THIS WAS TOMORROW POP ART IN GREAT BRITAIN 1947-1968

Sind die »Sixties« wirklich wieder im Kommen? Die britische Pop Art jedenfalls scheint aktueller denn je. Ob Konsumreflexion, die Gefahren der Macht- und Atompolitik oder die Befragung von Geschlechterrollen: Die zentralen Themen der Pop Art aus Großbritannien, die nach dem Zweiten Weltkrieg Kunst und Medien ebenso wie Kunst und Leben auf neue Art verbindet, bewegen uns noch immer. Auch hat die im Gegensatz zur US-Variante mehr aufgeraute und vielschichtigere Ästhetik der britischen Pop Art nichts von ihrem besonderen Appeal verloren. Jenseits von Oberflächenreizen werden hier immer wieder große Fragen wie die Rolle der Medien oder des Menschen in der Konsumgesellschaft verhandelt.
Genau 60 Jahre nach Richard Hamiltons bahnbrechender Multimedia-Installation „Fun House“, realisiert für die Ausstellung „this is tomorrow“ in London, verbindet die ambitionierte Großausstellung THIS WAS TOMORROW im Kunstmuseum Wolfsburg in einer multimedialen Inszenierung Malerei, Skulptur, Collage, Architektur, Zeichnung, Installation, Film, Musik und Fotografie zu einem einzigartigen Panorama der Pop Art in Großbritannien – zum ersten Mal seit Uwe M. Schneedes Präsentation „Pop Art in England“ 1976 im Kunstverein Hamburg.
Was konkret ist kulturhistorisch neu und anders an dieser Ausstellung? Der intensive Blick auf weibliche Akteure der Pop Art, der starke Fokus auf die eng mit der Kunstszene vernetzten, zukunftsweisenden Architekten Alison und Peter Smithson, Cedric Price und Archigram, ferner die dezidierte Einbeziehung von Musik, Zeitschriftenkultur, Fernsehen und Film als gleichwertigen Medien weiterer Grenzüberschreitung sowie der erweiterte Zeitrahmen: Der Bogen der Ausstellung spannt sich von Eduardo Paolozzis frühen Pariser Collagen von 1947 bis zum Höhe- und Endpunkt des „Swinging London“ 1968.
THIS WAS TOMORROW macht erstmals im Zusammenhang erfahrbar, dass die britische Pop Art sich buchstäblich aus den Ruinen und dem Smog des London der Nachkriegszeit entwickelt hat, aus intellektuellen Diskussionen der Independent Group (IG) und Projekten am Institute of Contemporary Arts (ICA) quer durch alle Kunstgattungen. Die IG-Mitglieder – bildende Künstler, Architekten, Fotografen, Kunsthistoriker und Kulturkritiker – arbeiten ab Anfang der 1950er-Jahre intensiv an der Erweiterung des Kultur- und Bildbegriffs, denken kollektiv über Urbanität, Mobilität und die Stadt der Zukunft nach.
Die Ausstellungstitel der IG am ICA sprechen für sich: „Parallel of Life and Art“ oder „Man, Machine and Motion“ – ebenso wie jener der wegweisenden Schau in der Whitechapel Art Gallery: „this is tomorrow“. Im Großbritannien der 1960er-Jahre wird diese, im zuerst noch überschaubaren, interdisziplinären Kreis entwickelte Methode und Bildsprache zu einem Kunst, Architektur, Film, Musik und Mode übergreifenden Phänomen – und erhält noch vor den USA eben dort seinen Namen: „Pop“.

