21.05.2012 - 18:44 Uhr
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Ein Bild aus Berlin

16.11.2001

von: Knut Ebeling

Ein Quadrat mit zwei Linien darin, einer verikalen und einer horizontalen, kann wahlweise als Fenster und Ausblick gedeutet werden oder als Käfig und Gitter. Betritt man dieser Tage die Galerie Fahnemann in der Fasanenstraße, so kann man sich entweder beschränkt fühlen oder zum Ausblick ermutigt. Ganz nach Belieben. Dabei geht die Geschichte um, dass Günther Förg seine mittlerweile sprichwörtlichen Raster- oder Karo-Bilder weder aus einem beklemmenden noch aus einem befreienden Kontext ersann: Das Motiv oder eher die Malweise des Rasters sei ihm in einem Bild von Edvard Munk begegnet, wo eine Bettdecke mit horizontalen und vertikalen Streifen verziert gewesen sei.

Mit einfachsten Verfahren die Anlage des Tafelbildes herausfordern: Das ist das Rezept der Bilder von Förg, die man in Berlin zuletzt in der Guggenheim-Foundation sehen konnte, wo der Maler, Fotograf und Bildhauer alle Wände mit Fenstern ohne Ausblick und mit Gittern zum Rausschauen bevölkerte. Bei Fahnemann hingegen ist es nur eine Handvoll neuer Raster und neuer Gitter, die Förg präsentiert. Während Raster und Format immer gleich bleiben, changieren nur die Farben: Raster schwarz auf grau, rot auf schwarz, schwarz auf weiß. Und der Zustand des Gitters: Manche haben eine strenge Rasterung, andere wirken eher aufgelockert, wieder andere zeigen ein völlig versprengtes Gitter. Auf einem Bild sieht man den Grund vor lauter Gittern nicht.

Natürlich kann man jeden Zustand dieser Raster als einen Kommentar zum Zustand der abstrakten Malerei lesen. Es ist ja gerade der Trick dieser Bilder, dass ihre einfache Struktur die kompliziertesten Erklärungen zulässt. Ihre Einfachheit ist ihre Zier. Schließlich ist die schlichte Unterteilung in einen monochromen Bildgrund und ein feststehendes Gitter darüber ­ also in Material und Struktur ­ ein Grundmuster abendländischen Denkens, das sich die längste Zeit als Abstraktion einer sinnlichen Masse definierte.

Dass Förgs Malerei auch einfacher beizukommen ist, zeigt eine zweite Ausstellung von ebenso fangfrischen Bildern mitsamt einigen Skulpturen. Gezeigt werden sie im geräumigen Show-Room, den Max Hetzler jüngst im S-Bahn-Bogen 48 an der Jannowitzbrücke eröffnet hat (www. max-hetzler.de). Bereits das Ambiente wirkt gegenüber dem noblen White Cube von Fahnemann eher defavorabel für eine Ausstellung abstrakter Malerei; es gibt hier einfach zuviel Tankstelle und Getränkemarkt und Heizkraftwerk, um sich auf ein abstraktes Bild zu besinnen. Aber es gibt auch die Spree, die direkt unter den Fenstern der Ausstellungsräume entlangzieht. Und vor diesen Fenstern steht bei Hetzler die riesenhafte Wand, mit der jeder seiner Künstler aufs Neue fertigwerden muss.

Auf die Vorderseite dieser Wand, die der Spree abgewandt ist, hat Förg sein drei mal fünf Meter grosses abstraktes Bild aufgehängt. Schon durch seine monumentale Dimension zitiert es die Landschaftsmalerei. Diesmal begnügt er sich mit einer Unterteilung, einer horizontalen: Sie teilt den schwarzen unteren Bildstreifen von einem schlammgrauen oberen. Ein Grundton der Unterscheidung ­ zum Beispiel der im Raum verteilten Sockel von den darauf stehenden, durchweg scheußlichen Skulpturen oder, einfacher, der dreckigen Erde vom in Berlin meistens nicht weniger dreckigen Himmel.

Im Unterschied zu den Bildern bei Fahnemann wirkt die Einfachheit an der Jannowitzbrücke nicht als Zier der Abstraktion, sondern als Ornament des Realismus. Der schwarze Boden, der dreckige Himmel wirken ­ wie bei Caspar David Friedrichs Mönch am Meer ­ als einfachste Chiffre für die Darstellung einer Welt aus Schlammlöchern und Schornsteinen. Es braucht schon drei mal fünf Meter, um dieser Welt zu trotzen. Wenn man nicht aufpasst, gerät Förgs Monumentalgemälde aus Erde und Himmel zum ersten Andachtsbild des neuen Kunstquartiers Jannowitzbrücke.

Und richtig, wenn man um die monumentale Wand herumgeht, befinden sich drei kleinere Versionen des großen Bildes an die Rückwand gelehnt (je DM 86000,-). Die düsteren Böden mit den raumgreifenden Himmeln stehen genau gegenüber den Fenstern, unter denen die Spree fließt, deren Wasser so schwarz sind wie die schwarze Farbe. Auch hier darf man sich entscheiden, ob die Schwärze Ausblick sein soll oder Grenze.

Galerie Fahnemann, Fasanenstraße etc.
Galerie Max Hetzler, Holzmarktstraße 15-18, S-Bahn-Bogen 48, Di-Sa 11-18
Uhr, bis 22. Dezember.



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