Seurat, Signac, Van Gogh. Wege des Pointillismus

Als Georges Seurat 1891 im Alter von 31 Jahren unerwartet stirbt, ahnt Camille Pissarro bereits, dass sich mit Seurats „Erfindung“ Folgen für die Malerei abzeichnen würden, „die später höchst bedeutungsvoll sein würden“: Mit nur wenigen Bildern hatte Seurat einen Stil begründet, der wegweisend für die Moderne sein sollte: den Pointillismus.

Die Albertina widmet dieser faszinierenden Strömung der Kunstgeschichte eine hochkarätige Ausstellung, die den Beginn der Moderne mit dem Pointillismus als ihrem Geburtshelfer um ein wesentliches Kapitel vervollständigt: 100 ausgewählte Meisterwerke der Hauptvertreter Seurat und Signac sowie beeindruckende Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen moderner, von der Punktekunst faszinierter Meister wie Van Gogh, Matisse und Picasso illustrieren die atemberaubende Strahlkraft sowie den bedeutenden Einfluss dieser Kunstrichtung.

IM KÄFIG DER FREIHEIT

Ob im Leben oder in der Kunst, irgendwo stoßen wir immer an Grenzen. Mal scheinen sie fern, dann wieder ganz nah. Oft treffen wir auf äußere Beschränkungen, nicht selten jedoch finden wir sie in uns selbst. „Im Käfig der Freiheit“ lotet eben diese permanente Dialektik von Befangenheit und Freiheit aus, die Jean-Jacques Rousseau mit den Worten pointiert hat: „Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.“

Die Fragilität der Freiheit ist Dreh- und Angelpunkt dieser Ausstellung: Es geht um individuelle, politische, sexuelle, nicht zuletzt auch künstlerische Freiheit – und ihre stete Bedrohung durch zahlreiche Machtverhältnisse. Gibt es ein Jenseits der Ohnmacht? Das Diesseits der Macht, die „Tyrannei des Realen” (Peter Sloterdijk) jedenfalls ist omnipräsent. Die Kunstwerke der Ausstellung illustrieren dies alles nicht, sondern realisieren es sowohl formal als auch inhaltlich auf verschiedenste, mitunter überraschende Art und Weise. Sie zeugen von der Macht der Bilder und reflektieren zugleich, dass auch die Kunst am Ende nur ein weiterer „Käfig der Freiheit” ist.

Nicht zuletzt geht es dieser Ausstellung auch um neue Werke und Perspektiven der Sammlung des Kunstmuseums Wolfsburg. Zu zehn ausgewählten Künstlerpositionen der Sammlung von 1994 bis 2014 gesellen sich zehn markante Neuzugänge seit 2015: Ankäufe, langfristige Dauerleihgaben und Schenkungen von Sammlern wie Künstlern. Denn nur eine Sammlung, die wächst, kann dauerhaft lebendig bleiben und zentrale Fragen von Kunst und Leben fokussieren.

KÜNSTLERINNEN UND KÜNSTLER
Nobuyoshi Araki, Katie Armstrong, Awst & Walther, Burhan Dogançay, Paul Graham, Douglas Gordon, Andreas Gursky, Jeppe Hein, Georg Herold, Damien Hirst, Johannes Kahrs, Anselm Kiefer, Gert Jan Kocken, Jeff Koons, Sharon Lockhart, Rémy Markowitsch, Daniel Pflumm, Neo Rauch, Tim Wolff, Erwin Wurm.
(Die hervorgehobenen Künstlernamen markieren die Neuzugänge der Sammlung ab 2015.)

AUSSTELLUNGSKATALOG
Das reich illustrierte Katalogbuch enthält neben einem Essay von Ralf Beil Werktexte zu sämtlichen Arbeiten von Holger Broeker und Christiane Heuwinkel.
Gestaltung: Koma Amok, 128 Seiten, 12 € im Museumsshop.

