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08.04.2001
Sean Scully – Bilder voller Leidenschaft und Intensität

von: Dr. Karin Mohr

Der Ire Sean Scully zählt zu den bedeutendsten und erfolgreichsten Gegenwartskünstlern. Sean Scully ist ein abstrakter Maler, dessen Bilder einfache unverwechselbare Formen zeigen. Seine Bilder sind geometrisch gebaut, beschränken sich auf ein strenges formal und statisch begrenztes Vokabular. Inspiriert von der Op Art Bridget Rileys wird der Streifen in horizontaler und vertikaler Formation zu seinem einzigen Motiv. Trotzdem überrascht die Varianz der Werke, deren farbliche Intensität vollgesogen von Spiritualität und Emotionen scheint. Der 1945 in Dublin geborene Künstler ist ein ortloser Maler, ein Reisender zwischen London, New York und Barcelona. 1949 zieht seine Familie nach London. 1969 reist er nach Marokko, ist fasziniert von den abstrakten Farbkompositionen und dem leuchtenden Kolorismus der marokkanischen Wolle und Tücher. Drei Jahre später zieht es ihn angeregt durch die Arbeiten des Abstrakten Expressionisten Mark Rothko nach New York.

Die Prinzipien seiner Bildproduktionen - formale, strenge Bildarchitektur und expressiver Farbauftrag – scheinen einander zunächst auszuschließen. Trotz aller Widersprüche entsteht ein spannungsgeladener Dialog. Die Synthese aus rationaler Ordnung und sinnlich, emotional erfahrbarer Farbe, die fast schon dialektische Konfrontation der Formen und Farben ist unverwechselbares Markenzeichen von Sean Scully, erhöht den Wiedererkennungseffekt seiner Werke. Doch sind seine Arbeiten nicht konstruktivistisch oder minimalistisch zu nennen, vielmehr basiert es auf ästhetischen Überlegungen. Seine Malerei scheint wie eine Reflektion der Modernen auf sich selbst, eint europäische und amerikanische Traditionen. Scullys Kunst ist geprägt von visuellen Erfahrungen, die er auf seinen Reisen sammelt. So sind denn seine Bilder Reisen durch die Zeit und die Kunstgeschichte, vorbei an van Gogh, Matisse, Mondrian einerseits und Rothko, Pollock andererseits. Der wichtigste Ort wird New York für ihn. Er beobachtet, wie Leute Dinge zusammenfügen, dies erscheint ihm wie ein Raster, in dessen unterteilten Feldern und Randzonen die Menschen unterschiedliche Dinge tun.

Die Bedingungen der Abstraktion werden nochmals hinsichtlich ihrer Grundlagen, des Eigenwerts von Fläche, Form und Farbe in Frage gestellt. Der banale, streng an der vertikalen und horizontalen Bildachse orientierte Streifen wird in immer neuen Variationen komponiert. Es entstehen Reihungen, Muster, Schachbretter. Beinahe körperhaft treten die Leinwände, die auf dicke, blockartige Holzkonstruktionen gespannt werden, vor die Wand. Die pastos, übereinandergeschichtete Farbe liegt wie eine Haut auf dem Leinen, deren Ränder immer den Blick auf das Holzmaterial erlauben. Außer in den Triptychen, dort sind die Seiten der vorkragenden Mittelteile bemalt. Häufig eint Scully ein Ensemble von Leinwand-Panellen zu einem großformatigen Gemälde. Entweder konstituiert sich das Bild aus mehreren gleich großen Tafeln oder eine kleinere wird von einer größeren umschlossen. Einige dieser Tableaus tragen den Titel Enter. Sie lassen an einen Besucher denken, der von einer Seite hereinbricht und ein perfektes Bild stört. Sie sind so komponiert, das jeweils von links eine kleinere Rechteckform in das Bild eindringt. Sie unterscheidet sich deutlich in Form- und Farbgebung von der Grundfläche. Der ungesicherte, statische Aufbau mancher Bilder erinnert an das fotografische Werk des Künstlers, das oft verfallene Hütten, als Zeugnisse menschlichen Handelns zeigt. Auf seinen Reisen fotografiert Scully Dinge, die er im Vorbeigehen sieht. Alle diese Dokumentationen zeigen ähnliche architektonische Motive: Türen und Fenster, die Mauer- und Bretterflächen durchbrechen, oftmals farbig. Scully beschreibt seine Tätigkeit mit dem anderen Medium als „Einkaufsbummel“, auf dem er visuelles Material sammelt.

Das Motiv des Fensters erscheint auch im malerischen Werk wie ein Prototyp. Das Fenster ist in der Kunstgeschichte ein Symbol für die Verbindung zwischen Innen- und Außenwelt. Die geschlossene Bildfläche wird bei Scully durch Einschnitte zerstört und mit einem eingesetzten Inset geschlossen. Oftmals tragen die Bild-in-Bild-Arbeiten den Namen Passenger. Der Passagier befindet sich immer außerhalb der Bildmitte, suggeriert Bewegung, bringt wie ein Vorübergehender vor einer Wand einen neuen Rhythmus ins Bild. Die einzelnen Teile der Bilder führen eine eigene Existenz, haben eine eigene Persönlichkeit, tragen einen Namen, der sie zu Individuen macht. Durch die Titel werden die Bilder an Dinge jenseits der Kunst gebunden, spielen auf eine Stimmung, eine Empfindung, eine Erinnerung an. Scully spricht von der „Repersonalisierung“ seiner Malerei, sieht darin einen humanen Akt seines Schaffens.

