realiste- Künstler John Chamberlain barock präsentiert.

Die akkumulierten Wrackteile konterkarieren die Autoproduktion und den American Dream per se, entlarven den Traum grenzenloser Freiheit und Schnelligkeit als Farce und verwandeln die vermeintlichen Ideale in hässliche Mahnmale, die der Künstler ehedem an Autobahnen aufstellte.

Der Künstler überrascht mit aufregender Material- und Werksdiversifikation:

Mit der Besucher- Relaxinsel „Wileys Island“, 1997 (Polyrethanschaumstoff, Nessel) oder mit 30 „Wie Lux“  Farb-Fotografien (1989- 2002), auf denen Chamberlain, mit verzerrten Aufnahmen von Personen-Interieurs spannender weise ähnliche Metallassoziationen evoziert, wie sie von den Autowracks bereits hervorgerufen werden.

Herausragend ist das Werk von Dan Flavin, „European Couples „(1969-61), der ein ganzes Haus bespielt und spektakulär illuminiert, indem er den Raum in nebulöse blaue, rote und gelbe Lichtzonen,  hervorgerufen durch farbige Leuchtstoffröhren, parzelliert.

Die Röhren werden zu Vierecken formuliert und jeweils vor einer Ecke in der Weise positioniert, dass der Raum dahinter in der  Farbe der Röhren erstrahlt und so definiert und prononciert wird.

Flavin feiert den Raum, macht ihn mit  Farbigkeit sichtbar und verweist bei Nicht- Elektrifizierung und daraus resultierender Abwesenheit von Licht auf das implizite Verschwinden von Raum. 

Georg Baselitz offeriert -traditionell auf dem Kopf stehend: „Zwei vom Photo“, ein skurriles Paar, gewandet in  weiß –blau getupftem Bademodenoutfit- und äußerst sich damit philantropisch -karikierend zum Geschlechterthema.

Der Beuysschüler Imi Knöbel, begeistert mit einer gelben und roten Farbwand, „Fishing red blue und yellow“,  2008, die beide im rechten Winkel hart auf eine Blaue Wand stoßen, um mit dieser in einen unkaschierten Dialog zu treten, und sich gegenseitig farblich zu beeinflussen und zu interagieren.

Neben einer großen Zahl expressiv- spannender Werke der Traunreuter Künstlerin Maria Zerres ( *1961), die derzeit in Venedig auf der Biennale mit Bob Dylan Portraits im Palazzo dalle Rose Furore macht,  begeistert Walter de Maria mit am Boden positionierten Kreis- und Quadratskulpturen „ Equal Area Series 1976-82“ (Edelstahl), die auf die Vorgaben der Innenarchitektur reagieren und das Okulusfenster ebenso wie das Rechteckfenster abstrahierend aufgreifen.

So agiert de Maria wie der Minimalist Fred Sandback, der einst via Draht die Form  von Quadern Donald Judds abformte und sie als grafisches Abbild, quasi als Basrelief, auf den Museumsboden übertrug.

Last but not least ist auch der Popartist Andy Warhol mit einer Fülle aufregender Werke vertreten, Camouflage, Pin Ups, oder ein überdimensioniertes Rohrschachwerk begeistern und lassen so die duftige Vielfalt, Kühnheit und Experimentierfreudigkeit der New Yorker Factory auch in Oberbayern Eingang finden.

Großer Dank gilt Herrn Heiner Friedrich, der seine Heimatstadt mit dem Maximum eklatant bereichert hat.

Das Museum hat bereits jetzt die Atmosphäre auratisch aufgeladen, bringt den Traunreutern frischen Wind, inspiriert, lässt Verkrustetes überdenken und öffnet via grandioser Kunst die Augen.

Das Maximum wirkt vitalisierend,  - und veränderte bereits am Eröffnungstag phänotypisch das Stadtbild durch avantgardistisch gekleidete, angelockte „ Fremde“.

Und gerade, weil die  Kunstwerke nicht jeden Tag zugänglich sind, ist es eine Chance, -vergleichbar dem Erdenkilometer Walter de Marias, von dem man nur eine 5cm große Scheibe realiter sah -, das Bewusstsein für die verborgene Kunst und ihr Mysterium, noch zu schärfen. 

Und dabei birgt es an den Wochenenden die Gelegenheit , die herausragende Kunst zu genießen und damit Traunreut nicht mehr nur als Distanzgeber zu Salzburg und München zu markieren, sondern autonom zum avisierten Kunstziel werden zu lassen, das Region und Menschen bereichernd verzaubert.

Über die Autorin:

Kirsten Bauerdorf lebt als freie Kunsthistorikerin und Journalistin in München. Nach ihrem Studium der Kunstgeschichte mit dem Magister Artium in München und an der Sorbonne in Paris arbeitete sie im Muse´e Picasso und im Centre Georges Pompidou. Die Kunsthistorikerin hat diverse Lehraufträge für Kunst-, Mode-, Design- und Filmgeschichte an Hochschule in Bozen, Berlin und München inne. Sie reportiert für den Bayerischen Rundfunk und schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung, die Bayerische Staatszeitung und den Münchener Merkur. Bei Kunstführungen in verschiedenen Städten  Deutschlands bringt sie ihr Kunstwissen Erwachsenen sowie Kindern näher und führt Kulturreisen für Familien nach Rom ( mit Übernachtung im Kloster ) durch. Und sie antizipiert auf Kreuzfahrtschiffen via Powerpointvorträgen die jeweilgen Destinations- Häfen unter dem Aspekt Mode-, Kunst-, Design-, und Filmgeschichte!

Link: www.bauerdorf.com



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Folgende Kommentare wurden dazu abgegeben:


am: 2011-08-04 von: Barvarius
Ein Vergnügen diesen Artikel zu lesen. Als ganz besonderes Highlight stößt mir die definition des Ortes Traunreut als "Distanzgeber" zwischen Salzburg und München in´s Leserauge. Zeugt diese Bemerkung doch von intimer Ortskenntnis der Autorin.

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