DIE KERZE

Ausgangspunkt der Ausstellung ist „Die Kerze“ von Gerhard Richter. Über 50 Gemälde, Skulpturen, Installationen, Videoarbeiten und Fotografien, unter anderem von Marina Abramović, Georg Baselitz, Christian Boltanski, Thomas Demand, Urs Fischer, Eric Fischl, Peter Fischli und David Weiss, Jörg Immendorff, Karin Kneffel, Jeff Koons, Alicja Kwade, Nam June Paik, A. R. Penck, Andreas Slominski und Thomas Ruff, stellen zudem die Aktualität des Themas in der zeitgenössischen Kunst unter Beweis.
Aufrecht steht die Kerze – als ein Symbol für die Dauer eines Lebens, für erhellende Aufklärung im Zeichen der Ratio, für einen Hoffnungsschimmer am Horizont, aber auch für ein latentes sexuelles Begehren. Von der physikalischen Lumineszenz bis zur spirituellen Transzendenz, von der Vanitas bis zum Eros: Die Kerze als Bildmotiv hat vielfältige Bedeutungen. Mit dem inzwischen zur Ikone gewordenen Kerzen-Bild von Gerhard Richter besitzt die Sammlung Frieder Burda ein zentrales Werk zum Thema – und nimmt es gerne zum Anlass, die Komplexität des Themas auszuleuchten und es nach seiner Aktualität in der zeitgenössischen Kunst zu befragen.
Frieder Burda zu der Ausstellung: „Das Bild „Kerze“ von Gerhard Richter gehört zu den Ikonen meiner Sammlung. Viele Besucher und Freunde unseres Hauses identifizieren sogar das Wesen der Sammlung mit dieser Bildidee. Umso mehr freue ich mich, dass es uns gelungen ist, eine so hochkarätige, vielfältige, bisweilen auch provokante Ausstellung rund um das Thema präsentieren zu können.“ Und Helmut Friedel, Kurator der Ausstellung: „Das Kerzenmotiv zieht den Betrachter aufgrund der elementaren Daseinserfahrungen von Leben, Liebe und Tod, die sich mit der Kerze verbinden, in seinen Bann. Mit diesen vielschichtigen Inhalten und Ausdrucksebenen bildet das Gemälde Richters aus der Sammlung Frieder Burda den Ausgangspunkt einer Betrachtung zeitgenössischer Kunstwerke mit gleichem Motiv.“
Die Kerze als alltägliches Bildmotiv
Von der Taufe bis zur Aufbahrung der Toten begleitet die Kerze unser Leben, sie leuchtet auf Adventskränzen und Geburtstagstorten, in der Kirche, bei politischen Mahnwachen oder beim romantischen Candlelight Dinner. Nach den Terroranschlägen von Paris und Brüssel stellten tausende Menschen nicht nur an den Tatorten, sondern auch auf anderen Plätzen dieser Welt brennende Kerzen auf. Sie brachten damit ihre Trauer zum Ausdruck und bekundeten gleichzeitig ihre Solidarität mit den Opfern. So sind Kerzen seit jeher grundlegender Bestandteil religiöser Praktiken – vor allem
an der Schnittstelle von Leben und Tod, von göttlicher Ewigkeit und menschlicher Vergänglichkeit: Sie versinnbildlichen das Immaterielle oder Transzendente und stehen für die Beziehung zwischen Geist und Materie.
Zur Genese des Bildmotivs
Schon bei den Künstlern des ausgehenden Mittelalters ist die Kerze fest im religiösen Bildrepertoire verankert, wo sie Szenen aus dem Leben Christi oder Mariens symbolisch auflädt. Mit Caravaggio und seinen Nachfolgern verleiht das Kerzenlicht dem Interieur eine dramatische Stimmung – und einen versteckten Hinweis auf einen bedeutungsschweren Subtext. Vor allem in der niederländischen Stillleben-Malerei wird der Gedanke an die Endlichkeit allen Lebens durch die Kerze zum Ausdruck gebracht. Im Zeitalter der Aufklärung ist sie Sinnbild wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns. Die