Die Ausstellungsarchitektur macht all dies räumlich spürbar. Atmosphärisch dichte Innenräume spiegeln die intensiven Zusammenkünfte der Künstler und die Tristesse der englischen Nachkriegskapitale sowie die ersten zukunftsweisenden Kunst- und Architekturprojekte. Nigel Hendersons eindringliche Schwarz-Weiß-Fotografien eines entbehrungsreichen Wiederaufbaus treffen hier auf Modelle und Entwurfszeichnungen der Smithsons für ihr House of the Future. Comics, Science-Fiction, wissenschaftliche Buchillustrationen, Werbeanzeigen, Hollywood-Filme und Zeitschriftenseiten werden jenseits jeden klassischen High-and-Low-Denkens als Inspirationsquellen sichtbar. Nach der Raumexplosion von Richard Hamiltons „Fun House“, das in allen sinnlichen Details inklusive Jukebox und Erdbeerduft rekonstruiert wird, betreten die Besucher eine veritable „City of the Sixties“.
In der 16 Meter hohen Halle entstehen Straßen, Plätze und Künstlerhäuser unterschiedlichster Größe und Höhe für die sehr individuell arbeitenden, jedoch nicht selten freundschaftlich und inhaltlich einander verbundenen Akteure der Kunst- und Kulturszene der „Swinging Sixties“: Zentrale Protagonisten wie Peter Blake, David Hockney, R. B. Kitaj und Allen Jones, gemeinhin etwas unbekanntere, jedoch wesentliche Mitstreiter wie Derek Boshier, Peter Phillips, Richard Smith, Gerald Laing, Patrick Caulfield, Antony Donaldson, Colin Self und Joe Tilson, aber auch die oft vernachlässigten, dezidiert weiblichen Positionen von Pauline Boty und Jann Haworth sind dort mit größeren Werkgruppen zu erleben.
Während Pauline Boty im maßgeblich männlich dominierten Feld ihre Weiblichkeit freimütig ausspielt und zugleich reflektiert, Allen Jones demgegenüber – nach Hermaphroditen im malerischen Frühwerk – die Frau als Fetisch fokussiert, wird David Hockney durch seine Selbstinszenierung und den offensiven Umgang mit seiner Homosexualität zu einer der schillerndsten Figuren des sogenannten „Swinging London“. Die Durchdringung von Kunst, Medien und Leben sowie von Kunst, Musik und Mode im Zeichen der Konsumgesellschaft wird durch die grenzüberschreitenden Aktivitäten von Bands wie den Beatles, den Rolling Stones und The Who beschleunigt – und in Antonionis Filmklassiker „Blow Up“ pointiert, der auf einmalige Art und Weise Musik, Mode, Fotografie und Medienreflexion bündelt.
Stets geht es darum, die zahlreichen, heute meist vergessenen Querverbindungen zwischen den damals fluide werdenden Kulturformen und ihren kreativen Akteuren exemplarisch erlebbar zu machen. So präsentiert ein Schaufenster mit alten Fernsehgeräten die den jungen Pop-Künstlern der quirligen Londoner Szene gewidmete BBC-Fernsehdokumentation „Pop Goes The Easel“ von 1962. Und ein „Music Store“ mit „Soundbar“ und Fotowand inszeniert die Gleichzeitigkeit der kulturellen Ereignisse: die prägenden Netzwerke, Zeitschriften, Modeinszenierungen, Bands und Plattencover.
Die Ausstellung schließt mit Werken und Zeitschriften der Architektengruppe Archigram, die in ihren Projekten aus der Kunst, Musik und Mode ihrer Zeit schöpfen und exemplarische Pop-Architektur bis hin zur Pop-up-Stadt entwerfen sowie der Wandlung des „Swinging London“ zum „Swingeing London“ 1968. Der Bogen der Ausstellung von den frühen Collagen Paolozzis in Paris bis zu Hamiltons Bildrelief mit Mick Jagger und dem Galeristen Robert Fraser in Handschellen macht die künstlerische und kulturhistorische Bedeutung der britischen Pop Art mit allen Sinnen erlebbar – und erschließt diese Zeit als wesentliche Vorgeschichte unseres Heute.
Presseinformation
This Was Tomorrow. Pop Art in Great Britain 1947-1968
KünstlerInnen, ArchitektInnen, Filmregisseure, Musikbands und Fotografen in der Ausstellung
Michelangelo Antonioni, Archigram, David Bailey, The Beatles, Peter Blake, Derek Boshier, Pauline Boty, Patrick Caulfield, Antony Donaldson, Richard Hamilton, Jann Haworth, Nigel Henderson, David Hockney, Allen Jones, R. B. Kitaj, Gerald Laing, Roger Mayne, Lewis Morley, Eduardo Paolozzi, Peter Phillips, Cedric Price, Ken Russell, James Scott, Colin Self, Michael Seymour, Richard Smith, Alison und Peter Smithson, Lord Snowdon, Rolling Stones, Joe Tilson, The Who u. a. m.
Kuratoren der Ausstellung
Ralf Beil, Uta Ruhkamp
Ausstellungskatalog
Zur Ausstellung erscheint im Wienand Verlag das gleichnamige umfassende Katalogbuch in deutscher und englischer Ausgabe, herausgegeben von Ralf Beil und Uta Ruhkamp, mit Essays von Ralf Beil, David E. Brauer, Anne Massey, Rainer Metzger, Uta Ruhkamp und John-Paul Stonard, Texten u. a. von Daniel F. Herrmann, Kay Heymer, Francis Outred, Sue Tate und Victoria Walsh sowie einer Chronologie der Jahre 1947 bis 1968.
432 Seiten mit ca. 400 Abbildungen, 24 x 31 cm, gebunden, gestaltet vom Bureau Mario Lombardo. 38 € im Museumsshop.

