22.05.2012 - 23:00 Uhr
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29.04.2011
Anastasia Khoroshilova auf der 54. Biennale di Venezia

von: Pressemitteilung

Im Rahmen der 54. Biennale di Venezia ist die Installation STARIE NOVOSTI (ALTE NACHRICHTEN) der russischen Künstlerin Anastasia Khoroshilova von 2. Juni bis 27. November 2011 in der Biblioteca Zenobiana del Temanza des Centro Studi e Dokumentazione della Cultura Armena zu sehen, organisiert von dem Museum für Moderne Kunst Moskau. Die präsentierte Arbeit umfasst neun Foto-Lichtboxen mit nahezu lebensgroßen Porträts von Müttern, die ihre Kinder bei dem Terroranschlag auf die Schule in Beslan (Russland, 2004) verloren haben und damals selber Geiseln waren. Dabei setzt sich Khoroshilova kritisch mit der Vergänglichkeit, Gefügigkeit und Schwäche des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft auseinander.

Im Herbst 2004 erlangte die Stadt Beslan in der Republik Nordossetien-Alanien im Nordkaukasus (Russland) mit ihren etwa 36.000 EinwohnerInnen weltweit eine traurige Bekanntheit: Als Ort einer der skrupellosesten terroristischen Geiselnahme in den letzten Jahrzehnten. Am 1. September 2004, damals der erste Schultag, wurde die Beslaner Schule Nr.1 von Terroristen angegriffen, gestürmt und von diesen mehrere Tage besetzt.

Mehr als 1.000 Geiseln wurden zwischen dem 1. und 3. September 2004 in der Schule festgehalten – unter ihnen überwiegend Kinder, deren Mütter und LehrerInnen. Über 300 Menschen starben bei diesem Anschlag, Familien zerbrachen und wurden zerrüttet: Eltern, die ihre Kinder verloren haben und Kinder, die zu Weisen wurden. Dadurch hat sich das Leben der StadtbewohnerInnen grundlegend verändert und wurde nachhaltig geprägt.

Die Dauer des menschlichen Mitgefühls und Empathie erweist sich oftmals als besonders kurzlebig; so kurz, dass die Schnelligkeit, mit der eine Tragödie vergessen wird, von einem Einzelnen als Verrat der Gesellschaft verstanden werden kann.

In ihrer Arbeit STARIE NOVOSTI setzt sich Anastasia Khoroshilova (1978 in Moskau, Russland, geboren, lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland, und Moskau) mit der Vergänglichkeit, Gefügigkeit und Schwäche des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft – selbst wenn es um das Schicksal tausender Menschen geht – auseinander. Sie versetzt sich in das Individuum, um so das kollektive Bewusstsein auf die inneren Narben der Menschen zu lenken, die im Verlauf der tragischen Geschichtsschreibung entstanden sind.

„Für mich ist diese Arbeit eine Möglichkeit, die Mechanismen des Gedächtnisses zu erforschen: die des kollektiven und die des individuellen Gedächtnisses. Wie entsteht das Phänomen des ´Ausschlusses´ eines Individuums, in diesem Fall der Opfer der Beslan-Tragödie?“, so Anastasia Khoroshilova.

„Wie schnell kann ein Mensch seine Empfindungen und Reaktionen auf Ereignisse vergessen? Wie schnell verdrängt oder vergisst die Gesellschaft das, was ihre Eigenschaften transformiert und ihre Struktur ändert? Wie leicht und auch unbewusst passt sie sich dem schnellen Rhythmus der Nachrichtenagenturen in Massenmedien an?

Manchmal werden diese Nachrichten sogar für „small talk“ genutzt, aber vor dem Hintergrund der neuen, professionell und geschickt geschnittenen Informationen durch die Medien werden sie ebenso schnell wieder aus dem Bewusstsein gelöscht, wie sie wahrgenommen wurden.“

Die mixed media Installation STARIE NOVOSTI ist in der historischen von Tommaso del Temanza stammenden Biblioteca Zenobiana (1777) im Rahmen des kollateralen Programms in Venedig zu sehen.
In Kontrast zum lieblich pastell bemalten Deckenfresko der Loggia stehen die neun Fotoleuchtkästen, die formal sowohl an eine Hochhausarchitektur als auch an militärische Transportkisten erinnern. Die internationalen Markierungen geben diesen Werken, die offensichtlich hergebracht und abgestellt wurden, einen Transportcharakter, eine temporäre Zeitlichkeit.
Fast lebensgroße Frauenporträts in kontrastreicher Farbigkeit zeigen Mütter aus der Stadt Beslan, die ihre Kinder während der Geiselnahme in der Beslan im September 2004 verloren haben und selber Geiseln der Terroristen waren.
Die Fotografien stammen aus dem Jahre 2010 als die Künstlerin die BewohnerInnen der Stadt aufsuchte, um den Erinnerungsverlust dieses Dramas und dessen gesellschaftliche, kollektive Kurzlebigkeit zu erforschen.
Auf- und zuklappbare flügelaltarartige Objekte zeigen simultan auf Fernsehmonitoren Nachrichtenmitschnitte des nunmehr nahezu vergessenen Geiseldramas, das die Welt schockierte, außer Atem hielt.
Khoroshilova hinterfragt mit ihrer Arbeit die Mechanismen realer Ereignisse, den medialen Umgang mit diesen und deren Vergänglichkeit.
Dabei befinden sich die BetrachterInnen in Mitten dieser Schicksale – zwischen der direkten, empfindsamen Teilnahme der Porträtierten einerseits und den Geheimnissen des nichtnachvollziehenbaren Schicksalsschlags dieser andererseits.

Zur Ausstellung STARIE NOVOSTI von Anastasia Khoroshilova erscheint der gleichnamige Katalog im Verlag für moderne Kunst Nürnberg. Diese Publikation wurde durch das Ellen Auerbach-Stipendium der Akademie der Künste Berlin ermöglicht, das die Künstlerin 2010 erhielt. Der Katalog erscheint in englischer Sprache mit ins Deutsche und Italienische übersetzten Textbeiträgen und umfassender Bebilderung.

Anastasia Khoroshilova wurde 1978 in Moskau, Russland, geboren. Seit 2007 lebt und arbeitet sie in Berlin, Deutschland, und Moskau. Ihr Studium der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste absolvierte sie 2004 mit Auszeichnung bei Prof. Jörg Sasse. Sie erhielt Stipendien in Deutschland, Polen und den Niederlanden und arbeitete an mehreren Publikationen mit. Mit ihren Werken ist Anastasia Khoroshilova weltweit in namhaften Sammlungen und in international renommierten Museen vertreten.

Ein besonderer Dank geht an die Sponsoren Artphilein Foundation, Ernst Hilger und Adrian Riklin.


STARIE NOVOSTI (ALTE NACHRICHTEN)
Anastasia Khoroshilova 2010/2011
(mixed media Installation)

Ausstellungsdauer:
2. Juni – 27. November 2011


Ausstellungsort:
Biblioteca Zenobiana del Temanza
Centro Studi e Documentazione della Cultura Armena
Corte Zappa, Dorsoduro 1602
30123 Venezia
Tel./fax: +39 041 5224225
Öffnungszeiten: 10.00-18.00 Uhr


Link: http://www.khoroshilova.net
Link: http://www.mmoma.ru/

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