21.05.2012 - 18:39 Uhr
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Ein Bild aus Berlin

30.09.2001

von: Knut Ebeling

Auguststrasse ade?

Neulich im Hof des Galeriekomplexes Zimmerstrasse 90. Auf der Party anlässlich des gerade beginnenden Kunstherbstes fragt mich jemand in der Schlange vor dem Buffet, ob ich wüsste, wer die Party gibt. "Irgendwelche Galerien", antworte ich. Es war klar, dass es sich um ein Einstiegs-Event einer Galerie handelte, die zu Beginn des Kunstherbstes gute Laune verbreiten und dazu die geglückte Positionierung der Zimmerstrasse 90 als Top-Galerien-Adresse feiern wollte. Unklar war nur, um welche Galerie es sich handelte.

Die Unpersönlichkeit traf nicht nur auf die Party zu. Die Anonymität der Festivität war nur ein Symptom der neuen Coolness, die neuerdings in viele Berliner Galerien eingekehrt ist. Ob man sich auf einem Hof in der Zimmerstrasse oder in Charlottenburg oder im Londoner East-End befand: Es war egal. Und das war gut so. Vorbei das gemütliche Vorbeischau-Flair, das der Auguststrasse eigen war. Schließlich sind Galeristen zunächst einmal Geschäftsleute und nicht Nachbarn.

Der positive Effekt der Umzugswelle besteht darin, dass man es geschafft hat, zwei neue Kunstzentren zu positionieren, die Zimmerstrasse und die S-Bahn-Bögen an der Jannowitzbrücke. Zahlreiche Galerien haben durch ihre Umzüge bessere Ausstellungsmöglichkeiten erhalten. Auch wenn man über die architektonische Qualität des Galerienhauses in der Zimmerstraße streiten mag, der viele ein behördenmäßiges Aussehen bescheinigen, so hat die Kunststadt Berlin spätestens mit den S-Bahn-Bögen an der Spree eine attraktive Adresse hinzugewonnen ­ auch wenn man das privatmuseale Format vieler New Yorker Galerien noch nicht erreicht hat.

Auf der anderen Seite sind zwei Dinge zu befürchten: Einerseits eine Zersplitterung der Kunstszene, die durch ihre Aufteilung nicht nur an Charme, sondern auch an Durchschlagskraft verlieren könnte. Andererseits eine neu entstehende Zwei-Klassen-Galerie-Gesellschaft: Zeichnete sich die Mitte der Auguststrasse noch durch ein olympisches Wir-sind-alle-dabei-Gefühl aus, sind jetzt nicht mehr alle dabei. Berlins Galerien unterscheiden sich jetzt in die Galerien, die das Zeug zum umziehen haben und die, die dableiben müssen.

Dabei hätte man nicht glauben sollen, dass der Abschied von der Auguststrasse so leicht fällt. Es gab in Berlin einmal eine Zeit, in der jeder Galerist sich nichts sehnlicher wünschte als einen Platz an der Sonne der Auguststraße. Die zum Galerienviertel aufgemotzte Rosenthaler Vorstadt wurde zum Aushängeschild zahlreicher neuer Berliner Galerien, die ihre erträumte Bleibe auf Ewigkeit gefunden zu haben schienen. Doch kurze Zeit darauf, als die Mieten sich verfielfacht hatten und die Zahl der Touristen die der Galeriebesucher überrundete, häuften sich Anzeichen für einen Exodus.

Die treibende Idee für die Umzüge war der Wunsch vieler Galerien, sich endlich aus dem Getümmel der Auguststrasse zurückziehen zu können. Man hatte genug von der Kuschelecke Auguststrasse, die bereits in aller kosmopolitischen Heimeligkeit Village getauft worden war. Nach der Devise, wo ein Village ist, droht auch ein Exodus, tauschte man die benebelnde Gemütlichkeit gegen das harte Business-Flair der Zimmerstrasse. In unmittelbarer Nachbarschaft von Friedrichstraße und Checkpoint Charlie sind hier zwar kaum weniger Touristen zu erwarten. Dafür hofft man ­ auch wenn die Anziehungskraft eines Wall-Street-haften Geschäftsviertels seit jüngstem gegen Null tendiert ­ auf um so mehr Geschäftskunden, die in dem Viertel ohnehin Handel treiben.

Merkwürdigerweise sind die Galerien damit genau das geworden, was sie eigentlich vermeiden wollten: Geschäfte wie andere auch, in denen man Geschäfte macht wie andere auch. Indem sie sich von ihrem jahrelangen Heimatboden trennten, sind Berlins neue Galerien in dieser Saison Teil einer Bewegung geworden, die nichts anderes ist als die Bewegung des Handels und des Geldes selbst. Ihre neue Anonymität ist so angenehm wie das Rascheln von Geldscheinen. Und nur die sind, nach Andy Warhol, wirklich schön.


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