21.05.2012 - 18:41 Uhr
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Ein Bild aus Berlin

04.11.2001

von: Knut Ebeling

Berlin und die Kunst der neunziger Jahre verbindet eine nouvelle alliance, die aus dem heutigen Kunstgeschenen kaum noch wegzudenken ist. Der Grund für diese Verbindung liegt in einer seltenen Kombination aus historischem Bruch und künstlerischer Entwicklung; Berlin konnte sich auf dem internationalen Kunstmarkt vor allem deshalb als Hauptstadt der vielzitierten "Kunst der neunziger Jahre" durchsetzen, weil es durch den Bruch des Jahres 1989 Potentiale des Neuanfangs bot, die man in anderen Städten suchen mußte. Nirgendwo fand die Kunst der neunziger Jahre bessere Entfaltungsbedingungen als in dieser ästhetisch haltlosen Stadt, deren Bildgedächtnis zwischen Faschismus und des Sozialismus changierte und deren Kunstwelt sich nach 1989 neu zu sortieren hatte. Die Masse an zuströmenden Künstlern, die zahlreichenen neu eröffnenden Galerien und nicht zuletzt der Ruf nach einer neuen Hauptstadt der Kunst taten ein übriges, um Berlin wieder an die Spitze des internationalen Kunstgeschehens schnellen zu lassen.

Weil die Kunst der neunziger Jahre sich nur bestens unter dem Label "Berlin" vermarkten ließ, ließen die Ausstellungen nicht lange auf sich warten, die dieses Geschäft unmißverständlich übernahmen: Zwischen Städtemarketing und Leistungsschau, haftete diesen Unternehmungen nicht selten der Geruch des Tendenziösen an. Unter schlagkräftigen Slogans wie Neben den Linden ist die Mitte wurden die Children of Berlin, wie eine New Yorker Ausstellung hieß, auf die künstlerischen Laufstege in der ganzen Welt umhergeschickt ­ nicht ohne in die ambivalente Rolle der Kulturbotschafter schlüpfen zu müssen. Seltsamerweise wurden diese Mutationen Berliner Kunstszenen in der Stadt selbst kaum je gezeigt und diskutiert ­ als handle es sich um Thüringer Rostbratwürste, die erst über ihren Erfolg in Übersee wieder daheim hoffähig wurden.

Um so erfreulicher ist es, daß nun eine zentrale Präsentation von Berliner "Kunst der neunziger Jahre" in der Stadt selbst gezeigt wird ­ und noch dazu auf der höchsten institutionellen Ebene. Die Ausstellung "Quobo ­ Kunst in Berlin 1989-1999" verbindet den historischen Anspruch, die Kunstgeschichte des Berlin der neunziger Jahre zu schreiben, mit der dezidierten Rolle als Kulturbotschafterin: Die vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) ausgerichtete Leistungsschau wurde erstmals im Dezember 2000 in Hongkong gezeigt und hat noch eine Welttournee von Jakarta bis nach Neuseeland und von Seoul nach Tokio vor sich, nachdem sie im Berliner Hamburger Bahnhof Station machte ­ einem Ort, der sich delikaterweise um die junge Berliner Kunst nicht gerade verdient gemacht hat.

Weil die Ausstellung eigentlich für den fremden Blick auf Berlin gedacht ist, gleichsam als Visitenkarte einer aufgeweckten Berliner Kunstwelt, die man bei jedem Auslandsbesuch am Entree abgibt, bedeutet die einheimische Präsentation natürlich ein Wagnis. Heimspiele zu verlieren ist doppelt schmerzlich. "Quobo" soll nicht nur Besuchern in aller Welt einen halbwegs gültigen Überblick über die Berliner Kunst der neunziger Jahre bieten; nun muß sie auch noch ihren Berliner Besuchern deutlich machen, daß das die Kunst der neunziger Jahre ihrer Stadt ist: Eine doppelte Belastungsprobe.

Um es vorweg zu nehmen: Die Ausstellung verkraftet diese Zerreißprobe unbeschadet. Die Werke haben die Strapazen ihrer Hongkongreise überstanden. Das liegt zum einen an der straffen Organisation der Reiseleitung, die der Versuchung widerstanden hat, ein einheitliches Bild Berlins mit auf ihre Reise zu nehmen. Das Kuratorinnen-Team des Instituts für Auslandsbeziehungen ließ nicht Teilnehmern aus einer Szene den Vortritt, sondern surfte souverän auf den verschiedensten Spielarten Berliner Kunst quer durch die Neunziger herum. Ihre Ausstellung klickt verschiedene Positionen gleichsam kurz an, um gleich darauf bei der nächsten zu landen.

