21.05.2012 - 18:23 Uhr
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Ein Bild aus Berlin

12.02.2001

von: Knut Ebeling

"Rimini" und "Calambrone", "Viareggio" und "Riccione", "Cagliari" und "Rosignano Solvay" sind nicht nur Badeorte an italienischen oder französischen Küsten. Zugleich sind es Titel von Fotos von Massimo Vitali. Während Nordeuropäer in den Wintermonaten Jumbo-Jetweise die Flucht gen Süden ergreifen, beglückt die Galerie Arndt und Partner ­ http://www.arndt-partner.de ­ die in Berlin Gebliebenen mit einer auch touristisch wertvollen Ausstellung. Damit handelt es sich um die erste deutsche Einzelausstellung der Bilder, die sich die Sammler während des letzten Berliner Artforums gegenseitig aus den Händen rissen.

Tatsächlich bezeichnen die wohlklingenden Namen Bilder von italienischen oder französischen Badeorten am Mittelmeer. Doch sind die Bilder von Massimo Vitali weder aus Reisekatalogen entnommen, noch könnte man mit ihnen vermutlich kaum einen Touristen an die verheißungsvollen Stätten locken. Am Strand von Rosignano beispielsweise erhebt sich hinter dem schmalen Sandstreifen ein Atomkraftwerk von beachtlichen Ausmaßen über den Badenden. Und auf einem anderen Foto liegen die Leute vor dem Skelett eines verlassenen Geisterhauses. Die Paradiese Vitalis sind stets durch den nächsten Parkplatz begrenzt.

Die desaströse Qualität der Bilder Massimo Vitalis nimmt ihnen nicht ihre Schönheit: im Gegenteil. Die gebrochenen, gefallenen Idyllen, mit denen der Italiener seit einigen Jahren Aufsehen erregt, sind schön trotz - oder wegen - ihrer vielfachen Brechung, trotz des Falls des Paradieses, von dem sie Zeugnis ablegen. Die Menschen an den Stränden vergnügen sich trotz AKWs, trotz Hotelburgen oder Industrieanlagen - und es ist gerade das Zusammentreffen von arkadischen Motiven mit antiromantischer Härte, das den irisierenden Bildern Vitalis ihre halluzinative Spannung gibt.

Der Italiener macht Bilder, die der Fotoamateur im Laden als hoffnungslose Überbelichtungen zurückgehen lassen würde. Durch das grelle Licht wirkt alles extrem trüb und bleich und hübsch: Vitalis Mittelmeer ist pastell grauer Schlamm und der Strand davor weiß wie Schnee. Auf diesen extrem faden Flächen entfaltet sich ein entrücktes Treiben in modischen Farben. Das Strandvergnügen mutet von Vitalis erhöhter Kameraposition aus so fremd und abstrakt an, als tummelten sich die Menschen auf dem Mond.

Merkwürdigerweise ist der Schöpfer dieser hochartifiziellen - und dabei ganz realen - Bildwelten noch gar nicht so lange im Geschäft der Kunstfotografie. Massimo Vitali hatte zunächst als Fotojournalist und Kameramann gearbeitet, bevor seine Großformate in den neunziger Jahren vom Kunstmarkt entdeckt wurden. Auf der letzten Berliner Kunstmesse leuchteten die irisierenden Großformate gleich an mehreren Ständen. In seiner ersten deutschen Einzelausstellung bei Arndt und Partner kann man sich von der kinematografischen Leuchtkraft seiner Bilder überzeugen.

Ähnlich wie sein berühmter Kollege Andreas Gursky fotografiert Vitali mit extrem großen Negativen und benutzt einen hoch empfindlichen Film für seinen massenethnologischen Voyeurismus. Denn wie bei Gursky sind es die rituellen Menschenansammlungen, die Vitali magisch anziehen: Doch geht er nicht wie der Deutsche an die Stätten der Arbeit, in die Börse oder in die Fabrik, sondern an die Orte des postindustriellen Müßiggangs, in Diskotheken und Skigebiete, zu Volksfesten und Strandelagen.

Und wie bei Gursky, dessen Arbeiten schon lange in den großen Museen der Welt hängen, sind auch Vitalis ethnologische Studien nicht Bilder des Moment, sondern kunsthistorisch durchkomponierte Meisterwerke. Während Vitalis Farben die Portormos sind, seine Motive unerkennbar in der Tradition der europäischen Landschaftsmalerei stehen, nehmen seine Kompositionen Muster der italienischen Freskenmalerei der Renaissance auf. Gepaart mit einer enormen Tiefenschärfe überhöhen sich die banalen Strandimpressionen zu Inkunablen des postindustriellen Zeitalters, in dem der Mensch eine Ware und seine Bedürfnisse der Wechselhaftigkeit der Ökonomien unterworfen scheinen. Seine Ausstellung dennoch "All too Human" - also "Allzumenschliches" - zu nennen, ist vielleicht am ehesten mit jenem Wort von der "großen Loslösung" zu erklären, von dem Nietzsche in seiner Vorrede zu Menschliches - Allzumenschliches sagt, sie käme "wie ein Erdstoß".

Galerie Arndt und Partner, http://www.arndt-partner.de, Auguststraße 35, Di-Sa 12-18 Uhr, bis 3.3. 2001


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