Romantik lässt mit der Kerze ein Sehnsuchtsmoment aufleuchten, die Expressionisten finden in ihr ein ausdruckstarkes Motiv. So greift etwa Max Beckmann in zahlreichen Bildern auf tradierte Bedeutungsformeln der Kerze zurück und kombiniert diese mit seinen bahnbrechenden malerischen Errungenschaften. Auch Pablo Picasso nutzt die symbolische Vielfältigkeit des Kerzenmotivs in einigen Stillleben, wobei er sie mit ganz persönlichen Bedeutungen versieht – eines seiner Kerzenbilder von 1952 soll für seine erloschene Liebe zu Françoise Gilot stehen.
Gerhard Richters „Kerze“
All das ist Gerhard Richter sicherlich bewusst, als er sich 1982 intensiv der Kerze als Bildmotiv zuwendet, auch wenn ihn selbst gerade die Schlichtheit des Motivs reizt. Seine Vorliebe zu (Kerzen-)Stillleben erklärt er wie folgt: „Weil sie uns umgeben. Wir brauchen sie alle. Meine Arbeit hat mit dem Versuch zu tun, etwas zu machen, was heutzutage verstanden werden kann.“ Damit verweist der Künstler auf eine der Kerze innewohnende, besondere Qualität: Sie ist ein uns vertrautes symbolisches Objekt. Bis heute hat Gerhard Richter 29 Gemälde zum Thema geschaffen, eines davon ist in Besitz der Sammlung Frieder Burda, ein weiteres („Schädel mit Kerze“) sowie drei Kerzeneditionen und vier Atlastafeln, die dem Künstler zur Vorbereitung des Kerzenzyklus dienten, werden nun als visueller Bezugspunkt in der Ausstellung gezeigt.
Mit großer Ausstrahlung: Gerhard Richters Schülerin Karin Kneffel hat zudem extra für die Ausstellung eine neue Bildserie entworfen, die sich auf sein ikonisches Kerzenmotiv bezieht. Kneffel übernimmt dabei zwar das Richtersche Format, die Komposition, die Bildaufteilung. Aber ihre Welt ist eine der Reflexionen, der Spiegelungen, der Irrealisierung. Kühle kennzeichnet die Bilder und eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Dominanz des in jeder Weise aufgeladenen Motivs.
Die Kerze als Motiv zeitgenössischer Kunst in den verschiedensten Medien
Karin Kneffel ist nicht die einzige zeitgenössische Künstlerin, auch andere Künstler und Künstlerinnen haben sich in den verschiedensten Medien mit dem Thema auseinandergesetzt: Allen voran die Phalanx der großen deutschen Malerei seit den 80er Jahren. Neben Markus Lüpertz und A. R. Penck sind vor allem Georg Baselitz und Jörg Immendorff zu nennen. Mit dem wortspielartigen Titel „Kerzenfriedenfreud“ spornt Georg Baselitz den Betrachter zu einer möglichen Entschlüsselung regelrecht an – die Kerze taucht hier als Synonym für verdrängte Sexualität und Begierde auf. Vom Künstler selbst als „Negerchen mit Kerze“ betitelt, ist die Arbeit von Jörg Immendorff eine einzige Provokation. Sie zeigt die karikativ überzogene Darstellung eines Schwarzen, der mit aufgeblasenen Backen eine Kerze auspustet – ein ebenso giftiger wie entlarvender Kommentar zu jeglicher gutbürgerlichen Form von Rassismus.
Poppiger – wenn auch in kritischer Distanz zur Pop Art – der große amerikanische Künstler der 80er Jahre: Jeff Koons. Bikinis und Unterwäsche, Haarsträhnen, nackte Haut, Blumen sowie Landschaftsausschnitte mit Bergen und Seen verbinden sich in seinem Bild „Candle“ zu einer überbordenden Collage. Hier geht es um die Sexualisierung der Warenwelt durch die Werbeindustrie, bei der auch unschuldige Sehnsuchtsmotive zu Konsumgütern (de-)generiert werden.