Ein anderer Grund für das gewonnene Heimspiel sind die gelungenen Detaillösungen komplexer Probleme. So hat man das Problem der zahlreichen Projekträume und alternativen Ausstellungsprojekte, die zu einem erheblichen Teil zum neuen Ruhm der Kunstmetropole Berlin beigetragen haben, auf eine ebenso einfache wie einleuchtende Weise gelöst: Im hinteren Teil der Ausstellung hat man die Künstlergruppe "Inges Idee" (Hans Hemmert, Axel Lieber und Georg Zey) ein Archiv anfertigen lassen, das einen brauchbaren Querschnitt über die unübersichtliche Projektwelt liefert: Via Internet (www.quobo.de) kann man sich über gewesene und andauernde Projekte informieren, vom legendären Büro Berlin bis zur Botschaft e.V., vom Nürnberger Eck bis hin zu SOMA, shift e.V., plattform, kunst und technik, loop und wie die quirligen und immer hochinteressanten Projekte der neunziger Jahre alle heißen.

Auf ebenso einleuchtende Weise hat man das Dilemma der Titelgebung gelöst. Weil jeder sinnfällige Titel angesichts der Heterogenität der Berliner Kunstwelten immer unangebracht sein muß, hat man sich für einen sinnlosen entschieden: "Quobo" ist eine fiktive Schöpfung des Berliner Künstlers Adib Fricke, der sich seit Jahr und Tag mit der Herstellung und Distribution seiner stadtbekannten "Protonyme" beschäftigt ­ die noch dazu in aller Welt ebenso verstanden oder unverstanden bleiben wie in Berlin.

Der Wortproduzent Fricke ist natürlich nicht der einzige alte Bekannte, den man in einem solchen Querschnitt ­ der interessanterweise ohne eine einzige malerische Position auskommt, die ja in den achziger Jahren den Ruf Berlins ausgemacht hatten ­ wiedersieht. Fritz Balthaus und Annette Begerow basteln mit handwerklichen oder elektronischen Mitteln an Bildkonstruktionen, die dem Besucher quasi als Eingangsthese eines Abschiedes vom Tafelbild unterbreitet werden. Monica Bonvicini weist auf Berliner Bodenlosigkeiten hin, indem sie gleich dahinter ein Gipsplattenfeld ausgebreitet hat, dessen Platten so dünn sind, daß sie mit jedem darüber spazierenden Besucher mehr zertrümmert werden. Auf diesem Trümmerfeld baute Eran Schaerf als Rahmen für mögliche Darbietungen ein Holzpodest, auf dem jedoch niemand steht. Karsten Konrad hängte den kopierten Tanzboden der legendären Künstlerkneipe "Mysliwska" am Schlesischen Tor an die Wand und Carsten Nicolai legt dazu wie gewöhnlich ein paar seiner manipulierten LP¹s auf die Plattenteller.

Twin Gabriel zeigen ihre Planktonzucht in diversen Wasserbecken, die ebenso natürlich-künstlich anmuten wie die Straßenstatements, die Nina Fischer und Maroan el Sani in einem Super-8-Film zeigen. Aber auch schwerer zugängliche Arbeiten wie der schiefe Billiardtisch von Maria Eichhorn oder eine Wandinstallation von Ulrike Grossarth haben neben raumgreifenden Installationen wie Albrecht Schäfers "Florina"-Plastikmodulwald im Hamburger Bahnhof Platz gefunden. Und auch eine andere alte Bekannte durfte nicht fehlen, die Trash-Nudel Laura Kikauka, die mit ihrem Club "Schmalzwald" durch die Berliner Unterwelten der neunziger Jahre geisterte. Sie steuerte eine glamouröse Trödelecke aus Strumpfhosenverpackungen und Kitschmusik und Wurstgläsern bei, deren Titel ebensogut das Motto der gesamten aus den Ferien zurückgekehrten Reisegruppe hätte abgeben können: "Someone else¹s vacation".

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Di-Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Sa und So 11 bis 18 Uhr. Katalog 132 S., DM 30,-. Öffentliches Symposium am 10.11.2001.


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