Der figurative Pollock

Kuratorin: Nina Zimmer

«Wenn man aus dem Unbewussten heraus malt, müssen zwangsläufig Figuren hervortreten», sagte Jackson Pollock 1956 in einem berühmten Gespräch mit Selden Rodman. Mit dem amerikanischen Maler verbindet man jedoch üblicherweise die abstrakten Drip Paintings. Das umfangreiche figurative Werk, das er davor schuf, und die figurativen Gemälde, in welche die «Dripping»-Phase mündete, sind dagegen viel weniger bekannt. Die grosse Sonderausstellung im Kunstmuseum Basel widmet sich erstmals dieser Perspektive auf den Künstler und möchte konzentriert diese figurativen Aspekte im Schaffen des Künstlers beleuchten und einen neuen Blick auf sein knapp drei Jahrzehnte umspannendes Werk werfen.

Der figurative Pollock widmet sich den verschiedenen Phasen des Frühwerks, in denen der Künstler den Regionalismus seines Lehrers Thomas Hart Benton verarbeitete, aber auch die grosse Kunstgeschichte – El Greco, Michelangelo, Rembrandt und die Meister des italienischen Barocks – rezipierte. In den darauffolgenden Jahren geriet die europäische Moderne in Pollocks Blickfeld, vor allem Pablo Picasso, an dem er sich geradezu abarbeitete. Genauso fand in Pollocks Werk aber auch das Studium der Kunst der nordamerikanischen Ureinwohner seinen Niederschlag. Entscheidend prägten ihn des Weiteren die grossen Wandbilder, die in den 1930er- und 1940er-Jahren von den mexikanischen Muralisten geschaffen wurden: Das Werk von David Alfaro Siqueiros, José Clemente Orozco und Diego Rivera, denen er auch persönlich begegnete, veränderte Pollocks Vorstellung von Figuration.

Die Ausstellung gewährt einen repräsentativen Überblick über Pollocks künstlerische Entwicklung als figurativer Maler von der Mitte der 1930er-Jahre bis zu seinem frühen Unfalltod 1956. Die grossformatigen Drip Paintings, die in der kurzen Zeitspanne zwischen 1947 und 1950 entstanden, zeigen wir in diesem Ausstellungskontext nur andeutungsweise. Das Fehlen dieser berühmten Gemälde bildet eine bewusst gesetzte Leerstelle, die es ermöglicht, die Kontinuität zwischen den oftmals marginalisierten Werken der 1930er- und 1940er-Jahre und den bekannten grossformatigen Bildern der 1950er-Jahre unmittelbar nachzuvollziehen. So zeigen wir eine eindrucksvolle Gruppe der aus der «Dripping»-Phase hervorgegangenen Black and White Paintings sowie die letzten Werke der 1950er-Jahre, die permanent um die Frage der Figur kreisen.

Im Ganzen sind rund 100 Gemälde und Arbeiten auf Papier zu sehen, neben wichtigen Arbeiten aus Privatsammlungen auch hochkarätige Werke aus Museumssammlungen in Europa, den USA, Australien und Japan.

Die Ausstellung wird unterstützt durch:
Credit Suisse
Bundesamt für Kultur
Pierrette Schlettwein
Stiftung für das Kunstmuseum Basel

Dalí, Ernst, Miró, Magritte … Surreale Begegnungen

aus den Sammlungen Roland Penrose, Edward
James, Gabrielle Keiller, Ulla und Heiner Pietzsch