Mit der vermeintlichen Banalität und Alltagstauglichkeit des Motivs spielt auch Robert Gober. Geradezu bizarr erscheint seine Kombination aus einem flachen Stück Bienenwachs, das mit Menschenhaar beklebt wurde und aus dem eine Kerze emporwächst. Obwohl diese Kerze in einem
„jungfräulichen Zustand“ gezeigt wird – sie brennt nicht und soll auch nie brennen –, hat sie bereits jede Unschuld verloren, so deutlich wird sie hier als Phallus inszeniert. Die Arbeit entstand zur Zeit der AIDS-Krise in Amerika als Angstdebatten um den HI-Virus auch die Künstlerszene erreichte. Sie steht zugleich für ein stilles Gedenken an all jene, die der Epidemie zum Opfer fielen.
Mit einer schwarzen Zierkerze, eine aus Peracryl nachgegossene Imitation in ihrer ganzen pathetischen Hässlichkeit, konfrontiert den Betrachter das Künstlerduo Fischli/Weiss. Fischli/Weiss strebten während ihrer gemeinsamen Schaffensphase (bis zum Tod von David Weiss 2012) eine Enthierarchisierung der Dingwelt an. Das Künstlerduo nahm dadurch konsequent den uns umgebenden Originalitätswahn aufs Korn und stellte ihm mit viel Witz und Ironie eine andere, simple Erklärung der Welt entgegen.
Ein anderer Schweizer Künstler, der mittlerweile in New York lebende Urs Fischer, entflammt Kunstwerke seiner Künstlerkollegen. Unvergessen die in Originalgröße aus Wachs nachgegossene Skulptur Giambolognas, die auf der Biennale in Venedig 2011 spektakulär dahinschmolz. Im Museum Frieder Burda trifft es Dan Flavins „Monument 1 for V. Tatlin“, eine aus weißen Leuchtstoffröhren bestehende Lichtinstallation. Diese überträgt Fischer in das konträre Material Wachs. Während bei Flavin das (elektrische) Licht die Skulptur überhaupt erst ermöglicht, ist bei Fischer das (Kerzen-)Licht Auslöser seiner Zerstörung. Gerade der Prozess des Dahinschmelzens ist wiederum wichtigster Bestandteil seiner Skulptur, wie er selbst sagt: „Die Natur sieht einfach gut aus, und der Zerfall ist doch das eigentlich Schöne daran.“
Ganz anders und fest in der Tradition fernöstlicher Meditation und Einkehr verankert ist die berühmte Kerzen-Installation von Nam June Paik mit dem Titel „Buddha“ von 1989. Durch die Kombination von westlicher Technologie und östlichem Denken stellt Paik eine Verbindung her zwischen dem buddhistischen Glauben an die ewige Wiederkehr und der Reproduktion des immer Gleichen im elektronischen Medium. Damit befand er sich 1989 auf der Höhe der medientheoretischen Debatten. In der ebenfalls gezeigten spektakulären Videoarbeit „One Candle“, die Nam June Paik 1989 im Portikus Frankfurt realisierte, treten eine einfache Kerzenflamme und komplizierte Videotechnologie in ein spannungsreiches Verhältnis.
Die Kerze als reduziertes, aber um so ausdrucksstarkes Bildmotiv wählt auch Christian Boltanski für viele seiner Arbeiten. „Les Ombres“ – „die Schatten“ ist eine der bekanntesten Installationen aus Christian Boltanskis Serie „Théâtre d’Ombres“. Sechs kleine Scherenschnitte aus Blech werfen, von den Flammen der Teelichter beleuchtet, ebenso zarte wie unheimlich anmutende, flackernde Schatten an die Wand. Mit seinem Schattentheater wendet Boltanski sein Thema der Erinnerungsarbeit ins Allegorische, in dem das spannungsreiche Verhältnis von Tod und Leben aufscheint. Einen spirituellen Charakter hat auch Jeppe Heins „Candle Box“ von 2013. Die Kerze hinter einem dunklen Spiegel verweist auf den spirituellen Glauben an ein inneres Auge, das