21.05.2012 - 18:40 Uhr
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Ein Bild aus Berlin

13.10.2001

von: Knut Ebeling

Eine Person, die andere durch eine komische Situation zum Lachen bringt, scheint für Künstler eine adaptionsfähige Gestalt zu sein. Auch der zeitgenössische Künstler hat alle Hände voll damit zu tun, sein Publikum zu unterhalten und ihm in immer neuen Posen die Absurditäten des modernen Lebens vorzugaukeln. Wie der Clown weiß er, dass das Geschäft des Gelächters eine harte Arbeit ist. Bleibt der Beifall einmal aus, fliegt der Künstler aus der Manege: Die nächste Nummer bitte.

Vermutlich aus seiner Affinität für das Tragische am Komischen begeistert sich der Schweizer Künstler Ugo Rondinone für die Figur des Clowns. Seit geraumer Zeit bevölkern die Schwerstarbeiter in Sachen Humor die Videos und Installationen des Schweizer Künstlers, der innerhalb von ein paar Jahren zum everybody¹s darling des Kunstbetriebes wurde. Die Mischung aus Melancholie und Scharfsinn, die in allen seinen Arbeiten auftaucht, passt offenbar allzu gut in eine Situation, in der man die niederschmetternden Kommentare zum Stand der Dinge nur noch gepaart mit einem Schuss süßlichen Selbstmitleids erträgt.

Auch im Zentrum seiner Berliner Ausstellung bei Schipper und Krome steht die Figur des Clowns. Vielmehr liegt Rondinones Clown am Rand des fünf Meter hohen Ausstellungsraums: Eine lächerliche Unperson mit aufgeplatzter Fellhose und gruseligem Haarbewuchs auf der Brust. Rondinones Clown von der traurigen Gestalt liegt neben einer riesengroßen Wand, auf die ein ebenso großes Mosaik aus Scherben von Spiegeln aufgebracht ist. Drei Tage soll Rondinone samt Assistent an der Scherbenwand gebastelt haben. Doch die Scherben reflektieren kein Bild; sie brechen das Antlitz dessen, der sich darin spiegelt, in tausend Teile. Zum Beispiel die Fratze des Clowns.

Nun wirkt der Dialog zwischen Clown und zerbrochenem Spiegel ­ zwei hinlänglich durchgespielten Themen nicht nur der zeitgenössischen Kunst ­ noch wie eine brav gelöste Schulaufgabe über das Verhältnis von Realität und ihrer Brechung; denn wie der Spiegel verfielfacht auch der Clown das Bild dessen, der sich in ihm spiegelt. Und wie der Spiegel bricht auch der Clown das Bild dessen, der schließlich in Lachen ausbricht. Zur Kür läuft die Installation Rondinones durch ein drittes Element auf, das die spielerische Virtuosität des Schweizer Künstlers vorzüglich demonstriert. Und zwar spielt Rondinone über zwei in die Wand versenkte Lautsprecher einen Dialog ein, der mindestens so gebrochen ist wie die Spiegelscherben an der Wand und sicher so komisch wie die Fratze seines Clowns auf dem Boden.

Zwei Personen unterhalten sich darüber, was sie eigentlich wollen. "What do you want?" sagt die eine. "I don¹t want anything" sagt die andere. Im Verlauf des zunehmend absurder werdenden Gesprächs stellen beide fest, dass sie eigentlich nicht wissen, was sie wollen. Und sie wissen auch nicht, wie sie darüber sprechen sollen, dass sie nichts wollen. So holpert das Gespräch in beckettscher Manier dahin, ohne Richtung und ohne Entwicklung, und verliert sich zwischen den Beinen, die sich die beiden Gesprächspartner gegenseitig stellen.

Man kann in dieser brilliant-belanglosen Schleife mit genauso viel Recht eine nihilistische Bestandsaufnahme der Bodenlosigkeit der Existenz sehen wie eine luzide Paraphrase auf die Situation der zeitgenössischen Kunst. Wie sie wendet sich das Gespräch stets auf sich selbst zurück und verplempert sich zwischen den Gesprächsebenen, so dass am Ende überhaupt kein Gespräch mehr möglich ist. "Why?" sagt die eine Stimme. "Why what?" erwidert die andere. (Preis auf Anfrage)

Schipper und Krome, Linienstraße 85, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 31. Oktober


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