Mit der groß angelegten Schau Dalí, Ernst, Miró, Magritte … präsentiert die
Hamburger Kunsthalle über 180 bisher kaum gereiste Meisterwerke des
Surrealismus aus vier der bedeutendsten europäischen Privatsammlungen des
20. und 21. Jahrhunderts. Gezeigt werden weltbekannte Ikonen wie das Mae-
West-Lippensofa, das Hummer-Telefon und ein vier Meter großer Paravant des
jungen Salvador Dalí neben geheimnisvollen Bildrätseln von René Magritte wie
Reproduktion verboten, poetische Formfindungen von Joan Miró und zukunftsweisende
bildnerische Experimente von Max Ernst. Berühmte Werke stehen
neben neu zu entdeckenden Arbeiten, so der in Deutschland wenig bekannten
Surrealistinnen Leonora Carrington, Dorothea Tanning und Leonor Fini. Mit
Spitzenwerken aller künstlerischen Medien verführt die Ausstellung die Besucher_
innen in die Traumwelten des Unbewussten – ebenso wie die Surrealist_
innen es in den 1920er Jahre anstrebten. Die surrealen Welten wirken
bis heute so schockierend wie überraschend, so humorvoll wie faszinierend und
dabei immer hoch verführerisch.
Der Surrealismus, die prägende Kunstströmung des 20. Jahrhunderts, wird auf
diese Weise in einer bisher nicht gesehenen und wegen der Kostbarkeit der
Leihgaben unwiederbringlichen Breite erlebbar. Zugleich legt die Ausstellung
mit ihrem Einblick in die Entstehung und Qualität von vier der legendärsten,
heute teils in alle Welt verstreuten Surrealismus-Sammlungen einen neuen
Forschungsschwerpunkt: Sie untersucht in »surrealen Begegnungen« von Werken,
Künstler_innen und Sammler_innen Unterschiede und Vergleichbarkeiten
des Sammelns, seiner historischen Bedingungen und der Entwicklungen des
Kunstmarktes innerhalb von 85 Jahren. Sie macht zudem die Integration des
surrealistischen Denkens in das Zuhause der Sammler_innen nachvollziehbar
und das komplexe Verhältnis von Sammler_in, Förder_in und Künstler_in für
den Surrealismus erstmals anschaulich:
Während der exzentrische englische Poet und Mäzen Edward James (1907-
1984) und sein Landsmann, der Künstler-Kurator Roland Penrose (1900-1984)
Förderer und Freunde der Szene seit der ersten Stunde waren, führen uns die
Kollektionen der Schottin Gabrielle Keiller (1908-1996) und des bis heute sammelnden
Berliner Ehepaars Ulla und Heiner Pietzsch die nachhaltige Verführungskraft des Surrealismus seit den 1960er Jahren vor Augen. Die vier, heute
teils weltweit verstreuten und hinter verschiedensten privaten Türen verschlossenen
Sammlungen werden erstmals teilrekonstruiert und öffentlich miteinander
konfrontiert. Sie bestärken und ergänzen sich auf überraschende Weise:
Präzise Werkgegenüberstellungen verdeutlichen die jeweiligen Sammlungsschwerpunkte
und zeigen, wie die Sammler_innen die surreale Auffassung des
»Wunderbaren« in ihre Realität, und das »Unheimliche« in ihr Heim integrierten.
Das Ausstellungsprojekt der Hamburger Kunsthalle entsteht in einer erstmaligen
trinationalen Kooperation mit der Scottish National Gallery of Modern Art,
Edinburgh und dem Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam. Neben einzigartigen
Leihgaben der Kooperationspartner ermöglichen vielzählige weitere
internationale Leihgaben aus bedeutenden europäischen und amerikanischen
Museen und Privatsammlungen einen spannungsreichen Dialog, der so in Zukunft
nicht mehr möglich sein wird. Die Ausstellung startete in Edinburgh mit
großem Medienecho. Die Hamburger Kunsthalle hat die Schau nochmals bedeutend
erweitern können dank exzellenter Leihgaben von über 25 nur in Hamburg
zu sehenden weiteren Meisterwerken, unter anderem von Max Ernst, Salvador
Dalí und ausgewählten Surrealistinnen. Die Schau wird verändert im Anschluss
in Rotterdam präsentiert (11. Februar bis 28. Mai 2016).
Die große Herbstausstellung der Hamburger Kunsthalle versammelt Hauptwerke
aller Medien von u.a. Hans Arp, Hans Bellmer, Victor Brauner, André
Breton, Leonora Carrington, Salvador Dalí, Paul Delvaux, Oscar Domínguez,
Marcel Duchamp, Max Ernst, Léonor Fini, Alberto Giacometti, Valentine Hugo,
René Magritte, Man Ray, André Masson, Joan Miró, Richard Oelze, Meret
Oppenheim, Wolfgang Paalen, Roland Penrose, Valentine Penrose, Francis
Picabia, Pablo Picasso, Kurt Seligmann, Yves Tanguy und Dorothea Tanning.
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter wissenschaftlicher Katalog (288
Seiten) mit zahlreichen Essays von internationalen Surrealismus-Expert_innen in deutscher und englischer Ausgabe. Die Publikation ist zum Preis von 30 Euro im Museumsshop erhältlich und kann online unter www.freunde-der-kunsthalle.de bestellt werden.
Die Hamburger Kunsthalle bietet ein umfangreiches und neuartiges, multimediales
Begleitprogramm zur Ausstellung an: Zu den faszinierenden Sammler_
innenpersönlichkeiten sind eigens Filme produziert worden, sie sind online
abrufbar und werden auch im Kinoraum neben der Ausstellung präsentiert.
Erstmals ist ein internationales surreales Online-Spiel speziell für die Schau
entwickelt worden, welches auf der Website der Kunsthalle sowie im Vorraum
der Ausstellung in das surrealistische Spielen und Denken einführt. Zudem wird
ein Multimediaguide angeboten. Wissenschaftliche Vorträge und Symposien
sind Teil eines vielseitigen Veranstaltungsprogramms.
In den Sozialen Medien wird die Ausstellung unter #SurrealeBegegnungen und
unter #SurrealEncounters begleitend kommuniziert.