dazu befähigt, die Welt über das gewöhnliche Sehvermögen hinaus wahrzunehmen und einen bestimmten Zustand der Erleuchtung zu erreichen. Ebenso erinnert die auf Kopfhöhe erscheinende Flamme an die traditionelle Darstellung des Pfingstwunders, das die Apostel auf wundersame Weise befähigte, andere Sprachen zu sprechen, um damit alle Menschen unabhängig von ihrer Nationalität und Ethnizität zu erreichen. Dieser Ikonografie ähnlich scheint auch dem Betrachter der „Candle Box“ sprichwörtlich „ein Licht aufzugehen“, ihm wird hier ein „Spiegel vorgehalten“.
Doch es sind nicht nur männliche Künstler, die sich dem vielschichtigen Thema widmen: Marina Abramović, die in ihren Performances die Grenzen des körperlich wie seelisch Erträglichen ausgelotet hat, fordert in dem Selbstporträt „Artist Portrait With a Candle“ aus der Serie „With Eyes Closed I See Happiness“ den Betrachter dazu auf, durch das Betrachten einer brennenden Kerze einen meditativen Zustand innerer Ruhe zu erlangen.
Ihre jüngere Kollegin, Alicja Kwade, „teleportiert“ in ihrer gleichnamigen Arbeit drei auf dem Boden stehende, brennende Kerzen, indem sie sie entlang einer paravant-artig gefalteten Glaswand so platziert, dass sie sich mehrfach in gegenüberliegenden Wänden spiegeln und scheinbar von einer Seite zur anderen übergehen – hier geht es um die Frage nach den Möglichkeiten, Licht oder Energie zu transportieren.
Mit den Medien der Zeichnung und Fotografie spielt die bekannte amerikanische Konzeptkünstlerin Louise Lawler. Ihre Arbeit „Still life (Candle)“ geht auf eine Farbfotografie von 2003 zurück, die ein sogenanntes „date painting“ des japanischen Künstlers On Kawara an der Wand eines privaten
Interieurs zeigt. Wie das Gemälde an der Wand erzählt auch der unterhalb stehende Tisch vom unerbittlichen Verrinnen der Zeit: Leere Weingläser, die Kerze, ein voller Aschenbecher und eine zerknüllte Serviette erinnern daran, dass der Tisch kurz zuvor noch Schauplatz eines Essens und einer Unterhaltung gewesen sein muss.
Fotografie ist auch das Thema von Thomas Ruff. Seine Arbeit zeigt ein unscharfes Schwarzweiß-Foto, eine Szene aus einem deutschen Wohnzimmer der 1980er Jahre, in dessen Zentrum ein laufender altmodischer Fernsehapparat steht. Auf dem Fernsehapparat steht wiederum eine Weihnachtspyramide mit brennenden Kerzen. Zwischen 1981 und 1991 sammelte der Künstler rund 2.500 Abbildungen aus deutschsprachigen Zeitungen und wählte aus diesem Archiv 400 Bilder aus, die er abfotografierte, nummerierte und ohne erklärende Bildunterschriften wiedergab. Die resultierenden Werke werfen dabei die Frage auf, wie verständlich die Fotos bleiben, wenn ihnen der ursprüngliche Informationszusammenhang genommen wird – und der Betrachter zwangsläufig in die Rolle des Detektivs schlüpfen muss.
Neben den bildkünstlerischen Lösungen erweitert die Ausstellung die Perspektive auf die Rolle der Kerze im Film. Im Rahmen des Kompilationsfilms „Die Kerze im Scheinwerferlicht“ stellen Kerzenmomente aus der gesamten Filmgeschichte diverse formale wie inhaltliche Kriterien heraus und zeigen das Spannungsfeld zwischen Bild und Film auf.
Der Ausstellungskatalog enthält Essays zur Motivgeschichte der Kerze, zur Bedeutung von Gerhard Richters Kerzenbildern sowie zu Kerzendarstellungen im Film. Erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König, Sonderpreis im Museum 38 Euro.

