21.05.2012 - 18:31 Uhr
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Ein Bild aus Berlin

04.05.2001

von: Knut Ebeling

Es gab einmal eine Zeit, in der die deutsche Fahne in der Kunst verboten war. Entweder kam das schwarz-rot-goldene Trauertuch in der Kunst nicht vor, die sich als das Ausserhalb jener graumelierten humorlosen Zone definierte, die mit der bundesdeutschen Fahne verbunden wurde. Die Fahne, das war wie Boris Becker und Bier zur Sportschau. Besser ist ohne. Und wenn die Fahne doch einmal verwendet wurde, dann wurde sie verhöhnt und verlacht von bundesdeutschen Berufskünstlern an Kunsthochschulen.

Jetzt scheint die Zeit der Fahnenfreiheit für die Kunst abgelaufen. Man staunte nicht schlecht, als der junge Berliner Künstler René Lück die überdimensionierte Einladungskarte seiner Ausstellung bei Koch und Kesslau (www.kochundkesslau.de) fett mit schwarz-rot-gold bedruckte. Volltreffer, der Schlag in die Magengrube westdeutscher Verdrängungskünste sass genau. Lück nahm seine Provokation mit keiner Geste zurück. Nichts wies darauf hin, dass es sich hier nicht um ein künstlerisches Vertriebenentreffen westdeutscher Republikflüchtlinge handelte. Der Schock über die ungebrochene Verwendung der nationalen Signalfarben zeigte, dass Lück offenbar den blinden Fleck des artistischen Selbstverständnisses vor und nach dem Mauerfall getroffen hatte: Kunst hatte nicht national zu sein und was etwas mit Nation zu tun hatte, konnte unmöglich Kunst sein.

Was man bei Lück noch für einen vereinzelten Gag halten mochte, kehrte wenige Wochen später verstärkt zurück. Die Galerie Mehdi Chouakri verschickte zu ihrer Ausstellung ²Berlin Republic² ebenso grossformatige Folder, die aussen im diskreten Weiss der Galerie gehalten waren. Sobald man sie entfaltete, funkelte einem das Schwarz-rot-gold einer fotografierten Deutschlandfahne entgegen. Stolz flatterte die Fahne im Winde, von der Sonne beschienen. Es hätte sich auch um ein Wahlplakat der CDU handeln können. Was war geschehen? Hatte sich der Wind in der Kunstwelt gedreht? Hatte man nach all den öden Jahren wieder Lust, Flagge zu zeigen oder war die Nationalstolz-Debatte peinlicherweise in den Kunstkontext gekippt? War das alles ein derbdeutscher Spass oder wollte die Berliner Kunstszene, nach vielen Flautengerüchten, pünktlich zur Berlin Biennale zeigen, von wo der Wind weht?

Ein Mitarbeiter der Galerie Chouakri liess verlauten, die Fahne, das sei Berlin ­ und fügte augenzwinkernd hinzu, man wisse selber, dass es sich bei der Einladung auch um ein CDU-Plakat handeln könne. Tatsächlich brauchte man sich nicht zu wundern. Spätestens seit die Volksbühne mit gutgesonnten Köpfen der DaimlerChrysler-Generation für sich wirbt, wusste man, welches ästhetische Potential die Motiv-Verkehrung von Bankwerbung zu Kunsteinladung haben konnte. Doch die Zeichenvertauschung ist selber nur das Zeichen einer ästhetischen Krise: Wo nichts mehr geht, geht nur noch, was gar nicht geht. Getreu dem Motto, dass nichts so subversiv ist wie das Affirmative, wird die Fahne plötzlich zum letzten Schrei. Wer zuletzt schreit, schreit am besten.

Berlin Republic: New Art from Germany, Galerie Mehdi Chouakri, Gipsstr. 11, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 19. Mai; Réné Lück bei Koch und Kesslau: www.kochundkesslau.de


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