Kuratorin der Ausstellung: Dr. Annabelle Görgen-Lammers
Assistenz: Désirée de Chair

Roni Horn

Für die Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Roni Horn (*1955 in New York) wurden aus dem
medial vielseitigen Oeuvre herausragende Werkgruppen und Serien der letzten 20 Jahre ausgewählt. Es
sind fotografische Installationen, Arbeiten auf Papier und Skulpturen aus gegossenem Glas, die in den
sechs Räumen der Ausstellung als eine zusammenhängende Installation erlebbar werden. Die
Ausstellung „Roni Horn“ wurde in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin für die Räume der
Fondation Beyeler entwickelt. Mehrere neue Werke werden hier erstmals gezeigt.
Im Zentrum des Schaffens von Roni Horn steht die Idee der Identität und Wandelbarkeit. Mit ihren
Arbeiten gelingt es Horn, feste Zuschreibungen subtil auszuloten und Veränderliches und Vielfältiges
hervorzuheben. Sie zeigen, dass das Wesen der Dinge von ihrer sichtbaren Erscheinung verschieden
sein kann. Es ist daher kein Zufall, dass Roni Horn Materialien wie Glas verwendet oder Motive wie
Wasser oder Wetter behandelt, die vielschichtig und deren Gestalt und natürlicher Zustand veränderbar
sind. Ihre Werke lassen solche Überlegungen sinnlich erfahrbar werden. Ein spielerischer Umgang mit
Sprache und Literatur erweitert den Bedeutungsrahmen der entstandenen Bilder zusätzlich.
Seit 1975 reist Roni Horn regelmässig nach Island. Die einzigartig schroffe Landschaft, die ungemein
wechselhaften Wetterverhältnisse und die Abgeschiedenheit des Ortes sind ihr wesentliche Quellen der
Inspiration: „Gross genug, um sich darin zu verlieren. Klein genug, um sich selbst zu finden.“
Kuratorin der Ausstellung ist Theodora Vischer, Senior Curator an der Fondation Beyeler.
Die Ausstellung „Roni Horn“ wurde ermöglicht durch die Unterstützung von:
Beyeler-Stiftung
Hansjörg Wyss, Wyss-Foundation
Helen und Chuck Schwab