REMBRANDTS SCHATTEN ENGLAND UND DIE SCHWARZE KUNST

Die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart präsentiert mit rund 60 Werken erstmals seit fast 100 Jahren eine Auswahl aus dem hervorragenden Bestand an Mezzotinto-Blättern nach Künstlern wie Sir Joshua Reynolds, Benjamin West, Joseph Wright of Derby u.a.

Das Werk Rembrandts (1606-1669) ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der englischen Kunst im 18. Jahrhundert. Die expressive Lichtregie seiner Gemälde und besonders die radikalen »Hell-Dunkel-Kontraste« seiner Radierungen, als »Chiaroscuro« bezeichnet, wurden verglichen mit dem aufkommenden Mezzotinto. Die im 17. Jahrhundert erfundene Schabkunst avancierte zu der englischen Drucktechnik schlechthin (»Englische Manier«). Auf den extrem dunklen Blättern ist das Geschehen teilweise kaum noch wahrnehmbar. Als »Schwarze Kunst« bezeichnet, haftete dem Mezzotinto von Beginn an etwas Magisches und Dunkles an.

Im Dialog mit teilweise noch nie gezeigten Radierungen Rembrandts ermöglicht diese Ausstellung eine echte Entdeckung englischer Künstler wie Richard Earlom (1743-1822) oder Valentine Green (1739-1813).

Loredana Sperini

Das Kunstmuseum St.Gallen präsentiert eine umfassende Werkschau der St.Galler Künstlerin Loredana Sperini (*1970 Wattwil). Die Ausstellung wurde in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin konzipiert und er-möglicht erstmals einen vertieften Einblick in ihr vielschichtiges künstlerisches Schaffen.
Die St.Galler Einzelpräsentation vereint exemplarisch Werke der Künstlerin aus den letz-ten Jahren mit neuen, eigens für die Ausstellung realisierten Arbeiten – darunter finden sich sowohl raumgreifende Installationen als auch mehrteilige Skulpturen.

Loredana Sperinis Arbeitsprozesse sind experimentell angelegt, technisch höchst an-spruchsvoll in der Umsetzung und im Resultat von besonderem, ästhetischem Reiz. Ihre zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit oszillierenden Werke, die zuweilen an gro-teske, antropomorphe Figuren erinnern mögen, lassen wesentliche Themen der Kunst wie Körperlichkeit und Vergänglichkeit anklingen und erschliessen damit eine tragende inhalt-liche Ebene.
Hervorgetreten ist die im Toggenburg aufgewachsene, heute in Zürich lebende Künstlerin 2005 mit kleinformatigen Porträts von Freunden, die sie vom Medium der Fotografie in Zeichnungen und in die Stickerei übertrug. Auf die Beschäftigung mit textilen Materialien folgten wandfüllende Wachsmalereien und grossformatige Spiegelarbeiten.
Souverän versteht es die Künstlerin, diese eigenständigen formalen Schaffensprozesse in wundersame Bildwelten zu übersetzen. Zudem arbeitet Sperini weiter an einer neuen Serie von Wachsbetonbildern, für die ihr anlässlich des Heimspiels 2015 der von der Orts-bürgergemeinde St.Gallen gestiftete Kunstpreis verliehen wurde.
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine reich bebilderter Katalog, der das vielschichtige Schaffen von Loredana Sperini erstmals von den Anfängen bis heute umfassend doku-mentiert und auch inhaltlich erschliesst und aufarbeitet. Die von Chris Eggli, Zürich, ge-staltete Publikation erscheint im renommierten Verlag für moderne Kunst, Wien.
Exklusiv für den Kunstverein St.Gallen gestaltet die Künstlerin ein Multiple.
Kuratorin: Nadia Veronese

Dancing with Myself – Werke aus der Sammlung Pinault

Die Auseinandersetzung des Künstlers mit sich selbst, als Akteur und zugleich als Material für die eigene Arbeit, bildet den thematischen Bogen der großen Herbstausstellung. Gezeigt werden rund 100 Arbeiten von aus der Pinault Collection und dem Museum Folkwang. Darunter eine Vielzahl von Werken, die nun erstmals in Deutschland präsentiert werden.

Einen eigenen Raum widmet die Ausstellung den Fotografien von Cindy Sherman (*1954). Darunter die jüngsten Arbeiten aus Shermans „untitled“-Werkgruppe, die nach der bislang einzigen Präsentation in New York nun auch erstmalig in Europa zu sehen sein werden. Sie treffen auf frühe Arbeiten der jungen Fotografin, in denen Shermans unverwechselbares Spiel mit Maskeraden, Identitäten und Rollen bereits unverkennbar ist. In der Gegenüberstellung der neun Arbeiten und Werkgruppen wird nicht nur die Metamorphose durch das Spiel sichtbar, sondern auch durch das Alter und die Zeit.

Nicht minder eindrucksvoll sind die Arbeiten des amerikanischen Künstlers Bruce Nauman (*1941). Die international viel beachtete Videoinstallation „For Beginners (all the combinations of the thumb and fingers)“ von 2010 thematisiert die Schwächen und Kontrollmechanismen des eigenen Körpers. Flankiert von seinen frühen Meisterwerken wie „Bouncing in the Corner No.1“ (1968) und „Lip Sync (1969) wird die raumgreifende Videoprojektion „For Beginners“ zum ersten Mal in Deutschland zu sehen sein.