Beziehungen werden nicht gemalt, sondern zusammengesetzt. Das Resultat schwankt zwischen Teil und Ganzem, zwischen Ordnung und Leidenschaft, zwischen Harmonie und Dissonanz. Auch menschliche Beziehungen oder Ortswechsel sind gekennzeichnet durch Verbindungen und Brüche. Die Aussage des Bildes wird relativiert, wird zu einer von vielen Möglichkeiten. Die Austauschbarkeit der Einzelteile, der Prozess des Sehens zwischen Konstruktion und Destruktion, Teilung und Addition wird dem Betrachter bewusst. Das Kunstwerk erhält eine offene, variable Struktur, ist nicht perfekt, ist veränderbar.

Wichtig wird neben aller Rationalität jedoch das sinnliche und emotionale Erleben der Materie Farbe, ohne im Umkehrschluss dem Optischen die Vorherrschaft einzuräumen. Entscheidend wird die Art des Farbauftrags, die Bewegung des Pinselstrichs, die haptische Qualität der Oberfläche, die wie ein gewebter Teppich oder Stoff erscheint. Die Farben findet Scully in einem langwierigen Prozess, Übermalungen sind der wichtigste Vorgang. Ihre Verwendung erfolgt intuitiv, durchläuft im Gegensatz zur formalen Bildstruktur zahlreiche Varianten. Die Ränder zwischen den Streifen sind wie Fugen durch die es durchglitzert. So erhält das Bild eine Geschichte. Der Farbwechsel hängt vom Wechsel der Stimmungen ab, ist ein sehr persönlicher Vorgang. Die Intimität äußert sich an den weich verfließenden Randzonen, die wie archäologische Erfahrungsspuren die Zeit spürbar werden lassen.

„Man bekommt nie Gelegenheit, etwas noch einmal zu tun. Sobald man es getan hat, ist es vorbei, und irgendwie spiegelt sich das in meinem Werk“, sagt Sean Scully „Meine Bilder sind der Versuch, diesen Prozess aufzuhalten.“

Der leidenschaftliche Farbauftrag verleiht den tektonischen, stereometrischen Bildern eine emotionale, menschliche Erscheinungsform. So werden seine Bilder trotz aller Abstraktion zu Bildern, die die Wirklichkeit spiegeln. Die abstrakten Grundmuster seiner Bilder erzählen ohne abbildhaft werden zu müssen, die Geschichte der realen Erfahrungen, Stimmungen und Emotionen. Scully verarbeitet in seiner Kunst die komplexen Beziehungen der menschlichen Existenz, die Erfahrungen des Miteinanders der Lebenswelt zu einem Miteinander der einzelnen Bildelemente. Die körperhaften Leinwände, die strenge geometrische Bildorganisation und schließlich der sinnliche Farbauftrag scheinen wie der Mensch als ein Körper-Geist-Wesen. Es geht ihm um Beziehungen und Kommunikation nicht nur zwischen Leinwand, Farbe, Komposition sondern auch um solche zwischen dem Werk und dem Inhalt. Die Farbe wird zum Stimmungsträger, die formale Struktur inhaltlich betrachtet zur Metapher der sozialen, erfahrenen Wirklichkeit. Scullys Bilder enthalten keine eindeutige bestimmte Botschaft. Sie sind offen für die vielfältigsten Erinnerungen, manche Bilder beunruhigen, einige lassen uns unberührt. Seit Leonardo da Vinci ist der Blick auf eine fleckige Mauer ein Symbol für die Assoziationstätigkeit. Die offensichtlich einfache Malerei des Iren, die manchmal zwischen Dekoration und Emblem schwankt, entpuppt sich bei intensiver Betrachtung als komplexes Baugerüst. Möglicherweise wird der Betrachter, der die „Fenster“ des Künstlers öffnet und sich hineinfindet in die Tiefe und Kraft seiner Bilder die eigenen Sehnsüchte entdecken.

„Ein Künstler, der das Einfühlungsvermögen wachruft, arbeitet so, dass er unsere Gedanken schlichtweg vollendet oder unsere Sehnsüchte – Ihre und meine – sichtbar macht. Ich versuche nicht, mich so auszudrücken, dass es sich von dem unterscheidet, was Sie ausdrücken möchten. Ich möchte das gleiche zum Ausdruck bringen.“

Düsseldorf zeigt Sean Scully bis zum 4. Juni 2001, danach wird die Ausstellung in München im Haus der Kunst, vom 15. Juni bis zum 7. Oktober 2001 zu sehen sein.

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