ICH ist eine EGO-Maschine

Was ist Bewusstsein? Aktuelle Positionen aus Kunst und Neurowissenschaft

Was ist Bewusstsein und warum entwickeln wir überhaupt bewusste Vorstellungen? Diese Fragen zählen zu den großen ungelösten Rätseln der Wissenschaft. Mit neuen Methoden ist die Hirnforschung in den vergangenen Jahren zu unerwarteten Erkenntnissen gekommen. In einem Punkt sind sich die meisten Neurowissenschaftler inzwischen einig: Das Ich ist eine vom Gehirn erzeugte Illusion – aber eine überaus nützliche! Sie sorgt dafür, dass wir nur Ausschnitte der Wirklichkeit erfassen, uns als nur einen Körper wahrnehmen und uns so eine einheitliche Welt erscheint.
Aus Sicht der Neurowissenschaft ist das Ich eine Ego-Maschine mit einer gigantischen Rechenleistung, die sich auf komplexe, pulsierende Entladungen von Milliarden Neuronen zurückführen lässt und sich zu einer Ich-Illusion verdichtet. Ohne diese Fähigkeit des Gehirns zur Vereinheitlichung wären wir nicht lebensfähig. Wir könnten nicht mit anderen Menschen kommunizieren, mit ihnen kooperieren, von ihnen lernen, mit ihnen fühlen. Inzwischen gibt es erste Ansätze, das menschliche Selbstmodell auf externe Systeme wie Roboter oder Avatare zu übertragen. Die rasant voranschreitende Kombination aus Künstlicher Intelligenz und Robotik macht die Grenze von Mensch und Maschine durchlässig. Wir stehen vor einer Bewusstseinsrevolution. Mit welchen Folgen?
Antworten auf diese und weitere Fragen sucht das neue Projekt der ERES-Stiftung „Ich ist eine EGO-Maschine“: Wie fühlen wir mit anderen Menschen? Was passiert in Trance? Haben auch Tiere ein Bewusstsein? Die Ausstellung zeigt künstlerische Positionen, die sich mit den faszinierenden Ergebnissen der Bewusstseinsforschung auseinandersetzen oder auf eigenen Wegen zu überraschenden Einsichten in das menschliche Bewusstsein gelangen.
Paweł Althamer versetzt sich mit LSD, Magic Mushrooms, Haschisch und anderen Substanzen in bewusstseinserweiternde Zustände. Jan Fabre diskutiert in einem performativen Video mit dem Neurowissenschaftler Giacomo Rizzolatti über die Frage „Do we feel with our brain and think with our heart?“, Carsten Höllers Fotoserie „Sina“ reflektiert, ob auch Tiere ein Bewusstsein haben. Peter Kogler zieht in einem eigens für die Ausstellung konzipierten Kubus die herkömmliche Erfahrung von Raum in Zweifel und setzt irritierende Bewusstseinsphänomene frei. Seine jüngsten Collagen zielen mit ihren Bildstrudeln direkt ins Unterbewusstsein und reihen sich zu einem teils poppig-bunten, teils abgrund-schwarzen Remix. Die Ausstellung zeigt zudem neue „Rubbings“ von Matt Mullican sowie die Videoperformance „Breakfast“. Überraschend erzählerisch ist seine neue Arbeit „Untitled (A place to sleep)“, die mit einfachsten Mitteln die Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit und Intimität formuliert. Thomas Zipp entwirft ein Ensemble aus Leinwandbildern und elektronischen Musikgeräten, das er als neuronales Netzwerk inszeniert. Mit Antennen als „Wahrnehmungsorganen“ entwickelt die Musik-Maschine ein unheimliches Sound-Eigenleben – und vielleicht sogar Bewusstsein?
Gezeigt werden ferner erstaunlich künstlerisch wirkende Zeichnungen des spanischen Physiologen Santiago Ramón y Cajal (1852-1934), der als erster die funkenden Neuronen als Bausteine des Nervensystems identifizierte, sowie eine in der Pathologie entstandene Gehirnaufnahme des Mediziners und Fotografen Ulrich Blum. Um den Besuchern einen Eindruck von den neuen Möglichkeiten virtueller Realitätserzeugung und den immer perfekter werdenden Illusionsmaschinen zu vermitteln, ist außerdem eine VR-Brille (Oculus Rift) in der Ausstellung verfügbar. Mit dieser neuen Technik wird es für Gehirn und Bewusstsein immer schwieriger, zwischen Wirklichkeit und Virtualität zu unterschieden – mit überwältigendem Effekt.
Künstler: Paweł Althamer, Jan Fabre, Carsten Höller, Peter Kogler, Matt Mullican, Thomas Zipp.
Wissenschaft + Kunst: Ulrich Blum, Santiago Ramón y Cajal, Ernst Mach
Vorträge:
Dienstag, 18. Oktober 2016, 19 Uhr
Prof. Dr. Thomas Metzinger, Neurophilosoph, Professor für theoretische Philosophie, Johannes Gutenberg Universität, Mainz 
„Der transparente Avatar in Ihrem Kopf“. Wie das Gehirn das bewusst erlebte Ich erzeugt.
Im Anschluss Kunst und Wissenschaft im Dialog:
Peter Kogler im Gespräch mit Thomas Metzinger
Mittwoch, 16. November 2016, 19 Uhr
Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie, Institut für Hirnforschung, Universität Bremen „Wie schaffen 100 Milliarden Neuronen Bewusstsein?“ Ein Überblick über die aktuelle Bewusstseinsforschung.
Donnerstag, 26. Januar 2017, 19 Uhr
Prof. Dr. Marie-Elisabeth Faymonville, Hypnoseforscherin, Direktorin des Zentrums für chronische Schmerzen, Centre Hospitalier Universitaire de Liège „In anderen Bewusstseinssphären – Hypnose und Trance in den Neurowissenschaften“
Donnerstag, 9. Februar 2017, 19 Uhr
Prof. Dr. Melanie Wilke, Forscherin am Deutschen Primatenzentrum, Direktorin Abteilung Kognitive Neurologie, Universitätsmedizin Göttingen
„Haben Tiere Bewusstsein?“
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, 11-17 Uhr und nach Vereinbarung/
Geschlossen: 24. Dezember 2016 – 2. Januar 2017