Deutschland-Premieren feiern auch zwei junge Künstlerinnen: Die amerikanische Fotografin LaToya Ruby Frazier (*1982), deren Arbeiten bereits in großen Einzelausstellungen in französischen Museen zu sehen waren, zeigt ihre preisgekrönte Serie „The Notion of Family“ (2002-ongoing). Frazier reflektiert – mit autobiografischem Blick – das Leben einer afroamerikanische Familie in Pennsylvania während der ökonomischen Krise.

Viel Aufmerksamkeit für ihre Arbeit hat zuletzt auch die französische Künstlerin Lili Reynaud-Dewar (*1975), bekommen. Für die Videoperformance „I Am Intact and I Don’t Care“ (2013), tritt sie, in Anlehnung an Josephine Baker, schwarz geschminkt und nackt auf und tanzt durch das nächtliche Centre Pompidou. Wie auch in den Arbeiten anderer junger Künstler in der Ausstellung, z.B. Adel Abdessemed (*1971) und Paulo Nazareth (*1977) wird der eigene Körper zum Erfahrungsraum und zur Projektionsfläche unterschiedlichster Fragestellungen zum Zusammenhang von sozialer, geografischer, ethnischer Herkunft, kultureller Identität und individueller Freiheit.

Die Ausstellung eröffnet somit ein Panorama der Auseinandersetzung mit dem Selbst jenseits des klassischen Selbstporträts. Sie zeigt in den vielfältigsten Formen die leibliche Präsenz des Künstlers im eigenen Werk: Körper, Biografie, soziale oder sexuelle Identität, Humor oder Melancholie, alle diese Aspekte sind Akteur oder Material für die künstlerische Arbeit. „Dancing with Myself“ arbeitet heraus, welche ungeheure Produktivität (und auch Provokation) die künstlerische Befragung des Selbst entwickeln kann.

Diese Ausstellung ist die erste umfassende Präsentation der Pinault Collection in Deutschland überhaupt.

Zu sehen sind rund 100 Arbeiten von Schlüsselfiguren der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts: Adel Abdessemed, Alighiero Boetti, Claude Cahun, Maurizio Cattelan, John Coplans,
Urs Fischer, LaToya Ruby Frazier, Gilbert & George, Robert Gober, Nan Goldin, Félix González-Torres, Rodney Graham, David Hammons, Roni Horn, Kimsooja, Martin Kippenberger,
Urs Lüthi, Steve McQueen, Boris Mikhaïlov, Bruce Nauman, Paulo Nazareth, Helmut Newton, Roman Opalka, William Pope.L, Arnulf Rainer, Charles Ray, Lili Reynaud-Dewar, Ulrike Rosenbach, Allan Sekula, Cindy Sherman, Hito Steyerl, Rudolf Stingel, Alina Szapocznikow

Im Steidl Verlag erscheint ein reich illustrierter Katalog mit Texten von u.a. Abigail Solomon-Godeau, Sabine Flach, Kito Nedo und Sabine Weier (ca. 40 Euro).

Die Ausstellung wird kuratiert von Martin Bethenod, Florian Ebner, Anna Fricke und Stefanie Unternährer

 

