21.05.2012 - 18:20 Uhr
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Ein Bild aus Berlin

29.11.2000

von: Knut Ebeling

"It's killer" ­ hört man derzeit besonders anglophile Besucher der Berliner Museumsakademie neben den Hackeschen Höfen ausrufen. Der Grund ihrer Erregung ist jedoch kein tatsächlicher, sondern nur ein künstlerischer serial killer: Der tritt auf in einer Installation von Miguel Rothschild, Berliner Künstler aus Argentinien: Ein mißachteter Künstler rächt sich an seiner Umwelt ­ und zwar mit Tränen, die aus seinen Augen wie Geschosse hervorschießen, sobald jemand seine geniale Kunst nicht mag. So werden harmlose Besucher genauso dahingerafft wie der Polizist, der Rothschild im Showdown am Ende von Killer Tränen den Todesschuß verpaßt.

Killer Tränen, eine Installation aus 73 Daumenkinos und unter http://www.vitaminb.de/killertears auch online zu bewundern, heißt der letzte von Rothschilds mythenbildenden Künstlergeschichten, die der Berliner Künstler erzählt. Der plot ist immer derselbe: Der Jüngling opfert sein Leben für die Kunst ­ und erhält im Tausch für das verfehlte Leben Genie, Unsterblichkeit und die gewisse Art von Heiligkeit, die die Moderne ausschließlich für den Künstler reserviert hat. Man vermag kaum abzuschätzen, wie viele junge und gealterte Künstler diesem bis heute machtvollen tragischen Künstlermythos zum Opfer gefallen sind. Die Geschichte dieses gigantischen Opferaltars bleibt noch zu schreiben.

Rothschild, von Name und Berufs wegen Spezialist in Sachen Künstlermythen, schreibt weder die Geschichte dieser Opfer, noch fällt er ihr zum Opfer. Vielleicht um den Mythos zu entlarven, vielleicht aber auch um ihn zu bannen, erzählt er die Geschichte vom tragischen Künstler in Helen Adkins Museumsakademie in der ersten Person nach ­ und noch in der mehrfach ironisch gebrochenen Form der Nacherzählung kann man sich der anrührenden Wirkung der Mythe kaum entziehen.

Unter dem Titel "Rothschild fordert sein Erbe ein" hat der Berliner Künstler 1992 seine erste Künstlermythe erzählt: "Sie werden Zeuge einer Geschichte, der Geschichte Miguel Rothschilds, Künstler aus Buenos Aires, der sich eines Tages entschließt, sein ärmliches Schicksal zu wenden." In der Form einer nostalgischen musikbegleiteten Diainstallation zeigt er sich als armen aber begabten Künstlerteufel, der sein Genie gegen ein sorgenfreies Leben mit einer schönen und reichen Rothschild eintauscht. "Sich der Kunst widmen bedeutet völlige Selbstaufgabe, Elend, Unverständnis, Zurückweisung. Wie schwer ist die Schöpfung!" lautet das Credo der Geschichte ­ die es will, daß sobald Glück, Macht und Einfluß des Künstlers wachsen, seine Schaffenskraft zu schwinden beginnt. Am Ende sieht man Rothschild als Porträtzeichner auf dem Kudamm sitzen: Wie schwer ist die Schöpfung! Im Zentrum der Ausstellung steht Rothschilds zweite Mythe vom Künstler von der traurigen Gestalt. "Killer Tränen" wird in der Form eines 73-teiligen Daumenkinos erzählt, das an den Wänden der Galerie verteilt ist und schon in der Form eine gewisse mediale Nostalgie verbreitet. So blättert man sich durch den tränenreichen Lebensroman eines Künstlers. Der ist ebenso rührend und ebenso tragisch wie der erste: Angefangen von der Geburt unter sonderbaren Umständen über schwere Kindheit und unglückliche Jugend, enthält Rothschilds nachgestellte Geschichte alle Ingredienzen, die den Mythos zu einem solchen machen. Viele Leiden muß man ertragen, damit ein echter Künstler aus einem wird. Rothschild erträgt alle ­ ein Buster Keaton der Kunst ­ ohne ein Lächeln.

"Eines Tages war der Druck der jahrelang aufgestauten Tränen nicht mehr auszuhalten. Die schreiende Traurigkeit durchbrach den Widerstand aus seinen Augen schossen Killertränen" Die todbringenden Killertränen, mit denen sich der verkannte Künstler an den Verkennern rächt, bringen Rothschild ­ nach all den Einbußen und Rückschlägen, der Verachtung der Eltern und der Frauen, nach der endlichen Anerkennung in der Liebe und dem späten Erfolg in der Kunst ­ schließlich doch um die Früchte seines Schaffens. Im Showdown der Story wird Rothschild von einem Polizisten abgeknallt ­ und damit in die heroischen Spalten der Kunstgeschichte befördert. Der Künstler hat sein Leben geopfert und wird dafür von der Nachwelt heiliggesprochen. Rothschilds Geschichten wären nur halb so amüsant, wenn es sich nicht in Wirklichkeit so verhielte, wie der Mythos vermeint. Am Rande der Trivialität, mit den minderwertigen Genres von Kitsch und Melodram, von B-Movie und Fotoroman spielend, gelingt es Rothschild, herzzerreißende Geschichten aus dem Leben eines Künstlers zu erzählen ­ und sie gleichzeitig zu dekonstruieren. Dabei sind es weder die ikonographischen Versatzstücke der Kunstgeschichte ­ von wirkungsmächtigen Tränen bis zu gefesselten heiligen Sebastians bringt Rothschild alles unter ­ , mit denen Rothschild sein Mythen-Remix veranstaltet, die ihm Leichtigkeit und Schwere zugleich geben. Noch ist es die geschickt ausgeklügelte Ökonomie des Opfers, das alle Geschichten beherrscht. Es ist die Doppelung aus Nähe und Distanz, die durch Überlagerung von Selbstironie und Selbstmitleid zustandekommt, die eine unvermittelte Rezeption des Mythos auch heute ermöglicht. So gelingt Rothschild das wertvolle Kunststück des Lebens in der Popkultur, eine Geschichte zu dekonstruieren und ihr gleichzeitig vollen Glauben zu schenken.

Museumsakademie Berlin, Rosenthaler Straße 39, Di-Sa 14-19 Uhr, bis 13. Januar 2001, zwischen 24.12. und 1.1. geschlossen.

Events im Dezember:

2.Dezember 2000 Galerienrundgang Mitte, 17-21 Uhr

6.12. um 19 Uhr im Neuen Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128: Susanne Paesler und Joachim Reck: Malerei Zwischen den Medien

Do 7.Dezember, 18-21 Uhr, Kunstbank, Brunnenstraße 188 Vortrag von Susanne Paesler und Joachim Reck

2.12. 20 Uhr, Rampe 003, Rosa Luxenburg-Platz Gudrun Widlock, Privatbesitz, Eröffnung

Julia Scher: always there ­ surveillance bed, Auguststraße 91, Di-Sa 11-18 Uhr

(c) Knut Ebeling, 29.11.2000


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