Jenseits des Selbstporträts

Vom 7. Oktober 2016 bis zum 15. Januar 2017 widmet sich das Museum Folkwang in Zusammenarbeit mit der Pinault Collection den vielfältigen Transformationen des traditionellen Selbstporträts. In einer umfassenden Ausstellung begegnen sich 33 künstlerische Positionen der Gegenwartskunst, bei denen das eigene Bild oder der eigene Körper als Akteur oder als Ausgangsmaterial für das Werk fungiert. In einem medialen Cross-Over versammelt die Ausstellung weit über hundert Arbeiten; ein Schwerpunkt liegt auf Video und Fotografie, aber auch die klassischen Disziplinen Malerei und Skulptur sind prominent vertreten. Dabei treffen Schlüsselwerke weltbekannter Künstlerinnen und Künstler wie Cindy Sherman, Bruce Nauman, Martin Kippenberger, Gilbert & George, Urs Fischer oder Maurizio Cattelan auf jüngere Positionen wie LaToya Ruby Frazier, Adel Abdessemed oder Paulo Nazareth.
Selbstdarstellung im Bild ist heute allgegenwärtig. Lange bevor in der digitalen Medienwelt und in den sozialen Netzwerken das Selbst exzessiv in Szene gesetzt wurde, haben Künstlerinnen und Künstler die eigene Person zum Thema ihrer Arbeit gemacht. In vier Kapiteln widmet sich Dancing with Myself diesen vielfältigen experimentellen Formen der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Ego, seinen Rollen und Impersonationen seit den 1960er Jahren:
Melancholie: Am Anfang der Ausstellung stehen Reflexionen von Künstlern, in denen es um Endlichkeit und Unendlichkeit, um Verewigung und Vergänglichkeit und um den Widerstand gegen Sterblichkeit und den Tod geht. Den Auftakt zur Ausstellung gibt Alighiero Boettis dampfendes Selbstporträt als Bronzeskulptur, es leitet über in die konzeptuellen und minimalistischen Formen der Repräsentation des Selbst bei Félix González-Torres und Roman Opałka.
Identitätsspiele: Die Kraft der Imagination ist die Quelle vielfältiger Rollenspiele: sei es, um Facetten der eigenen sexuellen Identität auszutesten, Rollenbilder der Gesellschaft vorzuführen oder die Flüchtigkeit des Selbst zu demonstrieren. Nach einem Prolog mit Claude Cahuns visionären Arbeiten der 1920er Jahre leiten die spielerischen Positionen Urs Lüthis und Allan Sekulas aus den 1970er Jahren über in einen Saal mit Arbeiten von Cindy Sherman. Ihre allerersten Werke stehen ihren jüngsten Arbeiten gegenüber; sichtbar wird nicht nur die Metamorphose durch das Spiel, sondern auch durch die Zeit.
Politische Autobiografien: Auf den ironisch-spielerischen Umgang mit Identität, wie ihn die Postmoderne in den 1980er Jahren praktiziert hat, folgt die explizite politische Verortung der Kunst einer jüngeren Generation. Die aktivistische Geste als künstlerischer Akt ist das zentrale Element dieser Praxis, ihre Sichtweise ist eine dokumentarische und die Straße ist ihr bevorzugter Ort. In diesem Sinne fotografiert LaToya Ruby Frazier in einer fortlaufenden Serie ihre eigene Familie, dokumentiert Paulo Nazareth seine Flucht von Süd- nach Nordamerika und setzt sich Kimsooja als Nullkoordinate verlorener Identität in den Mittelpunkt ihrer Videoperformance.
Rohmaterial: Im letzten Kapitel der Ausstellung machen die Künstlerinnen und Künstler den eigenen Körper zum Stoff ihrer Arbeit. Die Verwandlung des Körpers ins Skulpturale vollzieht sich auf unterschiedlichste Weise: fotografisch bei Gilbert & George, bildhauerisch bei Maurizio Cattelan, fragmentierend bei Robert Gober oder stilisierend mit Alina Szapocznikow. Der Körper wird zum intimsten Instrument, wie in Steve McQueens Projektion Cold Breath (2000), und zu einem elementaren Werkzeug zum Austesten rudimentärer, sprachlicher und gestischer Artikulation von Bedeutung wie in Bruce Naumans Werk For Beginners (2010).
„Mit großer Freude und mit großem Stolz“, so Direktor Tobia Bezzola, „dürfen wir im Museum Folkwang die erste umfassende Präsentation der Pinault Collection in Deutschland zeigen. Eine passende Partnerschaft, insofern das Museum Folkwang selbst aus einer herausragenden Privatsammlung hervorgegangen ist. Ganz entscheidend ist dabei, dass die Tiefe, die Breite und die Qualität der Sammlung Pinault eine originelle, konzise und kraftvolle Ausstellungskonzeption möglich gemacht haben.“
„Die gemeinsame Arbeit mit dem Museum Folkwang an Dancing with Myself verdeutlicht die entschieden europäische Ausrichtung der Pinault Collection, deren bisheriger Standort in Venedig – und zusätzlich ab 2018 in Paris – ergänzt wird durch eine dynamische Zusammenarbeit mit den größten europäischen Institutionen, ein hochrangiger Kreis, zu dem auch das Museum Folkwang gehört. Dieses Haus, das selbst aus der Leidenschaft eines großen Sammlers heraus entstand, hat immer schon zu den Vorboten der Entwicklungen in der jeweils aktuellen künstlerischen Szene gehört“, so François Pinault.
Zu sehen sind insgesamt 115 Arbeiten von Schlüsselfiguren der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts – davon 78 Arbeiten aus der Sammlung Pinault. 37 dieser Werke wurden noch nie öffentlich gezeigt. Ergänzt wird die Präsentation um 36 Arbeiten aus der Sammlung des Museum Folkwang.
Künstlerinnen und Künstler:
Adel Abdessemed, Alighiero Boetti, Claude Cahun, Maurizio Cattelan, John Coplans, Urs Fischer, LaToya Ruby Frazier, Gilbert & George, Robert Gober, Nan Goldin, Félix González-Torres, Rodney Graham, David Hammons, Roni Horn, Kimsooja, Martin Kippenberger, Urs Lüthi, Steve McQueen, Boris Mikhaïlov, Bruce Nauman, Paulo Nazareth, Helmut Newton, Roman Opałka, William Pope.L, Arnulf Rainer, Charles Ray, Lili Reynaud-Dewar, Ulrike Rosenbach, Allan Sekula, Cindy Sherman, Hito Steyerl, Rudolf Stingel, Alina Szapocznikow
Dancing with Myself ist die erste große Präsentation der Pinault Collection in Deutschland.