MY Abstract World

Die Begeisterung für intensive Farben und großen Ausdruck animieren Thomas Olbricht seit 30 Jahren zum Sammeln abstrakter Kunstwerke unterschiedlichster stilistischer Couleur. Aus den über 350 abstrakten Arbeiten 90 verschiedener Künstler seiner Sammlung präsentiert er eine Auswahl seiner aktuellen Favoriten im me Collectors Room. Gleichzeitig verwandelt der Sammler die Ausstellungsräume in eine Erlebniswelt, die alle Sinne ansprechen soll. Auf Sitzlandschaften haben die Besucher die Möglichkeit sich mit Getränken und Lesematerial oder Musik – zusammengestellt von Musik- und Kunstpublizist Max Dax – in die Arbeiten zu vertiefen.
My Abstract World versammelt eine internationale Auswahl von arrivierten Positionen wie Bernard Frize, Joseph Marioni oder Katharina Grosse bis zu Vertretern einer jungen Generation abstrakter Künstler wie Ali Banisadr, Paul Fägerskiöld und David Ostrowski.
Ali Banisadr (*1976 Teheran, Iran) oder Ahmed Alsoudani (*1975 Bagdad, Irak) übersetzen frühe Erinnerungen an heimatliche Stimmungen und Klänge, aber auch an Krieg und Vertreibung in farbintensive Schwünge an der Grenze zur Figuration. Gleichzeitig rufen die zart pastellfarbenen Flächen Etel Adnans (*1925 Beirut, Libanon) kontemplative Landschaften auf, während Federico Herrero (*1978 San José, Costa Rica) mit tropischen Farben urbane Erfahrungen in geometrische Kompositionen bannt. Herreros Wurzeln liegen ebenso in der Street Art wie die seines Amerikanischen Malerkollegen Sterling Ruby (*1972 Bitburg Air Base, Deutschland), dessen Werk im Gegensatz zu Herreros fröhlicher Farbigkeit in düsterem Ton dem Graffiti entlehnt ist und von sozialer Ausgrenzung und Ungleichheit zeugt. Solch inhaltlich geprägten Arbeiten wird die konzeptuelle Auseinandersetzung mit Farbe, Form und Fläche entgegen gesetzt. So lotet Joseph Marioni (*1943 Cincinnati, Ohio) Schicht um Schicht die Qualität gelber Farbe aus und verleiht ihr Tiefe und changierende Fülle. Paul Fägerskiöld (*1982 in Stockholm, Schweden) lässt mit gesprühtem Acryl vermeintlich monotone Flächen entstehen, die flirrend zu schweben scheinen. Eine Bildwelt aus geometrischen Formen und visuellen Referenzen, die die Grenzen zwischen Figuration
und Abstraktion auflöst und sich jeder Klassifikation entzieht, bestimmt das Werk von Thomas Scheibitz (*1968 Radeberg), während Brent Wadden (*1979 New Scotia, Kanada) die Strenge geometrischer Abstraktion durch die weiche und warme Materialität von Wolle und Garn durchbricht. Dagegen unterminieren David Ostrowskis (*1981 Köln) schnelle, spontane Gesten vor monochromen Flächen Stil und Komposition, erlauben Fehler und geben dem Zufall Raum. Bernard Frize (*1954 in Saint-Mandé, Frankreich) treibt die Spielarten konzeptueller Abstraktion auf die Spitze, indem er einfach runde Abdrücke farbiger Pinsel auf die Leinwand bringt und so den Gedanken des Malergenies ad absurdum führt.
Im Rahmen von My Abstract World erscheint eine Publikation. Den Besuchern steht eine interaktive App zur Verfügung: Musik- und Kunstpublizist Max Dax hat für die Ausstellung Musik zu ausgewählten Kunstwerken verschiedener Genre zusammengestellt, die die Besucher über die kostenfreie App hören können.

Mit: Etel Adnan, Ahmed Alsoudani, John M Armleder, Jo Baer, Ali Banisadr, Max Bill, GL Brierley, André Butzer, Shen Chen, Ouyang Chun, Albrecht Demitz, Paul Fägerskiöld, Mark Flood, Bernard Frize, Andreas Golder, Kuno Gonschior, Henriette Grahnert, Katharina Grosse, Wang Guangle, Peter Halley, Federico Herrero, Olaf Holzapfel, Vladimir Houdek, Callum Innes, John Isaacs, Robert Janitz, Sergej Jensen, Imi Knoebel, Caroline Kryzecki, Robert Longo, Marcin Maciejowski, Joseph Marioni, Sarah Morris, David Nicholson, David Ostrowski, Daniel Pflumm, Sigmar Polke, Liang Quan, Gerhard Richter, Sterling Ruby, Thomas Ruff, Chen Ruo Bing, Adrian Sauer, Thomas Scheibitz, Martina Steckholzer, Henning Strassburger, Christine Streuli, Wolfgang Tillmans, Rosemarie Trockel, Tatiana Trouvé, Brent Wadden, Ekrem Yalcindag, Toby Ziegler, Heimo Zobernig