In der Edition Folkwang / Steidl erscheint ein reich illustrierter Katalog mit Texten von u.a. Abigail Solomon-Godeau, Sabine Flach, Kito Nedo und Sabine Weier (40 €).
Die Ausstellung wird kuratiert von Martin Bethenod, Florian Ebner und Anna Fricke, assistiert von Stefanie Unternährer.
Gefördert vom Programm Jeunes Commissaires des Bureau des arts plastiques et de l’architecture des Institut français.

Kunst in Europa 1945-1968


Der Kontinent, den die EU nicht kennt
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Gemeinsam mit bedeutenden Museen wie dem Palais des Beaux-Arts (BOZAR) in Brüssel, dem Staatlichen Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin und dem Nationalen Zentrum für Museen und Ausstellungen ROSIZO in Moskau organisiert das ZKM | Karlsruhe das groß angelegte Ausstellungsprojekt »Kunst in Europa 1945–1968« – kuratiert von Eckhart Gillen und Peter Weibel, unter Mitarbeit von Daria Mille und Daniel Bulatov.

Die Ausstellung thematisiert die verbindenden kulturellen Kräfte auf dem Eurasischen Kontinent und nimmt damit einen zentralen Kulturraum in den Blick, der im 20. Jahrhundert durch Kriege und Krisen mehrfach erschüttert und zerrissen wurde. Die Ausstellung beleuchtet anhand von Kunstwerken und einer dokumentarischen Zeitleiste den zivilisatorischen Bruch im Zweiten Weltkrieg und den darauf reagierenden Ansatz der Neo-Avantgarden der Nachkriegszeit.

In gemeinsamer Anstrengung dreier international renommierter Museen vereint die Ausstellung ca. 500 Leihgaben von über 200 KünstlerInnen zu einem Panorama der gesamteuropäischen Kunstentwicklung auf beiden Seiten des historischen Eisernen Vorhangs. Je nach ihrer Geschichte und geografischen Lage setzen die drei Museen verschiedene Schwerpunkte. Die Ausstellung ist nach Brüssel und Karlsruhe auch in Moskau zu sehen.

Peter Weibel, Kurator der Ausstellung im ZKM: »Die durch die Ausstellung praktizierte Wiedervereinigung von Ost- und Westeuropa im Namen der Kunst schließt nicht nur eine Lücke innerhalb der Kunstgeschichte, sondern ist – die Zukunft im Blick – als ein aktives Plädoyer für Europa zu verstehen. Die Ausstellung setzt den derzeitigen ökonomischen und politischen Erzählungen, die Europa auseinandertreiben, ein engagiertes alternatives Narrativ entgegen. Es ist die Aufgabe der Kunst, Alternativen aufzuzeigen und Veränderung zu ermöglichen.«

Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Wien um 1900 ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Künste. Die Hauptstadt ist Wiege der Salons, Künstlerzirkel und Kaffeehäuser, zugleich Metropole des erlesenen Geschmacks und der Kultur der Dekadenz, Sinnlichkeit und Anmut.
Mit einer Ausstellung zum Farbholzschnitt in Wien um 1900 widmet sich die Albertina einem bislang wenig beachteten Kapitel des Wiener Jugendstils und vereint rund 100 herausragende Werke aus der eigenen Sammlung.
Carl Moll, Emil Orlik, Koloman Moser u. a. entdecken um 1900 mit dem Farbholzschnitt eines der ältesten Druckverfahren der Welt völlig neu: Mit der Betonung von Umrisslinien, der Stilisierung der Motive sowie dem Spiel mit Farbkontrasten entsprechen die Farbholzschnitte dem neuen Formideal des Jugendstils und werden zu beliebten Sammlerobjekten.